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Vor 20 Jahren hatten die Taleban, noch als relativ lose organisierte Bewegung, vom südafghanischen Kandahar aus ihren Siegeszug durch Afghanistan angetreten. Knapp zwei Jahre später – am 27. September 1996 – eroberten sie Kabul. Kurz zuvor, am 4. April desselben Jahres – hatte eine Versammlung von Taleban-freundlichen Geistlichen Taleban-Anführer Mullah Muhammad Omar zum amir-ul-mumenin (Anführer der Gläubigen) ernannt und ihm so religiöse Legitimität verschafft. Die Herrschaft der Taleban dauerte etwa mehr als fünf Jahre. Anfangs auch von nichtpaschtunischen Bevölkerungsgruppen als Befreier vom Chaos der Fraktionskriege begrüßt, die nach dem sowjetischen Rückzug im Februar 1992 ausgebrochen waren, wandelte sich ihr Regime im Zuge ihrer puritanischen und repressiven Vorgehensweise immer mehr in einen Unterdrückungsapparat, von dem sich mehr und mehr Afghanen wieder abwandten. Der US-geführte Einmarsch 2001 – ausgelöst von den 9/11-Terroranschlägen – wurde von den meisten Afghanen begrüßt und führte schnell zum Zusammenbruch des Taleban-Regimes und ihrem Rückzug in die Dörfer sowie der meisten Führungsmitglieder nach Pakistan – auch nachdem Versöhnungsangebote an den neuen Präsidenten Karzai unter US-Druck zurückgewiesen worden waren.

Im Ergebnis der fehlgeleiteten „Anti-Terror-Strategie“ der US-Regierung unter G.W. Bush, die al-Qaeda mit den Taleban gleichsetzte, kam es zu einem Wiedererstarken der Taleban und der schrittweisen Ausdehnung ihres bewaffneten Aufstands auf das gesamte Land. Die Aufstandsbewegung ist bis heute ungebrochen.

In den kommenden Monaten werde ich in loser Folge hier zeitgenössische Dokumente und Berichte veröffentlichen, die die Entwicklung der Taleban seither nachzeichnet.

Ich beginne heute mit einem Bericht des britischen Guardian vom 5. Dezember 1994, meines Wissen die erste Erwähnung der Taleban-Bewegung in den westlichen Medien. Ich verwende eine Übersetzung, die ich Ende 1994 für die von mit mitbegründete Zeitschrift „Mahfel“ (Ausgabe 5/94) des gleichnamigen Vereins anfertigte. Die englische Originalfassung findet sich leider nicht mehr im Netz. Es folgt eine frühe Bewertung der Taleban von mir, die ich 1999 für die Berliner Zeitschrift „Telegraph“ schrieb.

Das ländliche Kandahar ist das Ursprungsgebiet der Taleban. Hier das Grabmal des Gründers der kurzlebigen Popalzai-Sadduzai-Dynastie, Mir Wais (denselben Namen trägt der erste Sohn Hamed Karzais, ebenfalls ein Popalzai) am Rande der Provinzhauptstadt. Foto: Thomas Ruttig (2005).]

Das ländliche Kandahar ist das Ursprungsgebiet der Taleban. Hier das Grabmal des Gründers der kurzlebigen Popalzai-Sadduzai-Dynastie, Mir Wais (denselben Namen trägt der erste Sohn Hamed Karzais, ebenfalls ein Popalzai) am Rande der Provinzhauptstadt. Foto: Thomas Ruttig (2005).]

 

Die Taleban kommen: Eine neue Kraft in der politischen Arena

 

Von Gerald Burke, Islamabad, 5.12.1994

Eine neue Art islamischer heiligen Kämpfer ist in Afghanistan ausgetaucht. Sie stellen die Vorherrschaft der Mudschahedin in Frage und erzeugen in westlichen Hauptstädten Furcht vor einem weiteren Iran.

Scharen fundamentalistischer Studenten haben sich in den vergangenen Wochen im Südosten [gemeint ist die Region um Kandahar, eigentlich der Südwesten, jedenfalls in der afghanischen Terminologie] des Landes versammelt und die Einheiten verschiedener Mudschahedin-Warlords besiegt und zerschlagen.

