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Hier Auszüge aus einem Beitrag einer jemenitischen Publizistin, Bushra al-Maqtary, jüngst in der Berliner taz. Auch wenn man die Situation in Afghanistan und Jemen nicht gleichsetzen kann, fallen doch einige Parallelen auf, zur gegenwärtigen Situation in Afghanistan und auch früheren Phasen des Konflikts – Anlass darüber nachzudenken, welche Schlussfolgerungen man aus einem Vergleich der jeweiligen Situation ziehen kann.

Tee trinken und den Dialog führen. Foto: Thomas Ruttig.

Tee trinken und den Dialog führen. Foto: Thomas Ruttig.

 

Der Krieg der Anderen

Im Jemen tobt ein Stellvertreterkrieg auf dem Rücken der Schwächeren: Sie ertragen den Hunger und viele Tote, aber nicht die Hoffnungslosigkeit

 

„Der Krieg im Jemen ist das Ergebnis von unfähigen Führern – und zwar auf regionaler wie lokaler Ebene. Sie haben es schlicht versäumt, das Land durch die Übergangsphase zu führen und politische Lösungen für die internen Verwerfungen zu finden. Hinzu kommt das Unvermögen der internationalen Gemeinschaft, die den Konflikt zusätzlich anheizte, anstatt zu deeskalieren. Einseitige Regelungen und Konzessionen zugunsten nur der jeweils mächtigen Gruppierungen trieben den innenpolitischen Keil immer tiefer und schwächten den Staat.“ (…)

„Die internen Kämpfe im Land eskalierten, als die Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens ihre „Sturm der Entschlossenheit“ genannte Offensive gegen die Huthis und die bewaffneten Anhänger von Expräsident Ali Abdullah Salih startete. Die Einmischung Saudi-Arabiens und der Golfstaaten in die jemenitische Krise mit dem Ziel, den gestürzten Präsidenten Hadi wieder zu installieren, hat jede politische Option zunichtegemacht und denen die Macht übertragen, die den militärischen Weg anstreben.

Seither sind zwei Monate vergangen, ohne dass eine Partei die Schlacht für sich hätte entscheiden können. Stattdessen toben überall im Land bewaffnete Kämpfe. Gleichzeitig bombardiert die Allianz unausgesetzt die Stellungen der Huthis und der Anhänger Salihs. Eine Reihe von Fehlschlägen haben Hunderte von Zivilisten das Leben gekostet. Hinzu kommt, dass die Versorgung zusammengebrochen ist. Es fehlt an Brennstoff und Nahrungsmitteln. Zu Tausenden fliehen die Zivilisten in die ländlichen Gebiete oder über den Seeweg nach Dschibuti und Somalia.“ (…)

„Die gegenwärtige Krise im Jemen erwächst aus einer tiefgreifenden Entfremdung verschiedener Bevölkerungsgruppen untereinander, die sich im Lauf der Zeit aufgebaut hat“ (…)

„Um eine politische Lösung zu ermöglichen und weitere militärische Eskalationen und humanitäre Katastrophen zu verhindern, braucht es einen strukturierten Aufbau von Vertrauen.“ (…)

„Dabei wären im Grunde zwei Dialoge zu führen: ein nationaler Dialog zwischen den jemenitischen Konfliktparteien. Und ein regionaler Dialog zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, die ihre machtpolitischen Interessen im Jemen geltend machen. Der Krieg lässt sich nur beenden, wenn die Einmischung der beiden Länder in jemenitische Angelegenheiten unterbunden wird.“ (…)

„Nachdem alle zivilen und politischen Kräfte vom Krieg absorbiert worden sind, gibt es im Jemen keine zivilgesellschaftlich-politischen Stimmen mehr. Der Fanatismus hat die revolutionären Kräfte von der Bildfläche verschwinden lassen. Die jungen Leute, die 2011 protestierend durch die Straßen zogen, sind – nun ideologisch, konfessionell und lokalpolitisch polarisiert – zum Instrument des Konflikts geworden. Nur einige wenige Personen aus der Aufbruchsbewegung haben sich nicht in den Krieg oder in enge ideologische und konfessionelle Zusammenhänge einbinden lassen.

Doch gerade sie sind politisch völlig machtlos. Denn sie haben kein mediales Forum und sind außerstande, ein nationales Konzept zu entwickeln, das den internen Konflikt lösen und Frieden schaffen könnte. (…)

Doch diese zivilen Kräfte konnten, eben weil sie politisch unabhängig sind, noch keine gesellschaftlich übergreifende, dritte Linie formieren, zumal sich im Land mittlerweile eine tiefe Kluft aufgetan hat. Nicht zuletzt auch durch Zutun der internationalen Gemeinschaft, die mit ihrer falschen Politik die Konfliktparteien gestärkt, den Dialog nicht ausreichend gefördert und gegenüber den kriegswilligen, destruktiven Kräften keine klare Gegenposition eingenommen hat.“

 

Hier geht es zum vollständigen und sehr lesenswerten Essay von al-Maqtary.

 Er erschien in der selben Kolumne „Argumente“ in der Wochenend-taz wie mein jüngster Beitrag zu Friedensgesprächen in Afghanistan: Dialog mit den Taliban: Zukunft für Afghanistan“ (zu späteren Entwicklungen hier)

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