Nicht Bundesliga: Turnier afghanischer Asylbewerber – und „Fußballverbot“ unter den Taleban (mit vielen Fotos)

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Ein in Deutschland – selbst als Flüchtling – lebender afghanischer Journalist, Mortaza Rahimi, hat am Dienstag (8.8.17) in der Berliner Regionalausgabe der taz über ein Fußballturnier mit 24 Mannschaften afghanischer Asylbewerber aus ganz Deutschland berichtet, das am Wochenende in Berlin stattfand. Bemerkenswert ist, dass die Afghanen dies alles selbst organisiert und finanziert haben.

Spiritus rector war der 24-jährige Soltan Akbari, der vor vier Jahren das afghanische Team Ittehad (Einheit) Berlin gegründet hatte. Ittehad – benannt nach einem Traditionsverein in Kabul (siehe auch unten, mein taz-Beitrag vom 27.7.2000) – hat sich mittlerweile, so der Bericht weiter, mit Azadi (Freiheit) und Yaaran (Freunde) zum Sportverein Stern zusammengeschlossen, der auch Veranstalter des Turniers war. Gespielt wurde auf dem Platz des Traditionsvereins BFC Alemannia 1890 (was mich besonders freut, da mein Vater dort vor dem Mauerbau gespielt und den Verein nach dem Mauerfall trainiert hat; damals hieß der Verein noch einfach Alemannia 90.) Alemannia stellt Ittehad (und jetzt wohl auch Stern) seit einem Jahr seinen Platz und Material zur Verfügung.

Nur reiner Frohsinn war das Tournier aber nicht, denn viele der Spieler müssen eine Abschiebung fürchten, wenn – wohl nach der Bundestagswahl, wie zu befürchten ist – der derzeit bestehende Abschiebestopp nach Afghanistan wieder aufgehoben werden könnte. Immerhin, wie Akbari der taz sagte:

„Das Turnier hilft ihnen, zumindest ein Wochenende lang diese Angst und Sorgen vergessen zu können.“

Hier kann mensch den ganzen Artikel lesen.

Der zerstörte Darulaman-Palast mit blühenden Arghawan-(Judas-) Bäumen und fußballspielenden Jungen. Foto: Thomas Ruttig (2009).

Fußballspielende Jungen vor dem zerstörten Darulaman-Palast in Kabul. Foto: Thomas Ruttig (2009).

 

Zu zwei Sätzen in dem Artikel möchte ich allerdings noch etwas hinzufügen. Rahimi schreibt:

In Afghanistan ist Fußball zwar populär, aber nicht sehr verbreitet. Unter der Herrschaft der Taliban was das Spiel verboten.

Das stimmt beides nicht wirklich – und vor allem die Verbotsgeschichte ist viel komplexer und spannender.

Die Taleban hatten tatsächlich Fußball und ein paar andere Sportarten, die sie – aus welchen Gründen auch immer, v.a. im Vergleich zu anderen (etwa dem nicht verbotenen Volleyball) – für „westlich“ hielten, verboten. Versucht zu verbieten, muss man besser sagen, denn auf längere Zeit konnten sie das nie durchsetzen. Als ich 1999 nach längerem wieder nach Afghanistan kam, hatte ich auch von den Verboten gelesen. Aber dann sah ich, dass überall trotzdem gespielt wurde. Etwa Ende 1999 in Kandahar – hier ein Auszug aus einer Reportage, die ich damals für die taz schrieb (erschienen 29.12.1999):

Kandahar hat den wohl staubigsten Fußballplatz der Welt. Im Schein der letzten Sonnenstrahlen an diesem Abend Mitte Dezember kickt auf einer verdorrten Grasfläche vor Afghanistans Oberstem Gericht ein Dutzend junger Afghanen einen Lederball, der früher einmal rund gewesen sein muss. Sie tragen Käppis und lange paschtunische Hosen – ein unbedecktes Haupt und Shorts verbietet die Islam-Auslegung der Taliban.

