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Im folgenden ein Überblick über drei meiner letzten externen Publikationen, d.h. außerhalb von AAN, bei Orient, INAMO und für die Tony Blair Faith Stiftung in London.

Der Mantel des Warlords als Platzhalter, auf der Emergency Loya Jirga 2002. Photo: Thomas Ruttig

Der Mantel des Warlords als Platzhalter, auf der Emergency Loya Jirga 2002. Photo: Thomas Ruttig

 

In einem Artikel für die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift INAMO des Berliner Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten habe ich das Phänomen der afghanischen “Warlords”, ihren historischen Kontext und ihre Evolution betrachtet. Ich habe den Begriff in Anführungszeichen gesetzt, da er in seiner reinen Form nur in wenigen Fällen sowie über historisch extrem kurze Zeiträume existierte. Die afghanischen Warlords waren ein Result der bewaffneten Konflikte, die in den 1970er Jahren ausbrachen. Nach den zehn Jahren sowjetischer Okkupation und nachdem die russische Jelzin-Regierung ihre Unterstützung für das Regime von Präsident Najibullah (1986-92) einstellte, hatte in Kabul eine zerstrittene Koalition aus Mujahedin-Parteien die Macht übernommen und das Land in eine neue Runde des Krieges, nun interfraktionellen Charakters, geführt. Dabei zerbrach es in die Einflussbereiche verschiedener Mujahedin-Führer und –Kommandanten, von denen einige wenige (Dostum, Ismail Khan und teilweise Ahmad Shah Massud) territoriale Kontrolle und weitgehende finanzielle Unabhängigkeit erreichten. Diese Erscheinung endete allerdings schnell mit dem Sieg der Taleban um 1996. Die Warlords büßten zwar ihre Funktion ein, überlebten aber als politische und Milizenführer und kehrten als Alliierter der westlichen Truppen zurück, die 2001 das Taleban-Regime beseitigten. Heute sind sie in Afghanistans politischer, wirtschaftlicher und Sicherheitsarchitektur fest verankert.

Artikel in deutscher Sprache. Der vollständige Text hier.

Thomas Ruttig: „Die an den Hebeln sitzen. Genese und Zukunft der ‚Warlords’ in Afghanistans neuer Oligarchie“. In: INAMO, Heft Nr. 78, Jahrgang 20, Sommer 2014

(vollständiges Heft nur im Druck, Bestellung hier)

 

Malang in einem Ziarat bei Kandahar. Foto: Thomas Ruttig (2005)

Malang in einem Ziarat bei Kandahar. Foto: Thomas Ruttig (2005)

Für die Londoner Tony Blair Faith-Stiftung habe ich das Verhältnis zwischen islamischer Religion und Politik in Afghanistan analysiert, quer durch die Modernisierungskonflikte des 20. Jahrhunderts bis in die verschiedenen Phasen der bewaffneten Konflikte seit den 1970er Jahren. Vor der sowjetischen Besatzung, so meine These, war Afghanistan religiös-konservativ, mit liberalen städtischen Enklaven, aber wenig einflussreichen Islamisten. Wiederholter bewaffneter Widerstand gegen die Modernisierungsversuche, geführt von konservativen religiösen und Stammesakteuren, stärkten den islamischen „Klerus“ sowie islamistische Gruppen auch in ihrer politischen Rolle und machten sie (wieder) zu Machtfaktoren. Sie übernahmen die Führerschaft im anti-sowjetischen Kampf. Dieser veränderte die Zusammensetzung der nationalen Eliten. Die Rolle von Religion wurde prominenter, als Mittel der Selbstidentifikation gegen die Okkupanten. Später, unter den Taleban, stiegen auch die Mullahs auf, wurden zu „Transmissionsriemen“ der Talebanherrschaft die Augen und Ohren des Regimes. Heute wird Afghanistans politische Sphäre von einer Gruppe überlebender Mujahedinführer dominiert – die sich jetzt selbst „Jihadi-Führer“ nennen – die, zusätzlich auf wachsende wirtschaftliche Macht gestützt, einem Machtmonopol nahegekommen sind.

Thomas Ruttig, Situation Report: Religion in Afghanistan. Tony Blair Faith Foundation, London 2014.

