Kommentiert: Wie sinnvoll ist die Bundeswehr-Ausbildungsmission in Afghanistan?

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Am 23.8.17 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine ausführliche, äußerst aufschlussreiche Reportage über die Rolle der Bundeswehr-Ausbilder und -berater bei den afghanischen Streitkräften unter der NATO-Mission “Resolute Support”. Titel des Artikels von Joachim Käppner: “Innere Mission” (hier zu lesen).

Der Artikel zeigt, dass die deutschen Berater von der afghanischen (auch der militärischen) Wirklichkeit weitgehend isoliert sind. Sie können vor allem nicht überprüfen, welche Früchte ihre Beratung in der praktischen Tätigkeit der afghanischen Streitkräfte überhaupt trägt. Sie müssen sich aus zweiter Hand informieren und auf die Angaben der US-Amerikaner, die näher am Geschehen sind, und der Afghanen verlassen.

Bundeswehr-Berater bestücken ein afghanisches Kampfflugzeug mit Waffen: das leichte Kampf- und Unterstützungsflugzeug „Super Tucano“. Quelle: Bundeswehr/PAO NCO TAAC N, hier

 

Hier zunächst einige Kernaussagen des Textes aus der SZ: 

[… W]eil die Lage in Kundus so brenzlig ist, sind die Deutschen 2015 an den Brennpunkt von damals zurückgekehrt: sieben Berater und gut 50 Mann Tross, die Beschützer, Techniker, Dolmetscher. […]

Die Deutschen in Kundus sind an [den dortigen] Kämpfen nicht beteiligt, sondern bloß Berater der afghanischen Armeeführung. Im Militärdenglisch heißen sie „Adviser“. Was sie von Kundus sehen, beschränkt sich im Wesentlichen auf das kleine deutsche Feldlager „Camp Pamir“, etwa 100 mal 100 Meter groß. […] Zehntausend Quadratmeter Kundus. Viel mehr bekomm[en sie] nicht zu Gesicht von Stadt und Provinz. Undenkbar, in die Stadt zu fahren oder gar zur ANA ins Gefechtsgebiet.

Die Deutschen und nebenan die Amerikaner befinden sich mitten im Hauptquartier der 20. Division der ANA, der afghanischen Armee, und sind doch streng abgeschirmt. Das deutsche Lager ist Sperrzone, gesichert durch Stacheldrahtrollen, Tore, bewaffnete Posten auf Betontürmen, die Fenster mit Sandsäcken verbarrikadiert. Auch die afghanischen Offiziere dürfen nicht hinein. 

Der deutschen Öffentlichkeit ist wenig bewusst, dass noch immer etwa 980 Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan Dienst tun; die meisten in Masar-i-Scharif, der größten Stadt des Nordens. Kundus ist nur ein Außenposten. Die 12 000 Mann starke Nato-Mission „Resolute Support“, völkerrechtlich legitimiert durch die UN, hat den Auftrag, die afghanischen Regierungsstreitkräfte zu beraten und ihren Aufbau zu unterstützen. [… W]eiterhin sind die Deutschen drittgrößter Truppensteller, nach den USA und Italien, und wie früher zuständig für den Norden. […]

Besucht der Chefberater in Kundus, ein Oberst, den afghanischen Divisionskommandeur, begleiten ihn schwer bewaffnete und aufmerksame deutsche Panzergrenadiere der „Force Protection“. Sie tragen kugelsichere Westen, Helme, Munition, Funkgeräte und sichern ihren Mann, als gehe er hinaus in eine Kampfzone, dabei überquert der Oberst nur den Hof von Camp Pamir, nimmt den Fußweg durch das Areal der Amerikaner, die lässig grüßen. […]

Ob jemand seinen Rat beherzigt, davon kann er sich nicht aus eigener Anschauung überzeugen. Und beraten wird nur die Führungsebene der afghanischen Armee, nicht das einzelne Bataillon, das irgendwo da draußen gegen die Taliban kämpft. [… Aber:] „Die afghanischen Streitkräfte werden noch Jahre auf Hilfe von außen angewiesen sein“, sagt der deutsche Oberst Peter Utsch, ein Top-Advisor der Bundeswehr in Masar-i-Scharif.

Wenn [Brigadegeneral] Bodemann[, der Kommandeur der deutschen Resolute-Support-Mission im Nato-Feldlager Masar-e Scharif] eine Lehre mitnehmen wird, dürfte diese zu Hause nicht sehr populär sein. Er glaubt, dass die Obergrenze von 980 Soldaten „zumindest aktuell leider nicht ausreicht, um so intensiv zu beraten, wie ich es mir wünschen würde. Wir müssten auch die unteren Führungsebenen erreichen, bis in die Bataillone hinein.“ Das aber erlaubt das deutsche Mandat nicht. Eine interne Studie der Resolute-Support-Mission hält ebenfalls deutlich mehr Berater für nötig.

