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Zuerst eines meiner oft verwendeten Lieblingsstatements, diesmal in einem Beitrag der Deutschen Welle aufgetaucht:

Friedensgespräche, wenn sie denn zustande kommen – was man nur hoffen kann – werden “ein sehr langer und schwieriger Weg sein. Es gibt keine Garantie, dass solch ein Prozess einen positiven Ausgang haben werden, aber es muss versucht werden.”

 

Das folgende schließt sich erklärend daran und stammt aus einem Interview mit dem Schweizer Rundfunk vor einigen Tagen, als der Tod Mulla Omars noch nicht bestätigt war («Noch überwiegt der Zweifel an Mullah Omars Tod», SRF 30.7.15; vollständiges Transkript und Audio hier). Ich habe nur stehen gelassen, was aus heutiger Sicht noch relevant ist.

SRF News: Sie sind zurzeit in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. Was ist vor Ort über den Tod von Mullah Omar zu hören?

Thomas Ruttig: (…) Man wartet auf eine Reaktion der Taliban, die bisher ausblieb. In den afghanischen Medien ist Erleichterung zu spüren [denn Mulla Omar war nicht wirklich beliebt]. Es wird aber auch befürchtet, dass sich die Ankündigung des Todes negativ auf die Friedensverhandlungen auswirken könnte. Die Regierung hingegen sagt, dass die Voraussetzungen für die Gespräche nun besser seien.

Es heisst, Omar sei schon seit mehr als zwei Jahren tot. Weshalb hat Afghanistans Regierung so lange mit einer offiziellen Bestätigung des Todes gewartet?

Diese Frage stellt man sich hier auch. (…) Denn noch im vergangenen Dezember hatte der Chef des Geheimdienstes in einem Interview mit US-Medien gesagt, er sei nicht sicher, ob Omar tot sei. Vielmehr gehe er davon aus, dass der Taliban-Anführer unter dem Schutz des pakistanischen Geheimdienstes lebe. Informationen – auch von Seiten der Regierung – sind in Afghanistan nicht immer sehr objektiv.

Weshalb haben sich die Taliban selber bisher noch nicht zum Tod von Omar geäußert?

Frühere Informationen über seinen Tod haben sie jeweils schnell und scharf dementiert. Vermutlich wollen sich die verschiedenen Strömungen der Taliban nun zuerst untereinander abstimmen. Einige befürworten Gespräche mit der afghanischen Regierung, andere sind dagegen. (…)

Was bedeutet der Tod Omars für die Friedensgespräche?

Wenn er sich wirklich bestätigt, bedeutet das, dass Friedensgespräche sehr viel schwieriger werden. Zwar sagte die afghanische Regierung kürzlich, man [habe] zum ersten Mal mit den Taliban zusammengesessen. Wenn nun aber die Taliban auf ihrer Internetseite mitteilen, dass das nicht ihre Leute seien, die an den Gesprächen teilgenommen haben, dann ist das ein erheblicher Rückschlag [für die Organisatoren und Teilnehmen, also Pakistan, China und die USA]. Zudem fiele mit dem Tod von Omar ein wichtiger Integrationsfaktor der Taliban weg. Er [war zum] Anführer der Gläubigen [ernannt worden]. Nun könnte es zu einem Streit um seine Nachfolge kommen, obwohl sie theoretisch eigentlich geregelt wäre: Es gibt einen offiziellen Stellvertreter, den Omar selber ernannt hatte. Er […] soll allerdings inzwischen verschwunden [im Sinne von abgetaucht; inzwischen ist er ja wirklich zum Nachfolger ernannt worden, obwohl es Dissidenten gibt] sein. Es wird also kompliziert und ob die nächste Gesprächsrunde wirklich stattfinden wird, steht nun erstmal in den Sternen.

Schwächt der Tod von Omar die Taliban?

Er schwächt sowohl die Taliban als auch die Aussichten auf einen Frieden. Denn wenn es unter den Taliban mehrere Strömungen gibt, dann wird es für Afghanistan schwierig, eine friedliche Lösung zu finden. Stimmt eine Gruppe einer Waffenruhe zu und eine andere kämpft weiter, verlieren die Gespräche [an] Bedeutung.

 

 

Als nächstes Auszüge aus einem Interview mit Spiegel-Online mit der niederländischen Journalistin Bette Dam, die gerade ein Buch über Mulla Omar schreibt – und manchmal auch für AAN (siehe z.B. ein Beitrag über Sufi-Einflüsse auf die Taleban und Mulla Omar selbst sowie einen Auszug aus ihrem Buch über Hamed Karzai).

 

Todesmeldung über Mullah Omar: „Das Timing ist kein Zufall“

SPIEGEL ONLINE: Die jüngsten Berichte, wonach Mullah Omar bereits vor Jahren gestorben ist, sind jetzt von den Taliban bestätigt worden. Die Nachricht kommt kurz nachdem die afghanische Regierung einen Friedenprozess mit den Taliban gestartet hat. Gibt es da einen Zusammenhang?

