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Mindestens 34 Tote und über 125 Verletzte – das ist die Bilanz eines Selbstmordangriffs in der ostafghanischen Provinzhauptstadt Dschalalabad am gestrigen Sonnabend. Der BBC und anderen Medienberichten zufolge sprengte sich ein Attentäter mit seinem als Bombe präparierten Motorrad neben einer Schlange von Kunden der örtlichen Filiale der Kabul Bank in die Luft, in der Zivilisten sowie viele Angehörige der Streitkräfte auf Auszahlungen warteten. Über die Kabul Bank werden die Gehaltszahlungen für Staatsbedienstete sowie die Sicherheitskräfte abgewickelt.

Mit Bitte um Entschuldigung für das brutale Bild: Klarer kann man nicht sehen, dass Zivilisten unter den Opfern sind. Foto: Pajhwok.

Mit Bitte um Entschuldigung für das brutale Bild: Klarer kann man nicht sehen, dass Zivilisten unter den Opfern sind. Foto: Pajhwok.

 

Was allerdings bereits für Schlagzeilen sorgt, ist die Behauptung eines Sprechers der „Provinz Khorasan“ des Islamischen Staates (IS[IS]; in Afghanistan als Daesh bekannt), dass seine Organisation für den Anschlag verantwortlich sei. Dieser Sprecher heißt Schahidullah Schahid, stammt aus Pakistan, war dort bereits Sprecher des einheimischen Taleban-Dachverbands TTP, hatte den allerdings im Oktober 2014 verlassen und – wie er betonte, als Individuum, also nicht für seine gesamte Gruppe – sich dem IS angeschlossen (siehe ein früherer Beitrag von mir hier). Schahid habe auch den Namen des Attentäters bekannt gegeben. Die afghanischen Taleban haben sich nicht zu dem Anschlag bekannt.

Das alles beweist allerdings noch nicht, wer tatsächlich hinter der Bluttat steht. Die afghanischen Taleban (und das schließt das Haqqani-Netzwerk ein, das von einigen Analytikern fälschlicherweise als eigenständig betrachtet wird) haben schon öfter nicht die Verantwortung für Anschläge übernommen, bei denen – wie jetzt in Jalalabad wieder – eine große Zahl von Zivilisten ums Leben kam, von denen man aber nah vorliegenden Indizien annahm, dass sie trotzdem von ihnen begangen wurden. Ihrer offiziellen Politik nach, jedoch nicht in der Praxis, verüben sie solche Anschläge nicht, sondern fordern ihre Kämpfer auf, afghanische zivile Opfer zu „vermeiden“, also zumindest gering zu halten. Solch eine Bestimmung stet auch in ihrem Verhaltenskodex, der Layha, deren letzte bekannte Version aus dem Jahr 2010 (ein AAN-Papier dazu hier) stammt und die Mulla Muhammad Omar zugeschrieben wird, also offizielle Politik ist. Sie droht allen Taleban-Kämpfern Strafe an, wenn sie nicht „mit all ihrer Kraft das Leben und Eigentum der einfache Menschen“ schützen.

Der Layha (und in Abweichung vom Kriegsvölkerrecht) zufolge gelten jedoch alle, die mit der Regierung zusammenarbeiten, also Staatsbedienstete und Angehörige der Streitkräfte zu ihren legitimen Zielen. Allerdings wird das Kriegsvölkerrecht auch von den NATO-Truppen in Afghanistan und anderswo nicht immer eingehalten, zum Beispiel – auf der Basis eigenwilliger Interpretationen Washingtons – bei Drohnenangriffen. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung.

