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Altes Kabuler Stadtwappen, in einer Straßenbegrenzung

Altes Kabuler Stadtwappen, in einer Straßenbegrenzung

 

Nach drei Jahren Einreisesperre bin ich im November erstmals wieder drei Wochen lang in Afghanistan. Da ergibt sich natürlich die Frage: Was hat sich in der Zwischenzeit verändert?

Das erste Zeichen gleich nach der Einreise am Terminal des Flughafens: Das große Karzai-Porträt ist weg, ersetzt durch eines des neuen Präsidenten Muhammad Aschraf Ghani (ein Foto hier) (so sein nun offiziell verwendeter vollständiger Name; er hat seinen Stammesnamen Ahmadzai wieder abgelegt). Dafür heißt der ganze Flughafen jetzt nach dem alten Präsidenten: Hamed Karzai International Airport. Das steht nur eher unauffällig am Bogen über der Ausfahrt Richtung Stadt. Trotzdem merkwürdig: In den meisten Ländern werden öffentliche Einrichtungen nicht nach lebenden Personen benannt.

Im übrigen hängen neben Ghani nun gleich zwei Porträts des 2001 ermordeten Ahmad Schah Massud, Ausdruck weniger offizieller, doch realer Machtverhältnisse – obwohl seit  März dieses Jahres auch Massuds noch selbstdesignierter Nachfolger Qassim Fahim, bis dahin Erster Vizepräsident Karzais, ebenfalls nicht mehr lebt. Er erlag einer Krankheit und hinterließ eine Führungskrise im politischen Lager von jamiat-e Islami und Schura-ye Nazar.

Neue Wedding Hall in Shahr-e Nau.

Neue Wedding Hall in Shahr-e Nau.

 

Zur Sicherheitslage

Für einen richtigen Stadtrundgang hat die Zeit diesmal noch nicht gereicht. Deshalb habe ich auch den neuen Vergnügungspark noch nicht gesehen. Dessen Ästhetik finde ich zwar ebenso unerträglich wie die der meisten Narcotecture-Neubauten, die zunehmend in den Kabuler Himmel wachsen, dessen Ansatz ich angesichts des nicht sehr breiten öffentlichen Unterhaltungsangebots allerdings auch verstehe. (Vieles verlagert sich ja in die virtuellen Welten, siehe hier, auf deutsch, und hier, ausführlicher, auf englisch). Trotzdem, wie ein Afghane neulich in einer deutschen Zeitung zitiert wurde: Es gibt zu viele Wedding Halls und zu wenig Bibliotheken. (Siehe auch der AAN-Bericht über Buchknappheit an den Unis, auf englisch hier und zusammengefasst auf deutsch hier).

Villa im Narcotekture-Stil, Scherpur, Kabul 2014.

Villa im Narcotekture-Stil, Scherpur, Kabul 2014.

 

Die eigenen Kollegen raten ab, wie die meisten internationalen Organisationen, die es ihrem nichtafghanischen Personal oft gleich untersagen, auf der Straße herumzulaufen oder in Restaurants zu gehen. Kein Wunder, bei der Statistik: Laut UNO-Angaben kam es zwischen dem 1. Juni und 15. August 2014 landesweit zu 5456 „sicherheitsrelevanten Zwischenfällen“. Das sind im Durchschnitt 71,8 pro Tag. Dazu zählten 211 gezielte Morde an Unterstützern oder Offiziellen der Regierung. Auf der anderen Seite registrierte die Militärzeitschrift Jane’s 56 ISAF-Drohnenschläge in Afghanistan in diesem Jahr, davon über die Hälfte seit September. Bis Mitte November hatte Jane’s für dieses Jahr 80 Taleban-Angriffe in Kabul gezählt, die höchste Zahl seit 2009 – dem Jahr, als Obamas „surge“ und die Gegenreaktion der Taleban zu einer weiteren Eskalation führte; bis Anfang November hatte es 21 Selbstmordanschläge in Kabul gegeben. Mit anderen Worten: bis 2009 lag das Gewaltniveau immer darunter.

