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Nach dem schrecklichen Massaker durch Kämpfer der Bewegung der Pakistanischen Taleban (Tehrik-e Taleban-e Pakistan) an einer Schule in Peshawar überschlagen sich die Erklärungsversuche. Zwei haben mich gestern abend ziemlich wütend gemacht. Zum einen war da Klaus Osterhage, ARD-Korrespondent in Delhi, der in den Tagesthemen in ein paar dürren Sätzen eine Verbindung zum Islamischen Staat in Syrien und Irak herstellte: „Viele pakistanische Taleban begeistern sich offenbar für den IS.“ Das mag sein, und ist uns (d.h. AAN, siehe hier) auch aus Afghanistan bekannt. Allerdings ist dort diese Begeisterung, oder zumindest eine gewisse Sympathie (vielleicht sogar die nicht so klammheimliche Freude über die Schläge, die der IS ‚dem Westen’ versetzt) noch nicht in praktische Aktion umgeschlagen. Ähnlich wird es sich in Pakistan verhalten.

Es ist aber in jedem Fall falsch zu behaupten, dass sich, „da der IS besser bezahlt…, viele pakistanische Taleban sich dem IS angeschlossen haben“. In der Tat, Mitte Oktober haben sechs Führer – dadurch Ex-Führer – der pakistanischen Taleban-Bewegung TTP dem IS ihre Gefolgschaft erklärt. Sie sagten aber explizit aus, dass sie dies nur in ihrer individuellen Kapazität taten und weder im Namen ihrer jeweiligen Herkunftsgruppen (die TTP ist ja eine Art Dachorganisation) noch der TTP taten. „This allegiance is neither from the Taliban or its leader Mullah Fazlullah. This is only from me and five other leaders,“ so der damals schon ehemalige TTP-Sprecher Shahidullah Shahid. Seither hat keine der pakistanischen Taleban-Gruppen sich dem IS angeschlossen. Ein angeblich vonm IS zum ‚Emir‘ für ‚Khorasan‘ (Afghanistan, Pakistan und Zentralasien) ernannter Afghane, Maulawi Abdul Rahim Muslimdost, dementierte gegenüber afghanischen Medien derartige Berichte, sagte aber, er habe als Person dem IS seine Gefolgschaft erklärt, weil er die Errichtung eines islamischen Kalifats befürworte.

In den Nachrichten des Schweizer Fernsehens (auf 3sat) erklärte Christian Wagner von der Berliner SWP den pakistanischen Kontext und behauptete, Pakistans Militär habe aufgehört, zwischen ‚guten‘ und ’schlechten Taleban‘ zu unterscheiden und dass es nun eine dreiseitige Zusammenarbeit zwischen den USA, Pakistan und Afghanistan zu deren Bekämpfung gebe. (‚Gute’ Taleban waren die, die gegen die USA in Afghanistan und nicht gegen die pakistanische Regierung und das pakistanische Militär kämpften, also die afghanischen Taleban; ‚schlechte’ Taleban waren diejenigen, die gegen die pakistanische Regierung und das pakistanische Militär kämpften, obwohl sie ursprünglich deren Kreation waren, für den Krieg in Indien/Kaschmir und den Stellvertreterkrieg in Afghanistan in den 1980ern – damals waren die Taleban noch in einzelne Fronten gespalten und gehörten zu den Mudschahedin.)

