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Dieser Artikel erschien am 26.6.2000 im Neuen Deutschland: Er geht auf die Vorgeschichte der Zerstörung der Buddhas von Bamian ein. Warnzeichen für die Sprengung der Statuen knapp ein Jahr später gab es, aber trotzdem erschien ein solcher Schritt noch Mitte 2000 undenkbar.

Der große Buddha von Bamian vor der Sprengung, aber schon mit "Bauchschuss".

Der große Buddha von Bamian vor der Sprengung, aber schon mit „Bauchschuss“.

 

Es gibt sicherlich mehr als die sieben antiken Weltwunder. Aber selbst bei sehr enger Auswahl wäre das afghanische “Tal der Buddhas” eines davon. Seit die Taleban auch dort die Macht übernahmen, schwebt aber das Damoklesschwert der endgültigen Zerstörung über diesem Denkmal der Weltkultur.

Selbst in [ihrer erheblichen Beschädigung] sind sie noch atemberaubend. Weder Dynamit, Feuer noch Schüsse konnten den beiden kolossalen Buddhas im zentralafghanischen Bamian-Tal – den größten aufrechten Statuen, die je erschaffen wurden – völlig ihre Größe nehmen. Besonders aus der Entfernung wirken die Halbreliefs, die wahrscheinlich im 3. und 4. Jahrhundert (nach einigen Quellen 300 Jahre später) aus einer vielleicht kilometerlangen sandsteinartigen Felswand gehauen wurden, überaus majestätisch.

[Die Stadt Bamian, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, ist ziemlich klein. Im Bazar gibt es ein paar „Restaurants“ (also Teestuben), Läden und Reparaturwerkstätten – letztere sind auch notwendig bei den Straßenverhältnissen – und vor allem zwei Taleban-Posten, einen am Ortsein- und den anderen am Ortsausgang. Aber wenn am Jeep UN steht, fragen sie nicht und machen ihre „Schranke“ auf, ein Seil mit ein paar bunten Lappen, damit man sie überhaupt sieht. Die eigentliche Taleban-Garnison aus Kandaharis, also Paschtunen as dem Süden, ist auf einem Felsplateau über der Stadt nahe der kleinen Flugpiste stationiert. Sie hat die Oberaufsicht über Kämpfer einer Hazara-Fraktion, die zu den Taleban übergelaufen ist. Noch 1974 soll Bamian ganze 1000 Einwohner gezählt haben, jetzt sind es mit „Vororten“ – also umliegenden Dörfern – etwa 120.000. Viele Einwohner aber sind auch geflohen, nachdem die Stadt mehrmals die Besitzer gewechselt haben. Nach einer kurzer Rückeroberung durch eine (andere) Hazara-Fraktion kamen die Taleban zurück und brannten den alten Bazar gleich unterhalb der Buddha-Statuen nieder. Nur verfallene Lehmmauern sind davon noch übrig.]

Doch aus der Nähe wird der unermessliche Schaden sichtbar, denen der schon fast 21 Jahre dauernde Afghanistan-Krieg ihnen zugefügt hat. Besonders der so genannte kleine Buddha, 36 Meter hoch und der ältere von beiden, ist in Folge einer besonders irrsinnigen Auslegung der repressiven Taleban-“Frauenpolitik” arg ramponiert. Da er, ohne dass es dafür einen historischen Beleg gibt, als “weiblich” gilt, haben ihn sich die meist sehr ungebildeten Koranschüler dieser Bewegung als Zielscheibe ausgesucht. Hals und Rumpf sind wie durchlöchert, große Teile der Stuckverkleidung, die das in griechische Falten gelegte Gewand bedeckten, herab gefallen. Kurz nach der Eroberung Bamians durch die Taleban 1997 hatte ein wild gewordener Panzerkommandant mit seinem Geschütz ein Loch in den Bauch der Statue geschossen. Später sprengten andere Taleban mit Dynamit den Kopf der Gestalt weg, deren einst goldverziertes Gesicht im Mittelalter schon eifernde moslemische Eroberern abgeschliffen hatten.

Auch dem 53 Meter hohen, jüngeren, so genannten großen Buddha wurde ähnlich übel mitgespielt. Seit Taleban aus den Höhlen über der Figur an Seilen benzingetränkte Autoreifen herabließen und anzündeten, weist sein abgeschliffenes Gesicht zwei riesige schwarze Flecken auf. Aus der Ferne sieht es auch, als ob der Buddha aus seiner Felsnische aus zwei riesigen Augenhöhlen düster in die Landschaft starrt.

Bamianer Buddha mit von den Taleban geschwärztem Gesicht. Foto: SPACH.

Bamianer Buddha mit von den Taleban geschwärztem Gesicht. Foto: SPACH.

 

Die etwa 400 Meter von einander entfernten Buddhas ordnen sich in ein größeres Gesamtkunstwerk ein. In drei kleineren Nischen fanden sich einst kleinere, sitzende Buddhas. Nur einer ist noch übrig, die beiden anderen sind wohl schon früher zerstört worden. Die oben flache Felswand ist zudem wie eine Bienenwabe von Dutzenden, wenn nicht hunderten Höhlen durchlöchert, in denen in buddhistischer Zeit die Mönche hausten. Bamian war zu diesem Zeitpunkt ein wichtiger Handelsknoten an den Straßen von Indien nach Zentralasien. Dass Afghanistan an der damaligen Nahtstelle zwischen aus dem Westen expandierenden Griechentum und etablierten buddhistischen Reichen im Osten, in Indien, die einmalige Synthese der graeco-baktrischen Kunst hervor gebracht hat, kann man angesichts der heutigen Intoleranz kaum noch glauben.

