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Wie es mit den Verhandlungen weiterging – Fortsetzung meiner Beiträge vom 21.8. und 23.8. (hier und hier; ursprünglich im November 2000 erschienen). Der folgende Beitrag erschien damals in der Zeitschrift „Südasien“, Heft 1/2001, S. 67-68.

 

Diplomaten-Voodoo gegen die Taleban

Am Donnerstag treten verschärfte Sanktionen gegen die in Afghanistan herrschenden Ultraislamisten in Kraft. Doch sie zielen eher auf Symptome denn Ursachen des über 20-jährigen Konflikt

Winter in Afghanistan ist keine erfreuliche Jahreszeit. Zwar tanzten im Dezember die Bewohner Kabuls auf den Straßen, als seit drei Jahren erstmals wieder reichlich Schnee fiel – der im Frühjahr und Sommer die Flüsse und Bewässerungssysteme in dem seit diesen drei Jahren von einer extremen Dürre geplagten Land füllt. Aber wenn nicht bald mehr schneit, droht laut UN-Welternährungsprogramm einer Million Afghanen der Hungertod. Der Schnee auf den Bergen, die das fast 2000 Meter hoch gelegene Kabul malerisch einschließen, ist vorerst also nur eine Hoffnung auf bessere Zeiten.

Afghanistans winterlicher Alltag wird weiterhin vor allem von Problemen regiert. Noch gegen acht Uhr früh, die Morgensonne wärmt noch immer nicht richtig, kauern an einer Kabuler Straßenecke ein paar Dutzend Männer, gegen die Kälte so tief in Decken gehüllt, dass nur noch die Nasenspitzen hervor lugen, und warten auf ein Wunder. Die wenigen Arbeitgeber haben schon zwischen 5 und 6 Uhr ihre Tagelöhner geheuert. Und während der steigende Konkurrenzdruck durch Zuwanderer aus den Dürregebieten dafür sorgt, dass auch die Löhne der wenigen Glücklichen, die einen Job ergattern, sinken, steigen gleichzeitig die Preise für Brennstoffe und Grundnahrungsmittel.

In diesem Winter kommen erschwerend die verschärften UN-Sanktionen hinzu, die der Sicherheitsrat am 19. Dezember beschloss und die am Donnerstag nach 30-Tages-Frist in Kraft treten. Die regierenden Taleban machen sie für die Verschlechterung der Lebenslage verantwortlich. Selbst humanitäre UN-Agenturen widersprechen Moskaus und Washingtons Ansicht, dass es sich um “smarte Sanktionen” handele, die der Bevölkerung nicht schadeten. Einer Studie des humanitären UN-Koordinationsbüros für Afghanistan (UNOCHA) zu Folge wirkten sich schon die weitaus schwächeren Sanktionen vom November 1999 “indirekt” auf die Lebenslage der Bevölkerung auf, vor allem indem sie ihr “Gefühl der Isolation” und damit die Hoffnungslosigkeit verstärkten.

Vor 14 Monaten waren die Auslandsguthaben der Taleban eingefroren und alle Auslandsflüge der afghanischen Fluggesellschaft Ariana gestoppt worden. Ab Donnerstag dürfen auch ausländische Fluglinien Afghanistan nur noch aus humanitären Gründen und für Pilger ansteuern und müssen dies vorher beim UN-Sanktionskomitee beantragen. Taleban-Minister und deren Stellvertreter dürfen nur noch aus ebendiesen Gründen sowie zu Friedensgesprächen ihr Land verlassen. Die Taleban-Büros im Ausland – darunter eines in Frankfurt (Main) – werden geschlossen, ihre drei Botschaften in Islamabad, Riad und Abu Dhabi personell und im Rang reduziert, die Konten des von den Taleban beherbergten Islamisten-Chefs Usama bin Laden sowie seiner Organisation al-Qaida (“die Basis”) eingefroren, und schließlich sollen die Taleban auch deren Ausbildungslager in Afghanistan schließen (siehe Kasten).

Kernstück der neuen Sanktionen ist jedoch ein einseitiges Waffenembargo gegen die Taleban, das ihre Opponenten von der Vereinigten Front (VF) unter Militärchef Ahmad Shah Massud ausnimmt. Schließlich darf auch Essigsäure-Anhydrid nicht mehr nach Afghanistan exportiert werden, eine für die Heroinraffinierung aus Opium unabdingbare Chemikalie. Afghanistan ist der weltgrößte Produzent von Rohopium – allerdings mit deutlich sinkender Tendenz, wie der Chef des UN-Drogenbekämpfungsprogramms Pino Arlacchi noch vor dem Sanktionsbeschluss bekannt gab.

