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In der heutigen Badischen Zeitung (1) schreibt Willi Germund, der seit vielen Jahren aus Afghanistan, Pakistan und weiteren asiatischen Ländern berichtet, vom drohenden Ende vor allem afghanischer Minenräumprogramme in Afghanistan. Er zitiert Kefayatullah Eblagh in Kabul von der 1989 gegründeten Organisation Afghan Technical Consultants (ATC), den die UNO als „Vater der Minenräumung“ bezeichne:

„Es gibt kein Geld mehr für afghanische Minenräumung“, klagt Eblagh. Eine [andere] afghanische Minenräumtruppe machte dicht, nachdem ihr selbst das Geld für die Internetverbindung ausgegangen war. (2) „Auch unser Geld ist Ende Mai, Mitte Juni zu Ende“, sagt Sediq Rashid, Direktor des „Mine Action Coordination Center of Afghanistan“ (Macca). Der einfache Grund: Im Gegensatz zu den vergangenen Jahrzehnten zahlen die Geberländer kein Geld mehr in den Fonds, über den die Vereinten Nationen das Büro finanzierten. Dabei fällt Macca eine Schlüsselrolle zu: Es überprüft die Qualität der Minenräumung und führt ein zentrales Verzeichnis über noch bestehende Gefahren.

MDC-Minenräumer in der Provinz Faryab. Foto: medico.

MDC-Minenräumer in der Provinz Faryab. Foto: medico.

 

Offenbar fällt es mehr und mehr dieser afghanischen Organisationen auch schwer, ihr Personal weiter zu bezahlen. Dazu gehört die alteingesessene Gruppe Omar, die ihre verbliebenen Mitarbeiter auf gekürzte Gehälter setzt musste. Für traditionsreiche, auch mit deutschen Geldern geförderte Mine Detention and Dog Centre (MDC) (mit seinen deutschen Schäferhunden) endete die Förderung durch das Auswärtige Amt 2013. Aus der Antwort auf eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag Ende 2014 zum Thema geht hervor, dass auch 2015 deutsche Gelder für Minenräumung in Afghanistan vorgesehen waren (aber nicht direkt an das Macca), doch konkrete Zahlen finden sich in diesem Dokument nicht. Die Informationen des Auswärtigen Amtes zum deutschen Beitrag zur Minenräumprogrammen wurden im April 2013 zum letzten Mal aktualisiert.

Eblagh zufolge (Germund in der Sächsichen Zeitung) flössen die internationalen Hilfsgelder in diesem Sektor „nur noch [an] internationale Gruppen wie Halo-Trust oder Danish Demining“.

Schon 2007 wies die Hilfsorganisation medico international darauf hin, dass das die Entminungsprogramme „immer wieder zur Debatte stehen und regelmäßig einzelne Teile ihres Programms unter Druck geraten oder gar gekürzt werden müssen“. Warum?

Das Minenräumen ist ein großer und lukrativer Markt. Afghanistan ist das am stärksten verminte Land der Erde, mit dem größten Programm zur Minenräumung und einer entsprechenden Mittelausstattung durch internationale staatliche Geber. Deshalb versuchen kommerzielle Firmen immer stärker in diesen Bereich vorzudringen. … Wie überall wird der Privatisierungsdruck damit begründet, dass Privatfirmen effektiver seien.

In diesem Artikel gibt es auch anschauliche Beispiele, welche Folgen das hat:

Mitte 2006 hat die amerikanische Entwicklungshilfeagentur USAID dann aber entschieden, aus der humanitären Minenräumung auszusteigen und ihre Projekte stattdessen kommerziell auszuschreiben. An kommerziellen Ausschreibungen wiederum dürfen sich Non-Profit-Organisationen wie MDC und OMAR nach afghanischem Recht nicht beteiligen. [Diese Regelung wurde erst im vergangenen Jahr aufgehoben.] In der Folge der USAID-Entscheidung verloren landesweit 69 Minenräumteams ihren Job. … Allein bei MDC [einem mit deutschen Geldern geförderten und mit medico-Beteiligung umgesetzten Projekt] sind im vergangenen Jahr 24 Hundeführer von einer kommerziellen US-amerikanischen Entminungsfirma angesprochen und abgeworben worden.

Auch das MDC sollte sich nach dem Ende des medico-Projekts an den Ausschreibungen über Macca beteiligen.

Germund bringt Zahlen, was die Mittelkürzungen bedeuten: Zwar seien 80 Prozent der Gebiete, die durch Minen und sogenannten UXOs (nicht detonierte Explosivkörper) – also Bomben- und Granaten-Blindgänger sowie Restmunition – verseucht gewesen seien, inzwischen davon geräumt. Aber es blieben noch immer 1600 Dörfer und Städte, in denen das nicht geschehen sei.

Im Jahr 2014 verzeichneten die Vereinten Nationen 65 Verletzte und Tote, die alter Munition und Sprengsätzen zum Opfer fielen. Im Jahr 2001 waren es noch mehr als 500. Inzwischen steigt die Zahl der verletzten und toten Zivilisten wegen Sprengsätzen, die von den Taliban-Milizen versteckt werden. 417 Menschen kamen 2014 bei solchen Anschlägen ums Leben und über 300 wurden verletzt – eine Steigerung um fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ähnliche Gefahr geht von Hinterlassenschaften auf Übungsschießplätzen der Bundeswehr aus. 39 solcher sogenannten „Schießbahnen“ an insgesamt 14 Orten habe es laut Bundesverteidigungsministerium, davon 26 allein in der Verantwortung des in Mazar-e Scharif ansässigen deutsch-geführten ISAF-Regionalkommandos Nord – jetzt unter Mission Resolute Support. (Einem Washington Post-Artikel zufolge nutzten die US- und ISAF-Truppen in Afghanistan insgesamt 240 solcher Schießplätze, „einige davon so groß wie Städte“. Auch eine ganze Reihe solcher US-Einrichtungen wurden unbewacht und unkartiert hinterlassen, was entsprechende Opfer – oft spielende oder Brennholz suchende Kinder – nach sich zieht. Laut Germunds Bericht hat die US-Regierung inzwischen – zumindest in einigen Fällen – Firmen mit der Räumung beauftragt.) Ein Beitrag zu diesem Thema Bundeswehr und Räumung lief im vorigen Jahr in der ARD. Aber, so Germund,

Berlin scheint keine Eile bei der Räumung der Anlagen geboten zu sehen. „Soweit wir wissen, stellte die Bundesrepublik bislang kein Geld für Räumung an diesen Orten zur Verfügung“, sagt Macca-Direktor Rashid.

 

(1) Eine längere Variante des Artikels stand schon am 10. Mai in der Print-Ausgabe der Sächsischen Zeitung (online hinter einer paywall).

(2) Ähnliche Probleme scheint es beim Mine Detection and Dog Centre zu geben, dessen Webseite leer ist. Eine Projektbeschreibung findet sich bei medico – allerdings auch schon von 2011.

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