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Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen bei Ankunft vor zwei Wochen. Am Mandelbaum im AAN-Garten, viel zu früh, stehen die Knospen kurz vor dem Aufbrechen. Dann ein paar Tage grau in grau, ein paar Tropfen Regen, aber immer noch viel zu wenig, und viel zu warme Temperaturen. Richtig geschneit hat es den ganzen Winter über nicht richtig, das sieht man auch beim Anflug über Helmand, das Hazarajat und Logar. Versteckt in einer Positivmeldung („Mechanism to deal with droughts being evolved“) das unheilvolle Detail: wenigstens 160 von etwa 400 Distrikten sind von Dürre betroffen.

Regnerischer Abend in Kabul. Foto: Modaser Islami (Twitter).

Regnerischer Abend in Kabul. Foto: Modaser Islami (Twitter).

 

Dann brechen gestern nachmittag alle Schleusen; ein Sturzregen gemischt mit nassem Schnee ergoss sich über Kabul – und löste neben Freude über den in der Landwirtschaft dringend benötigten Niederschlag (wohl immer noch zu wenig) wiedermal ein Verkehrschaos aus. Straßenkreuzungen am westlichen Rand von Taimani und Qala-ye Fathullah sowie Seitenstraßen auch in Shahr-e Nau standen achsentief unter Wasser. Beim Anlegen der neuen Straßen hat die viel und wohl auch zu Recht gescholtene Stadtverwaltung offenbar vergessen, für ordentliche Abflüsse zu sorgen. In den Abendnachrichten, die Interviews mit Kabuler Autofahrern und Passanten zeigen, mischt sich Kritik daran mit Gottergebenheit und Freude: Regen bringt Segen (barakat).

Verkehrs(polizisten)insel, Kabul. Foto: Pajhwok.

Verkehrs(polizisten)insel, Kabul. Foto: Pajhwok.

 

Und was dem einen sein Uhl, ist dem andern sein’ Nachtigall: Was in Kabul als Regen herunterkam, war in den Bergen Schnee. Lawinen begruben in Panjsher, Bamian, Nuristan und anderswo zahlreiche Menschen. Das schaffte es als Meldung sogar bis in die Tagesschau. Im wärmeren Nangrahar gab es dafür Springfluten, ebenfalls mit vielen Todesopfern.

Eingeschneite Autos am Salang. Foto: Twitter.

Eingeschneite Autos am Salang. Foto: Twitter.

 

Und in der Politik? Ist parlamentarische Winterpause. Dadurch geht’s es bei der Kabinettsbildung nicht vorwärts, aber irgendwie ist das langsam nicht mehr Stadtgespräch. Genauso die Wahl(rechts)reform. Gerade haben Präsident Ghani und Quasi-Premier Abdullah angekündigt, demnächst“ würde die Zusammensetzung der Kommission bekannt gegeben, die diese Reform ausarbeiten werde. Das ist schon eine Nachricht – und erinnert mich an das Zitat eines früheren UN-Sonderbeauftragten über die Ankündigung des damaligen Präsidenten Hamed Karzai (vor der Bonn2-Konferenz 2011), er werde jetzt gegen die Korruption vorgehen: „Das Huhn hat versprochen, es werde bald ein Ei legen.“

Apropos Karzai: Der hält weiter täglich Hof, äußert sich (nicht sehr expräsidentenhaft) öffentlich zu allerlei politischen Fragen und lässt sich immer wieder mit seinem Nachfolger Ghani fotografieren, so bei der Fateha für eine ermordete Provinzratsabgeordnete und bei der Diskussion der Frage von Friedensgesprächen mit den Taleban, die nach pakistanischen Äußerungen, wieder stärker diskutiert wird. (Dazu demnächst mehr.) Und wenn er sich nicht selbst äußert, dann über Facebook-Seiten von Vertrauten oder die von seinem Hauptadlatus herausgegebene Postille „Wisa“, einem üblen Hetzblatt. Zuletzt warf man Ghani vor, seine Annäherung an Pakistan wegen der besagten Gespräche mit den Taleban sei Landesverrat.

 

Karzai und Ghani bei der Fateha für Angiza Shinwari. Foto: Pajhwok.

Karzai und Ghani bei der Fateha für Angiza Shinwari. Foto: Pajhwok.

 

Bei der ermordeten Provinzratsabgeordneten handelt es sich um Angiza Shinwari, eine junge Journalistin. Ihr Auto fuhr über einen offenbar von Taleban gelegten Sprengsatz. Dabei wurden ihr beide Beine abgerissen. Sie verstarb nach ein paar Tagen im Krankenhaus.

Angiza Shinwari. Foto: Twitter.

Angiza Shinwari. Foto: Twitter.

