Der Taleban-Angriff auf Ghasni und neuer Anschlag in Kabul

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Fünf Tage dauerte es, bis der Angriff der Taleban auf Ghasni vorbei war. Und es war nicht klar, ob die Taleban aus eigenem Antrieb abzogen oder von den afghanischen Streitkräften herausgedrängt wurden oder ob es eine Kombination aus beidem war.

Dahinter steht natürlich die Frage, die unbeantwortet ist: Können oder wollen die Taleban solche Großstädte (Ghasni hat irgendwo zwischen 125.000 und 250.000 Einwohner) nicht halten. Wir wissen aus vielen Distrikten, dass sie dort darauf verzichten, sie einzunehmen, weil die örtliche Bevölkerung und die Basarwirtschaft befürchten, Luftangriffe der afghanischen und US-Streitkräfte könnten ihren Ort dann den Erdboden gleichmachen. Allerdings: Würden sie Luftangriffe in einer Großstadt wagen? In Ghasni gab es welche, aber eher an der ländlichen Peripherie. Die private afghanische Fernsehstation Tolo TV berichtete, dass dabei eine 16-köpfige Familie umgekommen sei, und musste sich in den sog. sozialen Medien bezichtigen lassen, soetwas „hätten auch die Taleban schreiben können“ – was, wenn der Vorfall wahr ist, ja kein Argument ist. Jedenfalls müssen wir abwarten, ob sich das bestätigt. [Nachtrag: Berichte über zivile Opfer in Folge einer Anti-taleban-Offensive der afghanischen Armee gab es heute auch aus der westafghanischen Provinz Farah, deren Provinzhauptstadt die Taleban – hier ausführlich bei AAN. ]

Und: Ist der Kampf überhaupt vorbei? Gestern (16.8.) berichtete Tolo TV (hier kurz) von neuen Kämpfen, dabei verwendeter Artillerie und Hubschraubern über der Stadt. Heute meldete Tolo Kämpfe weiter südlich im Distrikt Qarabagh und sprach von einer „Besorgnis erregenden Lage“ im Distrikt Andar, gleich vor den Toren Ghasnis. Gleichzeitig besuchte Staatspräsident Aschraf Ghani die Stadt; das davon gezeigte Foto wirkt, als ob dafür eine Straße abgesperrt wurde. Passanten sind jedenfalls nicht zu sehen.

Präsident Aschraf in Ghasni am 17.8.18. Foto: Tolo

 

Die Kabuler Zeitung Ettelaat-e Rus berichtete unter Berufung auf „glaubwürdige Regierungsquellen“, dass 197 Zivilisten und 340 Soldaten und Polizisten bei den Kämpfen getötet worden seien. Auch die Zahl der getöteten Taleban soll nach Regierungsangaben (die in diesem Fall natürlich überhöht sein können) in die Hunderte gehen. Auch viele Basare wurden zerstört.

Nach Angaben eine afghanischen Journalistenverbandes, Nai, haben die Taleban zudem örtliche Journalisten bedroht und Medieneinrichtungen zerstört. Nai-Chef Mudschib Chelwatgar sagte laut der Nachrichtenagentur Pajhwok: „Ghasni hat neun Radiostationen, zwei Fernsehkanäle und zwei Zeitungen, alle sind nach den Taleban-Drohungen nun geschlossen.“ Pajhwok berichtet weiter, Taliban-Kämpfer hätten den Sender Tapa TV angegriffen und die Antennen und Sender des staatlichen Senders RTA, der BBC, von Radio Asadi, Voice of America, und der Radiosender Arman und Ariana zerstört.

Zerstörungen in Ghasni. Foto: Tolo

 

Hier meine unredigierte Zusammenfassung – die taz korrigierte z.B. aufgrund ihrer Agenturmeldungslage meiner Angaben zu den Opferzahlen nach unten (ich stützte mich auf aktuellere Angaben aus Afghanistan) – und ein kurzer Kommentar für die taz, in dem ich natürlich ob seiner Kürze nicht alles ausargumentieren konnte.

