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English summary: Tomorrow (on 29 September), the presidency of Hamed Karzai comes to end, after, first, almost three years as interim head-of-state, followed by two terms as elected Afghan president. During this time, he changed from an ally oft he US into a strong critic, mainly related to US kill-or-capture operations and killing of civilians, too long denied altogether, but also with a strong populist strain to it. Control over channels of contacts with the Taleban also became a mutually contentious issue, as opponents and critics blamed him for failing to make up his minds whether the Taleban were “terrorists” or “misguided brothers”. But the often-used label for Karzai – „the mayor of Kabul“ – has long been outdated, if it ever was true. Karzai has widened his grip over the whole country by his strategy of co-opting and dividing the political opposition, ending ruling the country, but nor governing it well. With a collection of Karzai portraits, interviews, an other articles and links (by Thomas Ruttig).

Der junge Karzai als Dolmetscher für Pir Gailani

Der junge Karzai als Dolmetscher für Pir Gailani

 

Morgen (am 29.9.2014) geht die Präsidentschaft Hamed Karzais zu Ende. Dann werden sein Nachfolger Ashraf Ghani und dessen zwei Vizepräsidenten in ihre Ämter eingeführt, der afghano-usbekische Warlord Abdul Rashid Dostum (auch hier) und der Hazara-Politiker Muhammad Sarwar Danesh, ein Jurist und früherer Justizminister.

Karzai, geboren 1957 im Dorf Karz bei Kandahar, das der Familie ihren Namen gab, war zunächst fast drei Jahre lang interimistisches (d.h. nicht gewähltes) Staatsoberhaupt, ernannt auf der Bonner Afghanistan-Konferenz Ende 2001. Am 22. Dezember 2001 wurde er in Kabul in sein Amt eingeführt. Wie diese Zeremonie vonstatten ging, beschrieb deutlich, wie schwach seine Position damals noch war: die Politiker der Nordallianz, die Karzai in Bonn als Präsidenten vorschlugen (sie dachten wohl, wegen seiner fehlenden Hausmacht wäre er ein leicht manipulierbares paschtunisches Feigenblatt) und die Schlüsselpositionen Verteidigung, Inneres, Äußeres, NDS und Präsidentenbüro in seinem ersten Kabinett besetzten, spielten entgegen den Abmachungen nicht die alte Hymne des Landes, sondern die des von ihnen beherrschten Islamischen Staates Afghanistan (ISA).(1) Einer der traditionallen ISA-Führer, Ismail Khan, der Gouverneur Herats, brüskierte Karzai durch dreistündig verspätetes Erscheinen.

2004 wurde Karzai zum Präsidenten gewählt – nicht ohne Streit; alle Gegenkandidaten akzeptierten seinen Sieg im ersten Wahlgang erst nach erheblichen Protesten und unter Überredungen vor allem seitens der US-Regierung – und 2009 in das Amt wiedergewählt. Im Laufe der Jahre wandelte er sich vom Verbündeten des Westens (die US-Regierung tat viel für seine Wahl und Wiederwahl) in dessen Kritiker, so dass vor der Wahl 2009 das damals noch nicht gewählte Obama-Team nach Alternativen suchte, was Karzai natürlich nicht verborgen blieb und das gegenseitige Verhältnis dauerhaft belastete. Er kritisierte – mit populistischen Untertönen – die USA vor allem wegen ihren eigenmächtigen Kill-und-Capture-Strategie gegen die Aufständischen, der oft genug Zivilisten zum Opfer fielen; auch Verwechslungen kamen vor. Allerdings ließ sich Karzai weiterhin von der Militärmacht der USA und ihrer Verbündeten schützen, und Opponenten und Kritiker hielten ihm vor, sich nicht entscheiden zu können, ob die Taleban “Terroristen” seien oder “fehlgeleitete Brüder”.

