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Fly Ariana Airlines: Briefmarken des früheren Königreiches Afghanistan (undatiert).

Fly Ariana Airlines: Briefmarken des früheren Königreiches Afghanistan (undatiert).

 

(Teil 1 dieses Artikels findet sich hier)

Hinweis: Wie das Leben so spielt, hat mein Freund und Kollege Dr Lutz Rzehak von der Berliner Humboldt-Universität auf der Webseite Thetys ebenfalls einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, denn ich hiermit wärmstens empfehle.

 

Hintergrund: „Bani Israel“ oder „Arier“?

Die vorliegende Literatur gibt ausreichend Hinweise darauf, dass nicht die afghanischen Geschichtsschreiber der 1930er Jahre den afghanischen „Ariermythos“ begründet haben, sondern das rassistische deutsche Regime der Hitler-Faschisten, in dem es sich seit Beginn der 1930er Jahre in Afghanistan intensiv zu engagieren begann, und zwar aus geopolitischen Erwägungen heraus.

Strategisches Ziel der von den deutschen Nazis betriebenen „Arisierung“ der Afghanen war es, in Vorbereitung des zweiten Weltkrieges zu planen, wie mit deren Hilfe oder von deren Territorium aus Britisch-Indien angegriffen, oder zumindest dort Aufruhr angezettelt werden kann. “Der Führer wünscht die studienmäßige Bearbeitung eines Aufmarsches in Afghanistan gegen Indien im Anschluss an die Operation Barbarossa” (gegen die Sowjetunion), heißt es etwa in zeitgenössischen NSDAP-Dokumenten (Baraki, S. 64). Der führende NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg schrieb in seinem Politischen Tagebuch, es sei “im Ernstfall zu ermöglichen,… dieses Land deutscherseits gegebenenfalls für Aktionen gegen Britisch-Indien oder Sowjetrußland einzusetzen”. Der Chef der Wehrmachtführungsstabes Alfred Jodl schlug im Februar 1941 vor, eine “Aufstandsbewegung der Bergvölker an der indischen Grenze, wahrscheinlich auch in Afghanistan” schüren, um “einen für England bedrohlichen Unruheherd” zu erzeugen, der “den Abzug englischer Truppen nach Europa” erschwert. Gleichzeitig sollte damit über Indien eine engere deutsch-japanische militärische Zusammenarbeit erreicht werden.

Was wie eine erstaunliche Parallele zu deutschen Strategien im Ersten Weltkrieg aussieht, als der Kaiser im Bündnis mit dem Osmanischen Sultan den Dschihad gegen Engländer, Franzosen und Russen ausrief, ist keinesfalls zufällig. Die beiden Hauptprotagonisten der kaiserlichen Afghanistan-Mission unter dem bayrischen Artillerie-Offizier Oskar Ritter von Niedermayer und dem Diplomaten Werner Otto von Hentig 1915/16 dienten auch Hitler und waren an der Ausarbeitung der Planungen für eine Invasion Britisch-Indiens beteiligt, die auf die (dann gescheiterte) Niederwerfung der Sowjetunion folgen sollte. Niedermayer, im Oktober 1939 von der Berliner Universität zum Oberkommando der Wehrmacht gewechselt, legte dort bereits im November eine Studie über “Politik und Kriegsführung im Vorderen Orient” vor, die sich allerdings gegen einen direkten Angriff auf Indien aus Nordwesten, und stattdessen nur für “Nebenaktionen” (also Unruhe schüren) ausspricht.

Die Niedermayer-Hentig-Mission 1916 in Kabul, Foto: Waziristan-Blog

Die Niedermayer-Hentig-Mission 1916 in Kabul, Foto: Waziristan-Blog

 

Es ist verwunderlich, wie Barth-Manzooris – obwohl sie zutreffend beschreibt, wie die Afghanen in den 1930er Jahren ihre Selbstbeschreibung von einem (nach der babylonischen Gefangenschaft) „verlorenen Stamm Israels“ zu einer „arischen“ Zugehörigkeit um 180 Grad drehen – die Rolle der nazistischen Auslandspropaganda dabei übersehen kann. (5)