Ich habe in beiden Punkten erhebliche Zweifel. Zuerst zum zweiten Punkt: Ich glaube, dass es erheblich zu früh ist, nach dem (in Pakistan wie Afghanistan völlig übertrieben als erfolgreich hochgeredeten) Ghani-Besuch in Rawalpindi (beim Militärhauptquartier) und Islamabad (bei der gegen die pakistanischen Regierung) bereits von solch einer Zusammenarbeit zu reden. Das war eine Goodwill-Geste, nicht mehr, und die Pakistani schlachten das natürlich in ihrem eigenen Interesse aus. Sie wissen genau, dass der Westen – der sich an jeden Strohhalm klammert, der in der AfPak-Region ‚Fortschritt’ verheißen könnte – auf solche Statements abfährt. Wir haben solche Statements über nun wirklich ehrliche Zusammenarbeit bisher nach jedem Wechsel in der Armee- oder ISI-Führung gehört, seit 2001. Praktisch hat sich seitdem gegenüber Afghanistan nicht wirklich etwas geändert: siehe den im vergangenen Jahr nach jahrelangem Drängen gewährten „Zugang“ zu Taleban-Vizechef Mulla Beradar (Kabul bzw Karzai erhoffte sich davon Impulse für Friedensgespräche) – Afghanistans Friedensratschef Rabbani jun. fand Beradar physisch gesprächsunfähig, entweder fast tot (aus welchen Gründen auch immer) oder unter Drogen gesetzt.

Auch die seit Monaten anhaltende, zum zeit sehr brutale und weitgehend aus der Berichterstattung gehaltene Offensive des pakistanischen Militärs in Waziristan, Zarb-e Azb, ist höchstens der Beweis für eine teilweise Positionsänderung in Rawalpindi – nämlich dass man die TTP nun wirklich für eine Gefahr für das pakistanische Regime betrachtet, vor allem, da die eigene Kreation nun die Hand beißt, die sie einst gefüttert hat.

Zudem wurde in pakistanischen Medien berichtet, dass das Militär einen Monat vor der Offensive die Grenze zu Afghanistan geöffnet und einige der Führer der afghanischen Taleban inklusive des Haqqani-Netzwrks nach Afghanistan hat entweichen zu lassen; andere wurden in andere Stammesgebiet (z.B. Kurram) verlegt. (Gleichzeitig wird Afghanistan beschuldigt, Teilen der TTP-Führung Unterschlupf auf afghanischem Gebiet zu gewähren, wohl wissend, dass die afghanische Regierung die betreffenden Gebiete, z.B. in Kunar, überhaupt nicht kontrolliert – was diese natürlich auch ungern zugibt.)

Ich würde mich sehr wundern, wenn das pakistanische Militär seine bisherige, äußerst pragmatische Linie aufgeben würde, die in etwa lautet: wenn die Amerikaner erstmal weg sind, die meisten mit ISAF ab Anfang 2015, dann der Rest, wie von Obama angekündigt, bis 2016/17, dann haben wir hier wieder freie Hand und können die ‚guten‘ afghanischen Taleban vielleicht wieder als Karte im regionalen Spiel gebrauchen.

Noch einige Bemerkungen zu den pakistanischen Taleban (von denen nicht alle in der TTP kämpfen; im Gegenteil, nach einigen US-Drohnenangriffen, bei denen nacheinander mehrere ihrer Oberkommandeure getötet wurden, hat sich selbst die TTP wieder in zwei größere Teile gespalten – das war vielleicht sogar das Ziel der Drohnenschläge) und ihrem Verhältnis zu den afghanischen Taleban.

Die pakistanische Armee ist der Hauptfeind der pakistanischen Taleban. Sie wollen die pakistanischen Regierung stürzen. Aber die pakistanische Armee ist nicht im offenen Kampf zu besiegen, deshalb versucht man sie an einer weichen Stelle zu treffen. Die Taleban – in Pakistan wie in Afghanistan (die letzten haben es immerhin eine Weile versucht) – scheren sich nicht viel um unsere Definitionen, was im Krieg erlaubt ist oder nicht und was zivile Ziele sind, die nicht angegriffen werden dürfen. Aus ihrer Sicht sind alle mit dem Militär verbundenen Einrichtungen legitime Angriffsziele, das schließt die angegriffene Schule in Peshawar ein, die vom pakistanischen Militär betrieben wird. Es kümmert sie bei solchen Angriffen nicht, wenn es dann auch Zivilisten trifft.

