Schlagwörter

, , , , ,

Der Islamische Staat (IS) hat im Januar eine neue Provinz, „Chorasan“, für Afghanistan und Pakistan ausgerufen. Noch sind die Taleban deutlich stärker

 

Pro-IS-Slogan an einer Mauer in der Kabuler Universität, Mitte 2014.

Pro-IS-Slogan an einer Mauer in der Kabuler Universität, Mitte 2014. Foto: AAN.

Der Artikel entstand mit Hilfe von Material meines Kabuler AAN-Kollegen Borhan Osman (sein Dispatch, in englischer Sprache, hier). Im Folgenden eine deutlich erweiterte und neugefasste Variante.

Der kürzere taz-Artikel hier.

 

Das könnte schon der Anfang vom Ende des Islamischen Staates (IS) in seiner neuesten „Provinz“ Chorasan sein: Am 9. Februar starb Mullah Abdul Rauf Khadem bei einem US-Drohnenangriff im südafghanische Helmand. Nur zwei Wochen zuvor – am 26. Januar – hatte die IS-Zentrale ihm den Titel „stellvertretender Provinzgouverneur“ verliehen.

Chorasan ist eine historische Bezeichnung – für Nord-Afghanistan, Nordost-Iran sowie Teile des früheren Sowjet-Zentralasiens. Der Anspruch auf diese Provinz ist dem IS quasi per Zufall in die Hände gefallen, als im vergangenen Sommer einige obskure Splittergruppen pakistanischer und afghanischer Aufständischer (von den afghanischen Taleban, der pakistanischen TTP sowie Gulbuddin Hekmatyars Hezb-e Islami-ye Afghanistan) ihm ihre Gefolgschaft erklärten, meist ins Internet gestelltem Video. Dabei ging die Initiative nicht von der IS-Führung im syrischen Raqqa aus, sondern war lokaler Natur.

Als Khadem sich im Januar dem IS anschloss, zögerte sie nicht länger und reklamierte ihn für sich. Viel prominenteren Zulauf als ihn hätte sie in Afghanistan nicht bekommen können. Mit seinem Herkunfts- und Operationsgebiet im Norden der Provinz Helmand (v.a. dem Distrikt Kajaki) war Khadem mitten in einer Taleban-Hochburg gut verankert. Zudem verfügt er über Verbindungen zu arabischen Dschihadisten (eventuell auch über direkte Verbindungen zum IS in Syrien/Irak) sowie zu Finanziers am Persischen Golf. Es handelte sich also nicht um ein kalkuliertes, strategisches Vordringen des IS, sondern um ein „Schnäppchen“.

(Zwischendurch war es schon peinlich geworden. Der prominenteste der frühen Überläufer, Abdul Rahim Muslimdost, geistlicher Führer einer kleinen salafistischen afghanischen Insurgentengruppe, die schon seit den 1980er Jahren in den Provinzen Kunar und Nuristan sporadisch aktiv ist [mehr Hintergrund in meinem AAN-Artikel hier: https://www.afghanistan-analysts.org/on-kunars-salafi-insurgents/%5D, bestätigte zwar, er habe den Treueeid geleistet, wollte aber keineswegs der IS-Vertreter für Chorasan sein. Muslimdost lebt schon seit langem in Pakistan und ist nicht an Kämpfen beteiligt.)

Allerdings ist das Verhältnis zwischen dem Islamischen Staat und den Taleban kompliziert. Das zeigt schon die Tatsache, dass die IS-Führung um al-Baghdadi nicht etwa Khadem, sondern einen der radikaleren pakistanischen Taleban namens Hafiz Said Khan zum Provinzchef von Chorasan ernannte. Grund: Die Führung des IS traut den viel kampferfahreneren Afghanen weniger als den radikaleren Pakistanern. Die Afghanen, auch die afghanischen Taleban, sind in der Regel keine Salafisten. (Said Khan war Führer der pakistanischen TTP in seiner Heimat, der Orakzai Agency, und verließ Mitte 2014 die TTP – wie er betonte, als Individuum, nicht mit (allen) seinen Kämpfern.)

