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Nun zur Abwechslung eine ältere Reportage einmal nicht aus Kabul. (Bisher war ich auf dieser Webseite etwas Kabul-zentrisch.) Sie verbindet Schilderungen aus Kandahar mit Erörterungen über ein weiterhin aktuelles Thema: Wie effektiv waren Wiederaufbauprojekte, darunter in der Schlüssel-Infrastruktur sowie bei der Drogenbekämpfung.

Der Text erschien im September 2005 in der entwicklungspolitischen Zeitschrift INKOTA-Brief (Heft 133; jetzt: Südlink) in Berlin, die dem Schwerpunkt „Sicherheit und Entwicklung“ gewidmet war. Ich habe Schreibweisen etwas angepasst und einige Ergänzungen (PS) eingefügt bzw. angehängt. In der selben Ausgabe findet sich der Artikel „Eingebettete Hilfe: Über die Rolle der humanitären Hilfe in kriegerischen Konflikten“ von Thomas Gebauer, Geschäftsführer der NGO medico international, in dem er ebenfalls auf Afghanistan eingeht.

 

November 1999, irgendwo südlich von Ghazni: Schon den zweiten Tag quälen wir uns mit unserem Minibus über die Ringstrasse, die Hauptverkehrsader Afghanistans, in Richtung Kandahar. Wo sich die in den 1960ern gebaute Strasse in 25 Kriegsjahren ganz aufgelöst hat und nur noch aus festgefahrenem Lehm besteht, geht es ganz gut vorwärts. Doch häufig sind noch Reste des Betonuntergrunds oder der Asphaltbeschichtung übrig, die grossflächige Schlaglochlandschaften bilden, durch die sich unser Gefährt nur im Schritttempo und schwankend wie ein Kutter bei Hurrican kämpft. [Keine einzige Brücke ist hier in Süd-Afghanistan mehr in Takt; bei jedem Flusstal – tief in die Landschaft eingeschnitten und die meisten ausgetrocknet – müssen wir uns Meter für Meter die eine Böschung hinunter und die andere wieder hinaufquälen.] 239 Kilometer haben wir gestern geschafft, in knapp neun Stunden.

Auch heute schwanken wir schon wieder seit Stunden gen Südwesten. Plötzlich vor uns ein Bild wie eine Fata Morgana: Zwei Paschtunen mit großen schwarzen Turbanen, Hand in Hand, wandern in die sinkende Sonne, mitten auf der Fahrbahn. Langsam überholen wir die beiden.

Wegweiser nach Ghazni und Kandahar am südlichen Stadtrand von Kabul. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

Wegweiser nach Ghazni und Kandahar am südlichen Stadtrand von Kabul. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

 

Februar 2005, südlich von Kabul: „Kandahar 439 km“ steht in Dari und Englisch auf dem blauen Autobahnwegweiser, beinahe wie zu Hause an der A10. Neue, von metallenen Leitplanken begrenzte Brücken, gekieste Randstreifen. In der Mitte hält eine gestrichelte Linie den Gegenverkehr in der Spur.

Normal ist das für Afghanistan nicht. Die Strasse Kabul-Kandahar, die von dort aus über Herat nach Iran weiterführt und an die Türkei-Balkan-Route nach Europa anschliesst – ist ein Vorzeigeprojekt. Kostenpunkt 250 Millionen Dollar.

Insgesamt 13,4 Milliarden Dollar haben die wohlhabenden Nationen Afghanistan bis 2008 an Wiederaufbauhilfe zugesagt. (Kabul hatte einen Gesamtbedarf von 27,6 Milliarden angegeben. [PS: Das war der damalige Finanzminister Ashraf Ghani während der Verfassungs-Loya Jirga Ende 2003.]) Bis Februar 2005 waren davon 3,9 Mrd. auf den Konten der umsetzenden Agenturen eingetroffen, Projekte im Wert von 3,3 Mrd begonnen und von 0,9 Mrd Dollar abgeschlossen worden.[1] Ein knappes Drittel davon repräsentiert die Straße Kabul-Kandahar.