Zum englischen Volltext hier.

 

Jihadi-Führer (erste Reihe links: Mohseni, rechts: Sayyaf) bei der Constitutional Loya Jirga 2003. Foto: Thomas Ruttig

Jihadi-Führer (erste Reihe links: Mohseni, rechts: Sayyaf) bei der Constitutional Loya Jirga 2003. Foto: Thomas Ruttig

Für die akademische Zeitschrift Orient (Hamburg) haben Philip Münch, jetzt bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, und ich die jüngsten Entwicklungen afghanischen Aufstandsbewegung analysiert – von Taleban und dem bewaffneten Flügel der Hezb-e Islami. Wir schlussfolgern, dass wegen der Zusicherungen fortgesetzter internationaler Unterstützung für Kabul sowie Fortschritte in den afghanischen Streitkräften die kurzfristigen Chancen für einen militärischen Sieg der Taleban relativ gering sind. Mit diesen Aussichten mögen sie zu Gesprächen überredet werden können – obwohl die „Falken“ unter ihnen jegliche fortgesetzte ausländischen Militärpräsenz als Argument zur Fortsetzung ihres Kampfes nutzen werden.

Es darf nicht übersehen werden, dass entgegen anderen, propagandistischen Behauptungen, die Taleban-Bewegung mehr als nur eine von außen manipulierte terroristische Gruppe sind. Ihre lokalen Netzworks dürften ebenfalls nicht an weiteren Zerstörungen ihres Landes interessoiert sein, aber sie werden auch keine Lösung akzeptieren, die ihre Interessen, und ihre Ehre, nicht berücksichtigen und die darauf besteht, sie als kleinere Konfliktpartei zu behandeln und ihnen nur die Wahl lässt, ihre Waffen niederzulegen und sich der legitimen Regierung anzuschließen oder geschlagen zu werden.

Die Rechnung internationaler diplomatischer Kreise, durch den Beginn individueller Verhandlungen eine Gesprächen zuträgliche Dynamik innerhalb der Taleban-Bewegung zu schaffen, ist bisher gescheitert. Es gibt bisher keine formalen Verhandlungen. Ursachen sind: erstens, dass Gesprächsversuche vom Interesse der USA motiviert waren, die Truppen abzuziehen und dafür förderliche Bedingungen zu schaffen; zweitens schlossen sie die Regierung in Kabul aus und schufen dort eine allen Initiativen gegenüber feindliche Stimmung, die nicht von Kabul geführt wurden; drittens waren sowohl US- als auch afghanische Ansätze nicht hinreichend inklusiv, auch weil sie das Thema “Versöhnung” auf Gespräche nur mit den Taleban reduzierten, ohne dies auf die Basis eines gesellschaftlichen Konsenses im Land zu stellen.

Die internationale Gemeinschaft muss verstehen, dass ein solcher Verhandlungsprozess – mit seinen internen und regionalen Facetten – so viele Dimensionen haben muss, dass er mehr Zeit benötigt als drei Jahre. Es wird auch keine Erfolgsgarantie geben. Und doch muss seine Vorbereitung endlich beginnen, um den Krieg beenden und damit die Last weiteren Blutvergießens und Zerstörung von den Afghanen zu nehmen. Gleichzeitig müssen Mechanismen und eine Agenda für eine breite gesellschaftliche Debatte geschaffen, wie mittelfristig Afghanistans politische System beschaffen sein soll. Eine einfache Machtteilung mit den Taleban – ohne die embryonischen, noch nicht nachhaltigen und instabilen sozialen Systeme und politischen Institutionen, die seit 2001 entstanden, aufrecht zu erhalten und ohne tiefgreifende Reformen des teilweise dysfunktionalen gegenwärtigen System – würde Afghanistan in denselben Umständen belassen, die die bewaffneten Konflikte in den 1970er Jahren verursachten, nur mit einer anderen Zusammensetzung der politischen Machthaber. (Der Artikel ist in English.)

Philipp Münch and Thomas Ruttig, “Between Negotiations and Ongoing Resistance: The Situation of the Afghan Insurgency”, in: OrientIII/2014, pp 25-41 (Zeitschrift nicht online).

Zum Volltext hier.

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