Bislang ist der August in Kundus ruhig geblieben. Ob die Spätsommer-Offensive der Taliban wirklich kommt? Der junge Offizier, der hier in der ersten Nacht von Mörserfeuer erwachte, sieht das fatalistisch: „Wenn das passiert, gehe ich rüber auf die afghanische Seite und advise meinen Ansprechpartner. Dann hört er vielleicht auf mich, oder er lässt es bleiben.“

 

Wie gerade auch die letzte Bemerkung zeigt, wirft der Text die Frage auf, wie wirkungsvoll die deutsche Rolle bei der Ausbildung in den letzten Jahren war, zur Zeit noch ist und ob es sich um mehr als nur Symbolpolitik handelt, nämlich über die Anwesenheit von Beratern, Ausbildern und anderen Soldaten zu signalisieren, dass Deutschland Afghanistan weiter unterstützt – auch um den Preis, dass dies kaum praktische Auswirkungen hat.

Diese Frage stellt sich insbesondere, da immer augenfälliger wird, dass die regulären afghanischen Streitkräfte (also Nationalarmee und –polizei, ANA und ANP), von Ausnahmen abgesehen, ihren Auftrag nicht erfüllen und die afghanische Führung und ihre ausländischen Verbündeten zu Zusatz- bzw Ersatzlösungen greifen. Und das trotz einer Gesamtstärke von 336,000 Mann (nur etwas über 1 Prozent sind Frauen) –180,000 in der ANA und 156,000 ANP.

In diesen Tagen wird deshalb in Afghanistan mindestens die sechste Auflage des Aufbaus irregulärer und semi-regulärer Streitkräfte („Milizen“) seit 2001 umgesetzt. Dazu mehr in meinem nächsten Beitrag hier auf Afghanistan Zhaghdablai.

Zur offiziellen Darstellung des Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan unter Resolute Support hier entlang.

 

Nachtrag:

Außerdem enthält der Artikel einen erheblichen Fehler sowie einige Ungenauigkeiten. V.a. der erste Punkt hat mich dazu bewogen, den Artikel zu kommentieren:

  • der Bericht von amnesty international über „Morde an Hebammen, Gruppenvergewaltigungen“ bei der zeitweiligen Besetzung Kundus‘ 2015 haben sich als falsch erwiesen. Örtliche Informanten haben da offenbar mitgeholfen, ungeprüft Gerüchte (oder psychologische Kriegführung) zu veebreiten. Nach meinen Informationen hat amnesty auch nur von fern recherchiert. „Erschießungen nach Todeslisten“, ebenfalls fraglich. Ja, die Taleban haben v.a. Angehörige der bei ihnen verhassten ALP umgebracht, die nach unseren Maßstäben hors de combat waren, und auch das Haus eines ihrer Anführer niedergebrannt. Da gibt es eine gewisse Systematik, aber wie weit das ging, ist unklar;
  • „Als die Taliban und Terroristen des IS Anfang August ein Massaker in einem schiitischen Dorf bei Sari-i-Pol anrichteten“ – siehe meine Kommentare dazu hier; Fazit: es gab keine gemeinsame Aktion von IS und Taleban;
  • es waren nicht die Taleban, sondern „belgischen Araber“ (wohl mit al-Qaeda verbunden.), die 2001 – zwei tage von 9/11 – Ahmad Shah Massud umgebracht haben – was der Autor von einem seiner afghanischen Quellen gehört hat, zeigt uns, wie (wenig) verlässlich viele Angaben aus dieser Richtung sind;
  • mathematisch stimmt das: „Mindestens ein Drittel der Region um Kundus ist umkämpft oder in der Hand der Islamisten“ – allerdings: umkämpft ist fast die gesamte Provinz Kunduz, mehrere Distriktzentren haben in den letzten zwei Jahren mehrmals die Herren gewechselt; in mindestens der Hälfte der Distrikte halten die Taleban ca 50-80% des Territoriums; sie sitzen selbst nach wie vor in der Vororten der Provinzhauptstadt – und noch ist die „Kampfsaison“ für dieser Jahr nicht vorbei;
  • „Die ANA hält im Norden alle Provinzhauptstädte und die Überlandstraßen“ – ja, meistens und manchmal gerade so, von den regelmäßigen Unterbrechungen der Straßen abgesehen, z.b. Kundus-Khanabad (innerhalb der Provinz), Maimana-Shiberghan (weiter westlich), Pul-e Chumri-Kundus (v.a. im Distrikt Baghlan-e Jadid im Norden), der Belagerung (und zeitweiligen Einnahme) mehrerer Distrikte in der Provinz Dschausdschan, wo auch die Provinzhauptstadt Maimana bedroht ist (die 2016 beinahe wie Kundus von den Taleban erobert worden wäre), den immer wieder aufflackernden Kämpfen in den Vororten der Provinzhauptstadt Pul-e Chumri (Baghlan);
  • „die Regierungssoldaten jagten den Gegner aus einem ganzen Distrikt heraus. Dabei kamen angeblich 300 Taliban ums Leben“ – solche Zahlen sind meist stark übertrieben, denn normalerweise läuft es so: die afghanische Armee greift an, die Taleban ziehen sich zurück, die Armee meldet: „Gesäubert!“ und zieht wieder ab; die Taleban kommen zurück.

Lustig auch (und so realistisch) der deutsche Oberst: Es bestehe ein „Patt“, aber „Wir erzielen stetig kleine Fortschritte“. Also doch keine Patt, oder was? Zu diesem Begriff – ein zentrales Theorem der asyl-und abschieberelevanten Sicherheitseinschätzung der Bundesregierung, demnächst mehr.

 

 

 

 

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