Laut Matin Baraki, einem in Marburg lehrenden Afghanen, geht die Umdeutung der Afghanen in Arier auf ein 1934 in Deutschland erschienenes Buch zurück, Die nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens von H.F.K. Günther (München 1934). Zu dieser Zeit waren nicht nur Rassentheorien schon seit einiger Zeit im Schwange, sondern wurden unter den 1933 an die Macht gekommenen Hitler-Faschisten politisiert und in Form der Überlegenheit der „germanischen/nordischen/arischen Rasse“ zur Begründung ihrer Weltmachtbestrebungen herangezogen. Da das Hitler-Regime dazu verbündete benötigte, wurden die dafür Auserkorenen – im Falle der Afghanen durch eine Ummodelung linguistischer in rassische Kategorien – zu „Ariern“ erklärt. Die heute als indoeuropäische Sprachfamilie bekannte Gruppe von Sprachen – die geografisch von Island bis Sri Lanka reicht – wurde damals als indo-arisch bezeichnet. (Die von den Nazis postulierten „nordischen Rassekriterien“ – siehe Hitler und blond und blauäugig – fielen unter den Tisch.) Obwohl Barth-Manzooris in ihrer Arbeit europäische Literatur zu Rassentheorien analysiert, die die afghanischen Historiker beeinflusst haben soll, fehlt auch eine Erwähnung dieses – oder anderer deutscher Werke der Nazizeit – vollständig.

Allerdings, wie taz-Autor Jan Kuhlmann 2003 in einem Artikel zum hier behandelten Thema schrieb, drang die Theorie des afghanischen Ariertums auch in Deustchland nicht bis nach unten ins Volk durch:

Das [mit dem gemeinsamen Ariertum] sahen die niederen Schergen der SA durchaus anders. Dies musste der afghanische Gaststudent Abdur Rahim erfahren, als er von einem braun uniformierten Schlägertrupp bedroht und geschlagen wurden. Die SA-Leute drangen in den Garten der afghanischen Studentenschaft ein und pöbelten die Bewohner des Heimes an. Auch iranische und indische Studenten klagten über Übergriffe, bis das Auswärtige Amt, unterstützt von den Verbänden der Exportwirtschaft, bei der Reichsleitung der NSDAP um eine Mäßigung der Rassenpropaganda bat. Die führenden Nationalsozialisten hatten ein Einsehen und gaben eine amtliche Stellungnahme ab, dass es rassische Diskriminierung im Deutschen Reich nur für Juden geben dürfe. Mit allen anderen Rassen und Völkern wolle das „neue Deutschland“ freundschaftlich und mit gegenseitiger Hochachtung umgehen, solange es dabei nicht zu Mischehen komme.

Interessanterweise kommt auch dieser Artikel bei Barth-Manzoori in einer Fußnote vor, aber ohne weitere Konsequenzen hervorzubringen.

 

Deutsch-afghanische Beziehungen unter Hitler (6)

a) Forscher, Lehrer, Ausbilder…

Deutsche “Entwicklungshelfer” waren bereits ab 1923 in Kabul tätig. Dazu gehörten der Geograph Emil Trinkler, der Arzt F. Börnstein-Bosta, der Regierungsbaumeister Alfred Gerber und der Bau-Ingenieur Walter Harten, der unter anderem den Dar-ul-Aman-Palast, das Kabuler Hauptpostamt sowie die (inzwischen für den Autoverkehr gesperrte) Harten-Brücke (siehe Foto) errichtete. Einer deutschen Planungsgruppe, die Ende der 1920er Jahre für Amanullah arbeitete, gehörte auch der spätere Nazi-Bauminister Albert Speer an.

Bereits im Jahre 1933 intensivierte das Hitler-Regime seine Beziehungen mit Kabul. Ein neuer afghanisch-deutscher Vertrag wurde geschlossen, der einen Abbau der (noch aus Zeiten des Shopping Spree Amanullahs stammenden) afghanischen Schulden binnen sieben Jahren bei gleichzeitigem Zinserlass vorsah, “unter der Bedingung, daß Afghanistan deutschen Firmen Aufträge für technische Einrichtungen erteilte und die Aufträge die vierfache Höhe der erlassenen Zinsen erreichten” (Baraki, S. 55). 1936 erhielt Afghanistan einen deutschen Militärkredit im Wert von 15 Millionen Reichsmark zur “Ausrüstung einer Musterdivision nach deutschem Vorbild”, gegen Zusicherung deutscher Lieferaufträge. Das trat dann auch ein: unter anderen lieferte bis Ende 1938 Rheinmetall-Borsig Minenwerfer, verschiedene Geschütze und Munition. Auch die Firmen Bochumer Verein, Siemens-Schuckert und Carl Zeiss Jena erhielten Aufträge.