Said Khan erklärte seine Loyalität zum IS kurz nach dem ersten Auftreten Khadems in Namen des IS, ebenfalls per Video-Botschaft. In dem Video figurierten neun frühere TTP-Kommandeure der mittleren Ebene sowie drei angebliche Afghanen. Einer von ihnen nannte sich Sa’ad Emarati, Kommandeur einer zuvor weithin unbekannten „Sa’ad bin Abi Waqas Front“. Er ist ein früherer Taleban-Kommandeur, der 2013 wegen unautorisierter Kidnapping und Lösegelderpressung aus der afghanischen Bewegung ausgeschlossen worden war. Bis dahin operierte er im Distrikt Azra (Logar) und hatte bereits Beziehungen zu den pakistanischen Taleban aufgebaut und diese für seine Kidnappings genutzt. 2013 wurde er von den afghanischen Taleban festgenommen und entwaffnet und ihm wurde verboten, innerhalb Afghanistans zu operieren. Deshalb hielt er sich bei der TTP in den pakistanischen Stammesgebieten (FATA) auf. Muslimdost wurde in dem Video ebenfalls wieder erwähnt, tauchte darin selbst aber nicht auf.

Mulla Rauf Khadem. Foto: Nunn-Asia.

Mulla Rauf Khadem. Foto: Nunn-Asia.

 

Der Afghane Khadem war in seiner Heimat bis dahin schon kein Unbekannter gewesen. Er hatte sich einen Namen als Vizemilitärchef der afghanischen Taleban gemacht, bevor er im Januar mit ein paar hundert Kämpfern zum IS überlief. Feldkommandant während der Taleban-Herrschaft (1996-2001), war er unmittelbar nach deren Fall im Jahr 2001 gefangen genommen und in Guantánamo inhaftiert worden. Dort, so belegen es öffentlich gemachte US-Dokumente, gab er sich geläutert und beteuerte, er wolle nun mit der damaligen Karzai-Regierung kooperieren. 2007 wurde er nach Afghanistan entlassen, ging aber sofort wieder in die Berge und stieg in der Taleban-Hierarchie auf.

Sein Stellvertreter, Hadschi Mirwais, erklärte gegenüber den Autoren, Khadem sei in US-Haft unter dem Einfluss arabischer Mitgefangener zum Salafismus konvertiert. Nach dem Aufkommen des IS in Irak und Syrien wuchs in der Taleban-Bewegung das Misstrauen Khadem gegenüber und er wurde zunehmend marginalisiert. IS-Chef Baghdadi erhebt den Anspruch, alle Muslime anzuführen; als Amir ul-Momenin (Oberhaupt der Gläubigen) trägt er denselben Titel wie Taleban-Chef Mullah Muhammad Omar. Das sorgt für gegenseitige Konkurrenz in Afghanistan. Die dortige Taleban-Bewegung, mit ihrer längeren Geschichte, sieht den IS als unerwünschten Newcomer. Schon vor der Proklamaion von Chorasan zur „IS-Provinz“ reagierten die Taleban mit einem kühlen Statement auf die zunehmenden Gerüchte und Berichte über das IS-Auftauchen an ihre Kommandeure (verbreitet über die in Peschawar ansässige Agentur Afghan Islamic Press): “Sie sind keine Mudschahedin und arbeiten nicht unter der Führung des Islamischen Emirates und niemand sollte sich von diesen Leuten verführen lassen und man soll ihnen nicht erlauben, Aktivitäten durchzuführen.”

Auch Stammesrivalitäten in der Taleban-Führung scheinen zu Khadems Entschluss beigetragen haben, sich von der Bewegung zu lösen, so Mirwais. Khadem habe sich insbesondere gegen das, wie er meinte, “Machtmonopol eines Stammes” in der Taleban-Führung gewandt. Damit meint er die Ishaqzai des Taleban-Militärchefs und Mulla-Omar-Stellvertreters Akhtar Muhammad Mansur. Mansur hat einige seiner Ko-Ishaqzai nachgezogen, die nun überproportional in der Führung präsent sind (siehe auch in diesem Papier).

Hingegen sind sowohl Khadem als auch sein „zurückgetretener“ Vorgänger Abdul Qayum Zaker Alizai aus Nord-Helmand. Das „Auftauchen des IS“ in dieser Gegend könnte also eine Drohgebärde im Machtkampf um die potenzielle Nachfolge des „verschwundenen“, lange nicht mehr öffentlich sicht- oder hörbar gewordenen Taleban-Chefs Mullah Muhammad Omar gewesen sein, allerdings mit tödlichem Ausgang. Dieser Machtkampf hat begonnen, nachdem Pakistan 2010 den designierten Omar-Nachfolger Mullah Abdul Ghani (bekannt als Mulla Baradar, ein Popalzai wie die Karzais) verhaftet hatte (meine damalige AAN-Analyse hier).