 

Ghasni: Der nächste Streich der Taleban

Afghanistans Aufständische bringen erneut eine wichtige Provinzhauptstadt an den Rand des Falls

Nach viertägigen Kämpfen im südostafghanischen Ghasni war die Lage am Montagnachmittag immer noch unübersichtlich. Berichte, die Taleban würden sich aus dem Zentrum der Provinzhauptstadt 150 Kilometer südlich der Landeshauptstadt Kabul zurückziehen, wurden von Talebansprecher Sabihullah Mudschahed nicht bestätigt. Auf beiden Seiten sollen bisher je etwa 200 Kämpfer ums Leben gekommen sein. Dazu kommen mit Sicherheit Zivilisten. In den sozialen Medien wurde das Foto eines Rikschafahrers verbreitet, der erschossen und blutüberstömt in seinem Fahrzeug lag. Die UNO berichtet von Lebensmittelknappheit und in ihren Häusern eingeschlossenen Zivilisten.

Wieder einmal war es den Taleban gelungen, die afghanische Regierung mit einem Großangriff zu überraschen. Am Freitag vor Sonnenaufgang drangen sie in Ghasni ein und standen schnell im Zentrum der Stadt, wo sie 2015 schon einmal die örtlichen Sicherheitsbehörden überrannt, die Dokumente des Geheimdienstes gekapert und mehr als hundert Kampfgenossen aus dem Gefängnis befreit hatten. Augenzeugen zufolge sei die sogenannte Rote Einheit, eine Art Spezialeinheit der Taleban, an dem Angriff beteiligt. Sie setzt regelmäßig erbeutete US-Militärausrüstung ein, darunter gepanzerte Humvee-Fahrzeuge, Nachsichtgeräte und Scharfschützengewehre.

Am Sonntag sagte der Vizechef des gewählte Provinzrates, Amanullah Kamrani, nur der Gouverneurssitz, das Polizeihauptquartier und einige wenige Regierungsgebäude befänden sich noch in den Händen der Regierungstruppen. Das Polizeihauptquartier stand nach Augenzeugenberichten am Montagmorgen allerdings in Flammen. Die Taleban unterbrachen alle Mobiltelefonverbindungen und zerstörten Funkmasten. Sie sollen auch das örtliche Büro der afghanischen Wahlkommission niedergebrannt haben. Am 20. Oktober sollen in Afghanistan Parlamentswahlen stattfinden.

Seit der Besetzung der nordostafghanischen Provinzhauptstadt Kundus im September/Oktober 2015 und von Farah im Landeswesten, kurzzeitig im vergangenen Mai, war das der größte Militärerfolg der Taleban.

Zudem war der Angriff auf Ghasni war keine einfache Hit-and-Run-Aktion Überfall, sondern lange vorbereitet und regional koordiniert. Eigentlich hätte die Regierung nicht überrascht sein dürfen. Mindestens seit April hatten sich die Taleban in nahegelegenen Distriktzentren sowie Dörfern am unmittelbaren Stadtrand festgesetzt, von wo aus sie jetzt auch ihren Angriff starteten. Schon seit Jahren kontrollieren sie fast den gesamten ländlichen Raum der Provinz.

Am Freitag blockierten die Taleban zudem alle Zufahrtstraßen. Zwei Konvois mit Verstärkungen für die Regierungstruppen schafften es nicht, nach Ghasni durchzubrechen: einer, der aus Spezialeinheiten des afghanischen Geheimdienstes bestand und aus Kabul kam, und einer mit afghanischen Soldaten, der sich aus dem Hauptquartier des regionalen Armeekorps in Gardes in der Provinz Paktia auf den Weg gemacht hatte. Dazu gehörten auch amerikanische Berater, die, wenn angegriffen, ebenfalls in Kämpfe eingreifen dürfen und, noch wichtiger, Luftschläge ihrer eigenen Truppen anfordern können. Auch Muhammad Scharif Jaftali, der Stabschef der afghanischen Armee, der die Koordinierung des Widerstands übernehmen sollte, kam erst am Montag durch.

Parallel griffen die Taleban auch in anderen Gebieten des Landes an. Im Distrikt Adschristan, der ebenfalls zu Ghasni gehört, überrannten sie eine Stellung der hochgelobten Spezialeinheiten der afghanischen Armee. Auch in Ghormatsch im Nordwesten überrannten sie einen Armeestützpunkt.

