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Beobachtungen in Afghanistans Hauptstadt Kabul am Vorabend der Sanktionen

 

Diese Reportage und der Artikel im Anhang erschienen 2001 in der Zeitschrift Südasien (hrsg. vom Südasien-Haus). Da es unter dem Taleban-Regime verboten war zu fotografieren, muss dieser Text ohne Bilder auskommen.

 

Während sich die Sonne fahl durch den morgendlichen Dunst kämpft, strebt Kabuls werktätige Bevölkerung ihren schlecht bezahlten Arbeitsplätzen zu. Bis über die Nasen in wärmende Decken gehüllt, so genannte Pattus (eine örtliche Abwandlung des französischen “Paletot”), radeln sie zu Markständen, in staatliche Büros und auf Baustellen. Dahin traben auch die einachsigen Eselskarren, die bereits angerührten Zement transportieren. Dazwischen wenige Autos, meist in einem Zustand, der jeden TÜV-Angestellten zum Herzinfarkt treiben würde. 500.000 bis 600.000 Afghani – das sind um die 15 Mark monatlich – erhalten Staatsangestellte. Wer die erhält, kann sich noch glücklich schätzen. Zwar reicht das weder vorn noch hinten, um eine Durchschnittsfamilie durchzubringen, aber wenigstens wird man regelmäßig bezahlt – und hat die Entlassungswelle im Frühjahr überstanden. Bis zur nächsten, von der bereits Gerüchte die Runde machen. “Schlanker Staat” auf talebanisch.

Im Dezember ist endlich der Winter in Afghanistan eingezogen. Erstmals seit zwei Jahren ist wieder ziemlich viel Schnee gefallen. Kabul ist von einem malerischen Ring beschneiter Berge, den Ausläufern des Hindukusch und des zentralen Hochlandes Hazaradshat umgeben. Auch die Kette des Spinghar (Weisse Berge) macht ihrem Namen wieder alle Ehre. Während die kalte Jahreszeit den Menschen in der zerstörten Stadt weitere Härten auferlegt, tanzten sie beim ersten Schnee doch auf den Straßen. Schnee auf den Bergen – das bedeutet Schmelzwasser in Frühling und Sommer und Bewässerung für die Felder nach drei Dürrejahren. Allein im letzten Herbst waren durchschnittliche Ernteverluste von 75 Prozent zu verzeichnen. UN-Agenturen rechnen mit 500.000 bis einer Million Menschen, die trotzdem im nächsten Jahr akut von Hunger bedroht sein werden. Erst am Montag rechnete die Chefin des World Food Programme, Catherine Bertini, auf einer Pressekonferenz in New York Afghanistan zu den “Herden” des Welthungers, verursacht durch den “alarmierenden Trend, das die ärmsten Nationen gleichzeitig durch natürliche und menschen-gemachte Katastrophen getroffen werden”. In anderen Worten: Krieg und Hunger gehören zusammen.

Zwei Hazara – vielleicht Wanderarbeiter aus dem verschneiten Zentral-Afghanistan – zerren einen Transport-Einachser mit verrostetem und von Schüssen durchsiebtem Wellblech durch die Hauptstraße der Kabuler Neustadt. Das sind Überreste eines der Frachtcontainer, die in diesem 22jährigen Krieg so vielfältig eingesetzt wurden: vom Behelfsladen bis zum Behelfsgefängnis. Dieser ist wie so viele wohl schon vor einigen Jahren der Schießwut der siegreichen Mujaheddin zum Opfer gefallen, die es damals zum Sport gemacht hatten, die Blechbehälter mit Panzerfäusten in die Luft zu jagen, und liegen geblieben. Die beiden spärlich bebarteten Männer mit den mongolischen Gesichtszügen werden die Bleche wohl zum Zwischenhändler schaffen, der dann einen Transport in die pakistanischen Altmetallschmelzen zusammen stellen wird.

Kinder ziehen umher und versuchen, bunte Luftballons oder Zigaretten zu verkaufen. Auch ein paar Frauen, vorschriftswidrig ohne männliche Begleitung, sind unterwegs – “natürlich” verschleiert. Die meisten Geschäfte haben geöffnet, mit den selben spärlichen Auslagen und dem selben dünnen Kundenstrom wie immer. Geld ist knapp, und der Kurs des Afghani hat ungeahnte Tiefen erreicht: 74.000 werden jetzt auf dem Geldbasar für einen US-Dollar gewechselt. Im Zuge des weiteren Währungsverfalls steigen die Preise für Lebensmittel weiter. Ein 100-Kilo-Sack Weizenmehl kostet heute, statt 700 pakistanische Rupien, die statt der lokalen Afghani trotz Verbots durch Mulla Omar weiter überall als Zahlungsmittel gern genommen werden, Ende Dezember schon 920 Rupien. Das sind über 30 Prozent Steigerung.

