Taleban-Vormarsch auch in Farjab

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Weit unbemerkter als die Angriffe im südöstlichen Hasaradschat (Khas Urusgan, Jaghori, Malestan; mein Bericht hier) Ende Oktober/Anfang November – die inzwischen mit einem weitgehenden Rückzug der Taleban aus Jaghori und Malestan endeten (auch die meisten Schulen dort sind wieder geöffnet) – sind sie in den vergangenen Tagen auch in der in der nordafghanischen Provinz Farjab weiter vorgedrungen. Das berichtet die deutsche NGO Afghanistan-Schulen – Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan e.V. (VUSAF, Webseite hier), die seit ca 1989 in der Region Projekte durchführt, viele Schulgebäude errichtet hat und ein Ausbildungszentrum sowie zwei Frauenzentren unterhält.Ich verwende das Material hier mit Erlaubnis der Vereins.

Vertriebene in Andkhoi (Farjab). Foto: VUSAF

 

Hier zunächst eine Zusammenfassung der Ereignisse durch den Verein:

Seit Sonntag, 2.12.2018 sind alle Einrichtungen geschlossen. Die Taliban hatten verschiedene Checkpoints in den Bezirken [Distrikten] Qurghan und Andkhoi überrannt und eingenommen. Vorher – im Oktober 2018 – hatten die Taliban Teile des Bezirks Qaramqul eingenommen und sich dort festgesetzt. Es wurden zu dieser Zeit offenbar keine Anstrengungen unternommen, sie wieder zu vertreiben. Die Regierung hat inzwischen 500 Soldaten aus Dehdadi [bei Masar-e Scharif] und Shiberghan [Nachbarprovint Dschausdschan] in die Region Andkhoi entsandt.

Es ist das erste Mal seit Frühjahr 1999, dass Andkhoi bedroht ist [AAN hatte dazu abweichende Informationen, nämlich dass es mindestens seit 2017 bedroht ist]. Wegen der Bedeutung der Stadt an der Grenze zu Turkmenistan (Grenzübergang Aqina) werden weitere schlimme Kämpfe erwartet. Bis jetzt sollen schon 5000 Familien aus den Dörfern südlich von Andkhoi (Bezirke Qaramqul, Qurghan, Andkhoi) geflohen sein. Viele sind bei Verwandten in Andkhoi untergekommen. 300 Familien haben niemanden in Andkhoi und sind obdachlos. Sie versuchen, Schutz im Basar der Stadt und in den Moscheen zu finden. Nach ersten Gesprächen vor Ort wurde klar, dass unterschiedliche Hilfe benötigt wird. Manche brauchen Decken, andere Nahrungsmittel, andere warme Kleidung, je nachdem was sie bei ihrer Flucht mitnehmen konnten.

 

Hier ein ins Deutsche übersetzter Chat mit unserer Projektmanagerin von heute früh.

Die Situation in Andkhoi ist unübersichtlich. Beide Seiten erhalten Verstärkung und in der Zwischenzeit treffen die Ältesten die Taliban, aber es gibt keine Veränderung zum Besseren. In Solduz und Dahyakchikhana wird immer noch gekämpft. Es wird gesagt, dass die Ziele der Taliban das Zentrum von Andkhoy und Aqina sind und deshalb verstärkt die Regierung ihre Verteidigung so stark. Die Regierung verhandelt wohl auch. Es scheint, als ob sie andere Pläne haben. Für normale Leute erscheint alles sehr kompliziert. Es ist schwer zu sagen, was als nächstes passieren wird. 

In meinem Haus fühlt es sich so an, als ob ich in einem Basar lebe. Rund 18 Frauen sind hier und unzählige Kinder. Ich denke, wir sollten wir mal einen Vortrag zur Familienplanung halten. Es ist traurig, dass sie alles zurücklassen mussten. Sie sind so in Sorge. Irgendwie schaffen wir es zurecht zu kommen. In jedem Raum sind mindestens zwei Sandalis, und so sitzen alle unter warmen Decken drumherum. Mein Vater und ich machen die Einkäufe für das Essen. Meine Schwägerin und die großen Mädchen kochen und machen zusammen die Hausarbeiten. 

[…] Auf dem Weg sah ich Leute vor dem Tor zum Büro des Bezirksgouverneurs. Beim Basar habe ich viele Leute bei der großen Moschee gesehen. Frauen nur in der Burka mit ihren Kindern. Die Pensionen sind alle schon voll und die Preise sind sehr hoch gegangen. Ich habe nicht gesehen, dass Zelte verteilt worden sind. In jedem Haus, in dem normalerweise eine Familie mit 5 Personen lebt, sind jetzt mindestens 30. 

Die Schulen sind geschlossen. Nur ein paar Schülerinnen sind zum Yuldoz Gymnasium gegangen. Sie wollten wohl mal raus. Die Leute haben Angst, in einer Schule Unterkunft zu nehmen. Ich habe gehört, dass die Mirabad und Mirsaid Baraka Mädchenschulen zerstört sind. Die Wächter vom Baghebustan Frauenzentrum schlafen im Obergeschoss der Mädchenschule nebenan. Aber als die Schule angegriffen wurde und die Fensterscheiben zu Bruch gingen, haben die Soldaten sie gewarnt, dass sie weggehen sollen. Eine Wand [des Büros der Schulleiterin] wurde getroffen. Unsere Wächter sagten, sie wollten lieber dort bleiben als draußen vor Sorgen umkommen. Bei einem Angriff von Regierungstruppen wurde eine Rikscha mit 10 Frauen, die von Altibolak nach Andkhoi flüchteten, getroffen. Sie sind tot. In Toquzdarak und Dahyakchi khana müssen die Anwohner den Taliban das Essen bringen. Sie befehlen einem Mann, Essen für 20 oder 40 Leute zu bringen und sagen ihm, wenn er das nicht tut, bräuchte er nicht wieder nach Hause zu kommen. Die Frauen im Dorf müssen für sie kochen und auch ihre Wäsche waschen. Außerdem sind da auch andere schwarze Gestalten und Räuber, die im Namen von Taliban aus den Häusern stehlen. 

