Pink tulips from the north - Afghanistan's new year flowers. Photo: Christine Roehrs

Tulpen aus dem Shimali, Afghanistans Neujahrsblumen. Foto: Christine Roehrs

Liebe Leserinnen und Leser von Afghanistan Zhaghdablai,

mit einigen Fotos und Gedichten wünsche ich ihnen/euch ein gutes, hoffentlich besseres und friedlicheres neues afghanisches Jahr 1394. Hier in Kabul hat die Regierung dekretiert, dass es diesmal drei Feiertage hintereinander geben wird: den gestrigenFreitag und Nauruz-Vorabend, den Neujahrstag selbst und am zweiten Tag des Jahres, dem 2. Hamal, den Ruz-e Dehqan (Tag des Bauern) am Sonntag. An diesem Tag wird es, einem Artikel der hiesigen Nachrichtenagentur Pajhwok zufolge “landwirtschaftliche und Industrie-Ausstellungen, Theateraufführungen, Konzerte überall in Kabul sowie weitere Programme in Qargha, Badam Bagh, Kart-e Sakhi, Bagh-e Babur, am Shah Shahid-Schrein, auf dem Bibi Mahro-Hügel sowie in Wazir Akbar Khan und dem Kabuler Kricketstadion geben.”

Leider hat das Neujahrsfest an seinem Vorabend keinen sehr guten Start gehabt. An der Kabuler Shah-e Du-Shamshira-Moschee hat sich am gestrigen 19. März ein furchtbares Schauspiel ereignet: Dort wurde eine junge, ihrem Arzt und der Familie zufolge mental gestörte Frau von einem Mob gelyncht, nachdem sich das – wie sich später herausstellte – falsche Gerücht verbreitet hatte, sie haben einen Koran in Brand gesetzt. Das Gerücht reichte aus, eine eta hundertköpfige Menge zu mobilisieren, die sie schlug, in Brand setzte und ihren Körper schliesslich ins Flussbett des Kabul Darya warf. (Auf deutsch berichtete u.a. Spiegel online.)

Besonders abscheulich war, dass mehrere Regierungs- und Polizeibeamte die Tat verteidigten. Dazu gehörte ein Sprecher der Kabuler Polizei, die stellvertretende Kulturministerin sowie ein Vizereligionsminister.

Später wurde bekannt, dass die Frau – ihr Name wurde mit Farkhunda angegeben – offenbar ein Amulett (tawiz) verbrannt hatte, wie es von Mullahs als Heilmittel angefertigt wird (manchmal kann es tatsächlich Koranverse enthalten), das ihr aber nicht geholfen hatte.

Einige der Beteiligten nahmen das Geschehen mit ihren Telefonen als Video auf, und belegten damit auch, dass einige Polizisten dem Lynchmord tatenlos zusahen. (Zwei Polizisten sollen allerdings auch versucht haben, der Frau – als sie noch lebte zu helfen, aber vergeblich, weil ihnen die Menge die Frau entriss.) Man sieht dabei auch einen Jugendlichen, der sich mit von Entsetzen verzerrtem Gesicht den Mund zuhält, als ob er sich gleich übergeben müsse. Das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten stellte später fest, dass es „absolut keinen Beweis“ dafür geben, dass die Frau einen Koran verbrannt habe.

Zunächst wurde in den sozialen Medien Abscheu zum Ausdruck gebracht. Auch Präsident Ashraf Ghani verurteilte die inhumane Tat und sagte eine umfassende Untersuchung zu. Darin heißt es u.a.:

Niemandem ist es gestattet, sich selbst zum Richter zu machen und Gewalt auszuüben, um andere in herabsetzender Weise zu bestrafen. Selbstjustiz zu üben und sich zu Bestrafende selbst auszusuchen steht in klarem Widerspruch zur Scharia und der islamischen Gerechtigkeit.

(Hier seine Erklärung im vollen englischen Wortlaut)

Fünf der angeblichen Täter wurden festgenommen, darunter einer, der sich auf Facebook der Tat gerühmt hatte. Alle fünf wurden bereits auf Twitter mit ihren Fotos an den Pranger gestellt, was ebenfalls – selbst wenn sie schuldig sind – eine Verletzung ihrer Rechte darstellt.

Gestern (Freitag) abend versammelten sich einige afghanische Aktivisten und Künstler am Ort des Mordes und gedachten der jungen Frau (hier auf Twitter, mit Foto),

 

Ein Interview dazu mit mir lief heute morgen auch bei Deutschlandradio-Kultur und steht als Audio auch schon auf der Webseite.

 

Ein guter Kommentar zu diesem Vorfall (auf Englisch, von einer Afghanin und einer Inderin) findet sich hier.

 

Trotz dieser brutalen Tat – oder gerade deshalb – jetzt je ein afghanisches Nauruz-Gedicht in Dari und Pashto und englischer Übersetzung:

که یو ګل و ماته راکړې د خپل باغ// خدای د تا ترو تازه لري تر باغ

نور باغونه د نوروز به ورځ غوړېږي// پر اهاړ کړي غوړېده د کابل باغ

If you give me a flower from your garden

May God keep you fresher than the garden (flowers)

Other gardens blossom only during Nawruz

The gardens of Kabul blossom even in scorching heat

(Khushhal Khan Khatak)

 

سال و فال و مال و حال و اصل و نسل و تخت و بخت//بادت اندر شهریاری برقراروبر دوام

سال خرم فال نیکو مال وافر حال خوش//اصل ثابت نسل باقی تخت عالی بخت رام

May your year, your fortune, your origin, your generation,

your throne, your luck continue to flourish in your majestic kingdom.

May you be blessed with a merry year, divine omens, plenty of goods

and a happy mood, a noble origin, the continuation of your

generation, a high throne, and tamed fate

(Hafiz)

 

Und hier ein Foto von mir aus dem Jahr 2005, von einem Rummel zum Nauruz-Fest in Masar-e Scharif. Nauruz soll doch ein glückliches Fest sein, und das kommende Jahr zumindest friedlicher und weniger inhuman als das vergangene…

Merry-go-round for children in Mazar-e Sharif - 2008

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