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Eigentlich sollte man heute etwas anders schreiben. Oder nicht nur über die etwas fragwürdigen Gespräche mit den Taleban in Pakistan. (Mein Bericht und ein Kommentar dazu werden in der morgigen taz stehen; den Bericht kann man online hier schon nachlesen.)

Aber zum Glück gibt’s ja noch Kollegen.

 

  1. Frud Bezhan über: Afghanische IDPs

Frud hat ein Lager sogenannter IDPs (Binnenvertriebener, also Flüchtlinge, die auf ihrer Flucht das eigene Land nicht verlassen haben) bei Mazar-e Scharif besucht. Dort traf er die 27-jährige Witwe Homeira mit ihrem paralysierten achtjährigen Sohn aus der Provinz Faryab, die sagt, dass sie all ihr Geld für Medikamente für ihn ausgegeben habe, aber nun keines mehr habe. Ihr Mann sei während Kämpfen in ihrer Heimatstadt durch einen Querschläger getötet worden. Ihre Schwiegermutter ist mit ihr geflohen; sie erblindete durch ein Schrapnell. Wie Tausende Afghanen seien aus verschiedenen Nordprovinzen in die Provinz Balkh geflüchtet, weil diese unter der „eisernen Faust“ von Gouverneur und Warlord Atta Muhammad Nur so etwas wie eine Oase relativer Ruhe geblieben sei.

Die genauen Zahlen der IDPs seien unbekannt, da viele nicht registriert würden (oder sich nicht registrieren ließen). Aber Offizielle sprächen von 20.000 IDPs in Balkh. In Homeiras Camp lebten über 300 Familien auf einem „staubigen Stück Land“. Zwar helfen örtliche Behörden und das UN-Flüchtlingshilfswerk, aber die Campbewohner müssen eine Stunde laufen, um Wasser aus einem Dorf zu holen. Einige haben Arbeit in Ziegeleien oder beim Obstpflücken gefunden, andere betteln in der Provinzhauptstadt Mazar.

Aber selbst Balkh ist nicht sicher. In mehreren Distrikten kämpfen Taleban mit Regierungstruppen und Pro-Regierung-Milizen. Agha Jan, ein älterer Bauer aus dem Distrikt Tschimtal, von wo er vor drei Monaten floh, berichtet, dass die Einwohner seines Dorfs am Tage von den Taleban und nachts von den Milizen drangsaliert würden. (In vielen Gegenden ist es andersherum.)

Zu dieser Reportage gibt es hier eine Fotogalerie.

 

  1. Sune Engel Rasmussen über: Frauen (nicht) als Oberste Richter?

Das afghanische Unterhaus hatte heute über die Kandidaten für den Chefsessel der Nationalbank sowie zwei neue Mitglieder des Obersten Gerichts zu entscheiden. Der neue Bankchef Khalilullah Sediq und ein Richter, Sayed Jusuf Halim, kamen durch.

Das gleiche galt leider nicht für Anisa Rassuli, die seit 24 Jahren Richterin ist, der Afghanischen Richterinnenvereinigung vorsteht und gegenwärtig das Jugendgericht in Kabul leitet. Die anwesenden 193 Abgeordneten entschieden sich mehrheitlich gegen sie. Es gab nur 88 Ja-Stimmen. Für Unmut in den afghanischen sozialen Medien sorgte, dass 21 weibliche Abgeordnete es nicht für nötig erachteten, bei diesem Votum zu erscheinen. Hätten nur zehn von ihnen für Rassuli gestimmt, wäre sie gewählt gewesen. Aber vielleicht war das auch Absicht: nicht alle afghanischen Parlamentarierinnen, und generell Frauen, unterstützen die Frauenrechte nicht – viele sind ebenso konservativ wie viele Männer.

Engel Rasmussen zitiert in seinem Bericht einen schon bekannten extrem-konservativen (falls man das überhaupt noch sagen kann) Herater Abgeordneten, den Geistlichen Qazi Nazir Hanafi. Er habe ihm vor einem Monat erklärt, dass Frauen nicht als Oberste Richterin geeignet seien, weil sie in diesem Job ja täglich mit dem Koran in Berührung kämen; da menstruierende Frauen im Islam aber als unrein gälten, müssten Richterinnen ja eine Woche pro Monat (man beachte die Detailkenntnis!) frei nehmen und könnten deshalb dieses Amt nicht gut ausüben. Dass Frauen solch ein Amt übernähmen, sagte Hanafi weiter, “ist gegen islamisches Recht. Ich werde eine Kampagne starten und den anderen Brüdern [also männlichen Abgeordnetenkollegen] sagen, gegen die zu stimmen. Es wäre ein Verbrechen, für sie zu votieren.”

Schams ul-Rahman Frotan, Mitglied des von der Regierung bezahlten landesweiten Rates der Ulema (höhere Geistliche), sagte der Agentur Reuters: “Wir haben [dem Präsidenten] gesagt, dass eine Frau kein Richter bei Kapital- und anderen schweren Verbrechen sein kann.”