Stau auf der Ringstraße bei Ghazni. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

Stau auf der Ringstraße bei Ghazni. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

 

Kandahar und Laschkargah, März 2005: „Eine Million Dollar pro Meile!“ erregt sich Gul Agha Scherzai, der Gouverneur von Kandahar. „Im Norden habe ich gerade eine Strasse für 200.000 Dollar pro Kilometer gebaut.“ Aber den Auftrag von USAID, der staatlichen Entwicklungsagentur der Vereinigten Staaten, hat die US-Firma Louis Berger erhalten, die den Auftrag wiederum an türkische und indische Firmen untervergeben hat. Die Route führt durch Taleban-unsicheres Gebiet. 30 Mitarbeiter verlor Louis Berger während der 18 Projektmonate.

Deshalb hat die Company Wachschutz angeheuert, etwa aus der 800 Mann starken „Leibwache“ des Gouverneurs von Ghazni, Hadschi Assadullah Chaled, von der UNO als „illegale bewaffnete Gruppe“ eingestuft und eigentlich für die Demobilisierung vorgesehen. Lange sperrte sich der smarte Mittdreissiger mit dem Business-Abschluss aus den USA dagegen, doch dann hatte er eine bessere Idee: Er ließ seine Leute demobilisieren, verschaffte ihnen die damit verbundene Abfindung – um sie gleich im Paket an Louis Berger weiterzuvermitteln. Komplett mit Geländewagen und Fahrern. Das trieb seine Einnahmen – und die Projektkosten – hoch.

Kilometer 92 hinter Kandahar: Wir verlassen die Ringstrasse Richtung Laschkargah. Nach den heftigen Regenfällen der letzten Tage hat sich die „Nebenstrasse“ – im Sommer eine knochenharte Lehmpiste – in knietiefen roten Morast verwandelt. „Ob es hier Minen gibt?“ fragt jemand bange vom Rücksitz. Alle paar hundert Meter versuchen einheimische Kraftfahrer, ihre gelb-weissen Taxis, das Hauptverkehrsmittel im Land, oder ihre buntbemalten und mit klingelnden Metallkettchen behangenen, liegengebliebenen Bedford-Trucks wieder flottzumachen. Wir haben es gut: Unser Auto hat Vierradantrieb. Aber auch damit kosten uns die 44 Kilometer gute drei Stunden.

Gebet am Abzweig Laschkargah. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

Gebet am Abzweig Laschkargah. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

 

Laschkargah ist die Hauptstadt von Helmand, einer der 34 Provinzen Afghanistans und dessen größtes Drogenanbaugebiet. Auf dem Basar verbinden sich Tradition und Moderne: Zwischen Eselskarren und Bergen von Melonen preisen kleinen Läden Handy-Telefonkarten an. Aus flachgehämmerten Coladosen gebaute Satellitenschüsseln prangen auf Lehmdächern. Erste mehrgeschossige Häuser wachsen empor, private „Business Center“.

Im Gouverneurspalast hält Scher Muhammad Akhundzada, ein junger Mulla und enger Freund des Präsidenten, Hof. „Auf 90 bis 95 Prozent der Opiumanbaufläche haben wir die Saat zerstört“, erklärt er unter dem Nicken handverlesender Anwesender. Bei der UNO ist zu erfahren, dass der Gouverneur, der Polizei- und der Geheimdienstchef die Distrikte von Helmand unter sich aufgeteilt haben und dort Steuern auf die Mohnernte eintreiben.

Als drei Monate später eine afghanische Spezialeinheit, verstärkt durch Berater der privaten US-Sicherheitsfirma DynCorp, im Nachbardistrikt Maiwand Mohnfelder umpflügen will, werfen sich aufgebrachte Bauern vor die Traktoren. Andere eröffnen das Feuer. Bei der Schießerei sterben zwei Dorfbewohner, sechs werden verwundet. Die Drogenbekämpfer müssen unverrichteter Dinge abziehen[2]. Eine Agentur zitiert einen Maiwander Bauern: „Sie sind gekommen, um unsere wertvolle Ernte zu zerstören, ohne jegliche Kompensation oder Hilfe, einen anderen Weg zum Überleben zu finden… Wir sind arme Leute und wir können unsere Kinder ohne Hilfe der Regierung nicht ernähren“[3].