Ein Student meint, das hänge mit den neuen Sanktionen zusammen, die der UN-Sicherheitsrat vor Weihnachten gegen die Taleban verhängte und die am 18. Januar in Kraft treten werden. Er gibt aber zu, dass einige Händler aus den sich darum rankenden Gerüchten Profit schlagen, in dem sie Waren künstlich verknappen und damit die Preise manipulieren.

Aber nirgends in Kabul ist Hektik auszumachen. Auch bei den Taleban nicht, die im Straßenbild nicht mehr auffallen als sonst auch. Nur manchmal kommt einer ihrer typischen Hilux-Pickups mit aufgeblendeten Scheinwerfern und ohne Rücksicht auf sonstige Verkehrsteilnehmer – gern auch gegen die Richtung der Einbahnstraßen um Kabuls Neustadt herum – herangebrettert. Andere haben sich im winterlich kahlen Shahr-e Nau-Park als Zuschauer zum Volleyball eingefunden. Manchmal spielen sie auch selbst, aber nur untereinander. Volleyball war in Afghanistan schon immer ein beliebter Sport, und die Schüler der einst (west-)deutschen Amani-Schule, die sich hier eingefunden haben, würden auch in im deutschen organisierten Spielbetrieb durchaus mithalten können.

Kurz vor fünf begannen sie, auf die Uhr zu sehen. “Noch zehn Minuten.” Dann ist es Zeit für das 4-Uhr-Gebet, denn der neue Chef des Olympischen Taleban-Komitees, der frühere Chef der berüchtigten Religions- und Sittenpolizei Amr bi-l-Maaruf, Mulla Kalamuddin, hat angeordnet, dass dann alle sportlichen Wettkämpfe zu enden haben. Bisher hält man sich daran, aber andere Verbotsdekrete wie gegen Fussball und Drachensteigen sind im Laufe der Zeit mehr und mehr dem Vergessen anheim gefallen. Nach der Ursache für die Verschärfung der Regeln befragt, weicht ein Zuschauer einer politischen Antwort aus und meint nur: “Die setzen eben die Sharia (das islamische Recht – d.A.) durch.” Und da geht Beten vor Ballspielen.

Beim Weitergehen winken mir von der gegenüber liegenden Straßenseite ein paar Taleban zu, die ein Büro der “Sicherheit” bewachen. Sie langweilen sich und haben Gesprächsbedarf. Da kommt ein “kharidshi”, Ausländer, gerade recht. Nachdem alle Hände geschüttelt und beste Wünsche fürs Befinden sowie nachträglich zum Id ausgetauscht sind, kommen die üblichen Fragen über Woher, Wohin und Arbeit. Doch das Gespräch hält sich nicht lange dabei und der Politik auf und nimmt bald die normale Wendung: Ob ich sie mit nach Deutschland nehmen oder wenigstens einen Pass besorgen kann. Überraschenderweise trifft man auf wenig Feindseligkeit.

Die drohenden UN-Sanktionen sind auch sonst nicht gerade das Stadtgespräch. Ein Intellektueller meint, den meisten Leuten sei sowieso das Wort unbekannt oder sie würden nichts Genaueres darüber wissen. Sie seien nur interessiert, Geld und Essen aufzutreiben. Dann meint er allerdings, die Sanktionen würden eben doch die normalen Leute treffen, wie durch den erwähnten Preisanstieg. Bei der nicht verwunderlichen Unwissenheit verfängt aber auch die Taleban-Propaganda leicht, die natürlich nicht die eigene Politik – das Beharren auf einer militärischen “Lösung” des Konflikts und die Beherbergung des gesuchten Islamisten-Führers Usama bin Laden – als Ursache für die Strafmaßnahmen verantwortlich macht. Was Usama betreffe, seien die meisten Afghanen der Meinung, dass er aus Afghanistan verschwinden solle, mehr noch aber, dass nicht ein ganzes Volk wegen eines Mannes zur Zielscheibe gemacht werden sollte. Die Fraktion “Usama ist unser Gast – Hände weg von ihm” scheint sich eher in der Minderheit zu befinden. Aber auch die USA kommen nicht gut weg. Sie würden nur an Usama denken und sich sonst wenig um Afghanistan scheren. Sie sollten auf das Taleban-Angebot eingehen, ihn in einem Drittland vor ein gemischtes Gericht aus islamischen und westlichen Richtern zu stellen.

