Neue Menschenrechtschefin in Afghanistan/ Samar verlangt Veröffentlichung eines unterdrückten Berichts

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Schaharsad Akbar ist neue Vorsitzende der Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans (AIHRC). Am späten Mittwochabend ernannte Präsident Aschraf Ghani die 1987 in Aktscha in der Nordprovinz Dschausdschan geborene Zivilgesellschaftsaktivistin [usbekischer Ethnizität] zur Nachfolgerin von Sima Samar, inzwischen weltweit bekannt und – zum Beispiel mit dem Alternativen Nobelpreis – hoch geehrt. Das mit ihr aus neun Mitgliedern bestehende Gremium gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der ansonsten inzwischen weitgehend versandeten Demokratisierung des Landes.

Schaharsad Akbar. Quelle: Ettilaat-e Rus (Kabul)

 

Schaharsad Akbar, seit 2018 [mit Timor Scharan, Vizechef von Afghanistans Unabhängiger Verwaltung für Lokale Regierungsführung] verheiratet, ist gebildet, eloquent und äußerst sympathisch. Das kommt nicht von ungefähr. Im bescheidenen, aber bis unters Dach mit Büchern gefüllten Haushalt der Familie, nun in Kabul, saßen sie und ihre beiden Schwestern [Nur Dschahan, heute Schriftstellerin, und Rada, Fotografin und Künstlerin] – schon im Teenageralter belesen – mit Vater und Mutter. oft mit Gästen, beim Essen diskutierend zusammen, was selbst in fortschrittlichen afghanischen Familien eher selten ist. Vater Ismail Akbar war ein bekannter Linksaktivist, der zeitweise mit der Waffe, aber meist als Autor gegen die sowjetische Besatzung (1979-89) und für Demokratie kämpfte.

2011 erwarb Schaharsad Akbar als erste Afghanin einen postgradualen Titel in Oxford, einen Master in Entwicklungsstudien. 2012 stieß sie zur neuen Jugendbewegung Afghanistan 1400, [benannt nach dem ersten Jahr des neuen islamischen Jahrhunderts, das 2021 beginnen wird,] die die Dominanz der Patriarchen in der politischen Kultur des Landes zu durchbrechen suchte. Alle arbeiteten ehrenamtlich, auch sie als Vorsitzende – ein Fehler, wie sie dem Autor später sagte: damit käme man gegen Vollzeitpolitiker nicht an. 2014 wurde sie Landesdirektorin von Open Society Afghanistan, einem Ableger der Stiftung des Philantrophen George Soros. Drei Jahre später ging sie als Beraterin Ghanis für Entwicklungsfragen in die Politik, wurde 2018 Vizechefin des Nationalen Sicherheitsrates. Anfang Juli noch saß sie mit ihrem zweimonatigen Sohn in Katar an einem Tisch mit Taleban, um Verhandlungen zu einer Beendigung des 40 Jahre andauernden Kriegs in ihrem Heimatland auf den Weg zu bringen. Diese Position könnte politisch sogar einflussreicher gewesen sein als der AIHRC-Vorsitz.

Die Einrichtung der AIHRC war auf der Afghanistan-Konferenz 2001 in Bonn beschlossen worden. Sie soll dieMenschenrechtslage im Land überwachen, Verletzungen untersuchen und innerstaatliche Fachinstitutionen aufbauen. 2004 sorgte sie für Furore mit dem Bericht „Ein Ruf nach Gerechtigkeit“, Resultat einer landesweiten Untersuchung, der zufolge eine große Mehrheit der Bevölkerung einen Schlussstrich unter die Verbrechen der vorangegangenen Bürger- und Fraktionskriege ablehnte. Die Warlords wehrten sich und drückten im Parlament eine Amnestie durch. Unter Samar verlor die AIHRC in den letzten Jahren an Dampf. Nicht wegen ihr: Der damalige Präsident Hamid Karsai setzte ihr 2013 zwei Mullahs als Verhinderer in das Gremium, das auf Konsensbasis funktioniert.

Inzwischen sind auch Akbars acht andere Kollegen ernannt – alle sind neu, viele Menschenrechtler oder Juristen. [Neben Akbar sind drei weitere Mitglieder Frauen.] Nur einer ist Mullah, und zwar Schiit; die Schiiten sind in Menschen- und Frauenrechtsfragen oft liberaler als die Sunniten. Die AIHRC könnte also unter Akbar wieder mehr Dampf machen.

[Gleichzeitig ernannte Ghani Sima Samar zu seiner Sonderbeauftragten und Staatsministerin für Menschenrechtsangelegenheiten und internationale Beziehungen und verlieh ihr für ihre Verdienste eine hohe Auszeichnung.

