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Der folgende Artikel ist ein Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau, der gestern dort erschien und auf der Webseite hier zu finden ist. Er enthält auch Reminiszenzen an ein Treffen mit Mulla Omar im Jahre 2000 im Rahmen von UN-initiierten Friedensverhandlungen.

Die Rote Moschee von Kandahar, in die Mullah Omar oft gegangen sein soll – hier allerdings schon nach 2001. Foto: Thomas Ruttig.

Die Rote Moschee von Kandahar, in die Mullah Omar oft gegangen sein soll – hier allerdings schon nach 2001. Foto: Thomas Ruttig.

 

Regime-Change bei den Taleban

Die Nachricht vom Tod Mulla Omars verwandelte Friedensgespräche in einen pakistanischen Übernahmeversuch

Von Thomas Ruttig, Kabul

An einem schönen Oktobernachmittag im Jahr 2000 in Kandahar hatten Francesc Vendrell, der katalanische UN-Sondergesandte für Afghanistan, und der Autor gerade ein Treffen mit Taleban-Außenminister Mulla Wakil Ahmad Mutawakkil beendet, um letzte Hand an ein Dokument zu legen, das Gespräche mit den Gegnern von der sogenannten Nordallianz ermöglichen sollte. Ziel war die Beendigung des damals schon seit 21 Jahren tobenden Kriegs. Ein Landcruiser der Taleban sollte das UN-Duo zum Flugplatz bringen, aber Mutawakkel drehte sich vom Beifahrersitz um und fragte wie beiläufig: „Und jetzt wollen sie doch sicher Mulla Omar treffen?” Das war bis dahin nur wenigen Nicht-Muslimen gestattet worden.

Mutawakkel ließ uns zum Gouverneurspalast fahren. Im riesigen Empfangssaal standen zwei Sofas, dort nahmen wir Platz. Dann betrat der Talebanchef den Raum und setzte sich ohne weitere Zeremonie zu uns.

Das Gespräch dauerte fast drei Stunden, und Omar bestritt den Großteil davon. Hager und hoch aufgeschossen, mit dichtem Bart, das im Krieg mit den Sowjets durch ein Schrapnell verlorene Auge unbedeckt, wippte er beim Sprechen vor und zurück und spielte mit seinem Walkie-Talkie. Er hatte wenig zu der Vereinbarung zu sagen, die wir gerade fertiggestellt hatten, sondern erging sich in langen Ausführungen, wie sehr der Westen die Taleban missverstehe. Wir tranken die Pepsi, die uns serviert wurde, und hörten zu, zufrieden, dass wir das vereinbarte Dokument in der Tasche hatten.

Was in diesen denkwürdigen Stunden am meisten verblüffte, war der völlige Mangel an Charisma des selten öffentlich auftretenden und deshalb als geheimnisvoll geltenden, damals 40-jährigem Mulla Muhammad Omar. Er redete langatmig und wie ein DorfMulla – der er ja auch war. Genau das war es wohl, was die Afghanen damals brauchten: jemanden, der fromm, einfach und an politischen Ämtern nicht interessiert war. Die Warlords und Kommandeure, die das Land nach dem Abzug der Sowjets in einen neuen Bürgerkrieg gestürzt hatten, besaßen eindeutig zu viel Charisma.

Gleichzeitig mangelte es Mulla Omar und den Taleban nicht an religiösem Sendungsbewusstsein. Sie waren gekommen, alle Abweichungen vom rechten Pfad – Korruption und Gewalt – zu beenden. Omar, so jedenfalls der Mythos, hatte diesen Auftrag im Traum empfangen, man nannte ihn den „zweiter Omar“, nach dem Kalifen Omar ibn al-Khetab, der den Koran niederschreiben lassen hatte. Im April 1996 wurde dem Talebanchef bei einem Treffen hunderter islamischer Gelehrter vor einer riesigen Menschenmenge der Titel Amir ul-Momenin, Oberhaupt der Gläubigen, verliehen. Ein Teilnehmer, der Verwahrer des „heiligen Mantels“ – der einst dem Propheten Muhammad gehört haben soll und den afghanische Nomadenkrieger in Buchara erbeutet hatten – in einem nahegelegenen Schrein, legte diesen als zusätzliche Weihe um Omars Schultern.

