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Der Artikel stammt schon von 2010, aber bis auf den Absatz der Friedensjirga scheint er mir nach wie vor die Situation zu beschreiben. Der von der Zeitung gegebene Originaltitel lautete: „Ein neuer Mugabe am Hindukusch?“, aber das verfehlte etwas das Anliegen des Artikels.

Logars kupferhaltige Berge. Bei Surkhab, westlich von Ainak, . Foto: Thomas Ruttig

Logars kupferhaltige Berge. Bei Surkhab, westlich von Ainak, . Foto: Thomas Ruttig

 

Fährt man mit dem Auto aus Kabul heraus in die Provinz Logar, begleiten einen bald linkerhand am Horizont immer noch schneebedeckte Berge. In diesem westlichen Ausläufer der Spinghar-Kette, wo auch die Höhlen von Tora Bora liegen, befindet sich eine der potenziellen Hauptquellen für dringend benötigten wirtschaftlichen Aufschwung des Konfliktlandes am Hindukusch: die Kupferminen von Ainak.

Hier in den Bergen von Logar, 35 Kilometer außerhalb Kabuls, wurden 1974 zweitgrößte unerschlossene Vorkommen der Erde entdeckt: geschätzte 6 bis 13 Millionen Tonnen abbaufähigen Kupfers im Wert von bis zu 40 Milliarden US-Dollar nach jetzigen Preisen. 150.000 bis 200.000 Tonnen könnten jährlich abgebaut werden. Afghanistan würde unter die 15 größten Kupferproduzenten stoßen.

Im November 2007 ging der Zuschlag des von der Karzai-Regierung für ein Leasing über 30 Jahre ausgeschriebenen Ainak-Projekts – mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Dollar das größte Auslandsinvestitionsvorhaben in Afghanistans Geschichte – überraschend an ein chinesisches Konsortium. Die staatliche China Metallurgical Group Corporation und die Jiangxi Copper Co. versprechen den Bau einer Eisenbahnlinie von Xinjiang über Tadschikistan nach Ainak und weiter zum Khyber-Pass, die Errichtung eines 400-MW-Kraftwerks (die Hälfte der Kapazität soll die örtliche Stromversorgung speisen) und einer Moschee, die Schaffung von 8000 Arbeitsplätzen für Afghanen, eine Bonuszahlung von 808 Millionen Dollar sowie 200 bis 400 Mio Dollar Jahressteuereinnahmen für den klammen Kabuler Haushalt. Chinesische Arbeiter sind bereits vorort, in einem stark gesicherten und von 1500 afghanischen Polizisten bewachten Camp. Doch bereits im November letzten Jahres verübten Taleban einen Anschlag, bei dem drei Polizisten umkamen. Schon jetzt liegt das Vorhaben 18 Monate hinter dem Zeitplan.

Die Investitionen in Ainak stehen auch für das Gesamtengagement des Nachbarlandes China in Afghanistan. Beijing verfolgt die Situation dort mit gespaltenen Gefühlen. Einerseits möchte es ein Übergreifen militant-islamistischer Bewegungen auf seine Moslemprovinz Xinjiang verhindern, andererseits lassen Washingtons Pläne, eine permanente Militärpräsenz in der Region zu etablieren, Sorgenfalten entstehen.

Bisher konzentrierte sich die chinesische Regierung in Afghanistan, wie auch in anderen Weltgegenden, auf die Förderung wirtschaftlicher Interessen. Das ist Teil eines Gesamtkonzepts zur Entwicklung alternative strategischer Rohstoffrouten aus dem Nahen Osten für seine Boom-Wirtschaft. Dazu gehören weiter der Ausbau des pakistanischen Tiefseehafens Gwadar und Kooperationen mit Iran. Perspektivisch könnte die Ainak-Mine – über Kandahar und Quetta – mit Gwadar verbunden werden, auch für den Fall, dass sich der paschtunische Nordwesten Pakistans weiter destabilisiert.

Politisch aber hält sich Beijing in Sachen Afghanistan in der zweiten Reihe – auch wenn die wichtigsten westlichen Interventionsmächte angesichts der desolaten Sicherheitslage diesbezüglich den Druck erhöht haben. Anfang 2009 zitierte US-Außenministerin Hillary Cllinton in Beijing, mit deutlicher Konnotation zu Afghanistan, das chinesische Sprichwort „tongzhou gongji“: Sitzt ihr in einem Boot, helft einander. Der damalige britische Premierminister Gordon Brown war noch weiter gegangen und hatte Beijing aufgefordert, Soldaten in die NATO-geführte Stabilisierungstruppe ISAF zu entsenden – und hatte sich eine deutliche Abfuhr eingehandelt. „Mit Ausnahme von friedenserhaltenden UN-Missionen, die der Weltsicherheitsrat befürwortet hat, sendet China niemals einen einzigen Soldaten ins Ausland“, beschied ein Außenamtssprecher. Beijing sieht sich überhaupt nicht mit der NATO in einem Boot.

Mit solchen Anfragen wolle das westliche Bündnis nur die Risiken und Verantwortung des fehlgehenden Afghanistan-Einsatzes von sich wegschieben, urteilte Wang Baofu, Vizechef des Institute of Strategic Studies der National Defense University der Chinesischen Volksarmee in Beijing.

Doch angesichts des angekündigten Abzugs der westlichen Truppen aus Afghanistan und seiner möglichen destabilisierenden Folgen könnte die von China inspirierte und geführte regionale Shanghai Cooperation Organization selbst gegen ihren Willen in einer aktivere Rolle gezogen werden, um der Bedrohungen Herr zu werden, die aus der AfPak-Region hervorgehen: Terrorismus, Separatismus und Drogenhandel.

Bisher unterscheidet sich Chinas Verhältnis zu Afghanistan im Ansatz grundsätzlich von dem des Westens: Während vor allem Washington Karzai sagt, wo entlang er zu gehen habe – wie jetzt bei der bevorstehenden Friedensjirga -, betont – und praktiziert – Beijing, was Vizeaußenminister Yang Jiechi während der Londoner Afghanistan-Konferenz im Januar „mehr Hilfe und mehr Investitionen auf der Basis gleichberechtigter Konsultationen“ nannte. Für Präsident Karzai, dem es nach seinen Wahlfälschungen 2009 an demokratischer Legitimität fehlt, ist dies genauso attraktiv wie für einen Mugabe oder Bashir in Simbabwe und Sudan. Aber auch viele einfache Afghanen verbinden mit China Hoffnungen auf eine Verbesserung ihres Lebensstandards, gerade weil es nicht mit Soldaten in ihrem Land steht.

Erschienen in: The Atlantic Times, 19.5.2010

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