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So kann es gehen: Da steigt man ins Flugzeug und nimmt sich mal vor, an diesen beiden Tagen seine Emails nicht zu checken – und dann steigt man in Kabul aus und Mulla Omar ist tot. Oder auch nicht.

"Mulla Omar tot." Screenshot der afghanischen Präsidenten-Webseite heute.

„Mulla Omar tot.“ Screenshot der afghanischen Präsidenten-Webseite heute.

[Apropos Fotos: Wer such wundert, dass oben auf meinem Blog neuerdings ein komisches Foto steht: das geht nicht nur mir so und liegt am Provider, und ich hoffe, dass das bald repariert wird…]

 

Und um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann auch nicht beantworten, ob die Nachricht stimmt oder nicht.

Die Abgeklärten sagen: Jaja, ruhig Blut, es ist nicht das erste Mal, dass er für tot erklärt worden ist. Allerdings fehlt bisher, was man bei dem Gewicht der Behauptungen eigentlich hätte erwarten können – das Dementi à la Mark Twain: „Der Bericht meines Todes war eine Übertreibung.“

 

Woher stammt überhaupt die Todesnachricht?

Zuerst soll vor etwa einer Woche eine Splittergruppe der Taleban – die sog. Fedai Mahaz (Front der Fedayin) – auf ihrer Webseite verbreitet haben, dass Mullah Omar vor zwei Jahren gestorben und in der Provinz Zabul begraben worden sei. (Aus Zabul stammen seine ferneren Vorfahren; Vater und Großvater lebten schon in Kandahar, wo er auch geboren wurde; nach dem Tod des Vaters allerdings zog ihn ein Onkel in Uruzgan auf.) Fedai Mahaz sprach auch von Führungskämpfen, und dass einige Taleban-Kommandeure den amtierenden Omar-Stellvertreter Mullah Akhtar Muhammad Mansur beschuldigt hätten, Mullah Omar ermordet zu haben. (Ich konnte diese Webseite heute abend nicht erreichen, um das zu überprüfen – inzwischen wieder gefunden, hier.)

[Laut diesem FAZ-Bericht habe Fedai Mahaz sich sogar damit gebrüstet, Mulla Omar selbst getötet zu haben. –– inzwischen von der FAZ korrigiert: die Anschuldigung richtete sich tatsächlich gegen Akhtar Muhammad.]

Allerdings haben wir bei AAN erhebliche Zweifel an der Stärke, wenn nicht gar Existenz dieser Gruppe, die auch die Verantwortung für den Mord am schwedischen Journalisten Nils Horner im März 2014 übernommen hatte. Auch Angaben, nach denen sie in einem Distrikt südöstlich von Kabul eine selbständige Kampffront unterhalte, wurden von dort nicht bestätigt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine opportunistische und zeitweilige, oder instrumentalisierte, Struktur mit kriminellen Neigungen. (Sie war wohl für die Entführung des New York Times-Journalisten David Rohde 2009 verantwortlich, die einzige bestätigte Tat dieser Gruppe, trotz zahlreicher weiterer Behauptungen.)

Man könnte ja zum Beispiel auch denken, dass Fedai Mahaz die Information über den angeblichen Tod Mulla Omars im Auftrag der Gesprächsgegner (bei den Taleban und in Pakistan) lanciert hat.

 

Was ist heute passiert? die afghanische Version…

Also der Reihe nach: Um 13.28 Uhr Kabuler Zeit (kurz vor 11 Uhr in Berlin) schickte Sayed Jafar Hashemi, der Vizesprecher von Präsident Aschraf Ghani, folgende Twitter-Meldung an Journalisten: „Medien-Kollegen, bitte kommt um 14.30 Uhr Kabuler Zeit ins GMIC [Medien- und Informationszentrum der Regierung] für eine Presse-Statement.“ Schon kursierten Gerüchte, dass die Regierung Informationen habe, denen zufolge Taleban-Chef Mullah Muhammad Omar tot sei.

Die hastig einberufene Pressekonferenz war dann weniger spektakulär als erwartet. Hashemi sagte dort: „Wir kennen die Berichte über das Ableben Mulla Omars, der Taleban-Anführers. Wir sind dabei, diese Berichte zu prüfen, und so bald wir eine Bestätigung oder Verifikation bekommen, werden wir das afghanische Volk und die Medien informieren.“

In Kabul hieß es in der Gerüchteküche, der gerade zur Behandlung seines gebrochenen Fußes nach Deutschland abgeflogene Präsident – wohl um Sorge um die von Pakistans vermittelten Direktgespräche mit den Taleban, die am Freitag weiter gehen soll(t)en (meine Einschätzung der Gespräche hier und hier) – habe seinem Sprecher vorher untersagt, den Tod Mullah Omars zu bestätigen.

