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Über die letzten Tage mehren sich auch die Warnungen afghanischer Regierungsstellen, Parlamentarier und Medien über zunehmenden Druck der Taleban. Von größter Bedeutung ist dabei, dass auch die für Sicherheitsfragen zuständigen Ministerien eine „Zunahme terroristischer Vorfälle“ bestätigen: das Innenministerium gab laut der Kabuler Tageszeitung Hasht-e Sobh vom 20. Oktober bekannt, dass sich in der Woche davor landesweit 254 solcher Vorfälle ereignet hätten. Die Angriffsrate sei in den Provinzen Kunduz, Sarepul und Helmand am höchsten; zehn Provinzen hätten keinerlei Vorfälle berichtet.

Kampfhubschrauber über Wardak. Foto: Thomas Ruttig

Kampfhubschrauber über Wardak. Foto: Thomas Ruttig

 

Bereits im September hatte das Verteidigungsministerium gesagt, „die Intensität des Konflikts ist höher als in der Zeit, als die ausländischen Truppen noch die ANSF begleiteten.“ Es gab auch – wenn auch mit leicht verschwommenen Äußerungen – zu, dass die diesjährige Taleban-Offensive das Ziel verfolge, Territorium zu übernehmen – was Kabul bisher immer bestritt. Ministeriumssprecher General Zahir Azim erklärte laut ToloNews: „Die Taleban tun ihr Bestes, ihre Angriffe auszuweiten, so dass die eine bestimmte Geographie innerhalb Afghanistans haben und als Trainingszentrum in Kriegszeiten und Diskussionszentrum in Friedenszeiten nutzen können.“

Noch früher, bereits im August, sah das Innenministerium ein Änderung der Taleban-Taktik, weg von Sprengfallen und Selbstmordangriffen zur “aggressiveren und konfrontativeren Taktik großangelegter Offensiven mit größeren Gruppen an Kämpfern”. Allerdings wurde dies der “Präsenz pakistanischer Militärkräfte” angelastet. Zudem habe laut Innenministerium das lange politische Tauziehen nach der Präsidentschaftswahl dem in die Hände gespielt. Der Vorsitzende des Parlamentskommission für Internal Sicherheit, Mirdad Khan Nejrabi nannte als weitere Gründe, “die Nichtweiterführung der Nachtangriffe, das Ende der Luftangriffe [durch die NATO-Truppen, wie von Ex-Präsident Karzai durchgesetzt], die Haftentlassung gefährlicher Taleban-Gefangener und den Mangel an gepanzerter Fahrzeugen”.

Der stellvertretende Parlamentssprecher Sadiqi Ahmadi Usmani nannte die Sicherheitssituation „schrecklich und unerträglich“. Die Kandaharer Abgeordnete Shakiba Hashimi warf „Polizeikommandeuren, Gouverneuren, Distriktchefs, Ministern und anderen hochrangigen Offiziellen“ Komplizenschaft bei der Bewaffnung „unverantwortlicher Milizen“ vor – ein Begriff, der sich weniger auf die Taleban und andere Aufständische bezieht als die vielen vom Staat entweder nur formal oder gar nicht kontrolliert werden. Ein Herater Parlamentsmitglied, Munawar Shah Bahaduri, sagte, die Menschen vermieden es, wegen „Gesetzlosigkeit“ bestimmte Überlandstraßen zu benutzen. Das Parlament hat sich nun mit einem Brief an den in China weilenden Präsidenten gewandt, mit der Bitte, Sicherheitsfragen zu priorisieren.

Der neue, amerikanische ISAF-Kommandeur General John Campbell gab sich zwar optimistisch: „Die Taleban mögen ein Distriktzentrum oder so etwas übernehmen, aber nur zeitweilig. Nirgends, wo wir afghanische Sicherheitskräfte haben, können die Taleban Gelände gewinnen und halten.“ Dieser Satz enthält eine Einschränkung: „dort, wo wir Sicherheitskräfte haben“ – und wo nicht (so viele)? Zudem wurde zuletzt aus dem Distrik Warduj in Badachschan berichtet, dass afghanische Soldaten sich den Taleban ergeben mussten, weil sie unterlegen waren. Im Distrikt Ghorak in Kandahar, wo zur Zeit wieder Taleban-Angriffe stattfinden. fehlte es an Nachschub, so dass einer kanadischen Zeitung zufolge die Soldaten dort „Grass essen“ mussten – auch keine Hilfe für ihre Moral. (Kanadier waren lange in Kandahar stationiert, und die Autoren des Artikels sind die frühere UN-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour und ICG-Afghanistan-Experte Graeme Smith.)

