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Heute vor 20 Jahren, im Februar 1995, tauchten die Taleban nach einer Blitzoffensive erstmals vor der afghanischen Hauptstadt Kabul auf. Anfang des Monats standen sie 30 Kilometer südlich davon, schon in der Provinz Kabul, beim Distriktzentrum von Tschaharasyab, wo sich das Hauptquartier des Islamischen Partei (Hezb-e Islami) Gulbuddin Hekmatyars befand. Ich berichtete darüber am 9.2.1995 in der Berliner Tageszeitung Junge Welt, unter Berufung auf Rundfunkberichte der BBC. Sonst hatte noch niemand in der deutschen Medien diese neue Entwicklung bemerkt.

Das im Bürgerkrieg zerstörte Kabuler National-Museum. Foto: Archiv.

Das im Bürgerkrieg zerstörte Kabuler National-Museum. Foto: Archiv.

 

Neben einer Erklärung des Begriffs „Taleb“ zitierte ich eine Erklärung der Taleban, nach der sie beabsichtigten, „eine neue Ära das Friedens und der ‚guten Regierungsführung’“ einzuleiten. In der Tat hatten sie auf ihrem Weg nach Norden, der im November 1994 in der Region von Kandahar begonnen hatte, alle gegnerischen Fraktionen entwaffnete, was von der Bevölkerung begrüßt wurde. Meine Voraussage, dass sie aber „wahrscheinlich nur eine neue Variable ins blutige Spiel“ des „Kampfes jeder-gegen-jeden“ zwischen den „etablierten Mudschahedin-Gruppen“ bringen und diese dazu bringen würde, „ihren Streit zu begraben und sich gegen den neuen Gegner zu verbünden“, lag ich ganz gut.

Diesen Artikel können sie im PDF-Format hier weiterlesen.

Nur wenige Tage später, am 15.2., flohen Hekmatyar und seine Kämpfer kampflos aus Tschaharasyab. Ein paar Wochen später gingen sie eine Allianz mit den Kämpfern der Jamiat-e Islami von Interimspräsident Borhanuddin Rabbani und seines Militärführers Ahmad Schah Massud ein, die Kabul kontrollierten. Hekmatyar wurde Premierminister.

Einen weiteren JW-Artikel dazu finden sie hier.

Darin schreibe ich auch, dass mir der frühere DVPA-Verteidigungsminister Shahnawaz Tanai – der noch 1990 gemeinsam mit Hekmatyar erfolglos gegen den damaligen Präsidenten Najibullah geputscht hatte und danach ins Exil nach Pakistan geflohen war – am Telefon bestätigte, dass viele „ehemalige (DVPA-)Offiziere“ in den Reihen der Taleban kämpften. Diese würden auch von „aus Afghanistan geflohenen Intellektuellen“ unterstützt. In der Tat versuchten Politiker wie Abdul Ahad Karzai, ein früherer stellvertretender Parlamentssprecher und Vater des späteren Präsidenten Hamed Karzai sowie der bekannte (in den USA lebende) Historiker Muhammad Hassan Kakar, sich an die Spitze der Taleban zu stellen – mit dem Argument, dass sie wirklich gebildete Führer benötigten, und auf der Basis der gemeinsamen paschtunischen Herkunft. Die Taleban ließen sie abblitzen; Karzai senior (der 1999 in Quetta ermordet wurde) und andere wandten sich darauf gegen die Taleban. (Das erfuhr ich erst viele Jahre später.)

Von Kandahar aus, das sie am 5.11.1994 eingenommen hatten, brachten sie relativ schnell fünf weitere Provinzen unter Kontrolle: Helmand, Zabul, Uruzgan, Ghazni und Logar. Eine Niederlage in Ghazni Mitte Januar, über die ich am 16.1.1995 im ND berichtet hatte (durch den örtlichen Kommandeur Qari Baba), hielt sie nicht lange auf.

Diesen Artikel finden sie hier.

Darin ziehe ich auch eine historische Parallele: Mit dem Herrschaftsgebiet der Taleban im Süden, der Übergangsregierung in Kabul sowie den quasi-autonomen Herrschaftsbereichen Ismail Khans um Herat und General Dostums um Mazar-e Scharif hätten sich annähernd die gleichen vier Zentren etabliert, wie schon mehrfach im 18. Und 19. Jahrhundert. Nur dass sich diesmal die Situation als viel dynamischer erweisen sollte: anderthalb Jahre später nahmen die Taleban auch Kabul, 1997 Herat und 1998 Mazar ein. Damit kontrollierten sie etwa 90 Prozent des Landes.

Der Spiegel berichtete erst am 20.2., nach dem Fall Tschaharasyabs (hier). Er gab die Stärke der Taleban mit 25.000 an, angestiegen von ursprünglich 800 Kämpfern. Erwähnt wird auch die Anwesenheit von ISI-Chef und späterem, bis heute aktiven Taleban-Apologeten Hamid Gul.

 

 

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