Der Konflikt Kabul-Washington fand seinen Höhepunkt, als sich Karzai in diesem Jahr weigerte, ein bereits 2012 prinzipiell vereinbartes Abkommen über die künftige bilaterale „strategische Zusammenarbeit“ mit den USA und ein Truppenstationierungsabkommen (sog. SoFA) mit der NATO zu unterzeichnen. Das sollte die Grundlage für die künftige NATO-Militärmission im Lande, in nachfolge von ISAF bilden; sie soll aus einer Ausbildungskomponente für die afghanischen Streitkräfte sowie zahlenmäßig kleinen Anti-Terror-Einheiten aus mehreren NATO-Ländern und Verbündeten bestehen. Karzai hatte in seiner Weigerung sogar ein Votum einer sogenannten – und in dieser Bezeichnung in sich widersprüchlichen – „beratenden Loya Jirga“ überstimmt. Der neue Präsident Ghani hat zugesagt, das Abkommen bald zu unterzeichnen.

Das auch in der letzten Tagen wieder in den Medien aufgetauchte Attribut von Karzai als „Bürgermeister von Kabul“ entsprach aber schon längst nicht mehr den Gegebenheiten – falls es je gestimmt hat. Durch seine geschickte Politik des Einbindens und dadurch der Spaltung der inneren politischen Opposition (im Gegensatz zu der bewaffneten Opposition der Taleban und weiterer, kleinerer Gruppen) erweiterte er geschickt seinen Einfluss über das gesamte Land. Alle wichtigen Ernennungen lagen letztlich in seiner Hand, so dass er die Administration des Landes und die meisten Institutionen relativ effektiv kontrollierte, auch in der Provinzen. Ein gutes Beispiel dafür ist sein Verhältnis zum mächtigen Gouverneur der Provinz Balkh, Atta Muhammad, der 2009 (wie dann auch 2014, aber da war es durch Karzais Abgang weniger gefährlich für ihn) offen Karzais Gegenkandidaten Abdullah unterstützte und – ohne seine staatliche Funktion niederzulegen – auch auf Wahlpostern mit ihm auftauchte. Das kostete ihn beinahe seinen lukrativen Job; nur ein Canossa-Gang nach Kabul bewahrte ihn davor. Der Begriff des Jongleurs beschreibt deshalb die Vorgehensweise und Person Karzais besser.

Die Schattenseite davon: Ämterverteilung und Machterhalt (ruling) gewannen Priorität darüber, dass eine Regierung zumindest die Grundbedürfnisse der Bevölkerung befriedigen muss (governing) – um einen vor verbreiteten südasiatischen Slogan zu verwenden: kar, kor, dodey (Arbeit, Behausung, Brot). Doch Karzai bevorzugte seine chronies für wichtige Positionen, auch wenn sie sich nicht für die Regierungsführung eigneten. Ein schlagendes Beispiel dafür war der langjährige Gouverneur und starke Mann der Provinz Uruzgan (wo Karzai nach 9/11 seine Kleinrevolte gegen die Taleban startete, die ihn später für das Präsidentenamt qualifizierte) – Jan Muhammad, ein enger Vertrauter seines im Juli 1999 ermordeten Vaters Abdul Ahad.

Karzai stellte sich auch nicht der Warlordisierung in seiner eigenen Familie entgegen, deren Ausdruck insbesondere sein jüngerer, ebenfalls ermordeter Halbbruder Ahmad Wali Karzai war, der mit einem undurchsichtigen Geflecht von unkontrollierten und (wegen ihrer Zusammenarbeit mit der CIA) unkontrollierbaren Milizen zum Statthalter des afghanischen Südwesten, auch Loy (Groß-)Kandahar genannt, obwohl er offiziell nur Vorsitzender der (in anderen Provinzen recht machtlosen) gewählten Provinzrates war. Das verband sich mit Wirtschaftsinteressen, die von anderen der insgesamt sieben Karzai-Brüder kontrolliert wurden und werden.