Wegen mächtiger Staubschwaden, die über den Platz ziehen, sieht man nur die Konturen der Spieler. Im nahen Stadion wollen sie nicht spielen. Das war vor ein paar Jahren zwar von einer einheimischen Nichtregierungsorganisation als eine der raren Freizeitstätten der Stadt wieder hergerichtet worden, aber die afghanischen Ultra-Islamisten nutzen es für Veranstaltungen, die wenig mit Sportsgeist zu tun haben und ihre Herrschaft durch Abschreckung untermauern sollen: zu öffentlichen Exekutionen und Bestrafungen von Dieben in Form von Amputationen. (…)

Jugendliches Fußball-Team in Anardara (Provinz Farah). Foto: Thomas Ruttig (2006)

 

In Kabul gab es im Jahr 2000 sogar eine Stadtliga, die ihre Spiele in dem – von den Taleban auch als Hinrichtungsort missbrauchten – trotzdem im Nationalstadium ausgetragen wurden. Man könnte das für makaber oder extrem unsensibel halten, aber vielleicht auch als Behauptungsversuch gegen die Schrecken des Taleban-Regimes werten. Gesponsert wurde die Liga von lokalen Geschäftsleuten.

Von Verbot war zu diesem Zeitpunkt also schon keine Rede mehr, wohl aber von Restriktionen. Beim afghanischen Unabhängigkeitstag 2000 unter den Taleban, den ich in Kabul miterlebte, durften Fußballmannschaften in Sportkleidung sogar in der Parade der Schulen der Hauptstadt mitmarschieren. Allerdings (siehe hier):

Fußball wird nur noch mit kniebedeckenden Hosen gespielt, bei der Parade der Schulen am Unabhängigkeitstag trugen die mitmarschierenden Fußball-Teams sogar Kopfbedeckungen (zum Glück müssen sie damit [noch?] nicht spielen).

Straßenfußball in Qala-ye Fathullah, Kabul. Foto: Thomas Ruttig (2014).

 

Hier der Bericht für die taz von einem der Liga-Spiele, zu dem ich mich ins Stadium hineinschwatzen konnte. (Erst wollten die Taleban keinen Ausländer, aber mein Paschto wirkte als Sesam-öffne-dich.) – erschienen am 27.7.2000 unter meinem damaligen Pseudonym:

Niemand ruft Allahu Akbar

Fußball in Afghanistan: Torschüsse auf braunem Grün vor kriegsgeschädigten Tribünen, deren Wände mit Einschüssen übersät sind, in einem Stadion, das sonst Hinrichtungen dient

Aus Kabul Jan Heller

Taz, 27.7.2000

Die Mannschaft von Ittihad, ganz in Rot, greift an. Der stämmige, linke Mittelfeldspieler mit der Nummer 8 bekommt den Ball und rennt auf das Tor des Teams von Isteqlal zu. Aus 30 Metern zieht er ab. Da der Ball auf dem unebenen Grund leicht hoppelt, trifft der Spieler ihn optimal von unten, und der Wind verleiht ihm zusätzlich Kraft. Als Bogenlampe landet er genau im Dreiangel des Tores. 1:0 für den Außenseiter. Auf den Rängen vereinzelt Beifall. Niemand ruft „Allahu Akbar“, wie es die Taliban angeordnet haben, die das als einzige wirklich islamische Anfeuerung betrachten.

In Kabul wird Fußball gespielt, und Zuschauer und Spieler sind bei der Sache wie überall auf der Welt, wo das runde Leder Ersatzreligion ist. Zumal in Afghanistan, wo die Taliban sonst fast alles verboten haben, was unterhält – oder die Menschen von der Konzentration auf Allah ablenkt, wie sie es sehen: Kino und Fernsehen; Musik, wenn es sich nicht um Trommelwirbel oder religiösen Sprechgesang ohne jegliche instrumentale Begleitung handelt, wie sie Radio Sharia sendet; westliche Kleidung für Männer, Damenschuhe, die mit ihren Absätzen angeblich erotisierende Klacktöne verursachen, modische Frisuren oder Barttrimmen.

Der Ball ist stark

Auch Sport, insbesondere Ballspiele, waren eine Weile untersagt, das aber war nicht aufrechtzuerhalten. Schon bald kickten wieder überall in den Städten, selbst in der Taliban-Hochburg Kandahar, Afghanen das runde Leder. Und in Kabul fanden auf der früheren Festwiese Tschaman Ende 1999 an Freitagen Matches von Freizeitfußball-Teams statt, die sich einheitliche Jerseys, sogar mit Rückennummern, selbst geschneidert hatten. Das Gebot, lange Hosen zu tragen und den Kopf zu bedecken, wurde damals noch ernst genommen.

