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Endlich fällt der langerwartete Regen in Kabul. Aber was für die Ernte des nächsten Jahres gut ist, macht das Leben für die Menschen in der Stadt schwer erträglich. Schlamm überall – und gestern und heute nachmittag brach erstmals seit Jahren der komplette Verkehr stundenlang zusammen.

Überflutetes Kabul, 2014. Foto c/o Jamhur News.

Überflutetes Kabul, 2014. Foto c/o Jamhur News.

 

Obwohl Präsident Obama heute ankündigte, er werde „den Job“ in Afghanistan beenden, allerdings ohne einen Zeitplan zu verkünden, fand ich heute etwas anderes erwähnenswerter: für den zweiten, aufeinander folgenden Tag brach heute nachmittag der gesamte Verkehr stundenlang zusammen. Kilometer lange Schlangen von Autos, Busses, Fahrrädern und Handkarren steckten in den Straßen von Kulula Puschta, Taimani und Qala-ye Fathullah fest, und die ganze Strecke durch Schahr-e Nau, Scherpur und Wazir Akbar Khan. Nichts bewegte sich mehr. Es sah aus wie auf der Route du Soleil in Frankreich am Beginn der Sommerferien im Juli: Leute standen bei ihren Autos, rauchten, unterhielten sich, die Motoren abgestellt. Nur dass keine Sonne schien…

Die Schlaglöcher in Kabuls meist unasphaltierten oder sich schon wieder auflösenden Straßen hatten sich in Seen mit braunem Wasser verwandelt, die manchmal tiefer waren, als man vermutete, während es weiter goss. Viele Leute, die nach Hause liefen, schlängelten sich durch die festsitzenden Autos, weil die ebenfalls ungepflasterten Bürgersteige knöcheltief im Schlamm versunken waren. In den ungeheizten Container-Läden wickeln sich die Verkäufer in ihre Pattus und die Telefonkartenhändler halten zerschlissene Regenschirme hoch, während die Straßenkinder – ohne jeden Schutz gegen den Niederschlag – nass bis auf die Haut werden.

Vier Faktoren tragen zu dem Verkehrschaos bei: Zum einen steht Id-e Qurban, das Opferfest, vor der Tür und es sind mehr Leute als sonst mit ihren Autos unterwegs, um einzukaufen. Zum zweiten hat die Polizei nach dem Anschlag auf ein UN-Gästehaus zusätzliche Kontrollposten eingerichtet, hält an einem Tag vor allem weiße Corollas, am nächsten vor allem beige Corollas an. (Gestern gab es einen Alarmbericht, dass ein „mit Sprengstoff präpariertes vermutetes UN-Fahrzeug“ unterwegs sei.) Die Operation wird etwas euphemistisch „Stahlring“ genannt. Zudem hat die Stadtverwaltung vor ein paar Wochen beschlossen, die Abflussgräben an den Straßenrändern zu reparieren. Die Arbeit ist in vielen Stadtvierteln noch nicht beendet und engt den Verkehrsfluss zusätzlich ein. Und die ausgehobenen Gräben werden nicht wieder ordentlich aufgefüllt, weil es nicht genügend Maschinen dafür gibt, und machen sie Bürgersteige zu einem Hindernisparcours.