Mr. Fazli, der örtliche Vertreter der UN-Antidrogenagentur UNODC, meint, Cash Crops wie Baumwolle, Trockenfrüchte, Kreuzkümmel oder Rosenöl wären eine Alternative. Theoretisch. Doch bei Baumwolle hat der Gouverneur bei einem Marktpreis von 100 Afghani pro Man (7 kg) Baumwolle 60 Afghani als Aufkaufpreis an der einzigen noch funktionierenden Spinnerei in Laschkargah festgesetzt. „Viele Bauern sind dadurch schon verschuldet“, meint Fazli.

Für ein Kilo Rohopium zahlen die Aufkäufer den Bauern umgerechnet 100 Dollar. (Und verkaufen es für das 7,5fache weiter.) 50 Kilogramm Opium bringt ein Hektar im Durchschnitt. Viel Geld, wenn ein Lehrer 40 Dollar im Monat verdient, oder ein Polizist neuerdings 70 Dollar, wenn er ein Training absolviert hat.

Helmand ist kein Einzelfall, dass die Behörden den Drogenhandel selbst betreiben oder zumindest davon profitieren. In er Ostprovinz Nangrahar erfährt ein befreundeter Korrespondent, wie der – bis vor kurzem amtierende – Polizeichef Hazrat Gul Drogenproduktion und –handel genau überwacht. „Seine Männer kamen mit ihren Pick-up-Wagen in die Dörfer und kauften die Mohnernte auf, die, nachdem sie zure Weiterverarbeitung nach Pakistan gebracht wurde, wiederum in Labors in Nangrahar in Heroin verwandelt wurde, bevor sie über Dubai und Pakistan in die Straßen Londons und Paris gelangt.“[4] Im Dorf Khaki im benachbarten Kunar beschuldigten Dorfälteste den – zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden – Chef des afghanischen Anti-Drogen-Direktorats Mir Wais Yassini, der habe „einen Deal“ mit Hazrat Ali. „Wenn die Ernte eingebracht ist, sagt Hazrat Ali den Bauern, sie sollen ihre Felder abbrennen. Dann kann Jassini den Briten“ – in Afghanistan „Führungsnation“ im Kampf gegen die Drogen – „mitteilen, dass es Fortschritte gibt“[5].

Polizist mit junger Schlafmohn-Pflanze, Distrikt Maiwand. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

Polizist mit junger Schlafmohn-Pflanze, Distrikt Maiwand. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

 

Laut UNODC ist der Mohnanbau in Afghanistan 2004 um 239 Prozent gestiegen, seit dem Fall der Taleban sogar um 1200 Prozent. Die Profite aus Drogenproduktion und –handel wurden auf 2,8 Mrd Dollar geschätzt, etwa so viel wie 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts. UNODC-Chef Antonio Maria Costa warnt, dass „Afghanistan sich wieder in einen failed state verwandeln wird, diesmal in den Händen von Drogenkartellen und Narco-Terroristen“ und dadurch „die politischen und militärischen Erfolge der vergangenen drei Jahre verloren gehen“ könnten[6].

„Bedeutende Leute sind in den Drogenhandel verwickelt. Aber es ist gefährlich, darüber zu sprechen. Sie können dich töten.“ Ahmadullah Alisai, Chef der Drogenkontrollbehörde in Kandahar, weiss wovon er spricht. Er hat Drohungen erhalten. Zwar gab sogar Innenminister Ali Ahmad Dschalali dies im März öffentlich zu, aber Namen nannte er nicht. Das tat wenig später die New York Times: darunter waren Stammesminister Nursai, Helmand-Gouverneur Scher Muhammad und sogar Präsidentenbruder Ahmed Wali Karsai. Das Kabinett befasste sich mit der Angelegenheit – und wies entrüstet die „Unterstellungen“ zurück.

Manchmal ist ein Polizeioffizier mutig und stoppt einen Drogentransporter. Doch oft genug folgt der Anruf eines Vorgesetzten, die Ladung wieder freizugeben. Wer verhaftet wird, kann sich freikaufen. Oder das Opium wird gleich in verdunkelten Polizeijeeps mit Sondergenehmigung transportiert. Nicht einmal die Soldaten der internationalen Schutztruppe ISAF können sie dann stoppen. Aber selbst wenn – im Falle der Deutschen [aber selbst der lead nation Großbritannien] hat ihnen der Bundestag das Mandat für den Kampf gegen die Drogen verweigert, und so müssen sie jedesmal die afghanische Polizei verständigen. Und die macht, so Alisai, „ihre individuellen Deals mit den Drogenhändlern“.

