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Dieser Beitrag erschien am 8. Februar 2009 im Neuen Deutschland. Diese Fassung ist gekürzt, aber gleichzeitig auch ergänzt und aktualisiert).

Vor 20 Jahren [2016: 26 Jahren] zog der letzte sowjetische Soldat aus Afghanistan ab – die Wunden der Besatzung aber sind noch nicht geheilt

 

Was nach dem Kriege übrigblieb (Flughafen Kunduz, 2007). Foto: Thomas Ruttig.

Was nach dem Kriege übrigblieb (Flughafen Kunduz, 2007). Foto: Thomas Ruttig.

 

„Als wir hörten, dass die Sowjets in unser Land einmarschiert sind, weinten wir“, erinnert sich Saber Naseri, ein ehemaliger Guerrillakämpfer, der heute als Zahnarzt praktiziert. Damals ging der junge Paschtune aus der konservativen Südprovinz Zabul in die elfte Klasse. Als sein älterer Bruder eine der ersten Guerrillafronten eröffnete, die sowjetische Konvois angriff, die vom Militärflughafen Bagram – heute US-Kommandozentrale in Afghanistan – nach Kabul rollten, schloss er sich ihm an. Die Naseri-Brüder lasen Marx, Mao und Ali Schariati, einen linksislamischen Theoretiker aus Iran, der den bewaffneten Kampf gegen den Schah inspiriert hatte. Die Broschüren auf Persisch – auch eine afghanische Landessprache – kamen über Iran aus China. Der Einmarsch in ihr Land bestärkte die Brüder in ihrer Auffassung vom „sozialimperialistischen“ Charakter der Sowjetunion.

Anfang der 80er Jahre halfen sie einem jungen Ingenieurstudenten, im benachbarten Panjschir-Tal eine weitere Widerstandsgruppe zu etablieren. Nur zwei Jahre darauf wendete er sich gegen sie. Sein Name war Ahmad Schah Massud, bald der bekanntste Mudschahedinführer des Landes, der zwei Tage vor dem 11. September 2001 einem al-Qaida-Attentat zum Opfer fiel. Die Islamisten wie Massud bekämpften auch die Linken im antisowjetischen Lager bis aufs Blut. Pakistan half ihnen, indem es allen nichtislamistischen Gruppen den Nachschub blockierte, der vor allem mit US- und saudischen Geldern finanziert wurde.

Die Naseri-Brüder überlebten die Besatzung, aber den sowjetischen Abzug sahen sie mit gemischten Gefühlen. „Nach dem 27. Dezember 1979 wurde der 15. Februar 1989 für uns zum zweiten Unglückstag“, sagt Naseri heute. „Die Amerikaner hatten den Moslembrüdern Waffen gegeben, um die Sowjets zu vertreiben. Wir wussten, dass sie untereinander verfeindet waren und ahnten, das würde nicht gut enden.“

Einer ihrer mächtigsten Führer, der von Saudi-Arabien unterstützte Abdul Rabb Rassul Sayyaf, hatte angekündigt, man werde Kabul dem Erdboden gleichmachen, um alle kommunistischen Spuren „zu tilgen“, und anschliessend nach „islamischen Prinzipien“ neu errichten. Die Zerstörung war gründlich, aber der Wiederaufbau ging in den Fraktionskriegen unter, in die sich die Mudschahedin bald verwickelten.

Bürgerkriegszerstörungen an einer von Kabuls Hauptstraßen, der Maiwand Wat, noch in 2004. Foto: Thomas Ruttig.

Bürgerkriegszerstörungen an einer von Kabuls Hauptstraßen, der Maiwand Wat, noch in 2004. Foto: Thomas Ruttig.