Karzai-Wahlplakat 2009 in West-Kabul. Foto: Thomas Ruttig

Karzai-Wahlplakat 2009 in West-Kabul. Foto: Thomas Ruttig

 

Auf diese Weise organisierte Karzai auch seine von massiven Fälschungen begleitete Wiederwahl 2009, als seine Anhänger landesweit Wähler zur ‚richtigen’ Stimmabgabe bewegten (durch Präsenz gleich neben den Wahlurnen und andere Formen von Druck) oder gleich massenhaft selbst Wahlurnen ‚stopften’ (beschrieben u.a. hier; mehr zu den Methoden der Kandidatenfindung hier).

... und eines mit Zusatz. Foto: Thomas Ruttig

… und eines mit Zusatz. Foto: Thomas Ruttig

 

Wenig erforscht und in einigen Details erst durch das jüngst veröffentlichte Buch der niederländischen Journalistin Bette Dam (meine Rezension hier) bekannt geworden ist Karzais Werdegang, bevor er Präsident wurde. Nach seinem Studium in Indien schloss er sich – im Schatten seines Vaters, der zum royalistischen Rom-Gruppe gehörte und vor 1973 stellvertretender Parlamentspräsident (also auch gewählter Abgeordneter) gewesen war – dem afghanischen Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer (1978-89) an, aber nicht als Kämpfer, sondern als fixer; mit damals raren Englisch-Kenntnissen ausgestattet, erarbeitete er sich Kontakte zur US-Botschaft und organisierten verschiedenen Mudschahedin-Organisationen Zugang zu dieser. Formal gehörte er kleinen Nationalen Befreiungsfront Afghanistans (ANLF), geführt von Sebghatullah Mojaddedi an, der nach dem Sturz Najibullahs 1992 für drei Monate Afghanistans erster Mudschahedin-Interimspräsident war. Unter ihm diente Karzai mehrere Monate lang Vizeaußenminister. (Nach seiner offiziellen Biografie waren es jedoch zwei Jahre; dann sei er zurückgetreten.)

Zurück auf die politische Bühne, nun als Schlüsselfigur seines Landes, trat er mit einem Telefonanruf zur Bonner Afghanistan-Konferenz im November 2001, vermittelt von US-Sondereinheiten, die ihn in seinem Kampf gegen die Taleban direkt unterstützten.

 

(1) ISA begann mit dem Sturz Präsident Najibullahs 1992 und existierte bis zum Einzug der Taleban in Kabul 1996. Formal dauerte ISA bis 2001 an, war aber auf Restterritorien im Nordosten des Landes beschränkt; die ISA-Regierung unter Präsident Burhanuddin Rabbani behielt aber Afghanistans UN-Sitz.

 

Karzai mit zentralasiatischen Staatschef

Karzai mit zentralasiatischen Staatschef

 

Im folgenden ein Linksammlung zu einigen der wichtigsten Artikeln über Karzai:

 

