Wegen Kabul-Aufenthalts etwas später als geplant. Die Übersicht für November wird noch vervollständigt.

 

Foto: Christine Röhrs

Foto: Christine Röhrs

 

Shame and Impunity: Is domestic violence becoming more brutal? (Schande und Straflosigkeit: Wird häusliche Gewalt brutaler? Von Wazhma Samandary, 30. November 2014

Ein Vater, der über fast zehn Jahre seine Tochter vergewaltigt, ohne dass die Familie einzugreifen wagt (außer, um bei Abstreibungen zu helfen); eine Frau, die nach einem Familienstreit verbrannt wird; eine andere Frau, die gequält und verstümmelt wird, weil ihr Ehemann daran Freude empfindet; ein Mullah, der eine Elfjährige missbraucht, die ihm für das Studium des Korans anvertraut wird – das sind nur einige Fälle von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, über die afghanische Medien in den vergangenen Monaten berichtet haben. AANs Wazhma Samandary (mit Input von Ehsan Qaane und Christine Roehrs) hat die prominentesten zusammengetragen, auch den der Massenvergewaltigung von Paghman, dessen Verhandlung mit mehreren Todesurteilen endete, die ersten, die unter dem neuen Präsidenten Ghani vollstreckt wurden – obwohl alles andere als klar ist, ob die Verurteilten mit den Tätern identisch sind.

Die Autorin beschreibt, wie ein der Vergewaltigung beschuldigter Vater die Schuld mit Hilfe vermutlich bestellter ‚Zeugen’ auf das Opfer, seine Tochter, lenkt, in dem er behauptet, sie habe illegitime sexuelle Kontakte unterhalten – ein Zeichen, dass Vergewaltigungsopfer oft als schuldig für ihr eigenes Schicksal gemacht und sozial stigmatisiert werden (eine Diskussion, die auch in unseren Ländern nicht unbekannt ist); AAN traf selbst Menschenrechtsaktivisten, die diese Auffassung vertraten. Sie denkt darüber nach, ob Behauptungen von Frauenrechtlerinnen akkurat sind, dass häusliche Gewalt brutaler wird und dass ihr zunehmender Organisationsgrad eine Welle von Gegengewalt von Männern ausgelöst hat, ob Medien zu größerem Problembewusstsein und Unterstützung für die Opfer beitragen oder zu wenig Respekt für ihre Sicherheit und Privatsphäre zeigen.

Sie kommt zu dem Schluss, dass nicht genügend Informationen vorliegen, um abschließend beurteilen zu können, ob der Charakter der Gewaltausübung sich tatsächlich verändert hat. Das Frauenministerium hat 2013 insgesamt 5406 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert (2012: 4505), was ein Anstieg 16% darstellt. Aber auch UNAMA geht davon aus, dass vor allem Fälle im ländlichen Bereich kaum berichtet werden.

Der neue Präsident Ghani hat bereits mehrfach öffentlich erklärt, er wolle die Frauenrechte zu einem seiner politischen Schwerpunkte machen. Das Frauenministerium begann am 25. November mit einer Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen; in den letzten tagen tauchten anonyme Plakate in Kabul zu dem Thema auf (siehe z.B. hier).

Versammlung von Frauenaktivistinnen in Khost, 2014. Foto:  Pajhwok News Agency

Versammlung von Frauenaktivistinnen in Khost, 2014. Foto: Pajhwok News Agency

 

Die Untersuchung der Fälle durch AAN brachte auch erhebliche terminologische Schwächen und Unschärfen in der afghanischen Gesetzgebung zu Tage, die zu mangelhafter Aufarbeitung solcher Gewaltfälle beitragen. Zum Beispiel wirft das geltende Strafrecht (in einer Fassung von 1977) unter dem Begriff zena (konsensuellen Ehebruch bzw außerehelichen Sex zwischen Volljährigen) mit Vergewaltigung zusammen. Artikel 429 des von 1976 stammenden Gesetzes kennt zwar den Begriff „sexuelle Gewalt“ (tajawoz-e jensi), aber es fehlen spezifische Bestimmungen für „inzestuöse Vergewaltigung“, vor allem von Minderjährigen.