Staatspräsident Aschraf Ghani hielt unterdessen am Sonntag eine Rede zum nationalen Tag der Jugend. Dass er die Ereignisse in Ghasni dabei mit keinem Wort erwähnte, sorgte in Afghanistan für Empörung. Offenbar hatten sowohl die Regierung als auch die Armeeführung den Ernst der Lage wieder einmal unterschätzt.

Die auf die US Militäreinsätze spezialisierte Webseite Long War Journal kritisierte zudem die US-geführte NATO-Mission Resolute Support, sie lege wie schon zu Kundus und Farah „ein verstörendes Muster an Misinformation und Täuschung“ an den Tag.

[Das Zitat ging noch weiter – Quelle hier:

Resolute Support hat schon ungenaue und überoptimistische Erklärungen herausgegeben und gesagt, afghanische Truppen wären in Kontrolle, als die Taleban 2015 für zwei Wochen die vollständige Kontrolle über Kunduz-Stadt übernommen hatten, teilweise Kontrolle über Kunduz-Stadt 2016 und über Farah-Stadt im Mai 2018. Außerdem führte Resolute Support die Öffentlichkeit über den Status von Distrikten wie Nawa 2016 und Sangin 2017 in Helmand in die Irre.

Inzwischen hat die Webseite weitere Belege für Falschinformationen, die Resolute Support verbreitete. Sie schreibt:

Die Taliban hielten eine Polizeistation in Ghazni-Stadt besetzt und plünderten die Einrichtung, während Resolute Support behauptete, die gesamte Stadt sei unter  afghanischer Regierungskontrolle. (… Aber) während des gesamten fünftägigen Taleban-Eindrigens und der Besetzung weiter Gebiete von Ghazni-Stadt, vom 10-14 August behauptete das NATO-Kommando von Resolute Support durchgehend, dass die Stadt “unter afghanischer Kontrolle ist.” (…) Es konnte ebenfalls nicht erklären, (…) warum Resolute Support gezwungen war, Dutzende Luftschläge auszuführen (…).]

 

Hier als Zusatz meine Zitate für eine Analyse der FAZ am 15.8.18:

Deutsche Afghanistan-Fachleute zeigen sich angesichts der Entwicklungen alarmiert. Denn die Strategie der Regierung in Kabul, ihr Augenmerk auf die Städte zu konzentrieren, scheint immer weniger aufzugehen. „Inzwischen kontrollieren die Taleban nicht mehr nur Teile des ländlichen Raums. Sie können auf wichtige Städte Druck ausüben“, sagt Thomas Ruttig, Mitgründer des „Afghanistan Analysts Network“ gegenüber FAZ.NET. Ruttig schätzt, dass etwa zehn Provinzstädte ein ähnliches Schicksal drohen könnte wie Ghazni. Zumal der Übergang zwischen Stadt und Land in Afghanistan oftmals fließend sei. Mancherorts gäbe es bereits Viertel, in denen Taleban am helllichten Tag herumspazieren und Steuern eintreiben würden.

Zwei Aspekte spielen den Aufständischen in die Hände: Da ist zunächst der bedauernswerte Zustand der afghanischen Sicherheitskräfte. Was auf dem Papier mit 350.000 Soldaten und Polizisten nach einer imposanten Truppe aussieht, lässt sich auf dem Boden nicht mit westlichen Sicherheitskräften vergleichen.

Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI ist der Afghanistan-Krieg der zweittödlichste Konflikt der Welt, nach Syrien.

Das nächste, aus dem gleichen Artikel, stammt offenbar von Markus Kaim von der SWP:

Ausrüstung, Disziplin und taktische Versiertheit gelten unter ehemaligen deutschen Ausbildern in großen Teilen als schwach. Lange Abwesenheitszeiten sind keine Seltenheit, die Zahl der Überläufer zu den Taleban ist hoch. Manche Beobachter schätzen sie auf ein Drittel. Hinzu kommt, dass die Afghanen in den meisten Fällen inzwischen ohne ausländische Unterstützung kämpfen müssen. Zwar leisten die Amerikaner immer wieder Luftunterstützung.

Hier ausführlich die Vorgeschichte des alles andere als unabsehbaren Angriffs auf Ghasni bei AAN.

Der taz-Kommentar: Thomas Ruttig über den Taleban-Angriff in Ghasni

Kaiserfamilie ohne Kleider

Der Taleban-Angriff auf Ghasni führt gleich in mehreren Dimensionen vor Augen, wie prekär die Situation in Afghanistan ist. Er lässt die afghanische Regierung, ihre Streitkräfte, das NATO-Militär und die Geberländer wie eine ganze Kaiserfamilie ohne Kleider dastehen.

