Dieser Text von Theresa Falke wurde zuerst im FKA-Info No 64, dem Vereinsorgan des Freundeskreises Afghanistan e.V., veröffentlicht. Eine erheblich erweiterte, englisch-sprachige Version des Textes wird heute als Gastbeitrag parallel auf der AAN-Webseite erscheinen. Bitte unbedingt auch lesen.

 

Zeugnisausgabe in einer FKA-Projektschule in Jaghori (2011). Foto: FKA

Zeugnisausgabe in einer FKA-Projektschule in Jaghori (2011). Foto: FKA

 

Im November 2013 reiste ich nach Afghanistan, um in Kabul Interviews mit jungen Menschen für meine Magisterarbeit im Fach Ethnologie zu führen.

Bei der diesjährigen FKA Jahrestagung berichtete ich umfassend über meine Begegnungen und Erfahrungen vor Ort in Kabul. „Neue Medien in Afghanistan“, eines der Themen meines MV Referates, werde ich in diesem Info, auf Wunsch einiger Mitglieder, durch meine persönlichen Erfahrungen näher vertiefen.

In Afghanistan wird Internet ausschließlich über Mobilfunk der drei Anbieter Roshan, Etisalat und MTN angeboten. Mit etwa 5 Millionen Mobilfunknutzern ist Roshan der führende afghanische Mobilfunkanbieter. Auch auf dem Land ist, wie wir durch unsere afghanischen Projektpartner wissen, Internet zumindest in den größeren Orten, wenn auch nur zeitweise, vorhanden. Dort sind die Internetcafés stets hoch frequentiert. Ali Jan vom Schulkomitee Jaghori blickte mit großen Wunschaugen auf den mobilen Internetstick in meinem Notebook, den ich bei Schwitteks im OFARIN Büro benutzte und sagte: „Das ist mein absoluter Internet Traum!“ Dafür reicht jedoch die Internetkapazität der Anbieter auf dem Land meistens nicht aus, außerdem ist die Nutzung eines Stick für afghanische Einkommen ziemlich teuer (pro Monat ca. 15 $).

Kabul stellt hier natürlich mit den anderen großen Städten des Landes eine Ausnahme dar, weil hier das Funknetz fast lückenlos ist. Internetfähige Handys –Smartphones– sind schon länger Alltagsrealität.

Fast jeder in Kabul hat ein Mobiltelefon und benutzt es auch ständig, dieser Eindruck wird zumindest vermittelt, wenn man in der Stadt unterwegs ist, auch alle meine InterviewparterInnen waren „mobil“. Ich staunte, denn meistens waren es moderne Geräte. Ältere unmoderne Handys –wie hier auf dem Foto, Quelle Google – sind nicht nur peinlich, so eine Interviewpartnerin, sondern machen sich auch zum Beispiel am Flughafen verdächtig, sie könnten mit Sprengstoff präpariert worden sein. Man geht wohl davon aus, dass niemand  sein geliebtes Smartphone sprengen wird!

Smartphones sind nicht so teuer wie in Deutschland, sie sind vielleicht nicht immer die beste Qualität (Billigimporte aus China; wobei hauptsächlich die Optik kopiert ist), aber man kommt schon zurecht. Durch das Piktogramm Design der Anwendungen, muss der Benutzer auch nicht zwingend lesen oder schreiben können.

So ist das Know-how um diese Geräte schnell erlernt: Bluetooth, Musik hochladen und hören, Videos drehen und Fotografieren alles kein Problem. Dadurch erschließt sich natürlich eine ganz neue Welt der Kommunikation.

Begeistert über diese Möglichkeiten wird nicht nur ständig fotografiert und Videos gedreht, sondern auch zu jeder sich nur bietenden Gelegenheit werden diese Fotos oder Videos herumgezeigt. Über dieses Medium lernte ich auch die Familien meiner jeweiligen Interviewpartner kennen!

Die Handykamera immer im Einsatz: Eines von vielen Fotos, die meine jeweiligen InterviewpartnerInnen von unseren Treffen geknipst haben.

Online-Spiele sind eine Art der Kommunikation, denn die Spieler sind interaktiv vernetzt. Solche Spiele kann man auch auf Facebook spielen, und dieses soziale Netzwerk hat auch Kabul längst geentert. Ich war sehr überrascht wie viele meiner Interviewpartner bei Facebook angemeldet sind. Auch auf der Straße habe ich das doch sehr distinkte Wort oftmals aus Gesprächen herausgehört.