Empfang bei Gouverneur Scher Muhammad. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

Empfang bei Gouverneur Scher Muhammad. Foto: Thomas Ruttig (Feb. 2005).

 

Wieder zurück in Kandahar, hat sich vor der Gouverneurspalast eine vieltausendköpfige Menge versammelt. Sie protestiert gegen eine Welle von Kindesentführungen, hinter der gerüchteweise die Organhandelsmafia aus dem benachbarten Pakistan stecken soll, und die Untätigkeit der Behörden. Doch auch Parolen gegen die endemische Korruption in der Provinzverwaltung werden laut.

Gouverneur Gul Agha erklärt, die Leute seien von „al-Qaeda“ aufgehetzt, und lässt seine Polizisten in die Menge schießen. Ein Dutzend Menschen wird verletzt. Aber die Ausrede war wohl doch zu billig. Zwei Monate später ist Gul Agha nach Nangrahar versetzt, dem zweitgrössten Mohnanbaugebiet des Landes, wieder als Gouverneur. „Wird jemand, der in seinem Amt schon einmal gescheitert ist, sich als effektiver erweisen, wenn er nur an einen anderen Ort wechselt?“ fragt die afghanische Studentenzeitung Pagah.

Gul Aghas Nachfolger in Kandahar wird Assadullah Khaled. Ghazni übernimmt ein Fraktionsgenosse. Damit ist die Strasse Kabul-Kandahar komplett in der Hand der Drogenmafia, mit Verbündeten an den Grenzen zu Pakistan und Iran. Ahmad Wali Karsai, Hazrat Ali und Mir Wais Yassini kandidieren bei den Wahlen im September, obwohl die Verfassung Kandidaten ausschliesst, die Gelder „aus illegalen internen Quellen“ erhalten. Alisai, der Drogenbekämpfer, ist inzwischen seinen Job los. ‚Wir werden uns im Parlament einer großen Fraktion von Drogenhändlern gegenüber sehen, die sich mit ihren Waffen und ihrem Geld den Weg dorthin bahnen werden’, sagt Asef Baktasch, Chef einer kleinen pro-demokratischen Partei. „Wir haben nicht einmal genügend Geld, um Plakate zu drucken.“

 

[1] Rubin, Barnett R./Hamidzada, Humayun/Stoddard, Abby: Afghanistan 2005 and Beyond. Prospects for Improved Stability reference Document. Netherlands Institute for International Relations ‘Clingendael’, April 2005, S. 61f.

[2] Daily Telegraph, 21.4.2005.

[3] IRIN 14.4.2005.

[4] Pankaj Mishra: The real Afghanistan. In: New York Review of Books, 10.3.2005.

[5] Christian Parenti: Who Rules Afghanistan. In: The Nation, 1.11.2004

[6] zit. in: Carlotta Gall, New York Times, 3.11.2006.

 

Postskriptum 1:

Die Straße nach Kandahar wurde in einem Bericht der Nachrichtenagentur AP 2013 wie folgt beschrieben:

13 Jahre nach der US-geführten Invasion, die das brutale Taleban-Regime stürzte, und nachdem Milliarden an Hilfedollars in eines der ärmsten Länder der Welt floss, würde es das eigene Todesurteil bedeuten, wenn man diesen 460-Kilometer-Trip unternehmen würde, so Graeme Smith, Afghanistan-Analyst der International Crisis Group.

„Solch eine Reise ist wieder zu einer tückischen 11-Stunden-Tour geworden, weil all diese Explosionen die Straße zerstört haben und man dauernd an Kontrollposten der afghanischen Streitkräfte sowie der Taleban gestoppt wird. Dadurch ist es für einen Ausländer völlig selbstmörderisch, jetzt diese Straße entlang zu fahren, und so wird es wahrscheinlich auch für lange Zeit bleiben, denn die Aufstandsbewegung wird stärker.“