Hosen kosten Haare

Vor kurzem schlug die berüchtigte Religionspolizei Amr bi-l-Maaruf in Kandahar bei einem Fußballspiel zwischen einer einheimischen Mannschaft und einem Gästeteam aus Chaman in Pakistan zu. Die Spieler waren in kurzen Hosen aufgelaufen, und den Gästen aus Pakistan wurden zur Strafe die Haare kurzgeschoren. Nur fünf Akteuren gelang die Flucht vor den Schergen, so dass sie ihre Normalfrisur nach Hause retten konnten. Der Gouverneur in Kandahar – dritter Mann in der Hierarchie der Taliban – entschuldigte sich hinterher bei Pakistan, angeblich wurde der verantwortliche Kommandeur gefeuert.

Auch beim Match Ittihad gegen Isteqlal in Kabul sind einige Spieler in kurzen Hosen erschienen, aber hier nimmt niemand Anstoß. Die Kleidung der beiden Teams ist eine Art westliche Fußballkluft mit islamischen Garnierungen. Im Islam, heißt es, sollen die Männer mindestens ihre Knie bedecken. Und so lugen unter den kurzen Hosen der Spieler weite weiße Hosenbeine von Patluns (traditionelle Hosen) hervor. Die Trikots tragen Rückennummern, die einer der Spieler sogar eigenhändig um seinem Namen – Tariqian, in lateinischen Lettern – ergänzt hat.

Veranstalter der Reihe von Fußballmatches ist ein reicher Geschäftsmann, der das Kabuler Stadion, in dem sonst auch Hinrichtungen und Züchtigungen stattfinden, gemietet hat. Der Rasen ist äußerst ramponiert, mehr braun als grün, die Zuschauerränge samt dreistöckiger Tribüne kriegsgeschädigt. Außer den Betonstufen gibt es nichts mehr zum Sitzen. Die Tribünenwände sind mit Einschüssen übersät, die Scheinwerfer herausgerissen. Über alles wacht ein Verantwortlicher vom Nationalen Olympischen Komitee, dessen Chef natürlich ein Mullah ist. Hinter der Tribüne prangen noch Schilder an Bürotüren, hinter denen sich allerdings nur staubige Leere verbirgt. Hunderte Bettler (fast ausnahmslos Kinder und Jugendliche) und fliegende Händler gehen im Stadion ihrem Geschäft nach. Aus Schubkarren, Tragekörben und vierrädrigen Holzkarren wird alles feilgeboten, was der afghanische Fan benötigt: Säfte im Tetra-Pack, frische Pfirsiche, getrocknete Datteln. Fanartikel gibt es nicht. Niemand hat eine Tröte dabei oder gar eine Schal oder eine Fahne in den Farben dieses oder jenes Clubs.

Die Gegner sind rar

Ausgespielt wird der Frühjahrspokal, obwohl das Frühjahr längst vorbei ist, und bis zu den Finals ist es noch eine Weile hin. Danach soll es dann eine Art Meisterschaft geben, bei der die besten Spieler für das Nationalteam ausgewählt werden. Das allerdings kaum Gegner hat, außer Pakistan vielleicht, wenn Vorfälle wie der von Kandahar künftig unterbleiben.

Aber egal, Hauptsache, es wird gespielt. Mit entsprechendem Ernst gehen die 22 Spieler zu Werke. Vor dem Anpfiff gibt es rhythmische Aufwärmübungen in Formation. Der Schiedsrichter läuft in einem westlich wirkenden Trainingsanzug auf und ist der mit Abstand Schwächste auf dem Platz. Insgesamt wird recht fair gespielt, nur der extrem holprige Boden sorgt für manchen technischen Fehler und ungewollten Zusammenprall. Eine Schar von Zuschauern lässt es sich nicht nehmen, sich direkt an der Außenlinie zu platzieren, so dass jeder Einwurf über ihre Köpfe hinweg ausgeführt werden muss und mancher Spieler, im Zweikampf gefällt, in ihre Reihe schlittert. Über die krächzende und auch für Einheimische so gut wie nicht zu verstehende Lautsprecheranlage gibt es einen Live-Kommentar, unterbrochen von ein paar Ansagen, etwa dass drei Tage später Lokalmatador Maiwand gegen das Rote Kreuz antreten wird.