Mitte November (ich war bis zum 25.11. dort) ging es erst richtig los. Über drei Wochen ereigneten sich in Kabul mindestens zwölf weitere Selbstmordanschläge bzw sogenannte komplexe Angriffe, bei denen Selbstmordattentäter eingesetzt werden, um die Stahltore (und Wachen) an bestimmten Compounds „wegzusprengen“ und den Weg für Bewaffnete freimachen. So geschehen bei zwei Angriffen auf Wohnanlagen für ausländische Kontraktoren (von den Taleban als US-Kollaborateure betrachtet), aber auch EU-Polizisten und andere am 17. und 19. November im Osten Kabuls, im sogenannten Green Village, sowie am 29. November gegen PAD, einer im Erziehungsbereich tätigen christlichen NGO, die von den Taleban angegriffen wurde, weil sie „Missionare und Spione“ seien. Dabei wurden der südafrikanische Leiter der NGO und seinen beiden Kinder im Teenager-Alter erschossen. Bei dem Angriffe am 19.11. kamen zwei afghanische Guards und ums Leben. Am 17.11. sprengte ein Selbstmordattentäter in derselben Gegend einen Wagen der britischen Botschaft in die Luft, töteten einen Briten und fünf Afghanen, die meisten Passanten. Am 24.11. tötete eine IED 2 ISAF-Soldaten. Am 9. November gelangte ein Selbstmordattentäter bis ins Büro des Kabuler Polizeichefs, verfehlte diesen, aber brachte dessen Stabschef um.

Dazu kam der Angriff auf die Parlamentsabgeordnete Shukria Barakzai am 16. November auf der Dar-ul-Aman-Straße, bei dem sie und ihre Tochter verletzt wurden (Foto). Allerdings starben – wie bei den meisten der anderen Anschläge – Zivilisten und nicht die eigentlichen „Ziele“ der Anschläge. Im Falle Barakzais war es nicht klar, ob sie persönlich das Ziel war oder man einfach auf irgend ein „lohnendes“ Ziel in der Nähe des Parlaments wartete, wo ja viel prominenter Verkehr ist. Dieser Anschlag, bei dem eine junge und sehr erfolgreiche Uni-Studentin aus einer armen Familie ums Leben kam (Video hier), und damit deren Hoffnung auf einen künftigen lukrativen Broterwerb, führte nicht nur wieder einmal die Behauptung der Taleban ad absurdum, man wolle Zivilisten schützen, sondern sorgte auch wieder für eine Solidarisierungswelle; in den sozialen Medien wurde ein Stipendium in ihrem Namen angeregt. Schon einmal, nach dem Taleban-Angriff auf ein Ausflugslokal am Kargha-See gab es so etwas, versickerte dann aber wieder. Vielleicht führen ja Kleinstinitiativen wie die Afghan Peace Volunteers, die „den Krieg abschaffen“ wollen und Kabuler Parks von Müll säubern (hier in einem NDR-Film von Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seibel), dies fort.

In einigen Fällen (genährt auch von Polizeichef Zahir selbst, der später zurücktrat – oder gefeuert wurde –, mit Hinweis auf die kürzliche Hinrichtung eines der Chefs der Shemali-Kidnappingnetzwerke, Habib Istalif(i)) kam der Verdacht auf, dass nicht die Taleban, sondern kriminelle Kreise – als „Mafia“ bezeichnet – hinter Anschlägen stecken könnten. Taleban „for hire“ gibt es ja auch.

Um nur die größten Anschläge in den Provinzen zu nennen: Bombenanschlag auf einem Markt in Gardez mit 4 Toten und 23 Verletzten am Morgen des 3. November; Angriff auf das Distrikthauptquartier von Shindand (Herat) mit anhaltenden Kämpfen; keine Opferzahl gemeldet am 4. November; Bombenanschlag auf das Polizeihauptquartier des Distrikts Shinkay (Zabul) am 19. November; keine bestätigten Opferzahlen; über 50 Tote bei einem Anschlag auf ein Volleyballspiel in Yahyakhel (Paktika), an dem auch Angehörige der Afghan Local Police teilnahmen, am 23. November; sechs Tote, darunter Zivilisten, bei einem Bombenangriff auf ein Polizeifahrzeug in Dasht-e Archi (Kunduz) am 24. November. Am 27. November griff eine große Taleban-Gruppe den Stützpunkt Camp Bastian in Helmand an, den die britische Armee gerade an die ANA übergeben hatte; die Kämpfe dauerten mindestens drei Tage.

 

Straßenszene mit alten Fort von Qala-ye Fathullah.

Straßenszene mit alten Fort von Qala-ye Fathullah.