Dann aber erklärte am Nachmittag der Sprecher des afghanischen Geheimdienstes NDS, Abdul Hassib Seddiqi der Nachrichtenagentur AP: „Wir bestätigen offiziell, dass er [Mulla Omar] tot ist.“ Einem anderen Medienbericht zufolge fügte Seddiqi hinzu: „Er lag sehr krank in einem Krankenhaus in Karatschi [Pakistan] und starb dort unter verdächtigen Umständen.“ Das sei im April 2013 gewesen. Sollte das ein Hinweis auf einen möglichen Mord sein? Einem dritten Medienbericht zufolge habe man schon länger Informationen über Mullah Omars Tod gehabt. “Wir haben diese Frage über die letzten anderthalb Jahre angesprochen. … Jetzt sind wir froh, dass ausländische Kräfte dies ebenfalls bestätigen.” Pakistan, siehe unten? Andere ausländische Quellen haben bisher nämlich überhaupt nichts bestätigt.

Allerdings hatte der auch jetzt noch amtierende NDS-Chef Rahmatullah Nabil in einem Interview mit der New York Times im Dezember 2014(!) gesagt (zitiert hier), man wisse nicht genau, ob Omar tot sei oder am leben, er gehe aber eher davon aus, dass er am Leben sei, und zwar in Karatschi, wo er unter dem Schutz des pakistanischen Geheimdienstes ISI lebe.

Dann zog um ca. 20.30 Uhr Kabuler Zeit das Präsidentenbüro nach: „Die Regierung der Islamischen Republik Afghanistan bestätigt, basierend auf glaubwürdigen Informationen, dass Mullah Mohammad Omar, Führer der Taleban, im April 2013 in Pakistan starb. Die Regierung Afghanistans glaubt, dass der Boden für afghanische Friedensgespräche jetzt noch besser bereitet ist als zuvor, und ruft deshalb alle bewaffneten Oppositionsgruppen auf, die Gelegenheit zu ergreifen und sich dem Friedensprozess anzuschließen.“ (Das ist der gesamte Text.)

Die mittags von Hashemi angekündigte Prüfung der Berichte hatte also etwa vier Stunden gedauert und das 2014er Nabil-Interview nicht berücksichtigt.

Das wirft einiges an Fragen auf, zum Beispiel: Sind die „glaubwürdigen Informationen“ des Präsidenten(büros) dieselben, von denen das NDS sprach? Warum hat die Regierung nach ein paar Stunden dann doch diese NDS-Informationen übernommen, wenn auch etwas weniger exakt? (Das Krankenhaus fehlt.) Und vor allem: Warum hat Präsident Ghani noch vor wenigen Tagen namentlich Mullah Omar für seine Unterstützung der Friedensgespräche (in dessen Botschaft zum Eid-Fest) gedankt, in denen er Friedensgespräche – aber nicht explizit jene in Murree – unterstützt hatte. Vielleicht verbreitet das bekanntermaßen zumindest teilweise politisierte NDS nicht nur Fakten, sondern auch Meinungen, die in das jeweils gerade angesagt politische Konzept (seines und/oder des Präsidenten) passen? Oder ist es – die mittlerweile schon bekannte – interne Abstimmungsschwäche in der afghanischen Ghani/Abdullah-Koalitionsregierung oder außenpolitische Unerfahrenheit, die die Gefahr entstehen lässt, dass Kabul von Islamabad über den Tisch gezogen wird? Mit seinem jüngsten Dank an Mulla Omar steht Ghani jetzt auf jeden Fall etwas genarrt da. (Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch Präsident Karzai bis zum Ende seiner Amtszeit immer wieder an den – toten oder nicht toten – Mulla Omar appellierte, Friedensgesprächen zuzustimmen.

 

… und die pakistanische Version

Ein pakistanischer Geheimdienstler (anonym wie alle gleich zitierten Pakistani) sagte dem britischen Guardian, dass man von Omars Tod seit Januar 2014 gewusst habe, und zwar von “engen Mitarbeitern” und Familienmitgliedern. Afghanistans Regierung habe man aber erst nach den jüngsten Murree-Gesprächen informiert. Nicht ganz nachvollziehbar sagte er: “Da wir das nun enthüllen müssen, machen wir das jetzt (since we have to reveal it, we are doing so now)… Omar ist tot, und das ist nicht etwas, das jetzt oder in der jüngsten Vergangenheit passiert ist.”