Die bärtigen und mit Turbanen bekleideten taleban [man beachte die Kleinschreibung] kontrollieren faktisch drei Provinzen [neben Kandahar wohl Helmand und Zabul oder Uruzgan] und haben geschworen, Kabul, die Hauptstadt des Landes, einzunehmen. Anscheinend sind sie entschlossen, das Land, das sich seit 15 Jahren im Krieg mit sich selbst befindet, zu befrieden. Von einfachen Afghanen sind sie herzlich empfangen worden.

Die taleban sind puritanisch und regressiv. Frauen in den von ihnen kontrollierten Gebieten wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Männern wurde angeraten, sich Bärte wachsen zu lassen. Selbst nichtmuslimischen Ausländern wurde es zur Pflicht gemacht, fünfmal am Tag an ihren Gebetsveranstaltungen teilzunehmen.

Die taleban drohen Opium-Anbauern und Drogen-Baronen mit dem Tod, obwohl das die Haupteinnahmequelle der ruinierten Wirtschaft ist. Ein Mudschahedin-Kommandeur in Helmand, der sein Glück mit Heroin gemacht hat, soll angeblich aus Angst um sein Leben aus dem Gebiet geflohen sein.

Der Ursprung dieser Bewegung ist unklar, doch einige Beobachter glauben, dass die Studenten – die wie die meisten Afghanen [hanafitische] Sunniten sind – militärisch in Pakistan ausgebildet wurden, dort Waffen und Geld erhalten haben. Saudi-Arabien soll die Bewegung unterstützen: Der schiitische Iran, der Hauptkonkurrent von Riad um die Führung in der islamischen Welt, ist durch die jüngsten Entwicklungen beunruhigt.

Die taleban machten erstmalig im September 1994 auf sich aufmerksam, nachdem Pakistan seine Absicht verkündet hatte, eine sehr alte Überlandsstraße [die sogenannte Ringstraße über Kabul-Kandahar-Herat, hier ein neuer Bericht dazu bei AAN] nach Zentralasien wieder zu öffnen. Sie war seit der sowjetischen Invasion Afghanistan 1979 geschlossen gewesen. Die Ankündigung widerspiegelte Befürchtungen Pakistans, den Wettlauf mit Iran un der Türkei um die Öffnung der Ökonomien der unabhängigen [früheren Sowjet-]Republiken der Region für die Außenwelt zu verlieren.

„Die Sicherungen sind durchgebrannt“, meinte ein Diplomat in Islamabad. „Einen Handelsweg räumte die pakistanische Außenpolitik plötzlich Priorität ein.“ Afghanische Führer versicherten hochrangigen pakistanischen Politikern, einschließlich der Ministerpräsidentin Benazir Bhutto, dass Handelskarawanen, die die vorgesehene Route benutzten, freies Geleit erhalten werden.

Doch der erste Konvoi von 30 LKWs mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung wurde, als er Ence Oktober die Grenze in die Provinz Kandahar passierte, von lokalen Mudschahedin beschossen. Innerhalb von 48 Stunden hatten die taleban die Freigabe des Konvois erreicht und die Kontrolle über Kandahar, die zweitgrößte Stadt des Landes übernommen.

Bereits früher hatten sie ein großes Waffenlager von Mudschahedin nahe der pakistanischen Grenze ausgehoben. Diplomaten stellten fest, dass dies mit einer Präzision erfolgte, die für afghanische heiligen Krieger überhaupt nicht charakteristisch ist. Berichten zufolge wurden vor der Einnahme von der pakistanischen Seite aus Raketen auf das Lager abgefeuert. Das närht taleban-Führer [umgerechnet] etwa eine Million Pfund Sterling an Mudschahedin-Kommandeure für die Demobilisierung ihrer Truppen verteilt haben. Mudschahedin-Führer in anderen Landesteilen hätten gelobt, sich den taleban zu widersetzen.

Inzwischen äußern sich liberale Afghanen bestützr über die traditionalistischen Tendenzen der Studenten. „Sie möchten uns ins 15. Jahrhundert zurückbeamen“, meinte einer.

Westliche Regierungen, besonders in Washington, verfolgen aufmerksam die Aktivitäten der taleban. Einige fragen, ob die in Fraktionen gespaltenen Mudschahedin ihre Vormachtstellung nicht gar an ein Regime intoleranter Mullahs abtreten müssen.

 

 

 

 

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