 

(Einige Teile von) Kabul zu Fuß

Ich musste es trotzdem versuchen, laufe ein paar Mal nach Gesprächen zurück ins Büro, mache an einem anderen Tag in Begleitung einen Rundgang im eigenen „Kiez“ und schließlich einen Weihnachtseinkäufe-Ausflug auf den Mandawi, den großen Basar am – wieder furchtbar von Abfall (Plastik!) gesättigten – Kabul-Fluss. Resümee: Der Staub sowie die allgegenwärtigen Mauern, Barrieren und Stacheldrahtverhaue gerade in zentralen Stadtteilen wie Shahr-e Nau, Sherpur und Wazir Akbar Khan ((siehe meine Reportagen von 2001; 2009; nochmal 2009; 2011) machen solche Spaziergänge nicht zum Vergnügen. Internationale Kollegen sieht man fast überhaupt nicht zu Fuß.

Auch die Restaurants – einige davon wirklich schön, zwar mit Wachen und auch mit Metalltüren und höchstens sehr kleinem Hinweisschild, aber schönen Innengärten – sind leer. In einem saß ich mit einer Gesprächspartnerin allein im Garten, drinnen außer uns nur ein paar junge Afghanen, die Billard spielten.

Die Kabuler haben schon lange ihre frühere, oft schon überschwängliche Freundlichkeit aufgegeben, was man angesichts des Desasters der letzten 13 Jahre nicht überrascht. Immerhin: Mir ist keine offen ablehnende Reaktion begegnet, meist nur Gleichgültigkeit. Ab und an kommen ein paar englische Floskeln von Schülern und auch Schülerinnen, selbst zuweilen unter der Burqa hervor. Ältere Passanten grüßen meist zurück, und es gibt eine kurzes Aufblitzen von Freundlichkeit. Nur bei den vielen Polizeiposten, bewaffneten Wachen vor Häusern von Prominenten oder den Pick-ups mit Bewaffneten, die einem gepanzerten Auto (manchmal Mehrzahl) mit abgedunkelten Scheiben hinterher rauschen, achte ich darauf, wohin die Läufe zeigen. Anja Niedringhaus, Kathy Gannon und Nils Horner gehen mir nicht aus dem Kopf.

Mehr Straßen wurden asphaltiert, auch im notorischen Scherpur-Viertel, so dass sich nicht mehr alles durch die zwei offenen Hauptstraßen quälen muss. Abdeckgitter liegen über vielen der neugemauerten Abflussgräben am Straßenrand, neben nun oft gepflasterten Bürgersteigen. Dostum, dessen Hauptquartier strategisch ungünstig an einer Kurve gelegen ist, hat wohl sein neues Vizepräsidentenamt dazu bewogen, die Sicherungen nochmal zu verstärken; dort stehen jetzt mittelalterlich runde Wachtürme aus Stahlbeton und mit Panzerglasfenstern. Dafür, berichtet ein Kollege, ist der Asphaltbelag im Salang-Tunnel schon wieder einmal hin, zermahlen, man fahre „wie auf Sand“.

 

Befestigtes Dostum-Hauptquartier in Scherpur.

Befestigtes Dostum-Hauptquartier in Scherpur.

 

In den Seitenstraßen von Taimani, dem AAN-Kiez, gibt es keine Bewaffneten. Passanten, die ich gezielt ansprach, sagen, hier müsse man sich keine Sorgen machen, auch als Ausländer nicht. Hier leben vor allem Schiiten – die Aschura-Banner hängen noch überall, aber auch Sunniten. Ein sunnitische Freund, der in der Nachbarschaft wohnt, berichtet, man habe keinerlei Probleme miteinander – Irak ist in dieser Beziehung weit weg. Ein sehr positiver Punkt. Neu – oder ist es mir nur vorher nie aufgefallen – junge Paare Hand-in-Hand, zwar auch nur in den Seitenstraßen, aber auch nicht versteckt oder gar verstohlen. Er in der Regel mit gegelter Frisur und spitzen Schuhen, sie mit Kopftuch und Jeans und oft mit schicken Schuhen.

Moschee im "Kiez".

Moschee im „Kiez“.

 

Wir schwatzen wir mit dem Betreiber eines privaten Bildungszentrums über den örtlichen Internetempfang und mit dem Holz- und Kohlenhändler über Preise und Sorten. Die Steinkohle kommt, in großen Brocken, immer noch aus den privat betriebenen Kohlenminen von Dara-ye Suf in Samangan. (In Bamian wurden sie, jedenfalls für eine Weile, geschlossen, um das Monopol des Staates durchzusetzen.) Wir erfahren die (Preis-)Unterschiede zwischen pustdar, Holz mit Rinde (6000 Afghan pro kharwar = 560 kg), und be-pust (7000 Afs). Es gibt auch wohlriechendes chob-e roghani, harzhaltiges Holz, gut als Kohlenanzünder zu gebrauchen. Es riecht auch sehr gut. Nur: Es ist Bergzedernholz aus Paktia, wo nicht mehr viel von den ursprünglichen Wäldern übrig ist. Die (Bau-)Holzmafia aus lokalen Warlords mit besten Beziehungen ins Parlament und zur Regierung ist leider im Vergleich zu den Kollegen aus dem Opiate-Branche under-reported. Ein kleiner Einblick hier und hier.