Die afghanischen Streitkräfte, weil die Taleban immer noch fast überall die Initiative haben. Sie sind in der Lage, selbst Großstädte anzugreifen und sich dort tagelang zu halten. Und das unter den Augen des NATO-Militärs – der Sturm auf Ghasni deutete sich ja seit dem Frühjahr an.

Auch die systematische Schönfärberei des NATO-Militärs wird ad absurdum geführt. Seit Jahren jazzt es angebliche Fortschritte der afghanischen Streitkräfte hoch, die dann der Realität nicht standhalten. Dieser Propagandanebel verbirgt nicht mehr, dass der sogenannte Ausbildungseinsatz in Afghanistan offenbar weitgehend wirkungslos bleibt.

Präsident Ghani ließ sich derweil noch am Sonntag von handverlesenen Jugendvertretern feiern und tat so, als ob er von Ghasni nichts gehört hätte. Man fragt sich langsam, wie stark er noch die Realität außerhalb seines verbarrikadierten Palastes wahrnimmt.

Bemerkenswert ist zudem, dass der Angriff stattfand, nachdem – nach Jahren der Funkstille – US-Vertreter in Usbekistan Taleban zu Direktgespräche getroffen hatten. Dabei geht es auch um einen Plan für den Abzug der westlichen Truppen. Ghasni war mit Blick darauf eine Demonstration der Stärke. Zudem wollen die Taleban wohl einen Keil zwischen Washington und Kabul treiben. Trump will bekanntlich Afghanistan am liebsten hinter sich lassen, so schnell als möglich, und wird dabei wohl auch auf Ghani keine größere Rücksicht nehmen, als dass dessen Regierung nicht zusammenbrechen und damit das Scheitern auch der USA offenbaren darf.

Schließlich macht der Angriff auf Ghasni auch deutlich, auf welch tönernen Füßen die Lage-Einschätzung der Bundesregierung steht – vor der für heute abend geplanten 15. Sammelabschiebung [die dann ja auch stattfand – meine Zusammenfassung hier] nach Afghanistan.

 

Hier die schriftliche Zusammenfassung meines Interviews mit Deutschlandradio Kultur am 16.8.19 (unter diesem Link kann mensch das ganze Interview hören).

 

Abschiebungen nach Afghanistan:

„Bundesregierung widerspricht sich selbst“

Thomas Ruttig im Gespräch mit Hans-Joachim Wiese

In Afghanistan gebe es keine Gebiete, „die über einen hinreichenden Zeitraum hinaus genügend stabil sind, um Leute dorthin abschieben zu können“, sagt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. Auch die Bundesregierung nenne keine konkreten Regionen.

Manche Gebiete in Afghanistan seien sicher – und daher könnten Flüchtlinge dorthin abgeschoben werden, das meint zumindest die Bundesregierung. Erst vergangene Nacht sind wieder 46 abgelehnte Asylbewerber per Sammelflug von München nach Afghanistan abgeschoben worden. Darunter sieben rechtskräftig verurteilte Straftäter, aber – nach Angaben des Bayerischen Flüchtlingsrats – auch Schüler oder junge Menschen, die gerade eine Ausbildung machten.

„Keine ausreichend stabilen Gebiete“ 

Ist Afghanistan wirklich so sicher? Die Wirklichkeit, sie sieht anscheinend anders aus: Regelmäßig berichten die Nachrichtenagenturen von Attentaten in Afghanistan. Allein heute (15.8.18) riss ein Selbstmordattentäter in Kabul etwa 50 Menschen in den Tod, über 60 wurden verletzt. Tage zuvor wurde die Provinzhauptstadt Ghasni von den Taleban überrannt. Mehrere hundert Soldaten, Polizisten, aber auch Zivilisten wurden getötet. 

Die Taleban sind „auf dem Vormarsch“, sagt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network (AAN). „Das sind keine Einzelfälle. Diese Art der Anschläge und Angriffe häufen sich.“ Die Situation im Land sehe „nicht gut aus“.