Ein anderer pakistanischer “Sicherheitsbeamter” sagte hingegen zu AP, die Todesgerüchte seien “Spekulation” und sollten die Murree-Gespräche unterminieren. Und ein – ebenfalls anonymer – afghanischer Offizieller sagte einer afghanischen Nachrichtenagentur, man habe die Bestätigung des Todes Mulla Omars von Pakistan erhalten.

Dann berichtete heute eine pakistanische Zeitung, ein früherer Taleban-Minister und Mitglied des Führungsrates habe ihr gegenüber bestätigt, dass Mulla Omar vor zwei Jahren gestorben sei, und zwar an Tuberkulose. Mulla Omars Sohn (der 26-jährige Muhammad Yaqub, der gerade die Koranschule absolviert habe und als einer der potenziellen Nachfolger in die Diskussion gekommen ist) habe den Leichnam identifiziert. Ferner habe ebenfalls schon heute ein Meeting des Taleban-Führungsrats stattgefunden, um einen Nachfolger zu „wählen“, und der Ex-Minister sei dazu eingeladen gewesen. Wie das unter den konspirativen Bedingungen, unter denen die Taleban agieren, so schnell gehen soll, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

Eine andere pakistanische Zeitung schrieb, dass afghanische Offizielle, unter Berufung auf Taleban-Verhandlungspartner, ihr gegenüber bestätigt hätten, Mulla Omar sei vor anderthalb Jahren an multiplem Organversagen und in Kandahar (nicht Zabul) begraben worden. Auch sie hat eine Variante der Nachfolgerwahl anzubieten.

Man weiß allerdings, dass gerade zu heiklen afghanischen Themen pakistanische Zeitungen manchmal schreiben müssen, was ihnen der ISI diktiert. Man kann sich also aussuchen, welcher Version man glauben möchte –und ob die Diskrepanzen in den Details journalistische Schlamperei oder bewusste Irreführung sind.

Dann gibt es noch einen italienischen Pressebericht, der unter Bezug auf den Taleban-Forscher Antonio Giustozzi sagt (wenn ich das richtig verstehe), es habe schon seit Monaten Treffen der Taleban-Führung wegen einer Nachfolgerwahl gegeben – was ja bedeuten würde, der Tod Mulla Omars war den Taleban schon länger bekannt. (Vielleicht versteht jemand mehr Italienisch als ich und kann die Informationen aus diesem Artikel herausfiltern…)

 

Was sagen und machen eigentlich die Taleban?

Von den Taleban liegt das eigentlich zu erwartende Dementi bisher nicht vor. Einer ihrer Sprecher, Qari Yousef Ahmadi – der allerdings lange nicht aufgetreten war, und auch nicht der Hauptsprecher ist (das ist Zabihullah Mujahed) – sagte einigen Medien, Mullah Omar sei „sehr am Leben“ (zitiert hier). Bei einem früheren Bericht, von 2011, demzufolge Mulla Omar vom ISI umgebracht worden sein soll, gab es umgehend scharfe Dementis von Mujahed, der sich heute überhaupt noch nicht geäußert hat: “Er ist in Afghanistan, sicher und gesund. Wir weisen die grundlosen Behauptungen scharf zurück… Das ist Propaganda des Feindes, um die Moral der [Taleban-]Kämpfer zu schwächen.“

Das letzte, Mulla Omar zugeschriebene Statement auf der Taleban-Webseite ist eine vier Tage alte Zusatzerklärung zu seiner Eid-Botschaft, in der er zitiert wird, dass er sich von den Prinzipien der Scharia leiten lasse und dass solange die ausländische Okkupation des Landes anhalte, auch der Dschihad weiterhin gerechtfertigt sei. Gleichzeitig seien unter dem Ziel der Beendigung der Okkupation aber auch politische Aktivitäten legitim, und er bezog sich nochmal auf die Erklärung vom 7. oder 8. Juli, in der die Politische Kommission (also das Qatar-Büro) zum einzigen Gesprächskanal erklärt und aus der Unterstellung unter die Quetta-Schura herausgelöst wurde – Unterschrift damals: „Islamisches Emirat“ (also wahrscheinlich der Führungsrat, besser als „Quetta-Schura“ bekannt), nicht Mullah Omar selbst, wie unter der Eid-Botschaft. Sind alle Mulla-Omar-Botschaften zumindest der letzten zwei Jahre falsch oder jedenfalls nicht (direkt) von ihm?

