Taliban wollen alle „weltlichen“ Gesetze abschaffen und „unberechtigte“ Kritik unterbinden

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Hier als Nachtrag zwei neue Erklärungen bzw. Anordnungen der Taleban. Ich hatte bereits berichtet, wie die Taleban auf ihrer Großen Versammlung der Geistlichkeit Anfang Juli in Kabul die Weichen hin zu einem islamischen Gottesstaat gestellt haben, sowie auf vorausgegangene Maßnahmen hingewiesen (hier und hier). Dies sind weitere Schritte dazu.

Taleban-Führer: Alle „Nicht-Scharia“-Gesetze der letzten 20 Jahre werden abgeschafft

Ebenfalls Anfang Juli richtete Taleban-Chef Hebatullah Achundsada seine Botschaft zum bevorstehenden Id-al-Adha-Fest an die Bevölkerung des Landes – und indirekt auch an die Welt. Über einen wichtigen Aspekt darin berichtete die afghanische Online-Zeitung Ettelaat-e Ruz. Hier ein Auszug aus dem Bericht (meine Übersetzung aus dem Dari):

Mullah Hebatullah Akhundzadeh, der Anführer der Taleban, betonte, dass in Zukunft ein vollständig islamisches System im Land errichtet und alle „Nicht-Scharia“-Gesetze, die während der Amtszeit der Präsidenten Hamid Karzai und Ashraf Ghani verabschiedet und durchgesetzt wurden, abgeschafft werden.

Der Korrespondent von Ettelaat-e Ruz in Kandahar sagt, dass Achundsada diese Aussagen heute (am 9. Juli) in der Idgah-Moschee dieser Provinz gemacht hat. Ihm zufolge hat der Anführer der Taliban erneut eine Rede mit dem Rücken zum Volk gehalten, und niemand habe sein Gesicht gesehen. [Es wurde nicht klar, ob der Taleban-Chef anwesend war und „mit dem Rücken zum Volk“ bildlich oder wörtlich gemeint war. Oft war es Taleban-Praxis, Audio-Botschaften Hebatullahs abzuspielen.]

Mullah Hebatullah sagte in seiner Rede, dass der Schutz des Taleban-Systems nicht nur die Pflicht dieser Gruppe sei, sondern die Pflicht aller Menschen in Afghanistan.

Er betonte, dass die Menschen das Taleban-System unterstützen und die Scharia-Gesetze einhalten sollten: „Die Beamten [der Taleban-Regierung] stehen unter einer Prüfung und Verantwortung, und die breite Öffentlichkeit sollte kooperieren.“

Hier eine gesonderte Taleban-Erklärung vom 27. Juli 2022 zum Thema Gesetze im Original.

In derselben Id-Botschaft werden die Taleban-Kämpfer noch einmal aufgefordert, die verkündete Amnestie für Angehörige der früheren Regierung zu respektieren.


Taleban wollen Kritik unterbinden

Die im Land weiterarbeitende Nachrichtenagentur Pajhwok berichtete am 23. Juli 2022, dass der Taleban-Chef „falsche Anschuldigungen“ und „unbegründete Kritik“ an die Adresse von Geistlichen und Funktionsträgern des Islamischen Emirats „verboten“ habe. Hebatullah habe mehrere Hadithe des Propheten Muhammad zitiert, denen zufolge falsche Anschuldigungen Lügen und somit strafbar seien.

Laut einer Taleban-Erklärung zu der Leitlinie (hedayat) sei es „unangebracht“, religiöse Gelehrte und Taleban-Offizielle „verbal oder anderweitig zu beleidigen“. „Falsche Anschuldigungen“ und „unbegründete Kritik“ seien „nicht schariagemäß“ und „laufen auf unwissentliche Kooperation mit dem Feind“ hinaus. „Öffentlicher Klatsch und Gerüchtemacherei haben keinen Platz für Gerüchte im Islam, weil sie zum Hass unter den Muslimen führen, ihren Glauben zerstören und ihre Entschlossenheit schwächen”.

Diese Leitlinie wurde am 21. Juli vom Büro des Taleban-Sprechers verbreitet. Sie enthält folgende Liste zu bestrafender Handlungen:

•          “Verwaltungsangestellte und jene, die der Öffentlichkeit dienen, anzugreifen” 

•          “Ulema und Regierungsangestellte in einer Art zu beleidigen, die unangebracht ist, in Worten oder anderweitig, z.B. wird körperliche Angriff auf Soldaten, ihnen die Kleider zu zerreißen und sie zu beleidigen bestraft sowie mit einer Geldstrafe für die beschädigte Kleidung belegt”

•          “Richter zu beleidigen oder Gerichtsverhandlungen zu stören”

Zum Schluss der Erklärung heißt es: “Diese Verbrechen sind strafbar, aber Vergebung ist besser.” Diese Anweisung sei verbindlich „für alle Mitbürger, Mudschahedin und die Medien.“