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Bei dem Deutschen, der vor gut einer Woche bei dem Selbstmordanschlag in der Esteqlal-Schule in Kabul ums Leben kam, handelt es sich um einen ehemaligen Kommunalpolitiker aus Brandenburg. Das berichtete vor einigen Tagen die Märkische Oderzeitung. In der Region seines früheren Wirkens, im Kreis Märkisch-Oderland und insbesondere im Oderbruch habe sich die Nachricht über den Tod des 54-jährigen Frank Ehling (weitere Fotos hier) „wie ein Lauffeuer verbreitet“. Helga Scholz, eine Bekannte der Familie und heutige Ortsvorsteherin von Mädewitz wird zitiert, dass ihr der Krieg in Afghanistan bisher weit weg erschien, mit dem Tod Ehlings aber plötzlich das eigene Wohnzimmer erreichte.

Frank Ehling, Foto von der Webseite des Stadtmagazin-Verlags (http://www.stadtmagazinverlag.de/orte/barnim04/vorwort.htm)

Frank Ehling, Foto von der Webseite des Stadtmagazin-Verlags

 

Am 11. Dezember hatte Ehling in Kabul eine Aufführung der afghanischen Azdar Theater Company in der Esteqlal-Schule besucht, die auch als französisches Kulturzentrum dient. Das Stück trug den Titel “Herzschlag: Die Stille nach der Explosion”. Außer Ehlert starb nur der Attentäter, ein 16-Jähriger, der offenbar schon einmal einen Selbstmordanschlag verüben wollte, dabei gefasst und später vom damaligen Präsidenten Hamed Karzai amnestiert worden war. Bilder auf sozialen Medien zeigten ihn mit Karzai und nach dem Anschlag in Kabul. Der Attentäter war es gelungen, trotz Kontrollen mit dem Sprengstoff in den Saal zu gelangen.

Ehlings Name war bereits durch einen Nachruf eines Kabuler Kollegen bekannt geworden, der in einer amerikanischen Lokalzeitung erschienen war. Beide arbeiteten für das USAID-finanzierte Projekt Mining Investment and Development for Afghan Sustainability (MIDAS), das das afghanische Bergbauministerium sowie den Afghanistan Geological Survey (AGS) unterstützt (nicht bei einer afghanischen NGO, wie berichtet wurde). Das beinhaltete laut Webseite „Expertise für die Entwicklung von Bergwerken und Minen, die Entwicklung investorenfreundlicher Gesetze und Regulierungen sowie die Förderung von Business-Möglichkeiten für Afghanen im Bergbausektor“ sowie Kapazitätsaufbau. Informationen aus Kabul zufolge standen die USAID-Beraterverträge wegen der immer noch offenen Regierungsbildung jedoch vor dem Auslaufen.

Dem Nachruf seines Kollegen und amtierenden Projektleiters Will James zufolge war Ehling für „community relations“ zuständig, also wahrscheinlich mit örtlichen Gemeinschaften, in deren Gebieten Bergbauprojekte geplant sind. Es arbeitete offenbar auch mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, darunter mit der Harakat Afghanistan Investment Climate Facility Organisation und dem Natural Resource Network, das sich mit der Heinrich-Böll-Stiftung koordiniert. In Web-Kommentaren zu dem amerikanischen Nachruf sprechen afghanische Kollegen von ihm als freundlichen und aufgeschlossenen Menschen.

Zuvor, 2012/13, war Ehling Verwaltungschef des Kabuler Büros des mit AAN befreundeten Schwedischen Afghanistan-Komitees, einer NGO mit langer Geschichte im Land.

Ehling war nach dem Ende der DDR Mitglied der CDU geworden und in die Kommunalpolitik gegangen. Er wurde Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Bliesdorf, Stadtdirektor von Wriezen, ebenfalls im Oderbruch und 1992, mit 32 Jahren, Amtsvorsteher für das Amt Barnim-Oderbruch im brandenburgischen Kreis Märkisch-Oderland. In dieser Funktion war er für 13 Gemeinden mit insgesamt 9 000 Einwohnern zuständig. Er setzte sich für eine Zusammenarbeit mit Polen ein, war Vorsitzender des Eurodistrikts Oderland-Nadodzre sowie der örtlichen deutsch-polnischen Regionalentwicklung (DePoRe) mit dem Projekt „Bez granic“ (Ohne Grenzen). Zu seinen größten Erfolgen gehörte die Eröffnung einer grenzüberschreitenden Fährverbindung über die Oder zwischen Güstebieser Loose und Gozdowice im Jahr 2008 sowie der Erhalt eigentlich für die Schließung bestimmter Schulen in seiner Heimatregion.

Seine fast drei Jahrzehnte währende kommunalpolitische Karriere im Brandenburgischen endete 2008 mit seiner Abwahl. (Kurz zuvor hatte er offenbar im Streit die CDU verlassen und war seitdem parteilos.) Nach mehreren gescheiterten Anläufen für Wahlpositionen in verschiedenen deutschen Gemeinden suchte sich Ehling ein neues Betätigungsfeld, siedelte mit seiner Familie nach Zypern über und arbeitete für die Consulting-Firma Development Aid. Sein dortiges, inzwischen gelöschtes Profil verwies u.a. auf seine kommunalpolitische Expertise. Bevor Ehling nach Afghanistan kam, war er seinem Kabuler Kollegen Will James zufolge in Georgien, Belize, Polen, Spanien und Palästina tätig.

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