Einen Tag nach ihrer Ablösung sprach sich Samar dafür aus, dass ein 2011 von der Kommission fertiggestellter Bericht, der Menschenrechtsverletzungen von 1988 bis 2001 dokumentiert und dessen Veröffentlichung sowohl Ex-Präsident Karsai als auch Amtsinhaber Ghani bisher verweigerten, endlich der Öffentlichkeit vorgestellt wird.]

Eine von der Redaktion redigierte Fassung, bei der dadurch einige Ungenauigkeiten entstanden sind, findet sich heute in der taz (online hier). Die in [eckigen Klammern] stehenden Passagen sind Ergänzungen und Aktualisierungen gegenüber dem für die taz geschriebenen Originaltext.

Simar Samar, die scheidende Vorsitzende des Unabhängigen Menschenrechtsorganisation Afghanistans (AIHRC)

 

Hier die anderen Mitglieder der afghanischen Menschenrechtskommission:

Assadullah Jussufi: religiöse Ausbildung in Scharia-Recht (Titel: Ajatollah) und Jura-Abschluss von der Universität Kabul. Leitet bisher eine Madrassa in Kabul.

Benafscha Jakubi: Politikwissenschaftlerin, bisher Sprecherin des Generalstaatsanwalts

Ajub Jussufsai: Dozent an der Fakultät für Recht und Politikwissenschaftenan der Balkh Universität, Masar-e Scharif

Sajed Ehsan Khaliq: Jurist und Politikwissenschaftler, bisher Abteilungsleiter für Arbeitsrecht im Arneitsministerium; zuvor Menschenrechtstrainer bei der AIHRC

Schabnam Salehi: Politikwissenschaftlerin und Juristin, bisher Dozentin an der Universität Kabul

Schukrullah Maschkur: Universitätsabschlüsse als Veterinär und für internationale Beziehungen; arbeitete bisher beim Afghanischen Anti-Korruptionsnetzwerk (AACN); zuvor ebenfalls Menschenrechtstrainer bei der AIHRC.

Muhammad Naim Nasari: Journalist; bisher Direktor der Menschenrechtsorganisation Civil Society and Human Rights Network (CSHRN)

Rasia Siad: Politikwissenschaftlerin und Juristin, bis 2017 bei einem US-finanzierten Programm im Justizsektor sowie in der Menschenrechtsabteilung des Justizministeriums

(Quellen: Hascht-e Sobh, Kabul, Pajhwok und AAN.)

 

Hier zwei Kurzbiografien mit mehr Details von Schaharsad Akbar (auf Englisch von 2019 und 2014):

Shaharzad Akbar

Deputy National Security Advisor on Peace and Civilian Protection, Afghanistan Government

Shaharzad Akbar is currently Senior Advisor to National Program on Culture and Creative Economy with UNESCO Afghanistan. She was Senior Advisor to Afghan President on High Development Councils (August 2017-August 2018) and in this capacity, coordinated the prioritization of development projects and programs for high level decision-making. Prior to this, Shaharzad was Country Director for Open Society Afghanistan (Sep 2014-July 2017), a non-profit that supports Afghan civil society and media in building a vibrant and tolerant society. Before this, Shaharzad was partner and chief operating officer with QARA Consulting, a firm owned and run by young Afghans in Kabul which she co-founded in 2010, an analyst for the Free and Fair Elections Foundation and a journalist for BBC Afghanistan. Shaharzad completed an MPhil at Oxford University as a Weidenfeld scholar in 2011; previously she obtained her BA (cum laude) in anthropology from Smith College in the U.S. Shaharzad’s writing has appeared in international and Afghan media including Newsweek and Al Jazeera, and academic journals. Based in Kabul and an active tweeter and writer, Shaharzad engages on issues related to her country and her generation. Currently, she is also an adjunct instructor with the American University of Afghanistan. In 2017, she was selected by World Economic Forum as Young Global Leader.

 

Shaharzad Akbar

Development Studies (MPhil), 2011
Wolfson College, Oxford

The first Afghan women to do postgraduate studies at Oxford, Shaharzad completed an MPhil in Development Studies in 2011 with the aim of making a sustainable and significant impact on education and economic empowerment in Afghan society.

She wants to complement her practical experience with the necessary analytical framework to assess the areas of Afghanistan where NGO work is less effective or lacking altogether. Shaharzad has worked on projects with several high profile organisations, including  Human Rights Watch, UNIFEM and the Afghan-Pak Joint Peace Jirga. She has also been developing journalistic skills, writing for a number of Afghan publications, and reporting for BBC Dari.

Shaharzad is currently Country Director,  Open Society Afghanistan, Open Society Foundations and a Chairperson of the civic and political movement Afghanistan 1400,  a youth-led political movement  to mobilize youth around democratic values and an idea of Afghanistan as a united country.

Hier ein weiteres, sehr aussagestarkes Foto von Schaharsad Akbar in der taz.

 

 

 

 

 

 

 

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