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Also, Mullah Omar ist doch tot. Da nun auch die Taleban diesen Fakt bestätigt und einen Nachfolge gewählt haben, dürfte das feststehen. Aus diesem Grunde hier eine erste Zusammenstellung zu diesem Thema. Weiteres wird sicher folgen.

Eine erste ausführliche Bewertung (auf englisch) findet sich auf der AAN-Webseite, hier.

Im übrigen haben die Taleban inzwischen auch gemeldet, dass auch Dschalaluddin Haqqani – der Anführer des Haqqani-Netzwerks – vor einem Jahr gestorben sei. Wie im Falle Mullah Omars ist auch sein Tod schon verschiedentlich gemeldet gemeldet worden. Dafür erklärten die Taleban um den neuen Anführer Mullah Mansur, Haqqanis Sohn Seradschuddin sei zu einem der beiden Stellvertreter Mansurs gewählt worden.

Screenshot der Taleban-Webseite mit der Todesnachricht.

Screenshot der Taleban-Webseite mit der Todesnachricht.

 

[Apropos: Das Foto-Problem – siehe ganz oben, wo mein Titelbild, das Doppelochsengespann aus Kunduz, verschwunden ist – ist immer noch nicht gelöst. Lassen Sie sich davon bitte nicht ablenken.]

 

Zunächst also eine Zusammenfassung der Ereignisse von mir, die schon auf der Webseite der taz steht – dort unter dem Titel „Tod des Talibanchefs Mullah Omar: Strategisch platzierte Todesnachricht“ – und auch in der Wochenend-Druckausgabe erscheinen wird:

 

Von Mullah Omar zu Mansur

Afghanistans Taliban haben den Tod ihres Gründers zu gegeben und einen Nachfolger ernannt – und müssen sich eines pakistanischen Übernahmeversuchs erwehren

Nach fast zwei Tagen Schweigens haben die Taliban dann doch zugegeben, dass ihr Gründer und oberster Führer Mullah Muhammad Omar Mudschahed gestorben ist – und das schon vor einiger Zeit. Ihre Erklärung, die sie Freitagvormittag auf ihre Webseite stellten, trägt aber wenig zur Erhellung der Umstände bei. „Er sei einer Krankheit erlegen“, heißt es schlicht, die Familie habe das bestätigt. Wann und wo der etwa 55-jährige Mullah Omar starb, ließen sie offen. Ein afghanischer Gewährsmann der taz in der Südprovinz Zabul, wo Mullah Omar Medienberichten zufolge begraben worden sei, hat davon nichts gehört. Begräbnisse in aller Stille aber sind nicht afghanischer Stil.

Fast gleichzeitig verkündeten die Taliban ihren neuen Anführer: Mullah Achtar Muhammad Mansur, seit 2010 Omars Stellvertreter. Im 2001 beendeten Taliban-Emirat war er Minister für Zivilluftfahrt, dann Chef der kleinen Taliban-Luftstreitkräfte – beides keine Schlüsselämter. Ob er zu den Gründern der Bewegung gehörte, ist unklar. Er wuchs aber nicht weit von Mullah Omars Heimstatt in der Provinz Kandahar auf, woher bis heute der Kern der Taliban-Führung kommt. In den letzten fünf Jahren hat Mansur die Taliban aus ihrer Sicht erfolgreich im Kampf gegen die US-Übermacht geführt, die sich nun militärisch weitgehend zurückgezogen hat. Das hat ihm Prestige eingebracht.

Mansur folgt Omar nicht nur in seinem politischen Amt als Taliban-Chef, sondern auch als religiöser Führer, als Amir ul-Momenin (Oberhaupt der Gläubigen, also der Muslime). Das ist ein Versuch, Mullah Omars religiöse Legitimität auf ihn zu übertragen und so die Einheit der Taliban-Bewegung zu bewahren. Die war in letzter Zeit schweren Belastungsproben ausgesetzt, weil immer mehr Zweifel über Mullah Omars Zustand aufkamen.

Der Nachricht vom Tod Omars kam also zu einem strategisch wichtigen Zeitpunkt. Gerade hatte die Regierung Pakistans ihren Kabuler Kollegen den langgehegten Wunsch erfüllt, Direktgespräche mit den Taleban anzubahnen. Afghanistans seit fast einem Jahr amtierender neuer Präsident Aschraf Ghani will unbedingt den Krieg beenden, um das Land in Ruhe wirtschaftlich zu entwickeln und aus der übermächtigen Abhängigkeit von ausländischen Mitteln zu befreien. Das erste Treffen fand am 8. Juli bei Islamabad statt.

Aber Mansur spielte nicht mit und widersetzte sich Pakistans Einflussnahme. Er verlegte die Politische Kommission, den Verhandlungsführer der Taliban, aus Pakistan nach Katar. Pakistan schäumte – und brachte zu den Gesprächen mit Kabul Taliban-Vertreter mit, die Mansur nicht autorisiert hatte. Als er protestiert, kam die Nachricht vom Tode des Taliban-Chefs. Sie könnte von Pakistans Geheimdienst ISI lanciert worden sein, um Mansur zu entmachten. Doch der schlug zurück, berief seinen Führungsrat ein, der ihm die Nachfolge Omars gab und Gefolgschaft als Amir schwor.

Jetzt wird Pakistan mit Dissidenten versuchen, die Kontrolle über die Taliban wieder zu gewinnen. Die nächsten Friedensgespräche wurden erst einmal abgesagt.

Thomas Ruttig, Kabul

 

 

Als nächste ein paar längere Zitate aus der Welt, die mit mir per Telefon gesprochen hatte. Der Artikel ist von Daniel-Dylan Böhmer, mit „Der neue Taliban-Chef steht vor einer Revolte“ betitelt und kann im Volltext hier gelesen werden.

