Serie politischer Morde in Afghanistan

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Zuletzt berichtete ich schon über den Mord an der afghanischen Ex-Journalistin Mina Mangal. Auch bei diesem Anschlag war ursprünglich nicht ausgeschlossen worden, dass die Taleban dahintersteckten. Dann stellte sich aber heraus, dass der Mord wohl keinen politischen Hintergrund hatte.

Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass gezielte Anschläge, meist mit Bomben oder Schusswaffen, auf Zivilisten, die mit der Regierung zusammenarbeiten, weiterhin zum Repertoire der Taleban gehören. Es scheint sogar so zu sein, dass sich deren Zahl seit dem afghanischen Neujahrsjahr fest wieder erhöht hat – jedenfalls die Zahl der prominenteren Fälle. Ich habe seither – ausschließlich auf der Grundlage von Medienberichten – 14 solcher Fälle mit insgesamt 19 Toten gezählt; die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Eine der Zielpersonen überlebte verletzt.

Bemerkung: Nicht in allen Fällen haben die Taleban die Verantwortung dafür übernommen. In Einzelfällen wiesen sie das sogar zurück (was auch nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen muss). Es können auch persönliche Konflikte oder krimineller Kontext die Ursache sein.

Gleichzeitig nehmen auch Meldungen über getötete oder festgenommene Taleban-Kommandeure zu – siehe z.B. hier, hier oder hier. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass manche Behauptungen nicht den Tatsachen entsprechen und US- und afghanische Truppen ihre „Erfolgs“quoten übertreiben.

Belegt hingegen ist, dass sie Zahl von US- und afghanischen Luftangriffen, nach denen oft solche Todesmeldungen kommen, deutlich zugenommen haben. Die Un berichtete, dass die Zahl jener US-Luftangriffe, bei denen Zivilisten getötet wurden, sich in den ersten neun Monaten 2018 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2017 verdoppelt hat (zitiert hier). Das Bureau of Investigative Journalism, das alle US-Luftschläge chronologisch sammelt (siehe hier), zählte in Afghanistan in diesem Jahr bis zum 13.5.19 insgesamt 938 davon. (Hier im übrigen die letzte Monatsübersicht für April 2019 der NATO.) Die UN zählte dabei bis April 140 getötete Zivilisten.

Hier eine Übersicht für 2004-18 über die Zahl der in Afghanistan von den USA abgeworfenen Bomben (mit 2018 als Rekordjahr – siehe auch hier; daraus geht hervor, dass die Zahl der Luftschläge in den USA nach der Zahl der verwendeten Bomben u.ä. berechnet). Hier eine Übersicht für 2013-18 des US-Militär über Luftschläge mit bemannten Flugzeugen (also keine Drohnen) sowie „freigesetzter Waffen“ (also Raketen, Bomben usw) auch bei unbemannten Luftfahrzeugen.

Insgesamt machte UNAMA am 13.5.19 auf das generell erhöhte Gewaltniveau während des laufenden Fastenmonats Ramadan aufmerksam.

Von Magnetmine getroffenes Fahrzeug in Kabul. Foto: Pajhwok.

 

Liste gezielter Morde an afghanischen Regierungsvertretern seit Naurus 2019

Am 23. März wurde in Kandahar der dieses Jahr nicht wiedergewählte Parlamentarier Obaidullah Baraksai erschossen. Die Talebanwiesen eine Beteiligung zurück.

Am 25. März erlag der Vizegeheimdienstchef der Provinz Helmand, Muhammad Asef Chan Chadem, seinen Verletzungen, die er zwei Tage vorher bei einem Bombenanschlag im Stadion von Laschkargah erlitten hatte, für den die Taleban die Verantwortung übernahmen. Vier weitere Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, 31 andere wurden verletzt.

Am 13. April wurde in der Ostprovinz Laghman Baschir Sapai bei der Gartenarbeit erschossen. Sapai war ein gewählter Delegierter für die Loja Dschirga Ende April. Er war Chef einer örtlichen Jugendorganisation.