Von meinem Haus hören wir ganz klar, dass Bomben aus den Hubschraubern abgeworfen werden. Kleine Kinder, die kaum sprechen können, sagen „oh, gom exploded“. Junge, Alte und Kinder, niemand spricht über etwas anderes als den Krieg und die Zerstörung. Es ist wirklich schwer zu ertragen. Wir gehen wieder zurück zu den Zeiten vor 30 oder 40 Jahren. Viele positive Fortschritte verschwinden. Natürlich, jetzt denken alle nur daran, wie sie überleben und am Leben bleiben können. Aber ich bin sicher, dass wir uns schlechter fühlen werden, wenn der Krieg vorbei ist. Außer unseren nächsten Verwandten wissen wir nicht, wie es den anderen geht oder was ihnen passiert ist. 

Mit einigen Kollegen aus Dörfern, wo gekämpft wird, haben wir Kontakt, weil unsere Handys noch funktionieren. Salam Network funktioniert 24 Stunden, die anderen wegen der Taliban-Drohung nur von 6 bis 6 Uhr. Strom gibt es nur innerhalb von Andkhoi und Khancharbagh. Es wurde schon das große Elektrizitätswerk in Qurghan und in den Dörfern angegriffen.

Vertriebene in einem Notquartier in Andkhoi. Foto: VUSAF

 

In späteren Nachrichten (vom 9. und 10.12.)  heißt es (meine Übersetzung und Zusammenfassung), dass von den Kämpfen Vertriebene  in als Speicher genutzten, aber halb zerfallenen Gebäuden im Basar von Andkhoi untergekommen sind. Zehn Familien seien ohne jegliche Habe angekommen, und ihnen musste erst einmal Brot gekauft werden. Sie erhielten auch Decken und Bodenmatten. Zwei Kinder seien sehr krank gewesen, für die ein Arzt geholt und Medikamente gekauft worden seien. In manchen Räume schliefen 3-4 Familien.

In einem anderen Saray (Speicher) seien 37 Familien untergekommen, die zwar ein paar Lebensmittel, aber ebenfalls keine Decken o.ä hatten. Einige ältere Frauen weinten. Auch hier halfen die örtlichen Partner des Vereins. Sie brachten sogar einen Ladenbesitzer dazu, seinen Shop wieder zu öffnen, obwohl er das im Dunkeln aus Furcht nicht wollte. Auch hier gab es ca 30 kranke Kinder. „Es gibt noch mehr solche Geschichten, aber ich schreibe sie nicht auf, weil mein Herz sonst zu schwer wird.“ Der Schreiber dieser Zeilen wollte sich am nächsten Tag wieder um die Menschen kümmern.

Am folgenden Tag gab es dann auch ein Treffen beim Distriktgouverneur. Es gab eine Menge Hilfsangebote von Händlern und anderen Menschen, aber die mussten koordiniert werden. Die örtlichen Vereinsmitglieder und die Lehrer und Schüler der von ihnen betreuten Schulen beteiligten sich ebenfalls und nahmen zunächst die Bedürfnisse der Geflüchteten auf. Auch der Notfallfonds des Vereins werde eingesetzt. Zum Glück hätten die Banken geöffnet.

Die Kämpfe seien vorerst gestoppt, es gebe keine Feuergefechte. Die Ältesten versuchten, zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Die Taliban hätten die Hälfte der Einnahmen vom Grenzübergang („Trockenhafen“) Aqina verlangt. Der Vizeverteidigungsminister sei mit mehr Truppen und Munition eingetroffen; man wolle die Taleban wieder in ihre Hochburg Daulatabad zurücktreiben.

Immer noch seien in den drei betroffenen Distrikten die meisten Schulen geschlossen, im Distrikt Qaramqul etwa 85%, seit etwa einem Monat. Dort seien auch einige Schulen bei den Kämpfen beschädigt worden.

 

Im übrigen habe ich in den afghanischen Medien in den letzten Tagen keine Berichte über Kämpfe in diesen Gebieten von Farjab gefunden. Am 10. Dezember gab es einen Bericht über einen Taleban-Angriff auf das Distriktzentrum von Almar, bei dem acht Polizisten, wohl von der milizähnlichen ALP, getötet und fünf weitere verwundet. Am selben Tag wurde von Taleban-Verlusten in Daulatabad berichtet. Allerdings gab es am 5.12. eine Bericht über die oben beschriebenen Kämpfe mit 5000 Vertriebenen. Ende November sagte der Provinzgouverneur von Farjab, die Taleban kontrollierten 80 Prozent der Provinz.

Hier die letzten AAN-Berichte zu Faryab, zu den Wahlen dort und dem von der Sicherheitslage begründeten faktischen Ausschuss großer Teile der Bevölkerung, zu Kämpfen im März 2018 und zu den usbekischen Taleban in der Provinz. Frühere Berichte zum Vorrücken der Taleban dort von 2014 hier, 2013 hier und 2012 hier.

 

 

 

 

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