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Dieser Artikel stammt von unserer Kabuler AAN-Kollegin Naheed Esar und wurde gestern in der Wochenend-taz veröffentlicht. Diese Version hier ist der ursprüngliche, von mir übersetzte und unredigierte Text. (Hier der Link zur taz-Version: die taz hat nach ihrer Standardscheibweise Sanabad statt Zananad geschrieben, aber warum die taz-Korrektur die Hauptfigur, Bibikoh, die „Großmutter vom Berge“ zur „Großmutter der Berge“ gemacht hat, wird allerdings ihr Geheimnis bleiben…)

 

Bibikoh und drei ihrer Enkel vor dem selbstgebauten Haus in Zanabad, der "Stadt der Frauen". Foto: Naheed Esar.

Bibikoh und drei ihrer Enkel vor dem selbstgebauten Haus in Zanabad, der „Stadt der Frauen“. Foto: Naheed Esar.

 

Zanabad – die Siedlung der kämpferischen Witwen

Auf einem Hügel in Kabul haben sich sozial ausgegrenzte Frauen über Jahrzehnte im Alleingang Häuser gebaut und ein Existenzrecht erkämpft. Zur Normalität fehlen nur noch die Besitzurkunden

Text und Foto(s): Naheed Esar, Kabul

 

Niemand bei den Witwen von Zanabad – der Name bedeutet in der Landessprache Dari „von Frauen errichtet“ oder auch „Frauenstadt“ – oder den örtlichen Behörden erinnert sich mehr, wann genau diese einmalige Siedlung ihren Anfang genommen hat. Es muss während des politischen Chaos Anfang der 1990er-Jahre gewesen sein, als die Regierung des zuvor von der Sowjetunion gestützten Präsidenten Nadschibullah zusammenbrach. Die sowjetischen Besatzung von 1979 bis 1989 und der davon ausgelöste Krieg sowie die nachfolgenden Fraktionskämpfe hatten eine ungeheure Anzahl von Witwen hervorgebracht. Die letzten verfügbaren Schätzungen – offizielle Daten gibt es nicht – gehen von 1,5 bis 2,5 Millionen Witwen im ganzen Land aus, 50-70.000 davon in der Hauptstadt Kabul. Das wären über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes.

Der Zusammenbruch schuf auch Chancen und Freiräume. Regierungseigenes Land war auf einmal herrenlos. Einer dieser Freiräume war der steinige Hügel an damaligen südöstlichen Stadtrand von Kabul, auf dem Zanabad zu wachsen begann – in einem Viertel namens Karte-ja Nau („neues Quartier“), auch dieses schon eine Ansiedlung von Bürgerkriegsflüchtlingen. Heute hat Karte-ja Nau vielleicht eine Million Einwohner und liegt in Kabul, dem von Binnenflüchtlingen wohl auf vier Millionen Einwohner gewachsenen Moloch ohne adäquate Infrastruktur, schon fast zentral.

Irgendwann Anfang der Nuller-Jahre war Bibi ul-Zuqia nach Zanabad gekommen, die heute Mitte 60 ist. Über diese Jahre wurde sie zum Motor der ungewöhnlichen Gemeinschaft. Doch sie sagt, sie hat selbst ihren richtigen Namen schon fast vergessen. Jeder hier nennt als Bibikoh, die „Großmutter vom Berge“.

Bibikohs erster Eheman starb, als eine Rakete in ihr Haus einschlug. Das war noch in Parwan, einer Provinz nördlich von Kabul. Ihr zweiter Ehemann, ein Bruder ihres ersten Mannes und ein Kämpfer bei den Mudschahedin, starb auf dem Schlachtfeld. Ihre zweite Witwenschaft veränderte Bibikohs Status in der Gemeinschaft dramatisch. Plötzlich wurde sie als schlechtes Omen betrachtet und verlor, trotz ihrer sechs Kinder, den Respekt und die Unterstützung ihrer Verwandten. Sie nannten kala-khor, Kopffresser – als ob sie am Tode ihrer beiden Ehemänner Schuld gewesen sei. Schließlich wurde sie sogar aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen.