Gesicht Richtung Mekka

Naht die Gebetszeit, kommt die Religionspolizei mit Pick-ups ins Stadion gerauscht und unterbricht das Spiel. Die etwa 1.500 Zuschauer und die Teams, ausschließlich Männer natürlich, lassen sich in Reihen auf dem Rasen nieder, Gesicht Richtung Mekka gerichtet – genau auf das Tor, in das ein paar Minuten vorher die Nummer 8 von Isteqlal, das am Ende doch noch 1:2 verliert, sein „gol-e shimali“ (Windtor), wie meine Begleiter es lachend nennen, erzielt hat. Zwei Tage zuvor, als Jawanan-e Maihan gegen den Kabul Klub antrat und das Stadion mit 15.000 Zuschauern gefüllt war, hatten die Taliban erhebliche Mühe, alle Anwesenden zum Gebet zu bewegen. Decken, immerhin nicht Knüppel oder Lederriemen schwingend, trieben sie die Zuschauer von den Rängen. Doch vielen gelang es, sich durch die Ausgänge zu verkrümeln und vor dem Gebet zu drücken.

Fußballspiel in Kundus. Foto: Thomas Ruttig (2007)

 

Und: Fußball nicht weit verbreitet? Fußball wird zwischen Farah, Gardes und Kandahar überall gespielt, siehe die Fotos zu diesem Beitrag. Nur wird es in der Popularität inzwischen vom Cricket stark bedrängt, wenn nicht sogar schon überholt. Aber mit Kampfsportarten wie Taekwondo und Volleyball liefert es sich sicher einen Kampf um Platz 2.

Fussball auf dem Kabuler Tschaman, der ehemals grünen Festwiese. Foto: Thomas Ruttig (2015)

 

Hier noch ein bisschen Material zu Fußball und Afghanistan:

“Zum Bundesliga-Wochenende: Afghanische Flüchtlinge im deutschen Fußball” (Afgh. Zhaghdablai, Okt 2016):

Zu Frauen im afghanischen Fußball, in diesem Beitrag.

Bei AAN haben wir 2013 sogar ein Dossier zum Thema Fußball in Afghanistan zusammengestellt (auf Englisch, hier).

Dort findet sich auch eine englischsprachige Version meines oben erwähnten 200er Spielberichts aus Kabul, hier – leider ohne Fotos. Fotografieren war ja auch verboten, und zwar ernsthaft.

Afghanistan gegen ISAF: Mein Ticket für das erste internationale Spiel in Kabul nach den Taleban (2002)

 

Zu guter Letzt hier noch mein Bericht vom ersten internationalen Fußballspiel in Kabul nach den Taleban, erschienen im Neuen Deutschland (18.2.2002):

 

Sepp Herberger am Hindukusch

Afghanistans unbesiegter Fußball kehrt auf die internationale Bühne zurück

Von Jan Heller, Kabul

Die Lust auf Fußball ist in Afghanistan ungebrochen. Der erste internationale Fußballvergleich in Kabul seit vielen Jahren endet sportlich enttäuschend, aber politisch erfolgreich – trotz leichter Ausschreitungen.

Drei Dinge konnten die Taleban nie verbieten: Rauchen, Papierdrachen und – Fußball. Ein paar Monate hielt der Bann dieser »unislamischen Aktivität«, doch bald fingen Jugendliche in Parks wieder an zu knödeln. Den so genannten Koranschülern wurde es dann zu viel, aufmüpfige Teenager zu verfolgen. Schließlich durfte sogar offiziell wieder das runde Leder gejagt werden, wenn auch mit verordneter Barttracht und das Knie bedeckenden Hosen.

Aber am vergangenen Freitag – dem hiesigen Feiertag – wurde dann doch ein neues Kapitel in der Geschichte des afghanischen Fußballs aufgeschlagen. Im noch unter den Taleban mit EU-Geldern renovierten und mit den Olympischen Ringen geschmückten Ghazi-Stadion von Kabul fand das erste internationale Match nach dem Ende des Schreckensregimes statt: eine britisch dominierte Mannschaft der internationalen Friedenstruppe ISAF traf auf eine Kabuler Auswahl aus den beiden derzeit besten Teams der Stadt, Maiwand und Sabawun. »ISAF – Hilfe und Zusammenarbeit« lautete das Motto des Spiels.