Zwar enthält das neue Gesetz zur Elimination von Gewalt gegen Frauen (Elimination of Violence against Women Law, EVAW) Strafen dagegen, aber es wird oft von der Gerichtsbarkeit nicht angewandt. Hintergrund ist, dass das Parlament dieses Gesetz nicht verabschiedet hat, sondern 2009 per Dekret durch den damaligen Präsidenten Karzai in Kraft gesetzt werden musste. Besonders der islamische Klerus (mit seinen starken Positionen in der afghanischen Gerichtsbarkeit) lehnt dieses Gesetz nach wie vor vehement ab und versuchte in vergangenen Jahr, es im Parlament zu Fall zu bringen. Nur ein Abbruch der Debatte konnte überhaupt verhindern, dass es abgelehnt wurde. UNAMA zufolge wandten Gerichte 2013 nur in 61 Prozent der Fälle an, in denen es zu Verurteilungen kam.

 

Screenshot von Dokumenten zu den pakistanischen Bagram-Häftlingen.

Screenshot von Dokumenten zu den pakistanischen Bagram-Häftlingen.

 

The ‘Other Guantanamo’ (11): More transfers, a court’s scrutiny and possible redress (Das andere Guantanamo 11: Mehr Transfers, ein Gerichtsurteil und mögliche Entschädigung, von Kate Clark, 28. November 2014)

Ein US-Militärsprecher hat gegenüber AAN bestätigt, dass ein weiterer nichtafghanischer Gefangene aus der Haftanstalt auf der US-Luftbasis Bagram verlegt worden ist, der Russe Irek Khamidullin. Khamidullin, ein Tatare von der Wolga, steht in den USA wegen Terrorismus vor Gericht, als erster ausländischer Afghanistan-Kämpfer. Seine Vorgeschichte ist jedoch umstritten. US-Dokumenten zufolge sei er ein Veteran der sowjetischen Okkupationstruppen der 1980er Jahre, dann desertiert, zum Islam übertreten und habe dann an der Seite der Mudschahedin gekämpft sowie, nach 9/11 auch gegen die US-Truppen. 2009 sei er bei einem Angriff auf einen afghanischen Grenzposten festgenommen worden. Russische Medien bestreiten, dass er in Afghanistan gewesen sei. 1999 habe er sich dem antirussischen Dschihad in Tschetschenien angeschlossen, von wo aus er nach Pakistan gegangen und dort beim versuchten Grenzübertritt festgenommen und zurück nach Russland deportiert worden. Dann soll er erneut über Tadschikistan ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gekommen sein.

Aus geleakten Dokumenten (der ursprüngliche Internet-Link funktioniert nicht mehr) geht hervor, dass auch der „Deutsch-Marokkaner“ Muhammad Abdullawi in sein Heimatland überstellt worden sei. Er hatte bis 2010 in Deutschland gelebt, dann seinen Aufenthaltsstatus verloren und über die Türkei ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gelangt.

Damit waren Ende November noch zehn Nichtafghanen im Gefängnis von Bagram, das zu Ende des Jahres schließen muss.

Gleichzeitig hat der High Court in London die Klagen zweier Pakistani auf Entschädigung zugelassen, die 2004 von britischen Truppen in Irak festgenommen, den US-Truppen übergeben und von diesen nach Bagram überstellt wurden. Dort waren sie für etwa ein Jahrzehnt festgehalten worden, ohne dass je Anklage gegen sie erhoben worden war. Die Beschuldigung lautete Mitgliedschaft in der (militant anti-schiitischen) pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e Tayba – was besonders im Falle Alis schwer glaubhaft war, da er selbst Schiit ist. Einer der beiden, Yunus Rahmatullah, wurde im Mai 2014 nach Pakistan repatriiert, Amanatullah Ali im September.

 

Abstimmung in der Wolesi Jirga. Foto: ToloNews.

Abstimmung in der Wolesi Jirga. Foto: ToloNews.

 

Wolesi Jirga Resolutely in Favour of NATO Support: BSA and SOFA take next hurdle (Wolesi Jirga resolut für NATO-Unterstützung: BSA und SOFA nehmen die nächste Hürde, von Thomas Ruttig, 24. November 2014)

Eine deutsche Variante dieses Textes erschien am 24. November 2014 in der taz (hier).