Ich selbst bin vor und während der Präsidentschaftswahl 2009 zum letzten Mal einen Teil dieser Straße (von Kabul bis Ghazni) und die parallele Straße Gardez-Kabul entlang gefahren, jedesmal in einem größeren Konvoi mit UN- und afghanischen Polizeifahrzeugen. Auf dem Weg nach Ghazni mussten wir im südlichen Wardak, beim Basar von Salar, stoppen, weil vor uns ein US-Militärkonvoi in eine Schießerei mit Taleban verwickelt und die Straße zeitweilig gesperrt war. Auf der zweiten Strecke, vor allem auch auf dem Abschnitt durch Wardak, waren links und rechts der Fahrbahn immer wieder Explosionskrater zu sehen, die von sogenannten Sprengfallen (improvised explosive devices/IED) herrührten. Teile des Asphalts waren verkohlt, und ausgebrannte Wracks von Tanklastern lagen am Straßenrand, auch die Opfer von Taleban-Angriffen. (Obwohl lokale Afghanen auch berichteten, dass manche der Angriffe vorgetäuscht waren und die Tankerfahren ihre Wagen selbst abgefackelt hätten, um die Versicherung zu kassieren.)

 

Postskriptum 2:

Die Straße Kabul-Ghazni-Kandahar ist Teil der großen afghanischen Ringstraße, im NATO-Sprech auch Highway Number One genannt. Ihr Gesamtlänge beträgt 2210 Kilometer. Sie führt von Herat in Richtung Süden durch Farah, Nimruz und Helmand (Gereshk) nach Kandahar. (Von Gereshk haben Inder und Iraner in den letzten Jahren eine Stichstraße zum iranischen Hafen Chahrbahar gebaut.) Von Kandahar geht es durch Zabul, Ghazni und Wardak nach Kabul, und dort aus weiter durch Parwan – über Salang-Pass und -Tunnel – durch Baghlan nach Mazar-e Sharif. Von dort aus gibt es eine weitere Stichstraße zur Grenze mit Uzbekistan, nach Hairaton, dem Flusshafen am Amu Darya. Die Ringstraße führt von Mazar westwärts durch Jauzjan, Faryab und Badghis zurück nach Herat. Von dort aus führt eine weitere Stichstraße nach Islam Qala an der iranischen Grenze. Der letzte nordwestliche Teil, der Herat mit dem Flusshafen Akina in Faryab an der Grenze zu Turkmenistan verbindet, wurde erst, und nur teilweise, seit 2012 gebaut. 233 Kilometer fehlen noch zwischen Faryab (Distrikt Qaisar) und Badghis (Laman). Dort gibt es bisher nur unbefestigte Pisten.

Die afghanische Ringstraße ist das einzige Transportsystem, das sowohl Südasien (Indien, Pakistan) als auch Iran mit Zentralasien (Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan) mit einer direkten Landroute verbindet. (Es gibt aber Verbindungsstraßen direkt zwischen Pakistan und Iran sowie zwischen Iran und Zentralasien.)

Während der Bürgerkriege (1979–2001) wurden die meisten Abschnitte der Ringstraße stark beschädigt (siehe Text oben). Ein USAID-Survey von 1994 sah nur 15 Prozent aller Straßen des Landes in gutem Zustand. Während der Mudschahedin-Herrschaft (1989–96) wurden keine Straßenbau-Projekte umgesetzt. Die Taleban regime (1996–2001) asphaltierten 40 Kilometer der Ringstraße zwischen Kabul und der Provinzhauptstast Wardaks, Maidanschahr, und legten zehn weitere Kilometer an. Auf 195 Kilometern des Kandahar-Herat-Abschnittes wurden die schlimmsten Stellen ausgebessert.

Ein "aufgelöster" Teil der Ringstraße, am Salang-Pass. Foto: Qayoum Suroush/AAN (2014).

Ein „aufgelöster“ Teil der Ringstraße, am Salang-Pass. Foto: Qayoum Suroush/AAN (2014).

 

Nach deren Ende wurde die Ringstraße eines der Hauptinfrastrukturprojekte, mit finanzieller Beteiligung v.a. der USA, Deutschlands, Japans, Italiens, der Weltbank und Saudi-Arabiens. Aber die fehlenden 233 Kilometer im Norden wurden nie geschlossen In seinem ersten Kabinett-Meeting am 2. Oktober 2014 ordnete Präsident Ghani deshalb an, diese Lücke binnen neun Monaten zu schließen.

