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„Die ‚Niedermayer-Hentig-Expedition’ sollte zu Beginn des Ersten Weltkrieges von Persien, Afghanistan und Indien aus einen ‚Dschihad’, einen heiligen Krieg, gegen die ungeliebte britische Kolonialmacht provozieren, um den britischen Kriegsgegner im Orient abzulenken und in Schach zu halten“, schreibt Rezensentin Angela Leinen in der Berliner taz (13.-14.6.2015). „Diese Reise bildet das Gerüst für Steffen Kopetzkys 731-Seiten-Roman ‚Risiko’.“ (Die Vorgeschichte zu dieser Expedition erzähle ich in diesem – englischsprachigen – Beitrag für AAN.)

Leinen schreibt weiter: „Oskar Niedermayer, der Leiter der Mission, hat die Reise 1925 in ‚Unter der Glutsonne Irans’ beschrieben. Das Buch gehört zu den Quellen, von denen Kopetzky im Nachwort sagt: ‚… da es eine Fiktion ist, wäre es unsinnig, all die Bücher, Texte und Dokumente zu nennen, die in den Roman eingeflossen sind.’ Kopetzky hat viele Details der Expedition fast wörtlich von Niedermayer übernommen (…). Das hat wohl noch keine Plagiatsqualität, aber Kopetzky hätte die Quelle schon nennen können.“ Und: „Die Figuren bleiben trotz umfangreicher Beschreibungen klischeehaft, der Leser kommt ihnen nicht wirklich nahe. (…) Für eine Weltkriegs-Geschichte sind die eingeflochtenen Berichte von der Front zu wikipediahaft.“ Sie fasst zusammen, der Roman sei „eine sauber recherchierte, gut ausgeschmückte, aber überladene Abenteuergeschichte, Karl May de luxe, Happy End inklusive.“

Nach dieser Rezension (zum Volltext hier entlang) muss man den Roman eigentlich nicht mehr lesen. (Ich habe das auch noch(?) nicht getan.) Für Afghanistan-Interessierte und als Einstieg in die Geschichte der Niedermayer/Hentig-Expedition und der deutsch-afghanischen Beziehungen mag er allerdings geeignet sein, als leichte Lektüre am Strand oder im Schwimmbad.

Steffen Kopetzky: „Risiko“. Klett-Cotta, Stuttgart 2015, 731 Seiten, 24,95 Euro.

 

Besser: die Originale

Alternativ könnte man auf die Originale zurückgreifen, die antiquarisch und auch zu erschwinglichen Preisen auffindbar sind. Da ist zunächst Niedermayers durchaus spannend, wenn auch selbstheroisierend geschriebene und bereits erwähnte Schilderung “Unter der Glutsonne Irans“ (Uhlenhorst-Verlag Hamburg, o.J.; Vorwort von 1925). Dazu sein gleich zwei Darstellungen seines ungeliebten Kompagnons Werner Otto von Hentig, mit dem er sich heftige Konflikte um die Leitung der Expedition lieferte. Das hatte auch (man kennt das von heute, siehe deutscher Afghanistan-Einsatz ab 2001) mit Ressortstreitigkeiten, nennen wir es zwischen Militärs und Zivilisten (Auswärtiges Amt) zu tun. Auf Afghanistan bezogen ist „Ins verschlossene Land“ mit dem vielsagenden Untertitel „Ein Kampf um Mensch und Meile“. (Ich habe die 2. Ausgabe von 1928 vom Voggenreiter-Verlag in Potsdam vorliegen

Der Titel seiner Autobiografie hört sich nicht sehr spannend an, ist aber ebenfalls sehr interessant zu lesen und enthält eine ganze Menge auch über China, den Nahen Osten etc: „Mein Leben – eine Dienstreise“ (Vendenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1962). Dazu gibt es einen Reprint des Niedermayer-Originals von 2002 (Aqua-Verlag, Köln) mit zusätzlichen Fotos und erläuternden Texten.