 

Auf das Chaos ihrer Herrschaft folgten die Schrecken des Taleban-Regimes. Aber auch als das Ende 2001 zusammenbrach, waren die Leiden der Afghanen nicht zuende. Die USA und ihre westlichen Verbündeten installierten die Warlords wieder an der Macht – ein Hauptgrund, dass sich enttäuschte Afghanen wieder verstärkt den Taleban zuwenden. Sayyaf stieg unter der Regierung Karzais zu einem der mächtigsten Männer des Landes auf: Er sitzt dem auswärtigen Parlamentsausschuss vor [das war 2005-10], vor allem aber ist er ein Hauptberater des Präsidenten [Karzai; 2014 kandidierte er für die Präsidentschaft, kam aber nicht in die Stichwahl]. An seine damalige Drohung will er sich heute nicht mehr erinnern. Zwar gibt es Filmmaterial davon, aber das wagt niemand öffentlich zu zeigen.

Die Naseri-Brüder kämpften auch gegen die Taleban. [Sie organisierten vom pakistanischen Quetta aus über Stammesräte Widerstand. Ende 2001 war ihre Organisation mit einem ihrer Exilführer, Sameullah Same, der Anfang der 1980er Jahre in Kunar einen Aufstand gegen die Sowjets organisiert hatte, auf der Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg vertreten. Doch diese „fünfte Delegation“ der afghanischen Demokraten aus dem Untergrund sowie dem Exil wurde im letzten Moment von der Konferenz ausgeschlossen. Mehr dazu in meinem Papier „Das Scheitern der Luftlande-Demokratie in Afghanistan: Die Bonner Vereinbarungen von 2001 und die versandete Demokratisierung am Hindukusch – ein Blick von innen“ (2012), in: Marléne Neumann, Michael Schied und Diethelm Weidemann (Hrsg.), Afghanistan: Probleme, Konflikte, Perspektiven, Studien zur Geschichte und Gegenwart Asiens, Bd. 3, Berlin: trafo Wissenschaftsverlag, S. 41-52.]

Ende 2001 kehrten sie nach Afghanistan zurück, um den neuen demokratischen Spielraum zu nutzen. Sie gründeten eine Partei und versuchten, die fortschrittlichen Kräfte zu vereinen, gegen die zurückgekehrten Warlords, die sie neben den Taleban als Hauptgefahr für ihr Land betrachten. Doch die Vergangenheit verhindert bis heute ein engeres Zusammengehen der afghanischen Linken. Viele frühere Funktionäre der ehemaligen prosowjetischen Regierungspartei sind nicht bereit, sich selbstkritisch ihrer Rolle in der Besatzungszeit zu stellen, während der 1,2 Millionen Afghanen getötet, sechs Millionen zur Flucht gezwungen und wirtschaftliche Schäden in Höhe von 5,8 Milliarden Dollar verursacht wurden. Sie verweisen auf verwirklichte Frauenrechte und soziale Errungenschaften wie Lebensmittelkupons für Staatsangestellte, an die man sich heute sehnsüchtig erinnert. Doch während offiziell eine „breite Front aller fortschrittlichen Kräfte“ propagiert wurde, merkt Saber Naseri an, wurden unter den Augen sowjetischer Berater tausende politische Gefangene ermordet, darunter viele Linke. [Einer von ihnen war der Anführer ihrer Organisation, Abdul Majid Kalakani, der im März 1980 in einen Hinterhalt gelockt und dann ermordet wurde.]

Die früheren Mudschahedin hingegen haben ihr Verhältnis zu Russland schon Anfang der 90er Jahre normalisiert, nachdem Boris Jelzin die Verbündeten in Kabul fallen gelassen hatte. Sie verzichteten auf alle Retributionsforderungen, im Gegenzug strich Moskau die aus UdSSR-Zeiten stammenden afghanischen Schulden. (Waffen und Treibstoff waren zum Teil auf Kredit geliefert worden.) Heute erhalten die Milizen des Mudschahedin-Nachfolgers Nationale Front Nachschub aus russischen Klientelstaaten in Mittelasien. Auch offizielle russische Waffenlieferungen an Kabuls Regierung enden in ihren Händen. Zu den Depots im Panjschir-Tal haben selbst die US-Truppen keinen Zugang.