(…) Ein Teil der Taliban um den ehemaligen Guantànamo-Häftling Abdul Kajum Sakir ist strikt gegen Verhandlungen mit Kabul. Ein anderer Flügel ist zwar für Verhandlungen, aber unter anderer Regie – der Pakistans. Die Militärs und Geheimdienste des Nachbarlandes halten weiterhin engen Kontakt mit ihren einstigen Zöglingen. In Pakistan haben die afghanischen Taliban auch nach wie vor ihr Rückzugsgebiet. Nachdem die pakistanischen Sicherheitsoffiziere jahrelang gebeten werden mussten, bei den Taliban die Verhandlungsbereitschaft zu fördern, scheinen sie nun die Kontrolle über den Friedensprozess gewinnen zu wollen.

„Innerhalb der Taliban gibt es eine Auseinandersetzung über den Rahmen, in dem die Gespräche stattfinden sollen“, sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig, Ko-Direktor des Thinktanks Afghanistan Analysts Network in Kabul. „Die Gruppe um Mullah Mansur besteht auf Autonomie von Pakistan und will Gespräche unter der Regie des Taliban-Büros, die 2013 im Emirat Katar eröffnet wurde. Die andere hat schon an Vorgesprächen in Pakistan und China teilgenommen und wollte dort am Freitag Verhandlungen voranbringen. Offenbar versucht Pakistan über seine eigene Gesprächsschiene auch Einfluss darauf nehmen, wer die Taliban in Zukunft führt. Und Mansur ist nicht der pakistanische Wunschkandidat. Möglicherweise wollte seine Gruppe Fakten schaffen, indem sie ihn zum Nachfolger ausrief.“ Aus den Meinungsverschiedenheiten in der Bewegung scheine sich eine Spaltung in Fraktionen zu entwickeln.

„Die Gegner Mansurs, die zu Gesprächen unter pakistanischer Regie bereit sind, kommen bemerkenswerterweise aus der gleichen Generation wie er und aus derselben Region, nämlich Kandahar“, sagt Ruttig. Zu den Dissidenten gehöre etwa Mullah Abdul Dschalil, der in der Taliban-Regierung bis 2001 stellvertretender Außenminister war, oder Mullah Mohammed Hassan, der damalige Gouverneur von Kandahar. Sie sind es auch, die an den Vorgesprächen In Pakistan teilgenommen haben und sie am Freitag fortführen wollten. Die Spannungen in der Führungsspitze scheinen sich also um eine strategische Grundfrage zu drehen. Wie nah man sich an den alten Partner Pakistan hält, entscheidet mit über die Zukunft der Bewegung. Denn ohne Rückzugsgebiete auf pakistanischem Boden wäre sie erheblich geschwächt. Vermutlich deshalb soll Mullah Mansur auch Siradschuddin Hakani als Stellvertreter gewählt haben. Das Hakani-Netzwerk gilt als enger Partner des pakistanischen Geheimdienstes. Ohne die Einbindung des alten Förderers geht offenbar nichts, wenn die Taliban an die Zukunft denken.

(…)

 

 

Und schließlich ein kurzes Email-Interview (auf englisch) mit dem Dari/Pashto-Programm der Deutschen Welle, von dem ich nicht weiß, ob es schon erschienen ist:

Frage: Reports suggest, Taliban council has appointed Mullah Akhtar Mohammad Mansoor as new leader of the insurgent group. He has worked the Mullah Omar’s deputy for the past four years. Other reports say he his appointment as the new leader has faced some opposition from within the group. Do you think he can serve as a unifying figure for Taliban fighters in Afghanistan and Pakistan?

Antwort: He will not have the same unifying power as Mullah Omar had. But he also has a reputation as a long-standing, if not founding member (that is not fully clear; Ahmed Rashid, still the most reliable source about the early Taleban, does not mention him in his book) of the Taleban. And he has been the effective leader of the rather successful Taleban military campaign at least over the last three years when he was officially the deputy head of the movement. It is also important to say that he is a proponent of peace talks – and of talks not held under Pakistani control. He – or his supports – appear to be the authors of most statement published by the Taleban leadership council in the name of Mullah Omar. (Which was legitimate as the amir ul-momenin had the capacity to delegate this to the council, also known as Quetta Shura.) This also is a major reason behind the inner-Taleban conflicts that broke out when the death of Mullah Omar became public.

With the raise of IS in Afghanistan, Pakistan and now the death of Mullah Omar, how difficult will it be for new leader to keep the Taliban united?

There are strong groups within the Taleban, those under direct influence of Pakistan, who appear to aim at becoming part of the power in Kabul through peace talks – these are Mansur’s main opponents. In this, there is a danger for a split. It remains to be seen whether Mansur will be able to fight back against this, particularly against Pakistan’s influence. That the Taleban reportedly say that Mansur has been elected by “all available” members of the leadership council is also a signal of a lack of full unity.

Mullah Akhtar Mohammad has been involved in peace negotiations with the Afghan government. He meet with president Ghani’s representatives in Pakistan this month, so with him as the new leader of the movement; do you think the ongoing peace process is now more likely to yield results?

According to my information, he was not involved in the talks directly, but gave the green light. But it might be the case that he was duped by the pro-Pakistan Taleban and that promises of keeping the talks out of the public for the time being had been broken. Reaching a peace agreement that has a meaning and is supported by most Taleban will definitely be easier if the afghan government faces a united Taleban movement; but of course the negotiations will be more difficult with a united, self-confident movement. I personally believe that achieving peace is the overriding aim for Afghans, and that will not be achieved without difficulty. A split of the Taleban will be dangerous in this light.

 

 

 

 

 

 

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