Der Fairness halber soll angefügt werden, dass vielleicht nicht alle Gegenstimmen auf Hanafis Konto gehen – und auch nicht alle fehlenden Parlamentarierinnen. Die Nominierung einer Frau für das Oberste Gericht war ein Wahlversprechen von Präsident Ghani.

Rassuli hatte gesagt, ihre Nominierung könnte dazu beitragen, Frauen vor allem auf dem Lande besseren Zugang zu Gerichten zu geben. Frauen auf dem Lande würden den offiziellen Gerichten nicht trauen, und sie wolle Aufklärungsarbeit leisten, dass sich das ändere. Frauen fühlten sich auch wohler, wenn sie mit Richterinnen reden könnten.

 

  1. Tamim Hamid über: Immer noch entführte Afghanen
Mahnwache der Angehörigen der Entführten im Kabuler Zarnigar-Park. Foto: Tolo.

Mahnwache der Angehörigen der Entführten im Kabuler Zarnigar-Park. Foto: Tolo.

 

Der afghanische Reporter Hamid berichtet über die Familien von 31 Buspassagieren, die vor fünf Monaten auf der Straße Kabul-Kandahar entführt worden waren, und erinnert daran, dass sie sich immer noch in den Händen der Kidnapper befinden. Sie haben Zarnigar-Park in Zentral-Kabul Zelte für eine Mahnwache aufgeschlagen und beklagen sich, dass die Regierung nicht um die Angelegenheit kümmere.

Die Entführung hatte sich an der Grenze zwischen den Provinzen Ghazni und Zabul ereignet. Es ist nicht klar, ob es sich bei den Tätern um Taleban oder zum Islamischen Staat Übergelaufene Ex-Taleban handele – auch wenn das wahrscheinlich für die Entführten keinen Unterschied macht. Die afghanischen Streitkräfte und Stammesälteste, durch Verhandlungen, hatten 19 weitere Entführte befreien können. Fast alle gehören zur Minderheit der Hazara. Für positives Aufsehen hatte gesorgt, dass paschtunische Älteste sich an solchen Verhandlungen beteiligten; oft ist das Verhältnis zwischen den beiden ethnischen Gruppen nicht besonders gut. Auch Familienangehörige der bereits Befreiten beteiligen sich an der Mahnwache.

 

  1. BBC: Selbstmordanschläge in Kabul

Nur kurz berichtet: Gestern (am 7. Juli) kam es in Kabul gleich zu zwei Selbstmordanschlägen, beide im Polizeidistrikt 8 im Südosten der Stadt, in Schah Schahid. Der erste Anschlag richtete sich gegen einen Konvoi von NATO-Fahrzeugen, der mit einer Autobombe angegriffen wurde. Dabei wurden drei Zivilisten verletzt; der NATO zufolge blieben die Insassen unverletzt. Sowohl die Taleban als auch Hekmatyars Hezb-e Islami bekannten sich zu diesem Anschlag.

Beim zweiten Angriff stürmten Bewaffnete ein Stadtteil-Büro des afghanischen Geheimdienstes NDS. Dabei sprengte sich ein Angreifer mit einem Motorrad in die Luft, dann stürmten zwei weitere das Büro. Beide wurden erschossen, und auch ein Wachmann des Büros kam ums Leben.

Und eben wird gemeldet, dass heute schon wieder im selben Kabuler Stadtteil eine magnetische Mine ein Polizeifahrzeug schwer beschädigte. Niemand kam zu Schaden.

Von Magnetmine beschädigtes Polizeifahrzeug. Foto: Pajhwok (allerdings ist unklar, ob es von einem anderen Anschlag stammt.)

Von Magnetmine beschädigtes Polizeifahrzeug. Foto: Pajhwok (allerdings ist unklar, ob es von einem anderen Anschlag stammt.)

 

  1. Doch nochmal die Taleban-Gespräche

Um den Kreis zu schließen, füge ich hier die übersetzten Tweets meines Kabuler Kollegen Borhan Osman von heute vormittag an, die eigentlich schon einiges sagen.

“Die Islanabad-Gespräche sind wahrscheinlich wieder Nicht-Gespräche, wie schon neulich in Urumtschi [siehe mein Bericht hier]. Sieht so aus, als ob Islamabads schöngefärbte Taleben sich in Kabul gut verkaufen.“

“Jedermann, der sich mit der politischen Psychologie der Taleban auskennt, wird nicht an „Gespräche“ in Pakistan glauben, egal wie vertrauenswürdig die Quellen sind.“

“Es mögen reale Taleban sein, die dort reden, aber es ist bedeutsam, ob sie die Bewegung repräsentieren und durch die formale Kommandokette autorisiert sind.“

„Pakistans Versuche, einige Talebanführer zu manipulieren erschwert wirkliche Gespräche nur. Das spaltet die Taleban auch nicht, sondern zerstört Vertrauen in den Prozess.“

Tee trinken und den Dialog führen. Foto: Thomas Ruttig.

Tee trinken und den Dialog führen. Foto: Thomas Ruttig.

 

 

 

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