Später, schon zu Zeiten intensivierter deutscher Kriegsvorbereitungen, kaufte Deutschland in Afghanistan Armeebedarf: Baumwolle und Wolle für Uniformen; 1939 gab es geheime deutsche Waffenlieferungen an Kabul. Deutschland wurde Afghanistans größter Handelspartner bei wirtschaftlichen Regierungsgeschäften. Bereits 1937 hatte die Deutsche Lufthansa einen regelmäßigen Flugbetrieb nach Kabul aufgenommen; geplant war, diese Linie nach China zu verlängern.

Ebenfalls im Jahr 1933 wurde NSDAP-Mitglied Kurt Ziemke deutscher Gesandter in Kabul. Eine NSDAP-Ortsgruppe Kabul wurde gebildet, die zunächst von dem schon seit 1929 in Afghanistan wirkenden Militärberater Christenn und dann von Oberingenieur Thomas geleitet wurde, der im Hauptberuf Vertreter der Siemens-Schuckert-Werke war. Bei Kriegsausbruch 1939 bestand die deutsche Kolonie in Afghanistan aus etwa 170 Personen (1933 hatten 25 Deutsche in afghanischen Diensten gestanden). Baraki schreibt dazu:

“Auf Grund des ‘Dr.-Todt-Abkommens besaßen sie [die Mitarbeiter der OT] relative weitgehende Möglichkeiten … faschistische Propaganda zu betreiben. … berichtete Oberregierungsbaurat Schnell bespielweise “über die erfolgreiche Auswertung der seitens der Organisation Todt in Afghanistan zum Einsatz gebrachten Filme“. Solche Streifen wie „Westwall“, „Feldzug in Polen“, „Sieg im Westen“ sowie Ufa-Wochenschauen wurden nicht nur vor der deutschen Kolonie, sondern auch vor dem Diplomatischen Korps, afghanischen Regierungskreisen und der Bevölkerung gezeigt. In Pol-i-Chomri, wo OT-Ingenieure eine Textilfabrik installierten und gleichzeitig auch ein kombiniertes Hallen- und Freilichtkino bauten, zeigten sie mit einem Schmaltonfilmgerät, das im Kuriergepäck nach Afghanistan gebracht worden war, faschistische Hetz- und Kriegsfilme, darunter Filme über die Nazi-Parteitage. Da es in Afghanistan nur ein einziges öffentliches Kino gab, erhielten solche Vorführungen starken Zuspruch.“

Zu der bereits im April 1924 gegründeten Königlichen Amani-Oberrealschule (die Kabuler Reifeprüfung wurde durch das afghanisch-deutsche Schulabkommen von 1928 anerkannt, und sie berechtigte zum Studium an allen preußischen Universitäten.) (8) kamen 1936 die private Deutsche Schule Kabul, 1937 das Technikum, an der junge Afghanen in Zusammenarbeit mit Siemens von deutschen Fachkräften in technischen Berufen ausgebildet wurden, sowie im gleichen Jahr eine Kunst- u Gewerbeschule. 1924 kamen erste Amani-Absolventen zum Studium nach Deutschland. 1937 waren es laut Glassneck/Kircheisen zehn Studenten, was dann auf 30 erhöht wurde.