Merkwürdig nur, dass sich nie jemand von den Taleban darüber beschwert hat. Natürlich kann man argumentieren, dass solange sie einigermaßen einheitlich waren, niemand daran Interesse hatte, an dem Mythos Mulla Omar zu kratzen. Allerdings hat es schon immer harte Auseinandersetzungen um die Frage „Verhandeln oder nicht?“ gegeben? Warum also nicht früher, spätestens als Organisationen wie die Islamische Bewegung Usbekistans anfingen, Fragen zu stellen, warum Mulla Omar sich nie direkt (zu Wort oder bei seinen Anhängern) melde. (IMU-Chef Usman Ghazi hatte am 24 November 2014 auf einer nicht mehr zugänglichen Facebook-Seite eine Art offenen Brief publiziert, in dem er Zweifel daran ausdrückte, dass Mullah Omar noch am Leben sei, Titel: „Usman Ghazi gibt die Unerreichbarkeit Mullah Muhammad Omar Mujahed bekannt“.)

Seit dem Sturz des Taleban-Regimes hatte es außer gedruckten tatsächlich keinerlei Botschaft Mullah Omars mehr gegeben, also weder in Audio- noch Videoform, was ein Beweis wäre, dass er noch am Leben ist. (Es gibt allerdings die Behauptung eines pakistanischen Journalisten auf Twitter, er habe eine Audio-Botschaft Mulla Omars von 2007.)

Es gab auch verschiedentlich Zweifel daran, ob die Statements auf der Taleban-Webseite tatsächlich von diesen (oder zumindest von Mulla Omar) stammten – aber das scheint mir nicht überzeugend. Ansonsten hätten sich gewiss führende Taleban mit Protesten gemeldet. Zudem erschienen auf der Seite verschiedentlich Beiträge mit Statements, die kritisch gegenüber Pakistan waren oder (wie in der Frage Verhältnis zwischen Qatar-Büro und Quetta-Schura) pakistanischen Interessen zuwider liefen. Deshalb kann man wohl annehmen, dass – entgegen den Behauptungen von Zweiflern – die Redaktion wohl doch nicht beim pakistanischen Geheimdienst liegt.

Trotzdem bleibt die eine zentrale Frage: Warum meldet sich Mulla Omar nicht selbst – wenigstens jetzt?

 

Die Nachfolge

Hier ist theoretisch eigentlich alles klar. Mulla Omar hatte frühzeitig Mulla Baradar und Mulla Obaidullah zu seinen Stellvertretern ernannt, die im Falle eines Falles seinen Platz einnehmen würden. Doch Mulla Baradar wurde verhaftet und von seiner Position entbunden, weil die Taleban befürchteten, die Pakistani würden ihn unter Druck setzen und „umdrehen“. Die afghanische Regierung unter Karzai hatte sich ja lange und vergeblich bei Pakistan darum bemüht, Berader zu treffen. Das treffen fand dann Ende 2013 auch endlich statt, nur war Beradar nicht in der Lage, sich irgendwie zu äußern – Folge einer Krankheit oder von Folter? Obaidullah starb 2010 im Gefängnis in Pakistan, angeblich an Herzversagen. (Auch das wurde erst 2012 [geändert] bekannt gegeben.)

An beider Stelle rückte Mansur. Er wurde Chef der Quetta-Schura (die Mulla Omar untersteht) und verschiedentlich auf der Taleban-Webseite als „Stellvertreter des Amir ul-Momenin“ bezeichnet, würde also die Nachfolge Omars bei dessen Ableben antreten. (Das müsste dann von Mulla Omar, der über der Quetta-Schura steht, gebilligt worden sein.) Er ist auch derjenige, der sich für jüngste Friedensgespräche eingesetzt hatte. – Es könnte also auch umgekehrt sein: Mansur steht auf der Abschussliste der Gesprächsgegner (und vielleicht auch Pakistans, das ihn für zu unabhängig hält). Es wäre beileibe nicht das erste Mal, dass Pakistan Gesprächsbefürworter als das Gegenteil anschwärzt, beseitigt oder einsperrt, die nicht mit seinem Einverständnis handeln. Man erinnere sich an den Fall des früheren Mulla-Omar-Stellvertreters Mulla Baradar, der 2010 nach (von Pakistan nicht autorisierten) Kontakten mit Karzai für Jahre im Gefängnis landete. (Hier ein englischer Artikel von mir zu diesem Fall.). Pakistan soll ihn 2013 freigelassen haben; allerdings ist er bisher weder bei seiner Familie noch in Afghanistan angekommen. Er wird wohl wahrscheinlich also immer noch als „Gast“ in Pakistan festgehalten – auch das wäre nichts Neues.