Eine ehemalige Studentin, stellte mir zwei Kommilitonen vor. Ich fragte die drei Freunde, ob sie sich denn oft sehen – sich verabreden. Alle drei bejahten dies, jedoch bei genauerem Nachfragen wurde klar, dass sie sich außerhalb der Universität gar nicht sehen. Deshalb sind sie auch froh, dass es Facebook gibt – hier kann man sich mit der geforderten oder selbstgewählten Distanz mit Bekannten austauschen. Auch zur Cousine, die in Amerika lebt, ermöglicht Facebook Kontakt. Nun könnte man den Eindruck gewinnen, dass nur eine gewisse Schicht Zugang zum Internet und damit auch zu sozialen Netzwerken wie Facebook hat – mir hat sich dies aber anders dargestellt.

Klar einen Computer können sich die wenigsten leisten -Smartphones, obwohl recht günstig- auch nicht jeder. Aber es wird möglich gemacht: Durch den Besuch von Internetcafés oder man leiht sich eben das Handy des Bruders – der Freundin. Online kommt man immer irgendwie.

Ein 15 jähriger Junge den ich interviewte, und der nicht zur privilegierten Schicht gehört  -eher zur aufstiegsbereiten Unterschicht-, antwortete auf meine Frage wie viel Zeit er denn ungefähr in Facebook zubringe, dass er dies unmöglich sagen könne. Wenn das Internet durchhielte, habe er schon ganze Nächte im Netz und auf Facebook verbracht.

Je sicherer und gefestigter die soziale und finanzielle Situation eines Individuums ist, desto wahrscheinlicher ist eine extensive Facebook, beziehungsweise Internet Nutzung. Einfach weil es für mehr Geld bessere Geräte gibt, mehr Geld für Internetsticks ausgegeben werden kann. Für eine sehr kleine Gruppe Kabuler Jugendlicher bedeutet Internet noch viel mehr als reines Freizeitvergnügen. Beispielsweise können in der Facebook Gruppe „Kabul Security Now!“  Mitglieder über aktuelle Gefahren in der Stadt berichten. Für die „coole Community Kabul“ (O-Ton eines Interviewpartners), die jungen Menschen, die sich ohne Restriktionen durch die Stadt bewegen wollen, bedeutet die Facebook Gruppe ein Sicherheitsnetz, das sie in ihrem Freiheitsdrang unterstützt, wenn sie Tanzkurse besuchen und feiern gehen wollen.

Aber Facebook kann neben Selbstdarstellung noch mehr, die Mädchen posten hier häufig fromme Sprüche über Allah und den Islam, Jungen und junge Männer posten oft Poesie über unglückliche Liebe. Hier werden auch Ideen ausgetauscht. Politik- ganz aktuell die Wahlen in Afghanistan- wird dort kontrovers diskutiert, Musik, Kunst, soziale Ideen: Auch die Afghanen nutzen Facebook für „Business“. Vereine und Initiativen, wie Straßensäuberungsaktionen in Kabul, oder Straßenkinder Programme haben bereits ihren festen Platz im Kabuler World Wide Web.

Auch wenn ich persönlich Internet und vor allem soziale Netzwerke durchaus kritisch sehe, so hat mich meine Zeit in Kabul doch ein wenig mit den neuen Medien ausgesöhnt.  Ein Bild, das sich mir besonders eingeprägt hat: Drei Jugendliche auf einem Eselskarren, die auf einem Smartphone afghanische Musik hören und dazu tanzen, als Beispiel für die Verschmelzung zwischen Tradition und Moderne.

Die mediale Entwicklung in Afghanistan stellt sich für mich eher positiv dar. Zu lange war das Land, waren seine Menschen von der Außenwelt abgeschnitten – sind es noch immer. So sind diese neuen Medien für viele die einzige Chance mit der Welt außerhalb Afghanistans in Kontakt zu treten. Und die Neugier auf diese äußere Welt ist gerade unter den jüngeren Menschen sehr groß.

Für mich jedenfalls ist es jedes Mal ein kleines Wunder, wenn ich in Sekundenschnelle meinen Kabuler Freunden Bilder und Grüße übermitteln und lange Gespräche via Chat über diese große physische Distanz hinweg führen kann.

 

Theresa Falke ist Mitglied des 1982 gegründeten Freundeskreises Afghanistan (FKA) und schreibt gegenwärtig ihre Masterarbeit in Sozialanthropologie.

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