Der soziale Sturz, den Bibikoh erfuhr, hat mit dem „traditionellen’ sozio-ökonomischen Status zu tun, den afghanische Frauen in ihrer Gesellschaft einnehmen. Sie werden immer über Männer definiert. Vor der Hochzeit, ist sie die Tochter ihres Vaters, danach die Ehefrau ihres Mannes. Sie ist eine Art Besitz, sogar eine Ware, und sie verkörpert die „Ehre“ der Familie, die unbedingt beschützt werden muss. Verwitwete Frauen werden deshalb in den Augen ihrer Gesellschaft und ihrer Familien Frauen “ohne Identität“ – und damit ohne Schutz; deg-e be-sarposch – Töpfe ohne Deckel – lautet der abwertende Begriff. Deshalb kehren sie in den meisten Fälle in ihr Vaterhaus zurück oder werden an einen Schwager verheiratet – wie es Bibikoh nach ihrer ersten Witwenschaft erging. Aber in jedem Falle werden sie oft als wirtschaftliche Belastung empfunden. Diese Einstellung verstärkt sich noch in Kriegszeiten, wenn Familien unter zusätzlichen Druck geraten.

Bibikoh aber entschied sich für einen anderen Weg. Eine befreundete Witwe erzählte ihr von Zanabad und ermutigte sie, sich der dortigen Frauengemeinschaft anzuschließen. Gegen eine Zahlung von 5000 Afghani (etwa 100 Dollar) Schmiergeld, viel Geld für eine Witwe, an die örtliche Polizei, die ein Waffendepot auf dem Hügel bewachte, wurde ihr erlaubt, sich ein Stück Land zu nehmen, auf dem sie begann, ihr Haus zu bauen.

Die Witwen erinnern sich lebhaft, wie hart es wasr, ihre Häusern mit ihren eigenen Händen zu bauen. Vor allem am Anfang – denn ein ungeschriebenes Gesetz sagt, wenn man über Nacht die vier Wände seines Hauses anderthalb Meter hochzieht, darf einen selbst die Regierung nicht mehr hinauswerfen. Ohne gegenseitige Hilfe war das für die Witwen nicht zu schaffen. Eine von ihnen, die schüchterne Humaira, vielleicht Ende 30, vergleicht dieser Zeit mit „bitterer Medizin“. Die Bauarbeit sei oft “über meine körperlichen Fähigkeiten” gegangen, aber ihr eigenes Haus in dieser Gemeinschaft zu errichten habe sie auf lange Sicht auch “geheilt”, denn sie habe ihr lebenslanges Obdach gegeben.

Bibikoh erzählte der taz, dass sie Frauen manchmal auch ihre Häuser verteidigen. Sie habe Steine auf Polizisten geworfen, als die eine andere Witwe prügelten; manchmal versuchte die Polizei nämlich, die Frauen doch zu vertreiben und neue Häuser wieder abzureißen. Manchmal, ergänzt Humaira, war die Polizei aber auch ein Schutz. Ohne die nächtlichen Polizeistreifen an dem Waffenlager, sagt sie, hätte sie sich nie sicher genug gefühlt, mit ihren fünf Kindern und ohne Mann nach Zanabad zu ziehen.Es kam immer darauf an, wer gerade auf dem Hügel Dienst tat.

Bibikoh erinnert sich auch, wie die anderen Familien in der Nachbarschaft anfangs jeden Kontakt mit ihnen vermieden, denn das bestimmte und unabhängige Auftreten der Witwen brach Tabus. Manchmal wurden sie als Prostituierte beschimpft. Inzwischen aber respektiere man sich gegenseitig, schließlich lebten alle in ähnlich schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen.

Der Respekt den Witwen gegenüber stellte sich auch ein, weil Bibikoh anfing, die Witwen über den Hausbau hinaus zu organisieren. Auf dem Lehmboden in ihrem Gästezimmer sitzend – einem von nur zweien – veranstaltete sie über Jahre wöchentliche Meetings für Alphabetisierungskurse, aber auch um die tägliche Ereignisse zu diskutieren, beginnend mit einem Kern von zwölf Witwen. Damals gab es in Zanabad weder Wasser noch Strom. Trink- und Waschwasser mussten die Frauen noch aus den formalen Siedlungen am Fuße des Hügels den steilen Hügel hinaufschleppen, über unbefestigte, lehmige Wege, die besonders bei Regen kaum zu bewältigen waren. In Bibikohs Haus gab es auch weder Küche noch Toilette – gekocht wurde in einer Ecke, und die Toilette war damals noch in Bau.

Bibikoh fand auch Zarghuna, eine Lehrerin, die mit Hilfe von Büchern, die ihnen eine NGO, Care International, gab, Kurse in Basisgesundheitsversorgung hielt. Die zwölf Witwen begannen bald, auch über ihre Gruppe hinaus zu sehen, und verbreiteten ihr Wissen in die weitere Gemeinschaft. Bibikoh führte Care auch Untersuchungen durch, um die bedürftigsten unter den inzwischen ((wie viele)) Witwen zu ermitteln, die dann monatlich Lebensmittelhilfe erhielten – 7-Ser-Säcke (49 kg) Mehl, Speiseöl und Bohnen. Elf Jahre lang hätten um die 400 Witwen von dieser Hilfe profitiert, schätzt Bibikoh. All das brachte ihr nicht nur den in ihrer Heimat verlorenen Respekt zurück, sondern auch ihren Namen ein – Bibikoh, die „Großmutter vom Berge“.