 

Kabuler Copyshop als Ersatzbibliothek für Studenten. Foto: Christine Röhrs.

Kabuler Copyshop als Ersatzbibliothek für Studenten. Foto: Christine Röhrs.

 

One Thousand Dollars for Books per Year: Afghanistan’s undersupplied universities (1000 Dollar für Bücher im Jahr: Afghanistans unterversorgte Universitäten, von Christine Roehrs, 23. November 2014)

13 Jahre nach dem Sturz der Taleban haben Afghanistans Universitätsstudenten immer noch keine vernünftigen Textbücher. Sie verwenden vorrangig von ihren Professoren bereitgestellte sogenannten „chapters“ (Kapitel), Kopien von Exzerpten, Vorlesungsmitschriften oder Büchern, die oft völlig veraltet sind. Die Universitätsbibliotheken hingegen sind oft Halden für systemlos gespendete Bücher, die weder mit den Curricula noch sonstigen Bedürfnissen der Studenten übereinstimme. Studenten berichten, dass ihre Professoren keinen Zugang zu Computern haben, um moderne Fachliteratur zu finden, oder ihr Englisch nicht gut genug dafür ist, sie zu übersetzen. Durch die Kriegsjahre waren sie für Jahrzehnte vom internationalen akademischen Austausch abgeschnitten, und haben oft den Enthusiasmus zu lehren und auch selbst zu forschen verloren. Auch das Englisch der Studenten reicht oft nicht, um Fachliteratur lesen zu können, und es mangelt an Büchern in den Landessprachen Dari und Paschto.

Trotzdem haben ausländische Geber sowie Ex-Präsident Karzai auf Lehre auf Englisch gedrungen, mit Indien, Iran und Pakistan als Vorbildern. Doch das ist bis heute umstritten. Angesichts des desolaten Zustands des Schulwesens wird es noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, bis afghanische Studenten auf Englisch mit denen aus Nachbarländern mithalten können. Die Hälfte der Kabuler Studenten, die für diesen Artikel befragt wurden, konnten nicht einmal eine einfache Konversation auf Englisch führen.

AAN-Analystin Christine Roehrs fand drei Hauptbarrieren, die relevanterem und moderner Lehrer entgegenstehen: Mangel an Curriculum-Reformen, Budgets und Koordinierung mit dem Grund- und Sekundärschulsektor. Dazu kommen mangelnde Weiterbildung für den Lehrkörper, Probleme beim Uni-Zugang für Frauen, Probleme, das korrupte System der Aufnahmeprüfungen umzukrempeln, sowie mangelnde akademische und finanzielle Unabhängigkeit der in den Bürgerkriegsjahren politisierten Universitäten. Unglücklicherweise, fand sie heraus, sehen auch weder die neue afghanische 5-Jahres-Strategie für das Hochschulwesen noch die großen Geber die dringende Notwendigkeit, hier etwas zu tun – trotz der stürmisch wachsenden Zahl der Abiturienten – 2012 um 36% zu, 2013 um 59% und 2014 wieder um 36% – die fast alle an die Universitäten drängen. Von 2002 bis 2013 stieg die Zahl der Studenten an den 34 staatlichen Universitäten und anderen Hochschulen von 31.203 auf 123.524. (Von den 564 Millionen Dollar, die für den letzten 5-Jahr-Plan vorgesehen waren, wurden nur 20% wirklich bereit gestellt, 111 Millionen.) So fehlt es auch an Geld für die Übersetzung moderner Textbücher.

Obwohl 2013 500 neue Dozenten rekrutiert wurden, hatte niemand von ihnen einen Doktortitel und die meisten hatten nur Bachelor-Abschlüsse; das trifft insgesamt für 57% aller afghanischen Uni-Lehrkräfte zu. Nur 38% haben einen Master, und 5% einen Doktortitel. Afghanistans Unis selbst bieten z.Zt. nur wenige Masters-Kurse an (z.B. für Physik, Computerwissenschaften, Geologie, Bergbau, Hydrologie und Bildung und nur je einen Doktorandenkurs für Dari und Paschto. Zudem gibt es einen brain drain; 35% der afghanischen Fulbright-Stipendiaten kehrten 2013 nicht aus den USA zurück.