Ruttig sieht daher „keine Gebiete in Afghanistan, die über einen hinreichenden Zeitraum hinaus genügend stabil sind, um Leute dorthin abschieben zu können“. Und die Bundesregierung würde auch keine bestimmten Gebiete benennen, die sicher seien – weder öffentlich, noch in nicht öffentlich zugänglichen Berichten: „Sie widerspricht sich da selbst.“

Keine Alternative zu Friedensgesprächen 

Aus Sicht Ruttigs war der Rückzug der Nato-Truppen aus Afghanistan 2014 zu früh. Bisher seien die afghanischen Truppen „nicht alleine in der Lage, die Knotenpunkte im Land zu verteidigen“. Allerdings müsse man sich auch fragen, „ob die ganze Sache mit mehr westlichen Truppen zu regeln wäre. Wir hatten ja bis zu 140.000 westliche Soldaten da. Es ist versucht worden, die Taleban militärisch zu besiegen. Auch unter diesen Umständen ist das nicht gelungen.“

Wichtig sei daher, „aus dem Krieg herauszukommen und Gespräche anzufangen“. Erste Kontakte zwischen den Taleban und den USA habe es wieder gegeben. Allein dies sei schon ein Erfolg.

Dass in absehbarer Zeit ein Waffenstillstand zustande komme, sei allerdings nicht sehr wahrscheinlich, sagt Ruttig. Die Stimmung sei nach Attacken wie in Ghasni „nicht für einen Friedensschluss“. Auf der anderen Seite sei auch niemand in der Lage zu sagen, „wie man aus dieser Kriegsspirale anders herauskommt als durch Verhandlungen“.

Junge Frauen tragen als öffentlichen Protest den Sarg eines der Opfer des Anschlags auf das Mawud-Bildungszentrum in Kabul durch die Straßen. Foto: Khalil Noori auf Twitter.

 

Schließlich mein Text zu dem IS-Anschlag auf eine Bildungseinrichtung in Kabul und einen weiteren Angriff auf eine Geheimdiensteinrichtung dort für die heutige taz. Auch wurden einige Stellen herausgekürzt und dadurch sind m.E. einige Zusammenhänge undeutlicher geworden. Deshalb hier meine ursprüngliche Fassung:

 

Anhaltendes Blutvergießen: Wieder zwei Anschläge in Kabul

Das Neue

Das Neue ist in der afghanischen Hauptstadt Kabul das ständig Wiederkehrende: In den letzten zwei Tagen kam es dort zu einem weiteren Angriff der Aufständischen und einem Terroranschlag. Gestern beschossen Bewaffnete eine Ausbildungseinrichtung des afghanischen Geheimdienstes. Zwei der Angreifer seien getötet worden, weitere Opfer auf Seiten der Angegriffenen gab es nach Regierungsangaben nicht. Allerdings ist der Geheimdienst naturgemäß wenig transparent.

Am Mittwoch sprengte sich ein Selbstmordattentäter im Mawud-Lernzentrum im vorwiegend von Schiiten bewohnten Westen der Stadt in die Luft. Dort bereiteten sich junge Leute, darunter viele Mädchen, gerade auf die zentrale Aufnahmeprüfung für die staatlichen Universitäten vor. [Nach neueren Meldungen sollen die meisten Toten Mädchen gewesen sein.] 34 Menschen wurden getötet, 56 weitere verletzt. Gestern übernahm der Islamische Staat (IS) die Verantwortung für diese Untat.

Persönliches Postskriptum: Auch eine Verwandte einer meiner afghanischen Kolleginnen kam bei diesem Anschlag um.

Der Kontext

Die Angriffe auf den Geheimdienst [hier gab es keine Bekennermeldung] und zuvor in Ghasni passen in die Vorgehensweise der Taleban. Afghanistans Streitkräfte sind für sie ein legitimes Ziel. Den Angriff auf Ghasni erklärte ein Talebansprecher am Dienstag als Machtdemonstration anlässlich von Gesprächen mit den USA. Washington hätte selbst angekündigt, die Taleban unter militärischen Druck setzen zu wollen. Man habe den Spies nun umgedreht. In der Tat trafen sich Anfang August nach sechsjähriger Pause US- und Talibanvertreter schon zum zweiten Mal diesen Sommer zu Sondierungen für Friedensverhandlungen. Eine weitere Runde in Usbekistan ist vorgesehen. Der IS griff zuletzt vor allem Schiiten und Bildungseinrichtungen an.