Andererseits könnte sich IS „Khorasan“ (das zumindest Afghanistan und Pakistan umfässt) zu einem Anschlag bekennen, den er gar nicht verübt hat. Als Motiv könnte gelten, dass man sich im Land profilieren möchte. Gleichzeitig würde man von der uneindeutigen Nichtbekennungspolitik der afghanischen Taleban profitieren. Das dürfte denen überhaupt nicht schmecken, denn diese sehen den gesamten IS als Konkurrenten, der in „ihrem Revier wildert“. Deshalb wäre es gut, wenn sie sich von diesem Anschlag klar distanzierten. Aber das geht natürlich nur, wenn man ein reines Gewissen hat.

Zum dritten sind gerade im Osten Afghanistans die Übergänge zwischen afghanischen und auch pakistanischen bewaffneten Regierungsgegnern fließend. Dort operiert das Haqqani-Netzwerk, das sich zwar als Teil der Taleban betrachtet (und von diesen auch als solcher anerkannt wird), aber eben doch im täglichen „Geschäft“ autonom handelt. Die Taleban-Führung in Pakistan, die sogenannten Quetta-Schura, müsste wohl also erst einmal herausfinden müssen, ob nicht doch die Haqqanis im Spiel sind, die dann wiederum oft mit pakistanischen Terror- und sektiererischen Gruppen à la Lashkar-e Taiba kooperieren, und dabei offensichtlich vom pakistanischen Geheimdienst ISI unterstützt werden. Was dieser natürlich vehement abstreitet.

Zudem war im Februar 2011 dieselbe Bankfiliale schon einmal angegriffen worden, allerdings auf andere Weise, aber mit einer ähnlichen Anzahl von Opfern (38 Tote und über 70 Verletzte). Damals stürmte ein Kommando in Uniformen der afghanischen Grenzpolizei die Filiale; erst sprengten sich einige der Angreifer mit Sprengstoffwesten selbst in die Luft, um den Weg freizumachen, die anderen schossen dann in der Bank um sich. Das ist der modus operandi des Haqqani-Netzwerks.

Bei dem gestrigen Anschlag handelt es sich schon um den sechsten Selbstmordanschlag in der Ostprovinz Nangrahar in diesem Jahr, allerdings um den ersten in ihrer Hauptstadt. Weitere Selbstmordattacken ereigneten sich landesweit am 17. Februar in Pul-e Alam (Logar, Angriff auf das Provinzhauptquartier der Polizei; 20 Tote); am 10. März in Laschkargah (7 Tote); am 25. März in Kabul (nahe dem Finanzministrium, möglicherweise zu früh detoniert; 7 Tote); und am 9. April in Mazar-e Scharif (gegen ein örtliches Gericht, vielleicht aber auch das nahegelegene Büro des Provinzgouverneurs, 10 Tote).

Deshalb ist die Schlagzeile auf der taz-webseite („IS mordet erstmals in Afghanistan“) voreilig, während der Tagesspiegel umsichtiger reagiert („IS bekennt sich zu schwerem Anschlag in Afghanistan“; meine Hervorhebung in kursiv). Auch pakistanische und indische Medien nehmen die Bekennererklärung des IS für bare Münze (The News, Pakistan: „First-ever IS suicide attack in Afghanistan kills 35“; Mumbai Mirror: „33 die in first ISIS attack in Afghanistan“). Auch die Überschrift „ISIS in neighbourhood? Afghanistan blames group for deadly attack“ ist nicht ganz richtig. Präsident Ghani sagte während eines Rede gestern in Badakhshan lediglich: „In dem schrecklichen Vorfall in Nangrahar, wer übernahm die Verantwortung? Die Taleban haben nicht die Verantwortung beansprucht. Daesh hat die Verantwortung dafür beansprucht.“ Die Medien müssen wirklich aufpassen, dass sie nicht spekulieren und damit den IS größer machen als er womöglich ist. (Zu Hintergründen zum Verhältnis IS-Taleban-al-Qaeda siehe meine Beiträge hier und hier)

Wenn Schahids Behauptung aber zutrifft, wäre das tatsächlich der erste große Anschlag des IS in Afghanistan.

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