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Wer hat denn diesen stereotypisierenden Quatsch geschrieben? Afghanistan als „dünn besiedelten Bergstaat, der immer wieder international gesuchten Terroristen Unterschlupf bietet“ zu beschreiben, ist schon Orientalismus der schlimmsten Sorte. Wieso „immer wieder“? Afghanistans Geschichte ist länger als die gut fünf Jahre Taleban-Herrschaft und deren Allianz mit al-Qaeda. Die Terroristen von al-Qaeda sind längst weitergezogen, nach Pakistan und Nahost, und die Gelehrten streiten sich, ob über gelegentliche Videos und Statements al-Zawahris hinaus noch viel von der Organisation übriggeblieben ist. Der in Afghanistan andauernde Krieg ist kein Ausdruck von Terroristen, die dort „Unterschlupf“ gefunden hätten (also irgendwie nichts mit Afghanistan zu tun hätten), sondern Resultat der fehlgelaufenen, US-geführten Anti-Taleban-und-al-Qaeda-Intervention 2001 und Ausdruck sowohl Afghanistan-interner als auch regionaler Konflikte, in die vor allem (und vor allem wenn bis Ende des Jahres die meisten westlichen Kampftruppen abgezogen sein werden; mehr von AAN dazu hier und hier) lokale afghanische Akteure verwickelt sind.

 

Dünn besiedelt? (Kabuler Impression)

Dünn besiedelt? (Kabuler Impression)

Und: „dünn besiedelter Bergstaat“? Afghanistan ist nicht Andorra oder Bhutan. Hier leben um die 30 Millionen Menschen, die Hälfte des Landes ist Flachland. Der Autor sollte mal googeln und sich Fotos von der völlig überfüllten Millionenmetropole Kabul ansehen.

 

... und Bergstaat? Steppe in Nimruz. Foto: Thomas Ruttig

… und Bergstaat? Steppe in Nimruz. Foto: Thomas Ruttig

Das soll aber keine Aufforderung sein, sich die Filme des Themenabends nicht anzusehen – im Gegenteil. Die Ko-Autorin des Films über Taleban-Chef Mullah Muhammad Omar, Bette Dam, ist i.ü. auch AAN-Autorin und hat ein sehr interessante Biografie über Ex-Präsident Hamed Karzai geschrieben.

Auch wenn der Begriff „Kalif“ im Titel ihres Films irreführend ist, gerade angesichts der Aktivitäten des Islamischen Staates und dessen Anführer al-Baghdadi, der ein Kalifat wiedererrichten will, sich Amir ul-Mo’menin nennt _ also Anführer der/aller Gläubigen – und diesen Anspruch auch artikuliert. Mullah Omar führt zwar denselben Titel und wurde von einigen seiner Anhänger in den frühen Tagen seiner Herrschaft zum „zweiten Omar“ (der erste war einer der vier direkten Nachfolger des Propheten Muhammad) stilisiert. All das hat zu einiger Verwirrung geführt (und spricht möglicherweise auch für mangelnde theologische Kompetenz bei den Taleban; hier mein Papier, dass den tribalen sowie religiösen Charakter der Taleban diskutiert), aber Mullah Omar hat nie behauptet, dass er ein Kalifat errichten will oder beansprucht, alle Muslime der Welt zu führen. Sein Ziel und das der Taleban ist die Wiedererrichtung des „Islamischen Emirats [nicht Kalifats] Afghanistan“ – also nur in (s)einem Land.

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