Ein Machtkampf in der Taleban-Spitze wird ja bereits seit längerem immer wieder kolportiert – Gesprächsbefürworter (um Mansur) gegen Gesprächsgegner (Mulla Zaker, der frühere(!) Vizemilitärchef der Taleban (abgesetzt 2014, aber offenbar hält ihn das nicht davon ab, bei Führungstreffen der Taleban aufzutauchen – jedenfalls wenn man jüngsten Presseberichten glaubt)). Es könnte aber auch mit Stammeskonflikten zu tun haben; Mansur habe zuungunsten anderer Stämme viele seiner eigenen Ishaqzai in Führungspositionen gelotst, heißt es.

Aber auch das können gezielt gestreute Informationen sein – genauso wie eine manchmal auftauchende Theorie (die auch AAN aufgegriffen hatte), dass Pakistan die Peshawar-Shura (die formell Quetta untergeordnet ist) Quetta gegenüber bevorzugt habe, um die letztere zu schwächen und ihm genehme Elemente an die Führung zu bringen, oder gar geheime Strukturen in der Taleban-Bewegung aufzubauen, die nur noch dem ISI folgen (siehe auch hier). Ähnliches schient sich ja bei den Murree-Gesprächen zugetragen zu haben, wo von Mansur nicht autorisierte, aber dafür bekanntermaßen dem ISI nahestehende Alt-Taleban-Führer teilgenommen hatten. (Man erinnere sich: die waren auch schon bei ersten Gesprächen in Urumtschi dabei, nach denen es Berichte gegeben hatte, dass auch diese – von Pakistan organisierten und von China akzeptierten – Gespräche nicht das grüne Licht Mansurs und der Politischen Kommission in Qatar hatten.)

Ein detaillierte pakistanischer Medienbericht über den Taleban-Machtkampf von dem renommierten Journalisten Rahimullah Yussufzai, erschienen gerade am Montag(!); noch zwei Tage früher schrieb Radio Free Europe/Radio Liberty darüber, ordnete aber unplausibler Weise den Chef des Qatar-Büros (und Gesprächsbefürworter) Tayyeb Agha den Gesprächsgegnern um Zaker zu).

 

Warum ist Mulla Omar so wichtig?

Er symbolisiert die Einheit der Taleban, vor allem durch seine religiöse Funktion als amir ul-momenin, die den Taleban auch religiöse Legitimation verleiht. (Gegen die die Regierung Karzai vergeblich ankämpfte.) Diese Funktion verkörpert den vertikalen Zentralismus der Taleban, während die einzelnen örtlichen Fronten mit ihren Kommandeuren (denen man weitgehende Autonomie im „Tagesgeschäft“ überlässt) die horizontale Elastizität herstellen. (Mehr dazu in diesem Papier von mir.) Ohne Mulla Omar wird es leichter, die Taleban zu spalten. Das zeigt ja auch der gegenwärtige Machtkampf – und die Berichterstattung darüber, die jetzt zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden könnte.

Die zentrale Frage: Nutzt das alles dem Frieden? Eher nicht? Wie die isreaelisch-palästinensische Geschichte zeigt, war es einfacher, Verhandlungen zu führen (auch wenn sie nicht erfolgreich waren), als es mit Arafat und trotz organisatorischer Spaltung in al-Fatah, DFLP, PFLP, PLA etc pp noch eine unbestrittene Führungsfigur gab.

Große Anschlussfrage: Wer ist daran interessiert, dass keine Verhandlungen zustande kommen? Erstens: Die Falken bei den Taleban. Zweitens: Jene in Pakistan, die denken, dass ein stabiles Afghanistan eher eine Gefahr darstellt, Stichworte: Paschtunistan und Durand-Line. Und die sich daran erinnern, dass die Taleban, als sie zwischen 1996 und 2001 in Kabul am Ruder waren, überhaupt nicht nach ihrer Pfeife tanzten. Vielleicht muss sich jetzt bei den Taleban einiges ändern, damit alles so bleibt, wie es ist?

 

Zum Weiterlesen:

Barnett Rubin im New Yorker: What Could Mullah Mohammad Omar’s Death Mean for the Taliban Talks? Er muss schon einen Artikel in der Schublade gehabt haben…

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