Baschir Sapai, ermordet am 13.4.19. Foto: Pajhwok.

Am 14. April wurde in Ghasni-Stadt der Polizeioffizier Schapur Bachtjar nahe seiner Wohnung von Unbekannten erschossen. Er war Direktor für Bildung und Ethik im örtlichen Polizeihauptquartier.

Am gleichen Tag kam auf der Straße zwischen Samangan und Baghlan im Gebiet von Tschishm-e Scher der Geheimdienstchef der Flughafens von Masar-e Scharif, Ahmad Chaled, bei einem Überfall ums Leben. Die Behörden sprachen von einem Taleban-Überfall.

Am 15. April wurde Major Scher Muhammad, Brigadekommandeur beim 215. Armeekorps im Distrikt Nad Ali in der Provinz Helmand bei einem Taleban-Überfall getötet. Er war auf dem Weg zu einem Armeeposten.

Am 18. April wurde der Distriktgouverneur von Sarobi (beides in Paktika), Muhammad Reza Charotai, im Basar von Urgun angeschossen.

Am 4. Mai erschossen Unbekannte den Distriktsverwaltungschef von Muhammad Agha in Logar, Abdul Wase Hakimi, auf seinem Weg zur Arbeit.

Am 5. Mai töteten, offenbar nach oder während einer Entführung, die Taleban im Distrikt Jusufchel (Paktika) den Chef der dortigen Verwaltung für Arbeit und Soziales, Ghulam Rahman Hamdard.

Am 6. Mai wurde Mubarak Schah, IT-Manager der Provinz Chost, in seinem Dorf Hassasai im Distrikt Ismailchel-Mandosai auf dem Weg in die Moschee von Unbekannten getötet.

Am 7. Mai wurde Sajed Aref Sadat, der Polizeichef des Distrikts Alingar (Laghman), zusammen mit zwei weiteren Polizisten in ihrem Fahrzeug durch eine am Wegesrand deponierte Sprengladung getötet.

Am 12. Mai wurde in Kilagai im Distrikt Doschi (Provinz Baghlan) der Vizechef des dortigen Geheimdienstes, Abdul Ghafur Mahmud, durch Schüsse auf sein Fahrzeug getötet.

Ebenfalls am 12. Mai wurde im Distrikt Kama (Provinz Nangrahar) der Vizechef des dortigen Geheimdienstes erschossen.

Am 13. Mai wurde im Distrikt Rodat (Provinz Nangrahar) der Geistliche Maulawi Hedajatullah erschossen.

Zuvor hatten afghanische Medien am 6. Mai von einer Serie von Mordanschlägen in der Ostprovinz berichtet, die seit drei Monaten anhalte. Zu den Opfern gehörten „Zivilisten, religiöse und Stammesführer, Regierungsangestellte sowie ein Journalist“. Der Abteilung für Hadsch und religiöse Fragen in der Provinz Nangrahar zufolge waren darunter in den vergangenen zwei Monaten allein 15 Religionsgelehrte, berichtete die Kabuler Zeitung Wisa am 15.5.19 (Quelle: AAN-Media Monitoring). In Nangrahar kommt auch der örtliche Ableger des Islamischen Staates zumindest in einigen Fällen als Täter in Frage.

Außerdem berichteten Quellen vor Ort aus Kandahar, dass dort „fast täglich“ Polizisten, Geheimdienst- und andere Regierungsmitarbeiter Attentaten, entweder mit Schusswaffen oder Magnetminen, zum Opfer fielen. Die Täter warteten meist vor den Häusern der Anschlagsziele. Am 13.5.19 berichtete Kandahars Provinzpolizeichef Tadin Chan, dass im Distrikt Arghandab vier Menschen, darunter ein Polizist, ums Leben kamen, als in einem Garten eine Bombe explodierte.

Es gab im Berichtszeitraum auch mehrere solcher Vorfälle in Kabul, die ebenfalls selten in den Medien auftauchen. Ein solcher Fall ereignete sich am 12. Mai, und ein Polizist wurde verletzt.

 

 

 

 

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