Das Stadion war gut gefüllt, Reklametafeln warben für Zucker und Autobatterien. Nur ein riesiges Plakat mit dem Konterfei des ermordeten Mujaheddin-Chefs Ahmad Shah Massud brachte eine Prise Tagespolitik in das Rund. Die strikten Sicherheitsmaßnahmen wirkten wie das Rahmenprogramm für afghanische Verhältnisse außergewöhnlich normal. Vor dem Hauptspiel zeigten frisch eingekleidete Teams von 12- bis 14-Jährigen ihre Tricks. Eine britische Gurkha-Militärkapelle spielte, die Afghanen setzten eine traditionelle Stocktanzgruppe der Sikh-Minderheit dagegen.
Unter den Klängen der afghanischen Nationalhymne stieg die neue, alte Nationalflagge in Schwarz, Rot und Grün auf (das Taleban-Banner war rein weiß), für ISAF wurde »Freude schöner Götterfunken« intoniert. Ein Riesenfußball flog an einem Bündel Luftballons in die nahen Berge, Friedenstauben stiegen auf. Der Kommandeur des deutschen ISAF-Kontingents, Brigadegeneral Carl Hubertus von Butler, überreichte im Namen der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes einen Scheck zum Wiederaufbau des hiesigen Partnerverbandes an dessen Chef Muhammad Halim Kohestani. Sogar den echten englischen FA-Cup hatte man nach Kabul eingeflogen. Er wurde am Ende symbolisch dem siegreichen Team überreicht.

»Das ist schön heute«, meinte auch Nematullah Jawed, der einst in Leipzig studiert und während der letzten Jahre als Mitarbeiter internationaler Organisationen überwintert hatte. Drei Mal war er unter den Taleban im Stadion. »In der Halbzeit mussten wir aufs Spielfeld um zu beten«, erinnert er sich, »sonst haben sie uns geschlagen«. Dabei hat er noch Glück gehabt: Manchmal missbrauchten die Taleban das Stadion auch für öffentliche Hinrichtungen. Doch äußerlich erinnerte heute kaum etwas an diese Schreckenszeit.

Ganz ungetrübt war die Freude jedoch nicht. Vor dem Spiel wurde des am Vortag bei einem Tumult auf dem Kabuler Flughafen ums Leben gekommenen Luftfahrtministers Abdul Rahman gedacht. Später flogen Steine über die Stadionmauer und verletzten mindestens einen ISAF-Soldaten. Viele Kabulis waren nicht ins Stadion gelassen worden, obwohl sie Karten besaßen, und die afghanische Polizei erwehrte sich der drängenden Menge mit Stockhieben und Schüssen in die Luft. Das deutsche ISAF-Kontingent setzte Nebelkerzen ein. 3000 Afghani, etwa zehn Cent, kostete ein Ticket, aber auf dem Schwarzmarkt wurden sie bis zu 100000 Afghani gehandelt. Das ist viel Geld in einer Stadt, in der bei weitem nicht jeder jeden Tag genug zu essen hat und man für diesen Betrag 50 Fladenbrote kaufen kann. »Wir müssen rein«, rief ein junger Kabuli, der versuchte, die Stadionmauer zu übersteigen, »denn heute gewinnen wir«.

Die Zwischenfälle konnten ebenso wenig wie das trübe Wetter und der zur Halbzeit einsetzende Nieselregen der Pokalendspiel-Atmosphäre Abbruch tun. Als nach einer guten Viertelstunde Stürmer Seyyed Taher von Maiwand mit einem bilderbuchreifen Seitfallzieher die enthusiastisch angefeuerte Heimelf in Führung brachte, kannte die Freude auf den Rängen keine Grenzen. Die vom Filigrantechniker Najibullah Hosseinzade angetriebenen Kabuler boten in der Folgezeit auch den technisch besseren und sehenswerteren Fußball. Doch bald setzten sich die körperlich überlegenen Gäste besser in Szene. Noch vor der Halbzeit erzielte der Italiener Giacomo Liguri den Ausgleich, ließ die etwa 30000 Zuschauer, bis auf eine bekannte Fernsehsprecherin ausschließlich Männer, aber noch hoffen. Ein undiplomatischer englischer Doppelschlag Mitte der zweiten Halbzeit sorgte für das Endergebnis von 3:1 und für tiefe Enttäuschung. Auf dem Feld brach die Moral der Heimmannschaft zusammen, viele Zuschauer zogen vorzeitig ab. Sie hatten sich die Rückkehr ihres Landes auf die internationale Fußballbühne anders vorgestellt. Doch trotz der Niederlage hat Afghanistan einen weiteren Schritt in Richtung Normalität getan.

Junge Fußballer in Masar-e Scharif. Foto: Thomas Ruttig (2004)