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Der folgende Text ist eine ergänzte Version meines Artikels, der morgen (23. Juni 2015) in der taz stehen wird. Änderungen und Hinzufügungen [in eckigen Klammern].

Nach dem Taleban-Angriff auf das Parlament am 22. Juni 2015. Foto: ToloNews.

Nach dem Taleban-Angriff auf das Parlament am 22. Juni 2015. Foto: ToloNews.

 

Afghanistans Unterhauspräsident Abdul-Rauf Ibrahimi eröffnete gestern vormittag gerade die Vertrauensabstimmung über den neuen Verteidigungsminister Massum Stanakzai, als eine Autobombe die Scheiben des Sitzungssaals platzen ließ. Ibrahimi sprach geistergegenwärtig von einem „Kurzschluss“ und verhinderte so wohl eine Panik. Absehen von zwei Parlamentariern, die wohl leichte Blessuren davontrug [Quelle sind afghanische Reporter auf sozialen Medien], konnten alle anderen Abgeordneten sowie zahlreiche Besucher und Beobachter unverletzt evakuiert werden. Einiges davon konnte man im afghanischen Fernsehen live mitansehen. [Hier das Video mit Ibrahimis cooler Reaktion auf der BBC.]

In den umliegenden Straßen in Kabuls Südwesten verletzte die vor dem Parlamentsgebäude detonierte Autobombe nach den letzten Berichten (hierhier und hier) [zwischen 18 unf 31 Passanten], darunter Frauen und Kinder. Als es den sechs oder sieben Angreifern nicht gelang, in das Parlament einzudringen, verschanzten sie sich auf dem Dach eines benachbarten Rohbaus. Dort wurden sie erschossen, als afghanische Spezialeinheiten eingriffen. [Hier ein Foto von den Zerstörungen durch die Autobombe.]

[Berichten in sozialen Medien zufolge war es einer der (Polizei-?)Posten vor dem Parlament, der mindestens zwei der Angreifer niederschoss, als sie ins Parlament stürmen wollten; siehe hier auf Twitter. Es könnte sich also um mindestens zwei Gruppen von Angreifern gehandelt haben.]

[Der generelle] Verlauf [des Angriffs] bestätigt erneut: Trotz entgegengesetzter Behauptungen nehmen die Taliban bei ihren Angriffen immer wieder den Tod von Zivilisten in Kauf. Ihrer Definition nach sind alle „legitime Ziele“, die mit der von ihnen bekämpften Regierung kooperieren. Nach dem allgemein anerkannten Kriegsvölkerrecht ist jedoch auch das Parlament ein ziviles Ziel, das nicht angegriffen werden darf.

Die Attacke erfolgte am letzten Tag der Legislaturperiode des Parlaments. Neuwahlen wurden nach gravierenden Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentenwahl 2014 und danach ausgebliebenen Reformen des Wahlsystems aber verschoben. Sie sind nun für April 2016 geplant. Präsident Aschraf Ghani verlängert deshalb in der Vorwoche die Amtszeit der Parlamentarier bis dahin. [Mehr Details in dieser AAN-Analyse.]

Es besteht ein klarer Zusammenhang zur neuesten Angriffswelle der Taleban. Innerhalb der letzten drei Wochen eroberten sie drei Distriktzentren. Das erste – Yamgan in der Provinz Badachschan – entrissen ihnen am Sonntag afghanische Einheiten nach dreiwöchigen Kämpfen wieder. Tschahrdara und Dascht-e Artschi in Kunduz fielen Ende letzter Woche. Das Foto eines Talebankämpfers, der auf dem Verkehrspolizeiposten im Zentrum von Dascht-e Artschi die weiße Flagge seiner Bewegung schwenkt, verbreitete sich über eine pro-jihadistische Webseite sofort in den sozialen Medien. Badachschan und Kundus liegen in der Nordost-Region Afghanistans, in der bis Oktober 2013 Bundeswehrsoldaten stationiert waren. [Tschahrdara und Dascht-e Artschi gehörten auch zu den Distrikten, die die Taleban schon zu Beginn ihrer Frühjahrsoffensive Ende April massiv angegriffen hatten. Damals hatten sie keines der Distriktzentren übernehmen können, waren aber der Provinzhauptstadt bedrohlich nahe gekommen. Frühere Berichte zu Kunduz auf dieser Webseite u.a. hier.]

In der vorigen Woche hatten die Taleban einen Aufruf des Obersten Rates der afghanischen Geistlichen zurückgewiesen, über den Fastenmonat Ramadan – der am vergangenen Donnerstag begann – eine Feuerpause einzuhalten. Das bestätigt Erwartungen, dass die Aufständischen mit dem vollzogenen Abzug der meisten westlichen Soldaten ihre Offensive verstärken und die Fähigkeiten der afghanischen Streitkräfte testen würden.

40 bis 100 der 400 afghanischen Distrikte gelten als taleban-gefährdet. [Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums sprach Anfang Juni von 40 bis 50 Distrikten mit „Sicherheitsbedrohungen“, vor allem entlang der Grenze mit Pakistan. Er nannte die Provinzen Kunar, Kandahar, Nuristan, Badachschan und Helmand. Im Mai und Juni wurden aber u.a. auch aus Uruzgan, Paktia, Herat, Badghis und Baghlan (auch am heutigen 23.6. wieder) intensive Kämpfe gemeldet. Etwas später sagte ein „Offizieller der Zentralregierung, der sich mit der Sicherheitssituation auskennt“, aber anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AP, dass „mehr als 100 Distrikte im ganzen Land „jeden Tag von den Taleban überrannt werden könnten“.]

[Am 10. Mai übernahmen die Taleban kurzzeitig die Kontrolle über das Distriktzentrum von Jawand in der Provinz Badghis und erbeuteten Waffen. Mitte Mai fiel auch der Distrikt Nawa in der Provinz Ghazni, den afghanische Truppen nach neun Jahren den Taleban entrissen hatten, nach nur einer Woche wieder an die Taleban.]

 

 

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