Das Treffen in Kandahar zeigt, wie die Taleban schon damals funktionierten. Die Vereinbarung mit der Nordallianz unterschrieb Bildungsminister Mulla Amir Khan Mutaqi, die Verhandlungsführung hatte Omar an Mutawakkel delegiert. Er gab nur seinen Segen.

So lief es auch nach dem Sturz des Talebanregimes durch die US-geführte Intervention nach den Anschlägen des 11. September 2001. Die politischen und militärischen Angelegenheiten der nun in eine Guerrillatruppe verwandelten Taleban übertrug Omar einem Führungsrat. Selbst für die meisten dessen Mitglieder war er spätestens seit 2009 nicht mehr direkt zu erreichen. Im Gegensatz zu Bin Laden gab es von ihm weder Video- noch Audiobotschaften. Mit den Jahren des Schweigens kamen selbst vielen Taleban Zweifel, ob ihr Anführer noch am Leben sei, und wenn, dass er – wie sein designierter Nachfolger Mulla Baradar seit 2010 – vom pakistanischen Geheimdienst, dem Förderer und Kontrolleur der Taleban, von der Außenwelt abgeschottet werde. Aber so lange es keine politischen Differenzen gab, hielten alle am Konsens fest, Zweifel nicht laut werden zu lassen.

Dieser Konsens brach erst zusammen, als Pakistans Führung Anfang Juli die Taleban zu direkten Friedensgesprächen mit der neuen Regierung Präsident Ashraf Ghanis in Kabul zwingen wollte, was diese bisher abgelehnt hatten. Zu diesem Zeitpunkt war Mulla Akhtar Muhammad Mansur – inzwischen neuer Talebanchef – schon seit fünf Jahren Chef des Führungsrats, offiziell noch interimistisch. Während dieser Er Jahre hatte er versucht, die Taleban aus dessen direktem Einfluss Pakistans herauszulösen. 2013 ließ er ein Verbindungsbüro im Golfstaat Katar eröffnen, verlegte nach und nach die gesamte politische Kommission der Taleban dorthin und machte sie zum einzig legitimen Verhandlungspartner.

Islamabad hatte für die geplanten Gespräche zwar Mansurs Genehmigung eingeholt, aber im Gegenzug versprochen, das Treffen geheim zu halten. Doch das Versprechen wurde gebrochen, und Mansur distanzierte sich öffentlich.

Pakistan nahm das als endgültigen Affront. Offenbar im Abstimmung mit Kabul ließ man die geheim gehaltene Nachricht vom Tod Mulla Omars heraus, um Mansur als Lügner und Usurpator hinzustellen und zu unterminieren. Mansur schlug zurück und ließ sich auch zum Amir ul-Momenin ernennen.

Noch ist dieser Machtkampf nicht entschieden. Es gibt Widerstand gegen Mansur. Aber eines ist klar: Wer wirklich Frieden in Afghanistan will, sollte nicht versuchen, die Aufstandsbewegung aufzuspalten. Das ist ein gefährlicher Holzweg, der noch radikalere Gruppen erzeugt, die jeden Friedensschluss mit Freude in die Luft jagen werden.

 

Thomas Ruttig ist Ko-Direktor des Afghanistan Analysts Networks (http://www.afghanistan-analysts.org/) , eines unabhängigen Think Tanks mit Sitz in Kabul und Berlin. Er beschäftigt sich seit den 1980ern mit Afghanistan, hat über 10 Jahre dort gelebt und gearbeitet (u.a. für die UNO, die EU, die bundesdeutsche und DDR-Botschaft) und spricht die beiden Landessprachen fließend. 2001 hat er auch Mulla Mansur getroffen.

 

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