Von den Büchern jener, die im Zuge dieser Expedition ebenfalls eine lange Zeit im Afghanistan Habibullahs und dann zum Teil Amanullahs verbrachten, gefällt mir ob seiner Detailfülle Emil Rybitschkas „Im gottgegebenen Afghanistan“ (ebenfalls nur antiquarisch: F.A. Brockhaus, Leipzig 1927) am besten. Schon die Geschichte der Autors ist faszinierend: Er gehörte zu den österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen, die von Russland in Zentralasien interniert worden waren. Einer ganzen Reihe von ihnen gelang die Flucht, und einige schlugen sich nach Afghanistan durch (oder landeten dort mehr oder weniger zufällig). Dort nahm sie der Emir als Spezialisten in seine Dienste, wo sie dann die Niedermayer/Hentig-Expedition vorfand. Einige schlossen sich ihr an, andere hatten aber bereits die afghanische Staatsbürgerschaft angenommen und waren zum Islam konvertiert (und hatte Afghaninnen geheiratet!). Die letzteren blieben zum Teil in Afghanistan zurück, als die deutsche Expedition 1917 wieder abzog. Was aus ihnen geworden ist, habe ich bisher nirgends gelesen.

Hier entlang geht es zu Fotos, deren Copyright die Schweizer Bibliotheca Afghanica hält.

Zum Kontext der Niedermayer/Hentig-Expedition und enger auf Afghanistan bezogen, dazu extrem gut recherchiert, ist Hans-Ulrich Seidts “Berlin, Kabul, Moskau: Oskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands Geopolitik” (München: Universitas) von 2002. Allerdings gibt es davon nur noch ziemlich teure antiquarische Exemplare. (Aber vielleicht ändert sich das auch.) Anlässlich des 100. Jahrestags des Ausbruchs des ersten Weltkriegs gibt es dazu eine ganze Reihe anderer Neuerscheinungen, auch zu den nichteuropäischen Kriegsschauplätzen. Kritischer, was die Niedermayer/Hentig-Expedition betrifft (deren Hauptprotagonisten später bei den Nazis landeten; dazu hier mehr), ist Rudolf A. Marks “Krieg an fernen Fronten: Die Deutschen in Zentralasien und am Hindukusch 1914-1924” (Paderborn et al: Ferdinand Schöningh, 2013). Noch neuer ist “Erster Weltkrieg und Dschihad: Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients, hrsg. von Wilfried Loth und Marc Hanisch (Oldenbourg-Verlag, München 2014) – mit einigen sehr guten, aber auch ein paar qualitative abfallenden Beiträgen. Zeitlich am anderen Ende des Spektrums ist und für mich unverzichtbar ist “Türkei und Afghanistan: Brennpunkte der Orientpolitik im zweiten Weltkrieg”, herausgegeben von Johannes Glasneck und Inge Kircheisen, schon 1968 von der DDR-Akademie der Wissenschaften verlegt und ebenfalls antiquarisch auffindbar.

Hier auch ein guter Beitrag aus dem Berliner Tagesspiegel zum diesem Thema.

 

Zur Vorgeschichte – also den Einsätzen asiatischer und auch afghanischer Soldaten in beiden Lagern des Krieges – fand ich folgende Publikationen am erhellendsten: Roy, Franziska, Heike Liebau, Ravi Ahuja (Hg), „Soldat Ram Singh und der Kaiser: Indische Kriegsgefangene in deutschen Propagandalagern 1914-1918“ (Heidelberg: Draupadi, 2004) und Gerhard Höpps „Muslime in der Mark. Als Kriegsgefangene und Internierte in Wünsdorf und Zossen, 1914-1924“ (Berlin: Das Arabische Buch, 1997), wohl auch nur noch antiquarisch.

Die letztgenannte Publikation hatte mich überhaupt darauf gebracht, den muslimischen Weltkrieg-1-Freidhof bei Zossen und Wünsdorf zu besuchen. Das Ergebnis war auf dieser Webseite schon hier zu lesen.

Im Jahre 1332 war's... als der Erste Weltkrieg tobte.

Im Jahre 1332 war’s… als der Erste Weltkrieg tobte.

 

 

 

 

 

 

 

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