Mittags im Restaurant “Schahr-e Nau” (Neustadt). Vor einem knappen halben Jahr frisch errichtet und gestrichen, macht es dem schräg gegenüber liegenden “Herat”-Restaurant Konkurrenz, bis dahin der einzige empfehlenswerte Anlaufpunkt für die ausländischen Gemeinde der Stadt von UN- und NGO-Mitarbeitern war. Außen von knallgrünen, -blauen und –roten Leuchtstoffröhren illuminiert, wirkt es recht einladend. Im Hauptsaal, in dem nur Männer zugelassen sind, kann man an Vierer- oder Zehnertischen mit Plastiktischdecken auf Stühlen oder auf einem erhöhten Podium traditionell auf Teppichen sitzen. Von einem Vorhang abgeteilt wird das Familienzimmer, in dem Männer mit ihren Frauen und Töchtern sitzen können.

Das Restaurant ist gut gefüllt: mit ein paar jungen Männern im weißen Shalwar-Kamiz, der ortsüblichen Bekleidung aus weiter Hose und knielangem Hemd, darüber Filzwesten oder Second-Hand-Jacken westlichen Fabrikats, distinguierte Herren mit weißem Bart und auch ein paar junge Taleban mit schwarzem Turban. Am Nebentisch schaufelte ein Jüngling mit bunter Tadschiken-Mütze Kebab-Stückchen und “Chips” (Pommes Frittes) in sich hinein, während er ab und zu einen tiefen Schluck aus seinem Trinkjoghurt-Glas nimmt. Neugierig beäugen uns einige Anwesende, aber bald sind wir unbeachtet.

Als wir unser Mahl beenden (für vier Personen etwa sieben Mark) und gerade beim obligatorischen Grünen Tee sitzen, erheben sich die Gäste von einem der Teppich-Sitzplätze. Ein junger Mann in einheimischer Kleidung, mit dunkler Gesichtsfarbe und fusseligem Vollbart, starrte uns an. Doch auf unseren Gruß reagiert er ungehalten, spitzt die Lippen und deutet ein Spucken in unsere Richtung an. Einer der Kellner beugt sich sympathisierend zu uns herab und sagte leise nur: “Arab.” Offenbar handelte es sich um einen jener sagenumwobenen arabischen Islamisten, die auf der Seite der Taleban kämpfen. Als der unfreundliche Gast das Restaurant verlässt, tippt sich der Kellner nur mit dem Finger an die Schläfe. Ein paar Gäste nicken.

 

 

Diplomaten-Voodoo gegen die Taleban

Am Donnerstag treten verschärfte Sanktionen gegen die in Afghanistan herrschenden Ultraislamisten in Kraft. Doch sie zielen eher auf Symptome denn Ursachen des über 20-jährigen Konflikts

 

Winter in Afghanistan ist keine erfreuliche Jahreszeit. Zwar tanzten im Dezember die Bewohner Kabuls auf den Straßen, als seit drei Jahren erstmals wieder reichlich Schnee fiel – der in Frühjahr und Sommer die Flüsse und Bewässerungssysteme in dem seit drei Jahren von einer extremen Dürre geplagten Land füllt. Aber wenn nicht bald mehr schneit, droht laut UN-Welternährungsprogramm einer Million Afghanen der Hungertod. Der Schnee auf den Bergen, die das fast 2000 Meter hoch gelegene Kabul malerisch einschließen, ist vorerst also nur eine Hoffnung auf bessere Zeiten.

Afghanistans winterlicher Alltag wird weiterhin vor allem von Problemen regiert. Noch gegen acht Uhr früh, die Morgensonne wärmt noch immer nicht richtig, kauern an einer Kabuler Straßenecke ein paar Dutzend Männer, gegen die Kälte so tief in Decken gehüllt, dass nur noch die Nasenspitzen hervor lugen, und warten auf ein Wunder. Die wenigen Arbeitgeber haben schon zwischen 5 und 6 Uhr ihre Tagelöhner geheuert. Und während der steigende Konkurrenzdruck durch Zuwanderer aus den Dürregebieten dafür sorgt, dass auch die Löhne der wenigen Glücklichen, die einen Job ergattern, sinken, steigen gleichzeitig die Preise für Brennstoffe und Grundnahrungsmittel.

In diesem Winter kommen erschwerend die verschärften UN-Sanktionen hinzu, die der Sicherheitsrat am 19. Dezember beschloss und die am Donnerstag nach 30-Tages-Frist in Kraft treten. Die regierenden Taleban machen sie für die Verschlechterung der Lebenslage verantwortlich. Selbst humanitäre UN-Agenturen widersprechen Moskaus und Washingtons Ansicht, dass es sich um “smarte Sanktionen” handele, die der Bevölkerung nicht schadeten. Einer Studie des humanitären UN-Koordinationsbüros für Afghanistan (UNOCHA) zu Folge wirkten sich schon die weitaus schwächeren Sanktionen vom November 1999 “indirekt” auf die Lebenslage der Bevölkerung auf, vor allem indem sie ihr “Gefühl der Isolation” und damit die Hoffnungslosigkeit verstärkten.