Während man trotz des Vandalismus der Taleban die Großartigkeit der Buddhas noch sehen kann, sind die wunderbaren Wandmalereien, die viele der Mönchszellen und die Innenwände der Nischen geschmückt haben, unwiederbringlich zerstört – wieder in einem „islamischen“ Bildersturm gegen menschliche Darstellungen. Systematisch und wie in akribischer Kleinarbeit wurden die Bilder der Buddhas und Boddhisatvas, Reinkarnationen Buddhas, die zu Hunderten oder Tausenden die Gewölbe schmückten, ab- bzw zumindest ihre Gesichter ausgekratzt. Nur noch Farbreste ihrer „Rahmen“ lassen erahnen, wie prächtig es hier einst ausgesehen hat. Und selbst die sind von den Kämpfern mit den auch andern Orts üblichen Kritzeleien beschmiert, einige davon auch in kyrillischen Buchstaben, Hinterlassenschaft der sowjetischen Besatzung des Landes.

Doch Touristen, wie bis zu Anfang der 70er Jahre, kommen hier heute nicht mehr hin. Und die örtliche Bevölkerung hat im Alltag wenig Sinn für die Schönheiten der sie umgebende Kulturlandschaft, für die malerischen Ruinen der im 12. Jahrhundert von Dschingis Khan zerstörten Festungen Qala-ye Sohak (Drachenfort) und Schahr-e Ghulghula [Stadt des Wisperns; eine Anspielung auf die Geister der dort Getöteten], die abwechselnd roten, gelben und schwarzen Felswände der breiten Canyons und die schmalen Schluchten mit ihren wild strudelnden Flüssen. Sie müssen angesichts der derzeitigen Dürre, die ganz Afghanistan bedrückt, schlicht um ihr Überleben kämpfen.

Außer unmittelbar an den Flussufern, an denen Bewässerungssysteme für saftiges, in der Höhe von etwa 3000 Metern alpin wirkendes Grün sorgen, sieht es auf den Äckern dürftig aus. Der Weizen ist kaum aufgegangen und oft nicht höher als zehn Zentimeter. Ähren konnte er so nicht ausbilden. Da vor November nicht mit Niederschlag zu rechnen ist, droht nun erneut eine Hungersnot. (Bis 1997 hatte eine Taleban-Blockade des damals noch von ihren Gegnern beherrschten Gebietes für ständige Nahrungsmittel-Knappheit gesorgt.) Dabei waren die Hazara, die Mehrheit im Bamian-Tal, als Schiiten und mit ihren mongolischen Gesichtszügen im Land insgesamt aber eine doppelte Minderheit, ohnehin schon immer unterdrückt und die ärmste Bevölkerungsgruppe in einem armen Land.

Die Hazara können das oft nur noch kompensieren, indem sie ihr Vieh verkaufen. Immer wieder begegnen einem auf dem Weg ihre Ziegen- und Schafherden, die sie auf den nächsten Viehmarkt treiben, um sie zu verkaufen, bevor sie am Futtermangel eingehen. Viele Hazara-Männer sind gezwungen zu migrieren, um in den afghanischen Städten oder vor allem in Iran Arbeit zu suchen. Das ist im Hazarajat traditionell so, aber in Dürrejahren nimmt das noch zu. In Kabul oder Kandahar ist der Arbeitsmarkt allerdings extrem eng und wird schon von den Einheimischen hart und bei sinkenden Löhnen umkämpft. In Iran machen die Afghanen die schwerste und am schlechtesten bezahlte Arbeit – und wenn man sie nicht mehr braucht, werden sie über die Grenze abgeschoben. So etwas gibt es nicht nur in Europa…

Viehtrieb aus Bamian nach Kabul, Januar 2005. Foto: Thomas Ruttig.

Viehtrieb aus Bamian nach Kabul, Januar 2005. Foto: Thomas Ruttig.

 

Nach internationalen Protesten sah sich Taleban-Chef Mulla Omar vor einiger Zeit gezwungen zuzusichern, die Buddhas, oder was davon noch übrig ist, zu schützen und Wachen davor aufzustellen. Tatsächlich sitzen vier örtliche Taleban mit Gewehren vor dem großen (“männlichen”) Buddha auf einer mit schäbigen Teppichen ausgelegten Sitzplattform. Überraschend beginnt ein älterer Paschtune aus Bamian voller Stolz von seiner Geschichte zu erzählen, um schließlich zu erklären, dass es eine „gute Sache“ sei, ihn zu bewachen. Schließlich taucht sogar ein früherer Fremdenführer des afghanischen Tourismusbüros auf, der fachkundig seine vor Jahrzehnten einstudierte englische Erläuterung vorträgt. Auf die Frage, wer denn das Gesicht des Buddhas geschwärzt habe, verplappert sich der Chef der Wachmannschaft: “das Islamische Emirat”, die Selbstbezeichnung der Taleban-Staatlichkeit. Auch vorher schon, unter den Mudschahedin, die in den 80er Jahren gegen die sowjetischen Invasionstruppen kämpften, sei schon einiges zerstört worden, ergänzt der Fremdenführer.

Aber trotz ihres zur Schau getragenen Ernstes und des ehrlichen Stolzes des einheimischen Talebs auf die Riesengestalt hinter ihm wirkten die vier Bewacher doch eher wie Operettensoldaten. Wenn es einem besonders eifrigen Kämpfer einfallen sollte, den Statuen den Rest zu geben, werden auch sie das nicht verhindern können.

 

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