Neuerdings macht selbst Präsident Karzai Russland Avancen, seit die Obama-Regierung seine korrupte Regierungsführung kritisiert und er befürchten muss, dass sie ihn vor den Wahlen am 20. August [2009] ausmustert. Im Januar ließ er durchsickern, Präsident Medwedjew habe eine Verteidigungskooperation angeboten – ein Affront für Washington, das die afghanische Armee auf NATO-Waffen umgestellt hat. „Als Hauptverbündeten sieht Russland aber immer noch die früheren Mudschahedin, die ebenfalls einen Wiedervormarsch der Taleban nach Nord-Afghanistan und weiter nach Mittelasien befürchten“, so Naseri.

Gleichzeitig sieht man in Moskau die Probleme der USA und ihrer NATO-Alliierten in Afghanistan nicht ohne Schadenfreude. Dass sich das Pentagon gezwungen sah, den Rat ehemaliger hoher sowjetischer Militärs für die Aufstandsbekämpfung einzuholen, sorgt für Genugtuung. Die unter Obama fortgesetzte Aufstellung sogenannter Stammesmilizen gegen die Taleban gehörte bereits zum Repertoir General Boris Gromows, letzter Kommandeur des damals so genannten sowjetischen „begrenzten Truppenkontingents“ in Afghanistan, der wiederholt konsultiert wurde.

Medwedjew und Putin lassen die NATO spüren, dass sie in Sachen Afghanistan von Russland abhängig ist. Gerade genehmigten sie den Transit von NATO-Nachschub, allerdings nur zivilen Charakters, während gleichzeitig die kirgisische Regierung – wohl unter Russlands Einfluss – den Mietvertrag für die US-Nachschubbasis Manas bei Bischkek kündigte. [Eine russische Perspektive hier.] Auch ein Grossteil der innerafghanischen NATO-Versorgung wird mit russischen und ukrainischen Charterflugzeugen abgewickelt.

[Vor wenigen Tagen meldete Spiegel online zu diesem Thema:

Die politische Krise zwischen den Nato-Staaten und Russland hat offenbar auch Folgen für die Bundeswehr. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE blockierte Russland bereits zweimal in diesem Jahr militärische Flüge der Bundeswehr nach Afghanistan, da die Flugroute für die Soldaten über Russland führt.

Entgegen der eingespielten Routine bei Militärtransporten erteilte Russland für das Jahr 2015 keine generelle Überfluggenehmigung für die Bundeswehrflüge. Als Folge konnte der Truppenflieger vom Typ A310 am 15. und 26. Januar nicht wie geplant in Köln zum Flug für den Wechsel des Kontingents ins deutsche Lager in Masar-e-Scharif in Nordafghanistan starten.

Offiziell wird die Verweigerung als technisches Versehen und Schlamperei auf niedriger Beamtenebene in Moskau bezeichnet.]

Russlands Botschafter in Afghanistan Samir Kabulow [bis 2009, seit 2011 Russlands Sonderbeauftragter für Afghanistan; schon 1983-87 und 1991/92 an der sowjetischen, dann russischen Botschaft in Kabul] reibt über die Medien noch Salz in die Wunden: „Was haben die Afghanen von der (US-geführten) Koalition bekommen? Sie lebten vorher in Armut, und tun das immer noch – nur jetzt werden sie manchmal auch noch bombardiert.“ [Hier ein neueres Interview mit Kabulow auf deutsch.]

Saber Naseri will das so nicht stehen lassen: „Auch die Sowjets haben die Armut nicht beseitigen können und Bomben auf uns geworfen.“ Im Sommer 1983 erlebte er mit, wie im Dorf Istalif 700 Menschen bei einem sowjetischen Flächenbombardement umkamen.

 

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