Ebenfalls Mitte Januar, in der Provinz Farah in West-Afghanistan, vertrieben die Taleban eine Gruppe unter der Führung zweier Brüder, Abdul Malek und Abdul Raziq Mehdi, Kommandeure auf Distriktebene vom Stamm der Nurzai, aus dem Distrikt Bakwa, einer örtlichen Taleban-Hochburg. Beide waren zwei Jahre zuvor wegen religiöser (salafistischer) Abweichungen aus der Taleban-Bewegung ausgeschlossen worden und jetzt im Namen des IS wieder aktiv geworden. Sie haben sich jetzt im Nachbardistrikt Khak-e Safid festgesetzt. [Ergänzung 20.2.2015: Einem Reuters-Bericht zufolge sollen sie über zwischen 30 und 100 Bewaffnete verfügen.]

Berglandschaft in Farah. Foto:  Thomas Ruttig. in Farah, 2006.

Berglandschaft in Farah. Foto: Thomas Ruttig.

 

Das Auftauchen des Islamischen Staates in Afghanistan hat dort eine gewisse Hysterie ausgelöst. Die Sicherheitslage ist ohnehin prekär: 2014 haben sich die Kämpfe zwischen Taleban und Regierungstruppen stark intensiviert. (Der am Mittwoch veröffentlichte Jahresbericht 2014 von UNAMA über die zivilen Opfer des afghanischen Krieges vermeldet „das schlimmste Jahr für zivile Opfer“ seit Beginn der Zählung durch UNAMA 2009, mit 3699 Getöteten und 6849 Verletzten (+22% zu 2013) sowie nun insgesamt 800.000 Binnenvertriebenen; der volle Bericht ist hier zu finden, unsere AAN-Analyse hier.)

Zudem treibt eine Offensive des pakistanischen Militärs in den dortigen Stammesgebieten Kämpfer über die Grenze nach Afghanistan. Darunter sind Pakistaner und Araber ebenso wie Zentralasiaten, von denen viele schwarze Flaggen und Sturmmasken tragen, die IS-Insignien gleichen. In einigen Gebieten Afghanistans werden diese als „Schwarzgekleidete“ bezeichneten Kämpfer für IS-Anhänger gehalten. In den letzten Wochen kamen solche Berichte aus den Provinzen Zabul, Ghazni, Paktika, Logar, Sar-e Pul und Jauzjan. (Ein früherer AAN-Artikel meines Kollegen Borhan Osman zu diesen Falschzuschreibungen hier. AAN berichtete sogar schon 2014 über sogenannte Siahpuschan [„Schwarzgekleidete“] in Nuristan, hier.)

Osman schlussfolgert, dass die Ankunft ausländischer Kämpfer nach Afghanistan nicht mit dem Auftauchen des IS in der Region zu tun hat. „Erstens ist es unwahrscheinlich, dass die Taleban ihren Transfer nach Afghanistan unterstützt hätten, wenn die Kämpfer zum IS gehören. Es wäre nicht plausibel, solche eine Kooperation zwischen beiden Organisationen auf Taleban-Gebiet anzunehmen. Die Taleban haben in der Vergangenheit ausländische Militante unter der Bedingung unterstützt, dass sie sich ihrer Bewegung unterordnen. Der IS aber beansprucht eine Oberhoheit über alle dschihadistischen Gruppen weltweit und würde sich kaum den Taleban unterordnen.“

Afghanische Armeeführer in einigen Provinzen spielen trotzdem die IS-Gefahr hoch. Sie setzten nun generell ausländische Kämpfer mit Daesh gleich. (Bisher wurden diese immer mit dem IS-Rivalen al-Qaeda gleichgesetzt.) Ein Motiv ist, dass zusätzliche Ressourcen für ihren örtlichen Kampf akquirieren wollen, an denen es ihnen oft mangelt. Auch Präsident Ashraf Ghani scheint diesen Narrativ zu bedienen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 8. Februar sagte er: „Es ist sehr wichtig, die Ereignisse in Syrien, Irak, Jemen und Libyen nicht von denen in Afghanistan und Südasien zu isolieren. Denn die Bedrohungen aus der Netzwerk-Perspektive werden stärker, und die Antwort des Staates wird unglücklicherweise schwächer.“

Auch russische Offizielle streuen Warnungen vor IS-Kämpfern, die sich in Nord- Afghanistan mit Blick auf Zentralasien sammelten. Russlands Sondergesandter für Afghanistan, Zamir Kabulov, sprach von „tausenden Kämpfern“, die Trainingscamps an den Grenzen zu Tadschikistan und Turkmenistan eingerichtet hätten. Zudem hätte der IS etwa 100 Kämpfer aus Irak und Syrien nach Afghanistan verlegt. Beides wird nicht von Erkenntnissen hier aus Afghanistan gestützt. Auch Präsident Putin selbst hat sich in diesem Sinne geäußert.