Zarghuna, die Lehrerin, die den Witwen vom Berge das Lesen und Schreiben beibrachte, meint, darüberhinaus seien die Treffen der Frauen auch psychologisch wichtig gewesen. Sie hätten ihnen die Möglichkeit gegeben, die schmerzhaften Geschichten ihres vorangegangenen Lebens zu erzählen und dabei den Schmerz zu überwinden. Mit Hilfe einer in Brüssel ansässigen NGO, dem International Centre for Transitional Justice, hätten sie sogar Theater gespielt, nach der Methode des „partizipatorischen Theaters“, bei dem die Schauspieler mit dem Publikum interagieren. (Interessanter Weise kam dieselbe Methode auch jüngst bei den Protesten gegen den Lynchmord an einer jungen Frau in Kabul, Farkhunda, ein Fall der um die Welt ging, zum Einsatz.)

Und die sichere Umgebung in Zanabad, ergänzt Humaira, habe ein Gefühl von „Schwesterlichkeit“ in der Gemeinschaft geschaffen. Neuankömmlinge, darunter nicht nur Witwen, sondern auch geschiedene Frauen, die sich oft besonderen Anfeindungen ausgesetzt sehen, wurden den Tag über bei all ihrem Tun begleitet – und manchmal auch des Nachts, um ihnen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Anisa, eine andere Witwe, meint, mit dem geteilten Schmerz und der gemeinsamen Arbeit seien die Frauen sarposch, Schutz“deckel“ füreinander geworden.

Die Siedlung von Zanabad ist inzwischen auf 500 Witwen- und 500 andere Haushalte angewachsen. Freies Land wurde von Neuankömmlingen besetzt, sowohl Witwen als auch ganzen Familien. Viele der Witwen, nun alphabetisiert, haben reguläre Jobs gefunden. Einige arbeiten als Haushaltshilfen bei anderen Familien, andere im Kleinbusiness; sie bereiten traditionelle afghanische Speisen zu und verkaufen sie auf Märkten. Eine Handvoll unterrichtet an der Mädchenschule von Zanabad. Bibikoh und Anisa sind inzwischen sogar bei der Regierung angestellt, als eine Art Gemeindepolizistinnen. Nur wenige sind noch in ihrem alten Geschäft und betteln auf den Straßen.

Die Siedlung wirkt heute farbenfroh. Die selbstgebauten Häuser sind inzwischen gestrichen. In Bibikohs Haus liegen nun rote afghanische Teppiche. Aber die Fenster sind immer noch mit Plastikfolien bedeckt; Glas ist zu teuer und es gibt andere Prioritäten. Draußen wurde ein Großteil des Kriegsschrotts weggeräumt – Wracks von Panzern, Geschützen und Raketenwerfern. Humaira hofft, von Nachbarn Land kaufen und darauf ein zweites Haus bauen zu können, damit ihre Eltern herkommen können. Anisa hat ihr Zweithaus schon fertig und vermietet es für 3000 Afghani (60 Dollar).

Nur die Straße auf den Hügel ist immer noch schwer begehbar. Immerhin hat die Regierung im vorigen Jahr Wasser- und Stromanschlüsse auf den Hügel gelegt und die Mädchenschule übernommen. Damit erkannte sie das Recht der Witwen an, offiziell auf dem Hügel zu leben. Bibikoh sagt, man sei dabei, die Regierung dazu zu bewegen, den Frauen auch offizielle Landtitel zu geben. Dann, so hofft Bibikoh, würde das Viertel auch im offiziellen Stadtplan eingetragen. Das würde Zababad vollständig legalisieren.

 

Die Autorin arbeitet beim Afghanistan Analysts Network in Kabul. Sie begleitete das Projekt von 2007 bis 2011 und besucht die Frauen von Zanabad weiter regelmäßig.

Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Ruttig

 

Blick von Zanabad auf die Stadt; diesen Weg hinauf mussten die Frauen jahrelang ihr Wasser schleppen. Foto: Naheed Esar.

Blick von Zanabad auf die Stadt; diesen Weg hinauf mussten die Frauen jahrelang ihr Wasser schleppen. Foto: Naheed Esar.

 

 

 

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