Bette Dam: Ich glaube nicht, dass das Timing auf Zufall beruht. Der Druck auf beide Seiten für Friedensverhandlungen, ist größer als jemals zuvor. (…) Es ist möglich, dass Pakistan die Taliban zwingen wollte, einen neuen Anführer zu ernennen, da Mullah Omar seit 2009 nicht mehr gesehen wurde. Auf Seiten der Taliban haben die Mitglieder um ein Statement Mullah Omars zu den Verhandlungen gebeten. (…)

SPIEGEL ONLINE: Erst letzte Woche wurde auf der Webseite der Taliban ein Statement veröffentlicht, das von Mullah Omar stammen sollte. Er bezeichnete die Friedensverhandlungen darin als legitim. Wie bewerten Sie das?

Dam: Offensichtlich wurde die Nachricht nicht von Mullah Omar geschrieben. Für meine Recherchen habe ich mit Vertretern der Taliban gesprochen, die solche Statements in der Vergangenheit für ihn geschrieben haben. Es herrschte Einvernehmen darüber, dass Mullah Omar auf diesem Level nicht in die Gespräche involviert war. Ich glaube, der Westen hat seine Stellung als Anführer des Feindes übertrieben. Wir haben den Feind nie wirklich verstanden. Die Amerikaner kannten Mullah Omar gar nicht, sie haben sein Handeln von Anfang an missinterpretiert. (…)

SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck haben Sie während Ihrer Recherche von den Taliban gewonnen?

Dam: Mullah Omar war ein Mensch, der sich sehr für den Westen interessiert hat. Er vertraute den Amerikanern zunächst, weil sie ihn im Dschihad gegen die Sowjets unterstützt hatten. Als er dann 1996 der Anführer der Taliban wurde, dachte er, dass die USA nun eine Botschaft in Afghanistan eröffnen würden. (…)

Das vollständige Interview kann man hier lesen.

 

 

Und hier die Einschätzung Willi Germunds, der schon lange aus und über Afghanistan berichtet, u.a. für die FR, die Berliner Zeitung, den Kölner Stadtanzeiger, vom neuen Taleban-Chef Mullah Mansur, die z.T. von meinen abweichen – im Moment kann man sich halt noch nicht sicher sein. Es handelt sich um Auszüge aus einem Kommentar in der Badischen Zeitung:

(…) Mansurs Machtübernahme bei den Taliban in Afghanistan kommt einem Putsch Pakistans innerhalb der islamistischen Milizen gleich. Islamabad hatte die Taliban-Kommandeure so lange verhaftet oder ausgeschaltet, bis Mansur zur Nummer zwei der Taliban aufstiegen war. Die Ernennung von Sirajuddiin Haqqani zu seinem Stellvertreter zeugt ebenfalls von der Hand Islamabads. (…)

Den beiden Männern will nun Pakistan das Mäntelchen der Gemäßigten umhängen. Tatsächlich macht sich Mansur für Verhandlungen über einen Frieden mit der Regierung in Kabul stark, seit Pakistans Armeechef General Raheel Sharif diese Marschrichtung vorgibt. (…)

Mansur soll nun mit Hilfe Pakistans und zur Freude der Regierung in Kabul über ein Ende des Konflikts am Hindukusch verhandeln.

 

 

… und wer Mullah Omar noch einmal im Original hören möchte, hier sind zwei Optionen:

In der ersten, die von 2006 sein soll, erklärt er die Absetzung von Mullah Dadullah, der die Technik der Massen-IEDs aus Irak in Afghanistan einführte, was damals von den meisten Taleban-Kommandeuren abgelehnt wurde – aber sich letztlich doch durchsetzte, weil die Taleban sich nicht anders der US-surge-Truppen zu erwehren wussten. Ich kann natürlich keine Garantie geben, dass diese Aufnahmen aus Jahren nach 2001 wirklich von „ihm“ sind:

https://www.facebook.com/video.php?v=121228148220083

Das ist mit diesem Interview anders, wohl Mulla Omars letztes, aus Kandahar mit dem afghanischen BBC-Journalisten Daud Dschombesch geführt. Damals hatten die US-Bombenangriffe (ab 7.10.2001) schon begonnen und Jombesch hatte bereits vorher oft mit Omar gesprochen:

https://soundcloud.com/user745893033/mullah-omar-interview?utm_source=soundcloud&utm_campaign=share&utm_medium=twitter

 

 

Schließlich: Wer sich über unterschiedliche Schreibweisen wundert (Mullah oder Mulla; Taleban oder Taliban) – es gibt keine einheitliche, verbindliche Festlegung. Ich versuche, mich an der Schreibweise der Originalwörter imm Dari und Pashto zu orientieren und mich gleichzeitig der Aussprache im Deutschen anzunähern. Deshalb „Taleban“ (nicht [oft gesprochen] Tallieban) und Mulla, das im Original kein „h“ hat:  ‏ملا .

In Zitaten und Fremdquellen passe ich Schreibweisen nicht an.

 

 

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