Schlagwörter

, , ,

Mangels Foto aus Waziristan: Zerstörte Obstgärten in Panjwayi, Provinz Kandahar. Screenshot aus dem Internet.

Mangels Foto aus Waziristan: Zerstörte Obstgärten in Panjwayi, Provinz Kandahar. Screenshot aus dem Internet.

 

Die geografische wie politische Topografie Afghanistans haben sich schon tief im Alltagsbewusstsein und der Sprache der Deutschen festgesetzt. Das sorgt für manch giftige, aber zutreffende Vergleiche – etwa wenn anti-schwul/lesbische Tiraden als „Taliban-Sound“ bezeichnet werden –, aber auch für so manchen Kalauer, à la “Kreuzberg liegt am Hindukusch” (taz Berlin, 13. Oktober 2014) – es geht um eine Oper! Immer wieder muss das arme Afghanistan auch noch als  exotische Location herhalten – vom meist ja noch erträglichen „Tatort“ bis zu unsäglich platten Krimis im Print. Versuchen Sie “Alleingang” von Wolfgang Brenner – oder besser nicht.

Aber Baden-Württemberg unter dem grünen Ministerpräsident Kretschmann als “Waziristan der Grünen” zu bezeichnen, wie jüngst der Ex-Ober-Grüne Jürgen Trittin – ob autorisiert oder nicht –, ist wirklich Schwachsinn.

Allerdings sind auch einige der Repliken nicht viel besser. Unter der Überschrift “Kurz vor der Blutrache” schreibt der sonst eigentlich recht besonnene Peter Unfried (auch in der taz, am heutigen 25. Oktober): “Die pakistanische Region [also Waziristan] gilt als Rückzugsgebiet der radikalislamischen Taliban. Dort werden Frauen unterdrückt und es wird Blutrache praktiziert.” Er fügt hinzu: „In der Waziristanmetapher scheint … ein politisches Weltbild des 20. Jahrhunderts auf, in dem in festen Blöcken gedacht wurde, gut oder böse, Freund oder Feind. Wer gegen die ‚Linie’ verstößt … ist ein Verräter und wird als Taliban ausgegrenzt.“

Abgesehen davon, dass Taliban ein Plural ist (ich schreibe lieber „Taleban“, damit das nicht wie Talieban ausgesprochen wird, wie in der Tagesschau; Singular ist „Taleb“) – auch Unfrieds Auslegung der Waziristanmetapher ist etwas schwarz/weiß.

Ja, Wana und Miram Shah, Razmak und Angur Adda sind Rückzugsgebiete der Taleban – die gerade von der pakistanischen Armee noch platter gemacht werden als sie schon waren, in einer der berühmt-berüchtigten Anti-Terror-Operationen der Militärführung in Rawalpindi, wie sie lange vom Westen gefordert wurden, aber von denen man nicht weiß, ob sie sich wirklich gegen die Taleban richten, die ja in Pakistans Establishment  immerhin teilweise als Verbündete betrachtet werden, und irgendetwas anderes als eine Alibiaktion darstellen. Aber selbst wenn nur Alibiaktion: Zivilisten kommen auch dabei massenweise zu Schaden; schon vor Wochen war von 350000 Vertriebenen die Rede (siehe hier); seither hört man kaum noch etwas, obwohl die Operation anhält und jüngst auch auf Karachi ausgedehnt wurde. Allerdings – wenn man kritischen pakistanischen Journalisten glaubt – hat man vorher für die großen Fische der Taleban, des Haqqani-Netzwerks und sonstiger militant-extremistischer Gruppen die Grenze nach Afghanistan geöffnet oder sie innerhalb Pakistans an sicherere Orte verlegt (siehe hier oder hier).

Der „Waziristan“-Streit erinnerte mich an eine Taxifahrt in Dubai, mit einem der vielen paschtunischen Fahrer von beiden Seiten der Durand-Linie, die dort arbeiten. Er war aus Waziristan und erzählte, wie er die grünen Obstgärten seiner Heimatstadt Wana vermisse. Erst kamen die Taleban, erzählte er, und nun seien die Drohnen „überall“ – und „unter ihnen“ könne man unmöglich leben. Es schmerze ihn, wenn er daran denke, wie das Obst an den Bäumen verfaule, weil niemand mehr wagt, es zu ernten. Nicht nur das: In der Vorkriegszeit, also bis vor etwa 13 Jahren, und bevor die pakistanischen Taleban die meisten Schulen dort schlossen oder gleich in die Luft sprengten, schnitten Absolventen aus den Federally Administered Tribal Agencies (FATA, zu denen Süd- und Nord-Waziristan gehören) bei den nicht gerade leichten Aufnahmeprüfungen für den pakistanischen Staatsdienst überdurchschnittlich gut ab.

Merke: in Waziristan leben nicht nur Taleban und hinterwäldlerische Blutrache-Anhänger, sondern ganz normale Menschen, die gern in Ruhe ihre Obst- und Mandelbäume abernten würden, und sogar viele sehr gebildete. Auch die Friedensnobelpreisträgerin dieses Jahres, Malala Yousafzai, stammt aus einer der FATA; sie wurde dafür ausgezeichnet, dass sie – wie viele NGOs – auch gegen harten, gewalttätigen Widerstand der Taleban auf Mädchenbildung besteht. Die Bevölkerung beider Waziristan ist also möglicherweise mindestens genauso differenziert wie die Mitgliedschaft der grünen Partei.

 

Zum weiterlesen: Michael Daxner u. Hannah Neumann (Hrsg.), Heimatdiskurs: Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern. Transcript Verlag, Bielefeld, 2012. Siehe insbesondere das Kapitel „Von ‚wilden Bergvölkern’ und ‚islamistischen Bazillen’ – Die Darstellung der Intervenierten in Afghanistan“.

Advertisements