Das Personal an der Kabuler Uni sagt, man habe “keinen einzigen Afghani für Zentralbibliothek“ noch gäbe es Geld für die einzelnen Bibliotheken der Fakultäten; dasselbe gelte für die Unis in den Provinzen. Im Budget des zuständigen Ministeriums sind für Bücherkauf ganze 2 Millionen Afghani (34.453 Dollar) für alle 34 Unis vorgesehen – das macht etwa 1000 Dollar für jede. Allerdings bindet sie nichts daran, selbst dieses geld für Bücher auszugeben, denn der Budgetpunkt umfasst auch Büromaterial, Tafeln und ähnliches oder kann als Unterhaltskosten für die (ebenfalls unterversorgten) Studentenwohnheime abgezweigt werden.

An einigen Fakultäten aber geht es vorwärts, in Kabul u.a. an denen für Ingenieurwesen, Geologie und Pharmazie. Aber das liege oft zuerst an persönlicher Initiative aus dem Lehrkörper. An 52 Fakultäten (35% aller Fakultäten landesweit) hat es Curricula-Reformen gegeben, neue Literaturlisten wurden zusammengestellt. Aber von den meisten neuen Büchern gibt es oft nur ein Exemplar, das unter Verschluss gehalten wird, so dass Studenten kaum Zugang haben. (Seit Jahrzehnten gibt es einen schwarzen Buchmarkt, und Bücher aus Bibliotheken werden massenhaft gestohlen.) Also werden die Bücher wieder kapitelweise kopiert und verteilt, und kein Student kann weiter lesen, als was gegenwärtig gelehrt wird.

(Mehr Detail-Informationen im englischen Original.)

 

Eingang zum Kabuler Nationalmuseum, 2009. Foto: Thomas Ruttig

Eingang zum Kabuler Nationalmuseum, 2009. Foto: Thomas Ruttig

 

Cult, Culture and the Need for Public Education: Why the National Museum in Kabul has little meaning for Afghans (Kult, Kultur und notwendige öffentliche Bildung: Warum das Kabuler Nationalmuseum den Afghanen wenig bedeutet, von Jolyon Leslie, 21. November 2014)

The Kopf eines in Ghazni gefundenen Boddhisatva . Foto: Jolyon Leslie.

The Kopf eines in Ghazni gefundenen Boddhisatva . Foto: Jolyon Leslie.

 

Kabuls Nationalmuseum ist ein starkes Symbol für Afghanistans Wiederaufbau seit 2002 und war Fokus intensiver internationaler Aufmerksamkeit. Aber nach über einer Dekade, Kriegsverluste festzustellen, Zerstörungen daran zu überwinden, was einmal eine der reichsten Sammlungen der Region war, und für sie ein neues modernes Gebäude zu errichten, wäre es an der Zeit zu debattieren, was das Museum heute für die breitere afghanische Bevölkerung bedeutet. Obwohl die Sammlung die diversen und reichen Kultures widerspiegelt, die sich über Jahrtausende auf dem Territorium des heutigen Afghanistan entwickelt haben, und immer wieder behauptet wird, das Museum trage dazu bei, eine “nationale Identität“ zu schaffen, ist die Sammlung den meisten Afghanen unbekannt. Jolyon Leslie blickt auf die Entwicklung des Museums zurück, diskutiert die Haltung der afghanischen Bevölkerung zu archäologischen Funden, beleuchtet deren Schmuggel – und fordert, dass ein größerer Schwerpunkt darauf gelegt werden muss, das Museum für die eigentliche Zielgruppe, den Afghanen, „Leben einzuhauchen und Bedeutung für ihr Leben zu geben“.

Gesonderter Foto-Blog zum Kabuler Museum demnächst.

Besucherleerer Ausstellungssaal im Kabuler Museum, 2009 (der Sitzende ist ein Wächter). Foto: Thomas Ruttig

Besucherleerer Ausstellungssaal im Kabuler Museum, 2009 (der Sitzende ist ein Wächter). Foto: Thomas Ruttig

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