Die „Zwischenfälle“

Der afghanischen Nachrichtenagentur ToloNews zufolge (hier und hier) ereigneten sich über die vergangenen 29 Tage allein in Kabul sechs Selbstmordanschläge, zwei Sprengfallen („roadside bombs“) gingen hoch und in drei aufeinander folgenden Nächten (24.-26.11.) schlugen Raketen nahe dem Präsidentenpalast ein – in den Stadtteilen Shashdarak und Wazir Akbar Khan. Dabei wurden 27 Menschen getötet. Die Washington Post spricht von einer „Intensivierung“ der Taleban-Gewalt im ersten Monat der Präsidentschaft Ashraf Ghanis und wertet das als „Botschaft der Taleban“, dass sie die „harte Haltung“ des neuen Präsidenten „ablehnen, den bewaffneten Aufstand zu beenden und enge Sicherheitsbeziehungen mit Washington zu unterhalten“. Sie verweist auf den Selbstmordanschlag am Tag der Amtseinführung Ghanis, bei dem ein Selbstmordattentäter sieben Menschen nahe des Flughafens Kabul umbrachte sowie einen Selbstmordanschlag am 1. Oktober, bei dem sieben ANA-Soldaten und ein Zivilist umkamen, als am Morgen ein Pendelbus angegriffen wurde. ToloNews spricht von wachsender „Besorgnis“ in der Kabuler Bevölkerung.

Raketeneinschlag am Flughafen Kabul, 3. Juli 2014. Foto: ToloNews

Raketeneinschlag am Flughafen Kabul, 3. Juli 2014. Foto: ToloNews

 

In der Tat haben die Taleban ihre Aktivitäten in mehreren Gebieten des Landes intensiviert. Es begann mit wochenlangen Angriffen mehrerer hundert Taleban auf Distriktzentren in Helmand (zunächst Sangin, wo im Juli und August 900 Menschen getötet worden sein sollen, dann Marjah und Musa Qala; Sangin, Marja und Musa Qala waren der Fokus des gerade zu Ende gegangenen britischen Militäreinsatzes in Helmand ­– eine Bilanz hier). Dann wurde dies auf Nangrahar ausgedehnt, vor allem den Distrikt Hesarak sowie die benachbarten Distrikte Sherzad und Khugyani sowie Barg-e-Matal in Nuristan. Schließlich folgten ähnliche Angriffe in Badakhshan und der Ex-Bundeswehrstandort Kunduz, vor allem Chahrdara, Dasht-e Archi und Khanabad.

Bei AAN haben wir periodisch vor allem über die Vorgänge in Kunduz berichtet – im Otober und November 2012 über die illegalen Milizen, hier und hier; im September 2013 über Chahrdara, hier; im Januar 2014, schon mit Blick auf die Wahlen, hier; Anfang September, hier und jetzt im Oktober über Khanabad, hier. (Abgesehen von unseren längeren Papieren hier: Antonio Giustozzi und Christoph Reuter, ‘The Northern Front: The Afghan Insurgency Spreading beyond the Pashtuns’, June 2010; Nils Woermer, ‘The Networks of Kunduz: A History of Conflict and Their Actors, from 1992 to 2001’, AAN report, August 2012; Philipp Münch, ‘Local Afghan Power Structures and the International Military Intervention: A review of developments in Badakhshan and Kunduz provinces’, November 2013.)

Am 5. Oktober schafften es wir damit auch auf die Webseite des Heute-Journals im ZDF.

Im September-Bericht kamen wir zu dem Ergebnis, dass „die Taleban es geschafft haben, sich zusätzliches Territorium um die Provinzhauptstadt zu sichern, und auf die Stadt selbst vorzurücken have. Zudem haben sie fast vollständige Kontrolle über mehrere Distrilkte (Chahrdara, Dasht-e Archi, Imam Sahib und Aliabad) erlangt.“ Zwei Hauptfaktoren spielten dabei eine Rolle: Verstärkung aus Waziristan (wo die Taleban einer pakistanischen Offensive auswichen) mit Kämpfern, Waffen und Geld sowie die zunehmende politische Polarisierung in Afghanistan im Zuge der Präsidentschaftswahl. Dazu kommt, wie (nicht nur) unser Khanabad-Bericht belegt, dass nicht nur die Taleban das Problem sind, sondern die Proliferation aller möglichen bewaffneten Gruppen, von den regulären Streitkräften, also Armee, Polizei und Geheimdienst – mit seinen regulären und Kampfeinheiten sowie von ihm bezahlten Milizen – , der Afghan Local Police, die oft aus ehemaligen Bürgerkriegsmilizen oder sogar übergelaufenen Taleban und Hezb-e Islami-Kämpfern gebildet wird, formal dem Innenministerium untersteht, aber oft eben nur formal, sowie was in Kunduz (siehe Zitat der Parlamentarierin oben) „unverantwortliche“ Milizen genannt wird – das sind „Freischaffende“, die es oft nicht in die ALP geschafft haben, aber von lokalen Größen protegiert und politisch instrumentalisiert werden. (Auch US-Special Forces und die CIA haben ihre „eigenen“ afghanischen Milizen – siehe diese Berichte: „US-gestützte Miliz läuft Amok“, Provinz Ghazni und „Die A-Team-Morde on Wardak“).

