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Chapeau, Ronja von Wurmb-Seibel. Ihnen ist eines der wenigen Bücher – oder vielleicht sogar das einzige bisher – über Afghanistan nach den Taleban gelungen, in dem aber auch gar nix aus zweiter Hand ist. (Dank auch an Marion, ohne die, sagt die Autorin, dieses Buch – das heute erscheint – nicht entstanden wäre.)

Auch wenn nicht alles in dem Buch neu ist. Die Autorin hat sechs Monate lang aus Kabul eine wöchentliche Kolumne für die Zeit geschrieben, bis zum April 2014. „Nach dem Tod von drei Journalisten in Afghanistan wurde sie eingestellt“, teilt die Autorin dann auf ihrer Webseite mit. Danach führte sie das Prinzip auf ihrem Blog weiter; Episoden erschienen hier und da in der Presse. Mehr zu diesem Teil der Geschichte beim Kollegen Thomas Wiegold, hier.

Herausgekommen ist: Reine Beobachtung durch Eintauchen. Menschen, vor allem junge, und ihr Alltag, der natürlich nicht ohne den Krieg und seine Wirkungen erzählbar ist. Starke Empathie, manchmal durch eine Portion Schnoddrigkeit kaschiert (oder betont), super-lesbar. Und Mut zur Ehrlichkeit:

Ich spiele Volleyball mit einem Kumpel, Abdulhai. Er ist achtzehn Jahre alt und hat einen beschissenen Tag gehabt. Volleyball ist Ablenkung. Irgendwann fragt er mich: »Ronja, wann hast du zum ersten Mal von Afghanistan gehört?« Ich erzähle ihm von 9/11, von dem Abend vor dem Fernseher, davon, dass ich nicht wusste, was das World Trade Center ist – und dass ich auch von Afghanistan davor noch nie gehört hatte. Es ärgerte mich, Abdulhai sagen zu müssen, dass ich das erste Mal wegen eines Krieges von seinem Land gehört hatte. Aber ich wollte auch nicht lügen

Klasse, dass sie nicht versucht hat, den Großerklärer (der Genus hier ist Absicht) raushängen zu lassen – dazu gibt’s ja bereits reichlich, wenn auch vorwiegend auf Englisch. Übrigens auch durchaus Gutes. Auch wenn die wirklich richtig guten Sachen keine Erklär-, sondern Erfahrungsbücher und mindestens 30 Jahre alt sind: Byron, The Road to Oxiana; Bouvier, Die Erfahrung der Welt; Levy, The Light Garden of the Angel King; Newby, A Short Walk in the Hindukush; Hodgson, Under a Sickle Moon. Neues aus der Ich-Perspektive gab es bisher nur am anderen Ende des Spektrums, in einer Art Neo-Landser-Literatur, von den harten Special Forces („First in“) und „Fallschirmjäger“-Guys („Sterben für Kabul“; „Vier Tage im November: Mein Kampfeinsatz in Afghanistan“), die Afghanistan im wesentlichen durch das Zielfernrohr kennen.

Aus diesem Umfeld (in dem man man zwischen „inside“ und „outside the wire“ unterscheidet; raten sie, auf welcher Seite Afghanistan liegt) kommen auch einige der haarsträubenden und nicht immer witzigen Anekdoten in diesem Buch – wie von dem Bundeswehrmenschen, der sich echt wundert, dass die Autorin in Kabul ohne Waffe auskommt, oder von den ungerührten MAD-Leuten, die abzugsnahe ihre Übersetzer vor die Tür setzen. Oder von den Passierscheinen für Ortskräfte im Bundeswehrcamp:

Die sogenannten Ortskräfte dürfen nichts mit reinnehmen, nicht mal ihr eigenes Handy, und nichts mit rausnehmen. Wenn sie es doch tun, brauchen sie dafür eine von der Bundeswehr ausgefüllte Bescheinigung. Da steht dann zum Beispiel: »Hiermit wird Herrn XY die einmalige Mitnahme eines Zertifikats und eines Fotos sowie die Mitnahme von 1 Nasenspray (Xylametazolin) und Brausetabletten ACC akut erlaubt.«

Überraschendes und Ungehörtes selbst für „old hands“ wie den Rezensenten. Hätten sie gedacht, dass in Afghanistan jemand eine Hausarbeit über Leni Riefenstahl schreiben würde? Wissen eigentlich die Knopfler-Brüder, dass ihr „Brothers in Arms“ hierzulande zu „Kontingentswechseln“ (und auch Trauerfeiern für getötete Soldaten) gespielt wird? Oder hat ihnen schonmal jemand die monotheistischen Religionen in einem HighTech-Gleichnis erklärt?

»Wenn du ein iPhone 4 hast, dann kannst du alles machen: telefonieren, E-Mails schreiben, WhatsApp, fotografieren. Aber du hast halt kein iPhone 5. Dir fehlt ein Update.« Er machte eine kurze Pause, als wollte er sichergehen, dass ich auch wirklich zuhöre. Dann sagte er: »Die Juden sind das iPhone 3, ihr seid das 4er, und wir: das 5er.«

Nie habe ich gedacht, jaja, kenne ich auch.

Das einzige, was ich an dem Buch überoriginell finde, ist das Inhaltsverzeichnis. Auf den Punkt zwar die Unterteilung des Buches in drei Teile („Wir und Die“, „Wir gehen“, „Die bleiben“) – das geht nicht kürzer und vor allem treffender –, aber die Subkapitel nur als laufende Zahlen ist mir dann doch etwas zu wenig. Aber sei’s drum, dem Gesamteindruck tut das wirklich keinen Abbruch.

Deshalb zum positiven Abschluss noch eine weitere Episode aus dem Buch, von der WG der »Afghan Peace Volunteers« aus neun Afghanen und einem Singapuri.

„Die WG hat sich zum Ziel gesetzt, den Krieg abzuschaffen. Nicht nur in Kabul, überall.“ Natürlich wüssten sie, dass das nicht geht, aber das sei ja noch kein Grund, es nicht zu versuchen.

Schade nur, dass solch ein Buch erst 2015 herauskommt, wo viele in unserem Lande – Politiker, Redaktionen, “die Öffentlichkeit”… – denken, oder so tun, als ob das Thema Afghanistan durch wäre. For the records: Ist es aber nicht.

Die Autorin in Kabul. Mit ihrer freundlichen Genehmigung.

Die Autorin in Kabul. Mit ihrer freundlichen Genehmigung.

 

Ronja von Wurmb-Seibel, Ausgerechnet Kabul: 13 Geschichten vom Leben im Krieg, Deutsche Verlags-Anstalt, 2015. Preis bitte im örtlichen Buchhandel erfragen.

Die WG-Episode gibt es übrigens auch als Film (RvWS gemeinsam mit Niklas Schenck), wurde in der ARD und dritten Programmen ausgestrahlt. Daher wusste ich, dass ich dieses Buch lesen muss. (Den Film kann man weiterhin sehen, hier!)

 

 

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