Vor 14 Monaten waren die Auslandsguthaben der Taleban eingefroren und alle Auslandsflüge der afghanischen Fluggesellschaft Ariana gestoppt worden. Ab Donnerstag dürfen auch ausländische Fluglinien Afghanistan nur noch aus humanitären Gründen und für Pilger ansteuern und müssen dies vorher beim UN-Sanktionskomitee beantragen. Taleban-Minister und deren Stellvertreter dürfen nur noch aus ebendiesen Gründen sowie zu Friedensgesprächen ihr Land verlassen. Die Taleban-Büros im Ausland – darunter eines in Frankfurt (Main) – werden geschlossen, ihre drei Botschaften in Islamabad, Riad und Abu Dhabi personell und im Rang reduziert, die Konten des von den Taleban beherbergten Islamisten-Chefs Usama bin Laden sowie seiner Organisation Al-Qaida (“die Basis”) eingefroren, und schließlich sollen die Taleban auch deren Ausbildungslager in Afghanistan schließen. Kernstück der neuen Sanktionen ist jedoch ein einseitiges Waffenembargo gegen die Taleban, das ihre Opponenten von der Vereinigten Front (UF) unter Militärchef Ahmad Shah Massud ausnimmt. Schließlich darf auch Essigsäure-Anhydrid nicht mehr nach Afghanistan exportiert werden, eine für die Heroinraffinierung aus Opium unabdingbare Chemikalie. Afghanistan ist der weltgrößte Produzent von Rohopium – allerdings mit deutlich sinkender Tendenz, wie der Chef des UN-Drogenbekämpfungsprogramms Pino Arlacchi noch vor dem Sanktionsbeschluss bekannt gab.

Genau deshalb verstehen die Taleban die Welt nicht mehr. Sie führen den von Arlacchi bestätigten Trend zu Recht auf ein Dekret ihres Großen Steuermannes Mulla Muhammad Omar zurück, der landesweit den Anbau von Opiummohn untersagte (siehe Kasten). Besonders verbittert sind sie darüber, dass Arlacchis Report sich nicht im Text der Sicherheitsrats-Resolution vom 19. Dezember widerspiegelt, sondern ein angeblicher weiterer Produktionsanstieg als einer der Gründe für die neuen Strafmaßnahmen angeführt wird.

Beobachter in der Region sind der Auffassung, dass die neuen Sanktionen durchaus einen der Hauptgründe für den anhaltenden Krieg in Afghanistan beseitigen könnten: Pakistans umfangreiche militärische Unterstützung für die Taleban. Ohne die Waffen, Munition und Berater aus dem Nachbarland wären sie ihren Gegnern nicht mehr so deutlich überlegen und könnten gezwungen werden, so die Kalkulation, sich wieder auf die Option Verhandlungstisch zu besinnen. Aber bisher sind Moskau und Washington den Beweis dafür schuldig geblieben, dass sie genügend Geld für die kostspielige Überwachung der Sanktionen geben wollen. Ein Expertenkomitee, das Vorschläge für das Monitoring ausarbeiten soll, ist noch nicht einmal benannt.

Paula Newberg, die lange für eine humanitäre UN-Agentur in Afghanistan arbeitete, kommentierte jüngst in der “Los Angeles Times”, dass die USA und Russland Afghanistan in eine “diplomatische Voodoo-Puppe” verwandelt hätten, “in die periodisch Nadeln gestochen werden, anstatt sich der schwierigen Arbeit zu widmen, dauerhaft Frieden herbei zu führen”. Diese “Nadeln” sollen in der US-Variante Usama bin Laden treffen, die russischen die tschetschenischen und usbekischen Terroristen, die von Camps in Afghanistan aus agieren. UN-Generalsekretär Kofi Annan sieht das nicht grundsätzlich anders und erklärte, die Sanktionen beförderten weder die UN-Friedensbemühungen noch ihre humanitären Anstrengungen.

Im Gegenteil: Die Taleban, und das war voraus zu sehen, nahmen die Sanktionen zum Vorwand, bereits den gerade am Anfang stehenden und von der UNO vermittelten Dialog mit Massuds UF zu boykottieren. Zudem gerät angesichts des Reizthemas islamischer Terrorismus ie tatsächliche schwarze Seite des Taleban-Regimes mehr und mehr aus dem Blickfeld: die fast völlige Ausschließung der Frauen aus dem gesamten sozialen Leben, einschließlich des Bildungssystems und des Arbeitsmarktes. Durch das einseitige Waffenembargo fühlt sich auch Massud zu neuen militärischen Taten ermuntert. Afghanistan steht 2001 ein weiteres Kriegsjahr ins Haus.

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