Komplexe Angriffe in Schlüsselprovinzen und auf Distrikte

Kaum beachtet wurden sogenannte „komplexer Angriffe“ am 2. Juni auf das Distrikthauptquartier von Gereshk, Helmand, am 9. Juni auf das Polizeihauptquartier und ein Gericht in Jalalabad, am 9. Juli auf das Gouverneurs- und Polizeihauptquartier in Kandahar, wobei 30 Menschen starben, sowie in Ghazni mit zwei LKW-Bomben am 4. September, darunter gegen die Polizei- und Geheimdienst-Hauptquartiere und die Krisenreaktionseinheit. Dabei wurden 20 Menschen getötet, 350 verletzt, das Provinzmuseum, die Bibliothek, das Direktorat für Information und Kultur, das Radio- und TV-Zentrum sowie 370 Geschäfte und Gästehäuser zerstört. Bereits am 9. Juni griffen Taleban Polizeiposten am Stadtrand von Ghazni an.

Taleban-Angriff in Ghazni, 4. September 2014. Foto: Pajhwok

Taleban-Angriff in Ghazni, 4. September 2014. Foto: Pajhwok

 

Am 15. Juli ging eine Autobombe im Basar von Urgun, Paktika, hoch und tötete 30 Menschen.

In Badachschan griffen Taleban Ende Oktober erneut den Distrikt Warduj an, der im August 2012 schon einmal Szenerie wochenlanger Kämpfe war und wo bereits im August dieses Jahres gekämpft wurde – dabei fielen beinahe die Polizei- und der Geheimdienstchefs des Provinz in die Hände der Taleban gefallen; ANSF behaupten jetzt, die Lage wieder im Griff zu haben.

Anfang Juli versuchten Taleban, ein Armeebasis in Jurm, Badachschan, zu stürmen. Ende desselben Monats nahmen sie zeitweilig den Distrikt Registan, Helmand, ein und töteten den dortigen Polizeichef. Im August wurde zehn Tage lang in Khas Uruzgan gekämpft. Am 20. August nahmen Taleban vorübergehend das Distriktzentrum von Du-Ab in Nuristan ein.

Dann folgte eine Reihe von Angriffen, bei denen die Taleban – ähnlich wie in Helmand – hunderte Kämpfer, zum Teil aus mehreren Distrikten, konzentrierten. Mitte August drangen 700 Taleban in das Distriktzentrum von Charkh, Wardak ein, und versuchten Taleban die Einnahme von Azra, Logar sowie Ghaziabad, Kunar. Am 23. August attackierten eine große Gruppe einen Polizeiposten in Dand-e Patan, Paktia. Am 24. August griffen hunderte die Distriktzentren Qaisar und Ghormach in Faryab an (eine breitere AAN-Analyse der Provinz hier), einige Tage später die Distriktzentren von Khaneshin und Garmser, Helmand.

Anfang September griffen sie das Distriktzentrum von Taiwara, Ghor, an, am 13. September das Distriktzentrum von Janikhel, Paktia. Am 24. September folgten die Distriktzentren von Durbaba, Nangrahar, und Zurmat, Paktia, an. Am 26. September übernahmen sie die Kontrolle zumindest über Teile des Distriktzentrums von Ajristan (Ghazni). Anfang Oktober griffen sie gleichzeitig vier Distriktzentren in derselben Provinz an. Mitte Oktober umzingelten Taleban-Kämpfer auch die Distrikte Gizab in Uruzgan sowie übernahmen die Kontrolle über Gebiete gleich außerhalb der Provinzhauptstadt Sarepul.