Die Taliban hingegen betrachten nach einer politischen Kehrtwende Bildung inzwischen als Staatsziel. Sie nennen sich Islamisches Emirat Afghanistan, denn sie sehen sich als rechtmäßige Regierung, durch externe Intervention unrechtmäßig von der Macht verdrängt. Nomen est omen: Auch der IS sieht sich als „Staat“.

Laut UN verzehnfachte sich die Zahl der zivilen Opfer in Kabul – dem Ziel regelmäßiger Abschiebungen aus Deutschland – von 2012 bis 2017 und stieg 2017 noch einmal um 13 Prozent. Tendenz 2018: weiter steigend. Das Uppsala Conflict Data Programberechnete die Zahl der Kriegstoten in Afghanistan seit 1989 jetzt auf 200,316.

Die Reaktionen

In Afghanistan herrschen Wut und Trauer, gerade wegen des Angriffs auf friedlich Lernende. Junge Frauen trugen Särge von Ermordeten durch die Straßen, eine neue Form des öffentlichen Protests. Auch die Regierung bekommt ihr Fett ab: Sie sei unfähig, ihre eigenen Bevölkerung zu schützen. Rücktritte werden gefordert. Es gibt böse Anschuldigungen aus der Hasara-Zivilgesellschaft, sie würde die schiitischen Hasara als Menschen zweiter Klasse und damit weniger schützenswert betrachten. Das allerdings scheint übertrieben. Die Regierung hat an sie Waffen verteilt, damit sie ihre Moscheen selbst bewachen können.

Die Konsequenz

Auch wenn es unlogisch – und für die Betroffenen zynisch – klingt: Friedensgespräche sind der einzige Ausweg aus diesem Dauerblutvergießen.

Thomas Ruttig

 

Schließlich zitiert mich auch dpa (hier im Stern abgedruckt) zu diesem Thema, wegen der besseren Verständlichkeit gegenüber dem Original leicht umgestellt:

„Es scheint in der Tat, dass die Taleban seit dem Waffenstillstand und ihrer Erklärung, stärker auf den Schutz von Zivilisten achten zu wollen, keine Selbstmordanschläge in Städten mehr durchgeführt haben“, sagt Thomas Ruttig vom Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network. Dahinter stehe die Strategie der Taleban, Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen und ihren Kampf gegen ausländische Truppen und ihre afghanischen Verbündete als legitim darzustellen, sagt Ruttig. Es sei es aber noch zu früh, dies abschließend zu bewerten. (…)

Experte Ruttig erinnert [aber auch] an einen Anschlag auf einen Geheimdienst-Konvoi in Kabul im Juli, bei dem auch Passanten betroffen gewesen sein sollen. „Das zeigt, dass [die Taleban] wie in der Vergangenheit auch zivile Opfer in Kauf nehmen, wenn sie eine militärische Notwendigkeit sehen“, sagt Ruttig.

 

PS/

Wer sich über die Schreibweise – manchmal Taleban, manchmal Taliban – wundert: Ich schreibe in der Regel Taleban (mit „e“), weil das der Aussprache näherkommt – Taliban mit „i“ kommt aus dem Englischen, und dort steht „i“ für ein kurzes „e“ (unser langes „i“ ist dort ja meist „ee“, wie in meeting). Im Deutschen wird das dann oft (man muss nur deutsche Radionachrichten hören) zu „Talieban“, und das möchte ich vermeiden. Die meisten Zeitungen verwenden trotzdem Taliban (mit „i“). Wenn ich hier meine für Zeitungen geschriebenen Artikel verwende, rutsch das „i“ manchmal durch.

Ähnliches gilt für „Ghazni“ oder „Ghasni“. Eigentlich wäre hier das „z“ besser, weil es für das stimmhafte „s“ im Original steht. Wir haben im deutschen halt nur ein „s“ (siehe „Sonne“ und „was“). Hier lasse ich das „z“ weg, um eine Aussprache wie „Gatzni“ zu vermeiden.

Und dann noch das „gh“, wie auch bei Afghanistan und Ghani: Da sist eigentlich ein scharfes „r“ (wie im französischen oder eigentlich ja auch im deutschen, „Restaurant“) und kein „g“. Dafür wird das afghanische „r“ eher gerollt…

 

 

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