  • Karzai listet seine Besitztümer auf (Guardian, 20.6.2010)
  • „After Karzai“, von Mujib Mashal, ein rarer Portrait Karzais von einem afghanischen Journalisten (The Atlantic, 23.6.2014)
  • ein Skandal-Porträt (engl.), das Karzais Ärger hervorrief und insbesondere sein Verhältnis zur New York Times auf Dauer belastete: „Karzai in His Labyrinth” von Elizabeth Rubin im New York Times-Magazin, 9.8.2009
  • mit ähnlicher Wirkung: „Karzai’s Paranoid World” von Christina Lamb auf dem Blog The Daily Beast (18.9.2009)
  • weiter auf Englisch:
  • „What is driving Hamid Karzai?“, ein eher wohlwollender Erklärungsversuch über den späten Karzai vom früheren UN-Sonderbeauftragten Kai Eide (Foreign Policy, 13.3.2014)
  • „A method to Karzai’s madness“, vom preisgekrönten Journalisten Matthieu Aikins im New Yorker 22.11.2013 – allerdings wäre das Wort “madness” in Anführungsstrichen dem Inhalt besser gerecht geworden
  • und hier die Meinung eines früheren US-Botschafters bei den Mudschahedin, Peter Tomsen: „Hamid Karzai, crafty or crazy?”, in der Pittsburgh Post-Gazette, 28.12.2013
  • schließlich ein Porträt des Time-Magazins: „Loneliness of Afghan President: Karzai on his own” von Aryn Baker, 5.6.2012
  • wieder auf Deutsch: „’Selber Hasardeur!’ Der afghanische Präsident Karzai entlässt inhaftierte Taliban und hat dafür gute Gründe“, von der Leiterin des Kabuler FES-Büros Adrienne Woltersdorf über Karzai und die Taleban
  • “Hamid Karzai’s cozy history with Taliban” von Sarah Chayes – eine ganz andere Perspektive auf das selbe Problem von einer früheren Verbündeten (die Autorin arbeitete bei einer von der Karzai-Familie gegründeten NGO in Kandahar), Los Angeles Times, 9.2.2014)
  • Hamed Karzai und sein Verhältnis zur Hezb-e Islami: “Hekmatyar’s never-ending Afghan war” auf al-Jazeera (28.1.2012), wieder von Mujib Mashal
  • über Spekulationen, Karzai wolle a) im Amt oder b) zumindest im Hintergrund mächtig bleiben: “Karzai Is Planning to Be There for a Successor. Right There”, New York Times (5.10.2013:) sowie im britischen Telegraph (12.10.2013)
  • im Gegensatz dazu eines von Karzais zahlreichen Interviews, in denen er sich einen langen Urlaub wünscht: „Searching for peace and pomegranate juice with Afghanistan’s president”, von Evgeny Lebedev, im Standard (GB), 18.10.2013
  • „Afghanistan’s First Lady“, warum Karzais Frau, die Kinderärztin Zeenat Karzai, so selten öffentlich zu sehen ist, von der afghanischen Journalistin Malali Bashir (Foreign Policy, 27.3.2014)
  • die Karzai-Familie und ihre Landstreitigkeiten in Kandahar: “Karzai Brothers Patch Up Property Dispute” von Yaroslav Trofimov im Wall Street Journal
 (16.8.2013) und hier: „As U.S. Pulls Out, Feuds Split Afghanistan’s Ruling Family: Infighting Among Karzai Clan Underlines Country’s Challenge as Transition of Power Looms“, ebenfalls im Wall Street Journal (1.7.2013) sowie hier: „Intrigue in Karzai Family as an Afghan Era Closes” wieder von James Risen, New York Times 
(3.6.2012:) und nochmal von ihm: „Afghan Killing Bares a Karzai Family Feud”, New York Times (20.12.2009)
  • ein Porträt Ahmad Wali Karzais: „Ahmed Wali Karzai, an ally and obstacle to the U.S. military in Afghanistan” in der Washington Post von Joshua Partlow (13.6.2010) und ein weiteres hier: „Reports Link Karzai’s Brother to Heroin Trade”, nochmal James Risen von der New York Times (4.10.2008)
  • ein Porträt Mahmud Karzais: „Another Karzai Forges Afghan Business Empire” vom selben Autor, NYT (5.3.,2009) und überihn in den Wikileaks
  • schließlich die Geschichte eines Karzai-Vertrauten, der in einem geheimen CIA-Gefängnis sterben musste: AP, 6.4.2010

 

Historical photo of the Karzai family: the seven (half-)brothers, with the outgoing president standing (2nd from right) and his assassinated father sitting, 2nd from right. Photo found on twitter

Historical photo of the Karzai family: the seven (half-)brothers, with the outgoing president standing (2nd from right) and his assassinated father sitting, 2nd from right. Photo found on twitter

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