Zudem gab es eine Reihe von “Kommandoattacken”, vor allem um Präsenz in größeren Städten zu zeigen:

  • am 28. Oktober mitten in Herat
  • Oktober: Angriff auf ein Gericht in Kunduz-Stadt
  • Oktober gegen das Polizeihauptquartier in Mazar-e Scharif; Mazar hatte in diesem Jahr fünf Bombenanschläge zu verzeichnen, darunter einen nahe der großen Moschee
  • Oktober: Bombenanschlag auf der Polizeihauptquartier in Lashkargah, Provinzhauptstadt von Helmand
  • Oktober: Fahrradbombe tötet zwei Zivilisten in Khost
  • September: Selbstmordanschlag auf das Zollamt in Torkham an Khaibar-Pass
  • August: Angriff auf die Geheimdienstzentrale in Jalalabad mit 11 Toten
  • August: Angriff in Maidanshahr, der Provinzhauptstadt Wardaks
  • Mitte Juli griffen sie in Zurmat, Paktia, das Sicherheitsteam des damaligen Präsidenten Karzai an, das einen Besuch Karzais vorbereiten wollte, entführte und tötete einige Mitglieder

Auch die Mordkampagne der Taleban geht weiter. Hier nur einige von meist höchstens von afghanischen Medien gemeldeten Fällen seit Juni 2014, rückwärts geordnet:

  • Grenzpolizeichef von Helmand; überlebt
  • amtierender Distriktpolizeichef Spera, Khost, durch Bombe getötet
  • Distriktgouverneur Nadali, Helmand, getötet
  • ALP-Kommandeur in Sholgar erschossen, Provinz Balkh
  • Polizeichef von Nadali, Helmand überlebt Bombenanschlag
  • Bomben töten fünf Polizisten in Maiwand, Kandahar und ALP-Kommandeur in Pul-e Alam, Logar
  • ein Geistlicher in Uruzgan enthauptet
  • Bombenanschlag in Kabul verletzt den Ghaznier Parlamentarier Qasemi
  • Kidnapping des Distriktgouverneurs von Chamkani, Paktia
  • Distriktpolizeichef Arghistan, Kandahar, durch Selbstmordattentäter umgebracht
  • Kidnapping und Ermordung des Hajj-Direktors von Ghazni
  • Stammesältester und früherer ALP-Kommandant in Shindand, Herat, getötet
  • Mulla in Bala Boluk, Farah, enthauptet
  • übergelaufener Taleban-Kommandeur in Kandahar-Stadt erschossen
  • Milizkommandeur in Khanabad ermordet
  • Wardaks Provinzratschef überlebt Bombenattacke
  • Sangins Distriktgouverneur bei Kämpfen verletzt und Kripochef von Kejran, Daykundi, durch Bombe getötet
  • Bürgermeister von Muhammad Agha, Logar, erschossen
  • Polizeichef von Chahrdara, Kunduz, bei Anschlag verletzt
  • Distriktpolizeichef Farsi, Herat, bei Taleban-Angriff getötet
  • Polizeichef von Muqur, Ghazni, durch Bombenanschlag verletzt
  • Distriktpolizeichef Waghaz, Ghazni, durch Bombe getötet

Diese Aufzählungen beruhen nur auf Berichten in afghanischen und internationalen Medien, stellen also wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges dar. Sie sprechen jedoch für eine nach wie vor hohe Intensität von Taleban-Aktivitäten quer durch das Land, jedoch nicht in allen Provinzen im gleichen Maße.

Es sieht danach aus, als ob die afghanischen Sicherheitskräfte, die nach wie vor NATO/ISAF-Luftunterstützung erhalten (siehe zum Beispiel hier; die Zahl der Luftangriffe und Drohneneinsätze hat sogar zugenommen, siehe hier und hier), alle Provinzzentren, die meisten Distriktzentren und in der Regel auch die wichtigsten Verbindungsstraßen kontrollieren. Gingen Distriktzentren verloren, dann nur kurzzeitig und in peripheren Gebieten; sie wurden meist wieder zurückerobert. Im Falle Waigals, in Nuristan, im vorigen Sommer, dauerte das allerdings 30 Monate. In Kunduz allerdings kamen die Taleban sehr dicht an die Provinzhauptstadt heran, und obwohl die ANSF einige Fortschritte erzielten, ist die Bedrohung nicht vorüber, vor allem nicht für einige Distriktzentren. Generell kann man wohl sagen, dass sich eines nicht geändert hat: die Taleban erleiden viele Verluste, werden aber meist nicht endgültig geschlagen, sondern ziehen sich in „ruhigere“ Gebiete zurück und sickern später wieder in „gesäuberte“ Gebiete ein, wenn die Offensivoperationen der Regierungskräfte vorüber sind. Deren Kontrolle ist also vielerorten ebenfalls nur temporär.