1935 fand die Deutsche Hindukusch-Expedition statt, die vor allem das heutige Kunar und Nuristan bereiste. Ein danach entstandenes Buch (Albert Herrlich: Land des Lichts, 1939) ist weitgehend frei von Rassentheorien, abgesehen von Bildunterschriften und einer Bemerkung, die Kafiren (Nuristani) seien „die Reste der Urarier“. Einige der Expeditionsteilnehmer betätigten sich später auch in weniger wissenschaftlichen Unterfangen: Die Lepra-Ärzte Prof. Oberdörffer und Dr. Brandt gingen im Juli 1941 ins afghanisch-britisch-indische Grenzgebiet, offenbar um Kontakte zu paschtunischen Aufständischen herzustellen, wurden aber– offenbar in Folge einer Verwechslung (damals wurden auch Amanullah-Anhänger im Grenzgebiet gegen die Kabuler Regierung aktiv) – von afghanischen Sicherheitskräften gestellt. Oberdörffer wurde erschossen. (beide wurden übrigens von Führern vom Waziri-Stamm begleitet.)

Eine besondere Rolle, nicht nur wirtschaftlich, spielte die sogenannte „Organisation Todt“ (OT), benannt nach Fritz Todt, Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen, später Leiter der Industrieabteilung der NSDAP und, von 1940 bis 1942, Reichsminister für Bewaffnung und Munition. In Afghanistan betätigte sich die OT vor allem als „Entwicklungshelfer“ in Infrastrukturprojekten. Am 18.10.1937 wurde das sogenannte “Dr Todt-Abkommen”, ein Verwaltungsabkommen über die Entsendung deutscher Ingenieure nach Afghanistan, unterzeichnet. Sie war unter anderem im Straßenbau tätig, modernisierte die Stromversorgung Kabuls, baute das afghanischen Telefonnetz auf und errichtete das bis heute arbeitende Wasserkraftwerk von Tschak in Wardak. OT-Mitarbeiter leiteten die „gesamte landwirtschaftliche und industrielle Planung“ des Landes sowie die Ausbeutung von Lapislazuli-Vorkommen; der Aufbau deutsch-afghanischer Transport- und Baufirmen war geplant.

Auf afghanischer Seite signierte Abdul Majid Zabuli, seit 1938 Handelsminister. Zabuli wird als Vater der afghanischen Industrialisierung bezeichnet. (7) Auf seine Initiative wurde eine ganze Reihe von Handels- und industriellen sherket (Aktiengesellschaften) gegründet, an denen er selbst beteiligt war. Er gründete 1933 auch die bis heute bestehende (private) Nationalbank (Bank-e Melli); die tatsächliche Nationalbank – die De Afghanistan Bank – wurde erst sechs Jahre später geschaffen, und zwar um Zabulis fast schon monopolistischen Einfluss einzuschränken. Zabulis Nationalbank hatte nicht nur eine Niederlassung in Berlin, sondern auch in Moskau, London, Bombay, Karatschi, Peschawar und später in New York. Er war von Anfang an im Russland-Geschäft engagiert – immerhin war Russland ein direkter Nachbar – sondern auch mit einer deutsch-russischen Frau verheiratet.

Deutsche Berater waren auch in Zabulis Bank-e Melli sowie im afghanischen Arbeitsministerium tätig.

Walter W. Krause zufolge fertigte das Technikum 1940 „inzwischen im geheimen Werkzeugmaschinen zur Herstellung von Waffen, Dynamos, Funkanlagen usw.“ für paschtunische Aufständische in der britisch-indischen NWFP an. In NSDAP-Dokumenten hieß es: “Deutsche Polizeioffiziere haben das afghanische Polizei- u geheime Staatspolizeiwesen ganz neu aufgebaut” (zitiert aus Baraki, S. 62). Baraki zufolge wurde auch die Afghanische Militärakademie von deutschen Offizieren geleitet. (In der Literatur finden sich die Namen eines Major Schenk und eines Hauptmann Morlock.) Afghanische Militärs wurden laut Glassneck/Kircheisen auch in der deutschen Wehrmacht (und offenbar auch in der SS) ausgebildet. Jedenfalls erwähnt Krause in seinem bereits zitierten Buch, dass die Kabuler Polizei bei seinem Besuch 1957 „von dem ehemaligen SS-Major Ata Ullah … kommandiert“ worden sei. (Offen muss bleiben, ob auch afghanische bzw. aus Britisch-Indien stammende paschtunische Überläufer aus dem Ersten Weltkrieg, die in Deutschland geblieben waren, damals wieder aktiv wurden – zu dieser Gruppe siehe hier).