Beim Holzhändler in Qala-ye Fathullah.

Beim Holzhändler in Qala-ye Fathullah.

 

Die Holzpreise sind vor der Heizsaison auch wieder gestiegen, der kharwar von 5500 auf 7-7500 Afghani. Gleichzeitig lässt die Stromversorgung, die 2011 nach langen Jahren des Wartens, recht zuverlässig geworden war und manchmal 23 Stunden pro Tag funktionierte, wieder zunehmend zu wünschen übrig. Allerdings ist es halt vor dem Winter immer so, wohl auch im letzten Winter schon. Die in eine eigenständige Gesellschaft um gewandelte, früher staatliche Elektrizitätsgesellschaft Breschna stellt, um Strom zu sparen, systematisch immer ein paar Stunden ab – „load shedding“, wie im benachbarten Pakistan. Nur sagen sie nie Bescheid, wann ein bestimmtes Viertel dran ist. Wenig Verständnis gab es auch, dass Präsident Ghani ankündigte, man wolle Strom exportieren. Brescha, wurde im letzten Jahr bekannt, verliert jährlich umgerechnet 3 Millionen Dollar, weil „Regierungsbeamte, Jihadi-Führer und (andere) mächtige Leute“ ihre Rechnungen nicht zahlen. Man habe eine Liste von 400 solcher Leute, inklusive Parlamentasabgeordneten, aber größter Schuldner sei der Staatssektor mit 30 Millionen Dollar, so die Kabuler Zeitung Mandegar im September 2013.

Videothek "Lionel Messi", Qala-ye Fathullah.

Videothek „Lionel Messi“, Qala-ye Fathullah.

 

In einem Videoshop hingegen, mit Lionel Messi auf der Vorhang, kommen wir nicht ins Gespräch: die Jungs drinnen auf den zerschlissenen Sofas haben Knöpfe im Ohr, starren auf supergroße Bildschirme und spielen mit ihren Konsolen La-Liga-Spiele nach – uns bemerken sie gar nicht. In der selben Straße reiht sich Frisörgeschäft an Frisörgeschäft. Die Kabuler AAN-Kollegen haben recht: koreanischer Manga Style schient die große Mode zu sein, jedenfalls nach den Werbefotos zu urteilen.

 

Überdachte Gasse im alten Basar von Kabul (Mandawi).

Überdachte Gasse im alten Basar von Kabul (Mandawi).

 

Im Mandawi fühlt sich die Atmosphäre beinahe an wie in den 1980ern, nur gibt es auch hier weniger Aufmerksamkeit für die khariji: das Angebot an Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Tee und Gewürzen und allem anderen ist so groß wie früher und es herrscht großes Gedränge wie je, dem auch die (hier wohl nicht so sehr) gestiegenen Preise keinen jedenfalls sichtbaren Abbruch tun. (Allerdings verliert auch der Afghani langsam an Wert.) Die Gassen sehen fast unverändert aus, ein Paar Basare wurden wieder aufgebaut. Immer noch muss man aufpassen, nicht irgendwo in die Kanalisation zu stürzen. Nur wo früher Musikkassetten verkauft wurden (aber es gibt sie noch!), werden heute Mobiltelefone angeboten.

Auch der Fluss ist immer noch ein „eye sore“, mit seinem nun im Herbst dünnen Rinnsal und dem Plastikmüll, den angefangenen Neubauten mit ihren schiefen Gerüsten und nicht gerade erdbebensicher wirkenden Konstruktionen (angeblich sollen alle bewacht werden, nachdem Taleban solche Baustellen wiederholt als Überfallplattform nutzten), und den neuen riesigen Reklametafeln, die auch nicht gerade zur Verschönerung beitragen.

Am verdreckten Kabul-Fluss, 2014.

Am verdreckten Kabul-Fluss, 2014.

 

Alle direkt sichtbaren Fotos im Text vom Autor (copy left – bei Wiederverwendung bitte Autoren nennen)

Fortsetzung (auch mit politischen Einschätzungen) folgt.

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