Das führt auf der Karte zu einem „Leopardenfell“ der Kontrolle; die Regierung sitzt in den Distrikt- und Provinzzentren, in einigen Fällen kontrolliert sie nicht mehr als den Gouverneurssitz und ein paar umliegende Gebäude. In wie vielen Distrikten das so aussieht, kann ich nicht sagen.

Es gibt wahrscheinlich ein halbes bis ein Dutzend Distrikte (von etwa 400), in denen die Regierung nicht vertreten ist. Die Taleban kontrollieren – oder besser beeinflussen, durch offene oder latente Anwesenheit von Kämpfern und Informanten – viele entlegene Gebiete. Im Grunde existiert in Zentralafghanistan ein Streifen von (nicht durchgehendem) Territorium, das seit vielen Jahren ununterunterbrochen von den Taleban kontrolliert wird und das zumindest die US-geführten ausländischen Streitkräfte bewusst aufgegeben haben (die sogenannten „dusty areas“): es reicht von Süd-Herat und Ost-Farah durch Teile von Ghor (Distrikt Pasaband, aus dem schon Anfang 2002 Taleban-Präsdenz berichtet wurde), Nord-Helmand (u.a. Kajaki, Baghran) die Stromversorgung von Lashkargah vom Kajaki–Damm war im Frühjahr nach Taleban-Angriffen 60 Tage lang unterbrochen), Teilen Uruzgans und Nord-Kandahar (Ghorak, Shan Wali Kot) bis in die Westhälfte Zabuls (Dehchopan, Khak-e Afghan) und Süd-Ghazni. Im vorigen und diesen Jahr hat sich zudem die Situation in Logar und Wardak erheblich verschlechtert.

Der Trend von 2013 (zum Weiter- bzw. Rückwärtslesen, hier meine Einschätzung der Lage damals, auf Englisch) scheint sich zu bestätigen: Die Aufständischen (d.h. die Taleban; Hezb-e Islami ist von kaum mehr als lokaler Bedeutung und schien im vergangenen und Anfang dieses Jahres aktiver gewesen zu sein, allerdings nur mit einzelnen Terrorakten, nicht größeren Operationen) greifen in größeren Konzentrationen und wagemutiger an, verstärkt durch Kämpfer vor allem aus Pakistan, operiereng aber hauptsächlich in peripheren Gebieten. Die meisten Opfer der Kämpfe sind nach wie vor Zivilisten (hier der jüngste UN-Bericht zu diesem Thema); aber es gibt auch eine zunehmende Zahl von Berichten von Übergriffen der afghanischen Streitkräfte, allerdings auf niedrigerem quantitativen Niveau.

Titelbild des UNAMA-Reports über zivile Opfer.

Titelbild des UNAMA-Reports über zivile Opfer.

 

Conclusio: Der Krieg ist nicht entschieden, auch wenn es im Moment nicht so aussieht, dass den Taleban etwas ähnliches gelingen könnte wie dem Islamischen Staat in Syrien und Irak. (Außer dass die Taleban bereits einige Gebiete, wenn auch nicht so eindeutig, kontrollieren; auch gehören dazu keine größeren Städte wie Mossul oder Raqqa.) Entscheidend ist aber wohl nicht so sehr die Kampfkraft der etwa 350000 regulären afghanischen Streitkräfte, sondern deren Moral. Die hat in diesem Jahr durch zwei Faktoren Aufwind bekommen: durch den wachsenden Zuspruch breiter Teile der Bevölkerung sowie auch der organisierten Zivilgesellschaft, in der es zu einer regelrechten Welle des Pro-Militär-Patriotismus gekommen ist (auch nachdem die Wahlen ohne größere Taleban-Angriffe vonstatten gingen – allerdings gab es auch eine weitgehend eingehaltene Abmachung der Medien, über solche Vorfälle nicht zu berichten; siehe zwei AAN-Berichte dazu hier und hier) sowie die Unterzeichnung der bilateralen Sicherheitsabkommen mit den USA sowie der NATO (mein Bericht hier). Durch diese Abkommen wurde auch sichergestellt, dass weitere Finanzhilfen – u.a. zur Bezahlung der Sicherheitskräfte – in das Land fließen. An der Front geht die Moral ja oft durch den Magen, sprich: ohne Verpflegung leidet sie.

Allerdings können sich nicht alle Afghanen so glücklich schätzen; zur Zeit werden viele Staatsangestellte im zivilen Bereich nicht bezahlt.

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