Shah Mahmud Khan, damals afghanischer Kriegsminister. Foto: Wikipedia.

Shah Mahmud Khan, damals afghanischer Kriegsminister. Foto: Wikipedia.

 

b) Besuchsdiplomatie und Putschpläne

Ab 1936 besuchten zahlreiche hohe afghanische Politiker Hitler-Deutschland. Nicht alle waren nazi-freundlich, aber offenbar versuchte Kabul – wie schon während der Niedermayer-Hentig-Expedition – sich alle Türen offen zu halten.

Als erster besuchte auf Einladung der deutschen Regierung Kriegsminister Shah Mahmud Khan Deutschland. Laut Adamec kam er zunächst im März 1936, um sich einer Operation zu unterziehen. Dann besuchte er (offenbar auch als Vertreter des Afghanischen Olympischen Komitees) im August des selben Jahres die Olympischen Spiele in Berlin, an denen Afghanistan sich erstmals beteiligte (eine Übersicht der teilnehmenden Sportler hier). Baraki schreibt dazu: „In diesem Falle begnügte man sich nicht nur mit einer propagandistischen Bearbeitung seitens des Außenpolitischen Amtes und anderer Partei- und Regierungsstellen; Schah Mahmud Khan wurde darüber hinaus auch von Adolf Hitler empfangen und zur Teilnahme am Nürnberger Parteitag veranlaßt”, auf dem die antijüdischen Rassengesetze verabschiedet wurden. Auch Zabuli soll daran teilgenommen haben.

Kurz darauf kam Premierminister Hashem Khan im Oktober 1936 nach Deutschland, offiziell “aus Gesundheitsgründen”, weil er, wie Adamec schreibt, “möglichst incognito” bleiben wollte. Er wurde im Außenpolitischen Amt der NSDAP (Rosenberg) und im Propagandaministerium (Goebbels) empfangen, Fabrikbesichtigungen bei IG Farben, Verein Stahlwerke, Otto Wolff, Krupp und in der Gutehoffnungshütte wurden organisiert. Zumindest anfangs, so Adamec, habe Hashem Khan den Nazis kritisch gegenüber gestanden. Dem damaligen deutschen Gesandten Schwörbel gegenüber (offenbar auch kein Nazi) habe er seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, die Nazis würden nicht die Oberhand gewinnen, denn das „würde das Ende des Friedens in der Welt“ bedeuten. Er habe auch sein Missfallen ausgedrückt, dass die Deutschen in Afghanistan einen Nazi-Club gebildet hätten; er reserviere sich das Recht, „Maßnahmen zu ergreifen, solche Art politischer Aktivitäten zu unterbinden“.

Offenbar wurde er von Außenminister Faiz Muhammad Khan Zikria begleitet, der am 23. Oktober 1936 das Abkommen über den geheimem Militärkredits unterzeichnet. Der sei weniger zurückhaltend gewesen und habe, laut Adamec Deutschland „einen älteren und fortgeschritteneren arischen Bruder“ genannt, als Hitler ihn empfing. Faiz Muhammad traf auch den NDSAP-Chefideologen Rosenberg. Auch Handelsminister Zabuli habe 1936-37 eine längere Europareise unternommen, die ihn auch durch Deutschland führte. Bei diesem besuch soll die deutsche Regierung allen führenden afghanischen Delegationsmitgliedern Provisionen von zehn Prozent der abgeschlossenen Vertragssummen angeboten haben.

1939 erfolgte ein weiterer Besuch Hashem Khans, erneut in Begleitung Faiz Muhammad und Zabulis. Zabuli besuchte Deutschland dann noch zweimal 1941 von Anfang Februar bis Ende März zu einer medizinischen Behandlung und erneut vom 17. bis 26. April. Bei diesen Besuchen soll er Deutschland zwei Option angeboten haben – eine offene Parteinahme für Hitler und die Eröffnung eines Krieges gegen die Briten in Indien oder irreguläre Kampfhandlungen. Fraser-Tytler, britischer Botschafter in Afghanistan von 1935 bis 1941, behauptet in seinem Afghanistan-Buch (8) sogar, dass Deutschland (offiziell) Afghanistan die Rückgabe der NWFP angeboten und Zabuli das akzeptiert habe.