Der Hauptfaktor jedoch ist die Sicherheitsmanie, die die internationale Gemeinschaft und, mit einiger Verzögerung, auch die afghanische Regierung. Eine Straße nach der anderen wird abgeriegelt. Es begann an der Ariana-Kreuzung, wo die CIA das Ariana-Hotel als ihr Kabuler Hauptquartier übernahm. Etwa später folgte die wunderbare Platanen-Allee zwischen dem Arq, dem Präsidentialpalast, und dem Kreisverkehr, der heute nach dem ermordeten Ahmad Shah Massud benannt ist, um gleichzeitig den Palast sowie die US-Botschaft und das ISAF-Hauptquartier zu schützen, dass sich im ehemaligen afghanische Armeeklub niedergelassen hat. Etwa zeitgleich wurde die Dahan-e Nal-Straße unterhalb des Continental Hotels blockiert, wo Verteidungsminister Marschall Fahim wohnt. Das gleiche passierte in der Straße in Wazir Akbar Khan, wo Ex-Präsident Rabbani lebt. Das wurde der Auslöser für Schlagbaum-Metastasen im ganzen Viertel, links und rechts der Hauptstraße. Dann wurde die Straßen zwischen dem UNAMA-Compound B und dem Hauptquartier der US-Streitkräfte, Camp Eggers, dem Zugang zur deutschen Amanullah-Schule, die zum Außen- und die Innenministerium für Fahrzeuge gesperrt – die letztere nach zwei Autobombenanschlägen auf die indische Botschaft. Danach kam die Straße auf der Rückseite von Camp Eggers, vor der deutschen Botschaft, ebenfalls nach einer Autobombe. Schließlich folgte die Straße hinter dem Büro des Generalstaatsanwalts – und diese Aufzählung ist ganz sicher unvollständig.

Die Blockade der Straße an der deutschen Botschaft finde ich besonders ärgerlich. Der Anschlag sollte einen sollte einen Tankwagen treffen, der mehrmals pro Woche Treibstoff in das Camp Eggers pumpt. Der Tanker draf nicht in das Camp, aus Sicherheitsgründen natürlich. Das Militär zieht es offensichtlich vor, den zivilen Verkehr – und die Botschaft auf der anderen Straßenseite – zu gefährden, als den Tankwagen und seinen Fahrer zu kontrollieren und ins Camp zu lassen. Oder den Treibstoff mit eigenen Fahrern zu transportieren.

Einige Leute spekulieren, dass die Taleban diese Vorgehensweise provozieren, in dem sie genau diese Durchgangsstraßen ins Visier nehmen, um Ärger in der Bevölkerung hervorzurufen. Ich bezweifle das allerdings. Wenn sie das wirklich wollten, könnten sie ganz Kabul zum Stillstand bringen, in dem sie auf einer der beiden Hauptdurchgangsstraßen angriffen, die Hauptstraße von Wazir Akbar Khan oder am Ufer des Kabul-Flusses nahe der Du-Schamschira-Moschee und der Bagh-e Umumi-Brücke.
Trotzdem wachsen die Anti-Bomben-Mauern und Hesco-Barrieren entlang blockierter und unblockierter Straßen.

Heute, während der zweieinhalbstündigen Fahrt von der Kabuler Universität nach Schahr-e Nau, hörte ich ein paar Jungs, die sich durch Regen und Schlamm quälten, sagen: „Wenn die Taleban zurückkommen, werden die Straßen wieder offen sein.“

Ich bin nicht sicher, ob sie das wirklich wollen. Aber der Ärger über diese sichtbaren Zeichen für die wachsende Distanz zwischen Afghanen und jenen, die ursprünglich kamen, um ihnen zu helfen. Es fehlt ein afghanischer Ronald Reagan, der verlangt: „Mr Karzai (oder McChrystal oder Eide), reißen sie die Mauer(n) nieder. (Oder verlegen sie ihre Truppen wenigstens aus der Stadt.)“

Erinnert sich jemand an den Beschluss des afghanischen Parlaments, die Mauern abzubauen? Aber es ist seit einiger Zeit selbst von hohen Mauern umgeben. Kürzlich hörte ich, dass es einen neuen Beschluss der Abgeordnete gebe, die Mauern wenigstens niedriger zu machen, damit die Heimstatt der afghanischen Demokratie wenigstens von außen sichtbar ist. Aber das kann auch nur ein Gerücht sein.

Übrigens: die afghanischen Medien haben das Verkehrschaos bisher mit keinem Wort erwähnt.

 

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