Solche Angriffe sind mehr Propaganda- denn militärische Operation. Mit solchen Anschlägen gewinnt man keinen Krieg, aber man versetzt die eigene Bevölkerung in Schrecken und verursacht weltweit Schlagzeilen, macht sich damit größer, als man ist. Solche brutalen Aktionen stärken ihr Image als gefährlicher, unberechenbarer Gegner und schwächen das Ansehen der Armee – das ist das Muster.

Ich erinnere mich nicht an einen Anschlag der pakistanischen Taleban mit so vielen und so jungen Opfern. Es gab aber solch verheerende Anschläge in Pakistan, meist verübt von sektiererischen, sunnitischen, anti-schiitischen Gruppen gegen die schiitische Minderheit. (Viele von ihnen sind Hazara, die aus Afghanistan geflohen sind – entweder unter Amir Abdul Rahman, 1881-1901, oder während der Bürgerkriege.) Ich wäre aber vorsichtig, gleich eine neue Dimension des Terrors und einen neuen Trend zu diagnostizieren. Es gibt sowohl in Afghanistan als auch Pakistan immer wieder Spitzen des Terrors, dann ist es wieder eine Weile ruhig(er).

Seit mehreren Monaten läuft entlang der Grenze zu Afghanistan die pakistanische Offensive gegen die TTP. Die pakistanische Armee ist dabei ebenfalls nicht zimperlich, häufig werden dabei sowie parallelen US-Drohnenangriffen ebenfalls Zivilisten getroffen. Hunderttausende wurden vertrieben. Das nehmen die Taleban als Rechtfertigung für ihre Aktionen, die als Racheschläge dargestellt werden.

Im Gegensatz zu den afghanischen Taleban mit ihrer relativ zentralen Struktur bestehen die pakistanischen aus rund einem Dutzend Gruppen, die untereinander sehr stark konkurrieren. Es gab auch Spaltungen. Das bedeutet auch, dass manche Gruppen sich radikalisieren und nicht mehr von der TTP-Führung gesteuert werden können, falls das je der Fall war. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die pakistanischen Taleban nur wenige Prozent des Staatsgebiets kontrollieren, in den sieben Stammes-Verwaltungsbezirken (FATA) entlang der Grenze zu Afghanistan. Zu einer Gefahr für den pakistanischen Staat werden sie erst im Kotext mit der sozialen Lage, dem Zusammenbruch der Strom- und Wasserversorgung, den anderen sektiererischen Terrorgruppen. Es ist eine komplexe Gemengelage von Problemen, und die nach wie vor ambivalente Haltung der pakistanischen Regierung und des Militärs den verschiedenen militanten Gruppen gegenüber ist Teil der Probleme.

Wie Willi Germund heute in der Badischen Zeitung schreibt: „Regierungschef Sharif findet nichts dabei, in seiner Heimatstadt Lahore öffentlich mit Hafeez Saeed, dem Begründer der Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba, die vor ein paar Jahren Indiens Wirtschaftsmetropole Mumbai attackierte, aufzutreten. Saeed wird per Haftbefehl von den USA gesucht. Lashkar-e-Toiba unterhält zahlreiche Koranschulen mit 20 000 Studenten in der Provinz Punjab, zu der neben Lahore auch die Hauptstadt Islamabad gehört.“ Er verweist auch auf den weit verbreiteten Hang in der pakistanischen Bevölkerung, hinter allem Terror nur „die Hand des Auslands“ zu sehen, entweder Indiens oder der USA. Er zitiert Kamal Siddiqi, der Chefredakteur der liberalen Tageszeitung Express Tribune: „Die Pakistaner sind nicht bereit, die Taleban oder religiöse Extremisten für den Terror verantwortlich zu machen. Sie finden es einfacher und bequemer, unseren alten Erzfeind Indien zu beschuldigen.“

 

 

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