Schlagwörter

, , , ,

Diese Rezension erschien zuerst in „Südlink: Das Nord-Süd-Magazin von INKOTA“ – einem in Berlin ansässigen, ursprünglich ostdeutschen und schon in der DDR halblegal unter dem Dach der Kirchen agierenden Netzwerk unabhängiger Soligruppen, und zwar in der neuen Ausgabe vom Juni 2015 (Nr. 172).

 

Das Leben der Batschaposch (Rezension)

Jenny Nordberg portraitiert afghanische Mädchen, die in Jungenkleidern aufgezogen werden. Jetzt auch in deutscher Übersetzung.

„Afghanistans verborgene Töchter“ wirft ein bezeichnendes Licht auf eine noch immer zutiefst patriarchale Gesellschaft. Es geht um Batschaposch, „sich wie ein Junge anziehen“ – wobei das „sich“ auch schon ein Euphemismus ist. Frauen – und die „Familienehre“ – werden in Afghanistan fast immer noch daran gemessen, ob sie in der Ehe einen Jungen zur Welt bringen. Bleibt das aus, entschließen sich Familien manchmal, eine ihrer Töchter in Jungenkleider zu stecken und wie ein Junge aufwachsen zu lassen. Meist ist dies mit einsetzender Pubertät nicht mehr durchzuhalten. Aber Jenny Nordberg, eine schwedisch-us-amerikanische Investigativjournalistin und Feministin, erzählt in ihren etwa 20 Porträts auch von Ausnahmen: Kaka, „Onkel“, ist ein Frau, die auch im Erwachsenenalter als Mann weiterlebt und sogar eine Rolle als gesellschaftliche/r Vermittler/in spielt.

Die Autorin schildert auch die zahlreichen psychologischen Probleme, die eine solche Zwangsverwandlung nach sich zieht. Auch wenn Batschaposch auf dem Klappentext als „geheimer Widerstand in afghanischen Familien“ verklärt wird, ist es doch meist eine reine Verzweiflungshandlung angesichts überwältigenden sozialen Drucks. Gefragt werden die Kinder natürlich nicht, wie auch.

Leider hat das Buch zwei große Mängel. Die Autorin versucht, mit dem Phänomen des Batschaposch gleich noch alle anderen Probleme Afghanistans und des internationalen Engagements dort abzuarbeiten. So fällt die Einbettung anderer Themen viel zu kurz aus; zu allem (von Genderpolitik bis state building) gibt es nur eine Fußnote. Sie hätte besser auf einige Porträts – sowie viele unnötige Details (wie die Größe der Pumps einer Porträtierten) – verzichtet und ihnen stattdessen ein breitere kontextuelle Einleitung vorangestellt.

Auf drei einführenden Seiten unter dem Motto „Ich auf dem Flughafen Kabul“ (gähn) verbalohrfeigt sie lieber von jeder Landeskenntnis unberührte, „halb durchgedrehte Berater, Dienstleister und Diplomaten“, die hinter Antiexplosionsmauern und Stacheldraht isoliert ihr Dasein fristen, und Gender-Expertinnen „mit Ethno-Schmuck und bestickten Gewändern“. Dass die internationale Community in Afghanistan mehr zu bieten hat als diese Realsatiren zeigt ja auch ihre Literaturliste. Peinlich ist auch die oft falsche Verwendung afghanischer Begriffe. Es ist auch etwas komisch, dass sie einige Porträtierte anonymisiert, obwohl das gar nicht nötig wäre. Die Parlamentarierin Azita (Rafat), selbst eine ehemalige Batschaposch, macht daraus überhaupt kein Geheimnis.

[Fotos von Azita Rafat und ihrer Familie finden sich auch in der Ausstellung , die bis Februar in Barcelona lief – meine Rezension bei AAN hier – und die man über eine ihrer Autorinnen, die spanische Journalistin und Frauenrechtlerin Mònica Bernabé ausleihen kann: Kontakt: monicaafganistan@gmail.com (kein ‚h‘ bei der spanischen Version der Landesbezeichnung!).]

Da der deutschsprachige Markt nicht gerade mit guten Afghanistan-Büchern übersät ist, sei dieses trotzdem empfohlen. Bitte auch die Fußnoten lesen, da steckt sehr viel mehr drin.

Thomas Ruttig

 

Jenny Nordberg: Afghanistans verborgene Töchter. Wenn Mädchen als Söhne aufwachsen. Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß. Hoffmann und Campe, Hamburg 2015, 430 Seiten, 22 Euro.

Advertisements