Diese Behauptung bleibt aber umstritten – unter anderem weil fraglich ist, ob Zabuli überhaupt im Namen der afghanischen Regierung sprechen konnte, nachdem dies bei Ausbruch des Kriegs 1939 offiziell ihre Neutralität erklärt hatte. Nachdem die afghanische Regierung unter britischem und sowjetischem Druck die deutsche, italienische und japanische Kolonie des Landes verweisen musste (die Diplomaten durften bleiben und die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland wurden bis zum 8. Mai 1945 nicht abgebrochen), berief sie im November des selben Jahres eine Loya Jirga ein, um sich nach diesem offenbar unpopulären Schritt der Unterstützung der Bevölkerung zu versichern. Diese Episode, oft als Ablehnung des britisch-sowjetischen Ultimatums aufgebauscht, wird bis heute in Gesprächen von Afghanen immer wieder als Beispiel der afghanischen Treue in den Beziehungen mit Deutschland angeführt.

Die zumindest im Falle Hashem Khans zum Ausdruck gekommene Zurückhaltung war nicht einseitig. Intern bezeichnete das deutsche Reichsaußenministerium die afghanische Regierung als “englandhörig” und Pläne zu deren Sturz wurden erwogen. Ende 1938 entsandte das Auswärtigen Amt, gemeinsam mit dem Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht, Agenten zur Kontaktaufnahme mit Amanullah-Anhängern. Dazu gehörten Seddiq Khan, der in Berlin im Exil lebte (9), sowie der frühere Hofminister (1921-27) Amanullah Khans, Muhammad Yaqub, in Tehran, der über den Oberregierungsrat Woehrl, ein “früherer Kabuldeutscher”, kontaktiert werden sollte – die Initiative dazu ging von Werner von Hentig aus, Leiter der Abteilung Pol VII („Vorderer Orient“) des Auswärtigen Amts in Berlin und schon an der kaiserlichen Afghanistan-Expedition 1915/16 beteiligt.

Die deutsche Regierung erwog damals sogar eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion in dieser Sache. 1939 gab es eine diesbezügliche gemeinsame Anfrage Seddiq Khans und des deutschen Diplomaten Peter Kleist bei einem Berlin-Besuch von Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Aber Rosenberg, der die eigentliche Außenpolitik Hitler-Deutschlands leitete, war gegen die AA-Pläne – nicht zuletzt wegen der bereits laufenden Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjetunion. Allerdings befasste sich 1943 Wilhelm Melchers, der Nachfolger Hentigs im Auswärtigen Amt, noch einmal mit ähnlichen Plänen, wie aus einem Schreiben vom 2. Juni 1943 hervorgeht (síehe hier, S 328-29):

„Durchdruck Geheime Reichssache!

Aufzeichnung

  1. Unternehmen Afghanistan.

Geplant ist, die derzeitige englandhörige Regierung Mohamed Haschim Khan zu stürzen und Amanullah wieder einzusetzen.

Zweck: Gewinnung einer Basis für Operationen jeder Art gegen Indien, Bindung englischer Streitkräfte, Unterstützung der Aufstandsbewegung in Waziristan.

Durchführung:

Ghulam S[e]ddi[q] Khan [Charkhi], der frühere Außenminister und engste Vertraute Amanullahs, entwickelten im Einvernehmen mit dem König folgenden Plan (…)

Allerdings kam es dazu nicht mehr.

Ex-König Amanullah war in diese Pläne nicht eingeweiht – aus guten Gründen. Er lebte seit seinem Sturz 1929 im Exil in Italien, dessen faschistischer Diktator Benito Mussolini mit Hitler-Deutschland in Sachen Afghanistan-Politik nicht übereinstimmte. Deutschland hatte Italien zwar zugesagt, dessen Interessen im Nahen Osten Vorrang zu gewähren, aber Afghanistan war dabei offenbar ausgeklammert. Im Gegensatz zu Deutschland, das die Regierung Haschem Khans stürzen wollte, erwog Italien, sich bei ihr lieb Kind zu machen, indem man Amanullah festsetzen oder sogar ausliefern wollte.