 

Zurück zu Karzai. Auch er hat es jüngst in die Tagesschau geschafft (Video hier; Text hier). Dort bewertete er den US-geführten Militäreinsatz erneut als negativ, ohne allerdings seine Verantwortung und die seiner Regierung außen vor blieb. Auch Medien-Bashing gab es wieder: „Die westlichen Medien haben aktiv das Vertrauen in Afghanistan untergraben. Immer wieder hieß es, ohne die internationalen Truppen wird das Land zur Hölle. Vor allem, wenn das neue Abkommen für einen längeren internationalen Einsatz nicht unterzeichnet wird. Und dass das Geld aus dem Land abfloss, hatte viel mit dieser Propaganda zu tun.“

Die wichtigste Antwort, auf die Frage über eine mögliche Rückkehr ins Präsidentenamt á la Putin: „Nein, ich hatte meine Zeit. Afghanistan darf sich nicht zum Gefangenen der eigenen Geschichte machen. Und meine Präsidentschaft ist definitiv jetzt Geschichte.“

 

Zivile Opfer, Folter

Zwei ziemlich bedrückende Berichte gab es auch dieser Woche: den jährlichen UNAMA-Bericht über den „Schutz der Zivilbevölkerung“, der immer die neuesten Zahlen der zivilen Opfer des Konflikts enthält, sowie einen neuen Bericht aus der gleichen Quelle über die „Behandlung von konflikt-relevanten Gefangenen in afghanischer Haft“. Die nüchternen und ernüchternden Zahlen des Zivilopfer-Berichtes: 2014 gab es 10548 direkte zivile Opfer des Krieges, davon 3699 Tote (+25%) und 6849 Verletzte (+21%). 72% davon gegen auf das Konto der Taleban und anderer Aufständischer. 298 Frauen wurden getötet und 611 verletzt (+21% gegenüber 2013) sowie 714 Kinder getötet und 1760 verletzt (+40%). Mehr als 800.000 Afghanen sind jetzt Binnenvertriebene (+8%).

Unama-Statistik zu Zivilopfern.

Unama-Statistik zu Zivilopfern.

 

UNAMA fügt hinzu, dass dabei bisher die weitergehenden sozialen und ökonomischen Konsequenzen des Konflikts auf das Leben von Frauen und Kindern weitgehend unbeachtet blieben. Mehr als ein Viertel von 60 interviewten Frauen berichteten von gewaltsamen Übergriffen und Ausgrenzung durch Verwandte und Mitglieder ihrer lokalen Gemeinschaften nach dem Verlust ihrer Ehepartner. Sie berichteten, dass sie nun als wirtschaftliche Last angesehen würden. Aus diesem Grund wurden viele auch gezwungen, ihre Töchter zwangszuverheiraten. Alle interviewten Frauen berichteten von einer erheblich verschlechterten finanziellen Situation; nur ein Viertel war in der Lage, ohne fremde Hilfe ihre Familien zu ernähren.

Das Resümee des Berichts: 2014 war das schlimmste Jahr für Zivilisten seit UNAMA 2009 (spät) begann, systematisch zu zählen. (In diesem Zeitraum kam es zu insgesamt 17.774 getöteten und 29.971 verletzten afghanischen Zivilisten.) Die AAN-Analyse sowie der Originalbericht, beides auf Englisch, finden sich hier und hier.

Der Gefangenen-Bericht verzeichnet, dass alle Bestandteile der afghanischen Streitkräfte (Armee, Polizei, Grenzpolizei, Geheimdienst, die milizähnliche Lokalpolizei) weiter Landsleute foltern. Zwar sei die Fall der dokumentierten Fälle von Folter und anderen Misshandlungen gegenüber dem letzten Bericht um 14 Prozent zurückgegangen, aber immer noch werde jeder dritte Gefangene solcher Behandlung unterworfen. Bei der allgemein als sauberer geltenden afghanischen Armee seien solche Fälle sogar im Anstieg begriffen. Dazu kommen Fälle von Verschwindenlassen und sogenannter extralegaler Hinrichtungen (also Erschießen auf offener Straße), vor allem in Kandahar, und sogenannte „schwarze Löcher“, Hafteinrichtungen, zu denen die Kontrolleure kaum oder keinen Zugang haben. Die AAN-Analyse sowie der Originalbericht, beides auf Englisch, finden sich hier und hier; ein deutschsprachiger Medienbericht hier.

Kabul, regnerisch. Foto: Tolo.

Kabul, regnerisch. Foto: Tolo.

 

Und nun (nochmal) zum Wetter: Zum Herumlaufen und Fotografieren hat es bisher nicht eingeladen, deshalb gibt es erstmal noch keinen neuen Fotoblog. Aber demnächst ein paar ‚historische’ Fotos.

 

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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