(aus dem AAN-Bericht „Going in Circles: The never-ending story of Afghanistan’s unfinished Ring Road“ von Qayaoum Suroush, 16. Januar 2015, hier)

 

Postskriptum 3:

Zu einigen handelnden Personen aus dem Originaltext:

Assadullah Khaled blieb bis 2008 als Gouverneur in Kandahar. Danach ernannte der damalige Präsident Hamed Karzai ihn zum Minister für Grenz- und Stammesangelegenheiten. Obwohl das Parlament ihm das Vertrauensvorum verweigerte, blieb es bis 2012 in diesem Amt und stieg danach zum Chef des Geheimdienstes NDS auf. In dieser Funktion wurde er im Dezember 2012 bei einem Selbstmordanschlag schwer verletzt, der den Taleban zugeschrieben wurde. Khaled hatte in einem NDS-Gästehaus in Kabul einen Besucher empfangen, der sich in die Luft sprengte. Khaleds Verletzung erwies sich als so schwer, dass er nicht mehr in sein Amts zurückkehren konnten. Doch Khaled hatte viele andere Feinde. Kanadische Diplomaten beschuldigten ihn bei einer Anhörung im Parlament in Ottawa, dass er sich in seinem Privatgefängnis in Kandahar persönlich an Folterungen beteiligt hätte. Dokumente darüber hätten seit 2007 vorgelegen, kamen aber erst 2010 an die Öffentlichkeit. Zudem wurden Dokumente bekannt, denen zufolge der damalige, aus Kanada stammende Vizechef der UN-Mission UNAMA berichtet hatte, Khaled habe auch den Mord an fünf UN-Mitarbeitern angeordnet, möglicherweise, um Drogeninteressen zu schützen.

Gul Agha Scherzai kandidierte 2009 und 2014 ohne Erfolg bei den Präsidentschaftswahlen. 2009 sorgte es für Aufsehen in Afghanistan – und Unmut bei Karzai –, als der afghanische Ableger des vom US-Kongress finanzierten Radiosenders Radio Liberty/Radio Free Europe Scherzai zum „Mann des Jahres“ in Afghanistan wählte; Karzai nahm an, die US-Regierung wolle ihn zur Alternative gegen ihn aufbauen. (Er ist Paschtune wie Karzai, und Obama – damals noch nicht Präsident – machte damals kein Hehl daraus, dass man angesichts der Korruption im System Karzai tatsächlich nach einer Alternative suchte. Das wurde später von Obamas (republikanischen) Verteidigungsminister Gates in dessen Memoiren bestätigt. Allerdings ließ die Obama-Administration später dieses Projekt fallen.) 2014 schloss sich Scherzai nach seinem Ausscheiden im ersten Wahlgang dem Abdullah-Lager an.

Scher Muhammad Achundzada stammt aus einer Familie, die für ihre langjährige Verwicklung in den Drogenhandel bekannt ist, damit ihren Kampf gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans (1979-89) finanzierte und damals ihre Heimatprovinz Helmand in das weltweit größte Anbaugebiet von Schlafmohn verwandelte. 2005 fanden britische Truppen im Keller eines Hauses in Helmand, das zum Besitz Scher Muhammads gehörte, neun Tonnen Drogen. Bevor die britischen Truppen ihr PRT in der Provinz Helmand einrichteten, verlangten sie deshalb von Karzai, ihn dort als Provinzgouverneur abzulösen. Karzai sah das als Einmischung in seine Angelegenheiten an, beugte sich aber schließlich dem Druck – und ernannte Scher Muhammad zur Wiedergutmachung zum Senator in Kabul. Scher Muhammad mobilisierte bewaffnete Anhänger, die unter dem Deckmantel der Taleban gegen die Briten kämpften (siehe Bericht hier).

Ahmad Wali Karzai, ein Halbbruder des Präsidenten, offiziell Vorsitzender des Provinzrates von Kandahar, aber tatsächlich Staathalter seines Bruders in ihrer Heimatprovinz, wurde im Juli 2011 in seinem eigenen Haus von einem Leibwächter erschossen. Vieles deutete auf persönliche Rache als Motiv hin. Wali Karzai leitete die sogenannte Kandahar Strike Force, eine quasi-illegale Miliz, die bis heute – unter neuer Leitung – mit der CIA bei der „Terrorbekämpfung“ zusammenarbeitet. US-Medien berichteten, dass die CIA ihn direkt bezahlte.

 

 

 

 

 

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