Beide Länder konkurrierten ab 1937 u.a. um einen Auftrag für den Ausbau der afghanischen Luftwaffe; Italien erhielt schließlich diesen Zuschlag und 1938 wurde ein italienisch-afghanisches Handelsabkommen geschlossen. Über die italienische Gesandtschaft in Kabul wurden ab Februar 1941 auch deutsche und italienische Gelder an den Faqir von Ipi geleitet – der damals bereirs lämpfte, allerdings noch gegen die britischen Kolonialherren.

 

Auflösung eines Widerspruchs

Irgendwann während der ersten Karzai-Jahre saß ich im Haus der Familie in Kandahar. Der Präsident war nicht da, aber einige seiner Brüder. Ich fragte einen von ihn, wie sie als Paschtunen das eigentlich sähen: Früher hätten die Afghanen gesagt, sie seien Nachkommen eines der Stämme Israel, heute höre man andauernd, sie seien Arier; sei das nicht ein ziemlicher Widerspruch, ganz abgesehen davon, dass Moslem- und „Arisch“-Sein anscheinend ebenso wenig als Gegensatz betrachtet werde wie Moslem zu sein, aber jüdischer Herkunft? Der Wortführer der Brüder musste nicht lange überlegen und sagte: „Ach, weißt du, bei uns ist beides möglich.“

Leuchtreklame des "Aria"-Fotoladens in der Kabuler Neustadt.  Foto: Thomas Ruttig (2015).

Leuchtreklame des „Aria“-Fotoladens in der Kabuler Neustadt. Foto: Thomas Ruttig (2015).

 

(5) Liest man die britische Kolonialliteratur über Afghanistan, wird immer wieder berichtet, dass sich die Afghanen (oder wahlweise: die Paschtunen) als – „verlorener Stamm Israel“ betrachten. Von den Bani Israel oder Bani Afghan ist die Rede, und auch die Legende, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben, sondern nach Kaschmir entkommen sei (Afghanistan läge dann ja am Weg), mischt sich in diese Mythen. Darin kommen auch ein angeblicher Enkel König Sauls namens Afghanna vor und, wie Elphinstone erwähnt, ein “Afghaun, son of Irmia, or Berkia”, auf den sich die Afghanen als ihren Vorfahren bezogen hätten.

(6) In den folgende Abschnitten verwende ich v.a. folgende Quellen:

Matin Baraki, Die Beziehungen zwischen Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland, 1945-1978, dargestellt anhand der wichtigsten entwicklungspolitischen Projekte der Bundesrepublik in Afghanistan, Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien, 1996.

Johannes Glassneck/Inge Kircheisen, Türkei und Afghanistan: Brennpunkte Der Orientpolitik Im Zweiten Weltkrieg, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1968.

Ludwig W. Adamec, Afghanistan’s Foreign Affairs to the Mid-Twentieth Century: Relations with the USSR, Germany, and Britain, Tucson: University of Arizona Press, 1974.

(7) Abdul Majid Zabuli (1896-1998) stammte aus Herat. Dort, sowie in Taschkent, studierte er auch. 1917 übernahm er ein Import-Export-Unternehmen seines Vaters, das sich im Handel mit Persien und Russland betätigte. 1922 verlegte Abdul Majid Zabuli den Unternehmenssitz nach Taschkent und von dort nach Moskau. 1931 erteilte Nader Shah seiner Nationalbank das Recht zur Geldschöpfung. 1932 gründete Abdul Majid die erste öffentlich-private Beteiligungsgesellschaft (sherkat), erhielt ein Handelsmonopol auf den Import von Zucker, Petroleum und Kraftfahrzeuge sowie den Export von Baumwolle, Schafwolle und Karakulfelle und errichtete baumwollverarbeitende Betriebe. Als Wirtschafts- und Handelsminister 1936 bis 1951 unter Zaher Shah siedelte er Industriebetriebe in Pul-e Khumri, Kunduz und Kabul an.

(8) William Kerr Fraser-Tytler, Afghanistan. A Study in Political Developments in Central and Southern Asia, London, Oxford University Press, 1950.

(9) Die Charkhi-Familie stand König Amanullah sehr nahe und wurde, nach der Ermordung König Nader Shahs durch einen ihrer Familienangehörigen in Kabul, von der Regierung verfolgt.

 

 

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