In Afghanistan selbst gibt es die größten Sympathien für den IS unter radikalisierten Jugendlichen, besonders unter Studenten. Das äußert sich bisher vor allem über die sozialen Medien. Mein Kollege Borhan Osman spricht von „Cyber-Dschihadisten“. Neue Facebook-Seiten in Unterstützung des IS und eingerichtet von Afghanen scheinen wöchentlich zu erscheinen, vor allem von den (wenigen) in Irak oder Syrien unter dem IS kämpfenden Afghanen. (Die meisten Afghanen – meist schiitische Hazara, rekrutiert in Iran – kämpfen auf der Seite des syrischen Regimes (siehe diesen AAN-Dispatch). Rekrutierungen von Kämpfern aus diesen Kreisen sind marginal. Dazu gehörte eine kleine Gruppe, die wohl von einem 33-jährigem Kunduzer Tadschiken inspiriert wurde, der nach Australien ausgewandert war und dort die Staatsangehörigkeit erworben hatte, dann aber nach Syrien ging – namens Zia Abdul Haq (aka Abu Yusef). Er wurde am 23. Oktober 2014 getötet, wie in der australischen Presse berichtet wurde. Die Gruppe in Kunduz wurde vom afghanischen Geheimdienst verhaftet, wie NDS-Chef Rahmatullah Nabil vergangenen Monat im Parlament berichtete.

Die afghanischen und pakistanischen IS-Zellen signalisieren eine erst Präsenz in Afghanistan, die noch keinen fundamentalen Wandel im afghanischen Konflikt darstellt. Mit dem fest verankerten Monopol der Taleban-Bewegung, die kein Interesse an Konkurrenz auf dem Schlachtfeld hat, dürfte der IS es auf geraume Zeit schwer haben, in Afghanistan Fuß zu fassen. Die Taleban-Führung handelte in mehreren Fällen, in denen örtliche Kommandeure ihren Übertritt zum IS bekannt gaben, schnell und ging militärisch gegen diese Abweichler vor. In Khadems Fall halfen indirekt sogar die USA; Beobachter in Kabul sprechen ironisch vom „ersten Pro-Taleban-Drohnenschlag“ der Amerikaner.

Aber das kann sich ändern – vor allem, wenn die Radikalisierung weiter fortschreitet und sich die sozial-ökonomische Situation nicht verbessert. Als Folge des westlichen Truppenabzugs sowie sinkender Hilfszahlungen wächst die Arbeitslosigkeit. Viele Studenten haben schlechte Aussichten, nach ihrem Abschluss einen Job zu finden. Auch einige der afghanischen Ostprovinzen – Kunar, Nangrahar und Nuristan – könnten IS-Zellen einen besseren Boden bieten. Dort ist die Aufstandsbewegung schon recht fragmentiert und chaotisch, mit Taleban und Hezb-e Islami sowie örtlichen Salafisten unter den Kämpfern und Geistlichen. Sie erlauben bereits ausländischen Gruppen, dort zu operieren – von Teilen der TTP bis zu Lashkar-e Taiba und ähnlichen (oder können diesen nichts entgegensetzen). Aber bisher sind in Ost-Afghanistan und anderswo (außer dem schnell getöteten Mulla Rauf) noch keine einflussreichen Personen ausgetaucht, die eine Führungsrolle übernehmen könnten. Das größte Sicherheitsproblem bleiben die Taleban selbst.

Auf der anderen Seite ist es schwierig, irgendwelche Sympathien für den IS unter den gewöhnlichen Afghanen zu finden. In den letzten Tagen vieldiskutiert war die Verbrennung des jordanischen Piloten durch IS-Kämpfer, und es war nirgendwo etwas anderes als Abscheu zu hören. Schon im vergangenen Jahr gingen Studenten und Aktivisten in Kabul und Mazar-e Scharif gegen den IS und in Unterstützung für die Verteidiger der kurdischen Stadt Kobane auf die Straße.

Anti-IS-Protest in Kabul im Oktober 2014. Foto: Pajhwok.

Anti-IS-Protest in Kabul im Oktober 2014. Foto: Pajhwok.

 

 

 

 

(Falls Sie am Ende meines Blogs Werbung sehen, stammt diese vom Betreiber der Software. Falls Sie sie nicht sehen möchten, können Sie einen Werbeblocker installieren, z.B. AdBlock, wenn Sie einen Mac verwenden; die Software ist kostenlos.)

 

 

 

Advertisements