Genau deshalb verstehen die Taleban die Welt nicht mehr. Sie führen den von Arlacchi bestätigten Trend zu Recht auf ein Dekret ihres Großen Steuermannes Mulla Muhammad Omar zurück, der landesweit den Anbau von Opiummohn untersagte (siehe Kasten). Besonders verbittert sind sie darüber, dass Arlacchis Report sich nicht im Text der Sicherheitsrats-Resolution vom 19. Dezember widerspiegelt, sondern ein angeblicher weiterer Produktionsanstieg als einer der Gründe für die neuen Strafmaßnahmen angeführt wird.

Beobachter in der Region sind der Auffassung, dass die neuen Sanktionen durchaus einen der Hauptgründe für den anhaltenden Krieg in Afghanistan beseitigen könnten: Pakistans umfangreiche militärische Unterstützung für die Taleban. Ohne die Waffen, Munition und Berater aus dem Nachbarland wären sie ihren Gegnern nicht mehr so deutlich überlegen und könnten gezwungen werden, so die Kalkulation, sich wieder auf die Option Verhandlungstisch zu besinnen. Aber bisher sind Moskau und Washington den Beweis dafür schuldig geblieben, dass sie genügend Geld für die kostspielige Überwachung der Sanktionen geben wollen. Ein Expertenkomitee, das Vorschläge für das Monitoring ausarbeiten soll, ist noch nicht einmal benannt.

Paula Newberg, die lange für eine humanitäre UN-Agentur in Afghanistan arbeitete, kommentierte jüngst in der “Los Angeles Times”, dass die USA und Russland Afghanistan in eine “diplomatische Voodoo-Puppe” verwandelt hätten, “in die periodisch Nadeln gestochen werden, anstatt sich der schwierigen Arbeit zu widmen, dauerhaft Frieden herbei zu führen”.

Diese “Nadeln” sollen in der US-Variante Usama bin Laden treffen, die russischen die tschetschenischen und usbekischen Terroristen, die von Camps in Afghanistan aus agieren (siehe Kasten). UN-Generalsekretär Kofi Annan sieht das nicht grundsätzlich anders und erklärte, die Sanktionen beförderten weder die UN-Friedensbemühungen noch ihre humanitären Anstrengungen. Im Gegenteil: Die Taleban, und das war voraus zu sehen, nahmen die Sanktionen zum Vorwand, bereits den gerade am Anfang stehenden und von der UNO vermittelten Dialog mit Massuds VF zu boykottieren.

Zudem gerät angesichts des Reizthemas islamischer Terrorismus die tatsächliche schwarze Seite des Taleban-Regimes mehr und mehr aus dem Blickfeld: die fast völlige Ausschließung der Frauen aus dem gesamten sozialen Leben, einschließlich des Bildungssystems und des Arbeitsmarktes. Durch das einseitige Waffenembargo fühlt sich auch Massud zu neuen militärischen Taten ermuntert. Afghanistan steht 2001 ein weiteres Kriegsjahr ins Haus.

 

Kasten 1: Drogen

Vier Jahre benötigten die ansonsten koranfesten Taleban, bis sie feststellten, dass der Anbau von Opiummohn der “heiligen Religion des Islam” widerspricht. Kurz vor der letzten Herbstaussaat dekretierte ihr Führer Mulla Muhammad Omar dann ein landesweites Verbot und drohte schwere Strafen an. Für die Durchsetzung haftbar gemacht wurden die Hakims, die Dorfältesten, die von örtlichen Taleban-Kommandos überwacht werden. Widerstand, etwa bei den mächtigen Shinwar-Paschtunen am Khyber-Pass, wurde mit einer Mischung aus Drohungen und Versprechungen unterbunden.

Trotzdem gingen die Taleban mit dem Dekret ein großes Risiko ein. Viele ihrer Unterkommandanten sind in die Geschäfte mit dem “Schwarzen”, wie die Paschtunen das Rohopium wegen seiner Farbe nennen, verwickelt. Ihre wirtschaftliche – und damit militärische – Überlebensbasis wird damit in Frage gestellt. Schon soll eine Delegation einflussreicher Stammesführer aus der Provinz Helmand, eine der Taleban-Hochburgen, Mulla Omar mit ihrem Abfall von der Bewegung gedroht haben.

Zudem fehlt es an Anreizen für die Bauern, auf alternative Kulturen umzusteigen. Das wollen die Taleban der UNO überlassen, aber die musste aus Geldmangel gerade Substitutionsprojekte ihres Anti-Drogen-Programms in Afghanistan einstellen.

 

Kasten 2: Terroristen

Als weltweit wichtigsten “Sumpf”, in dem sich Terroristen verbergen und der deshalb trocken gelegt werden muss, hatte der scheidende Anti-Terrorismus-Koordinator des Washingtoner State Departments, Michael Sheehan, Afghanistan bezeichnet. Russische Politiker haben sich derweil eine neue Dominotheorie mit dem Ausgangspunkt Afghanistan zurecht gelegt: erst fällt Mittelasien, dann der Kaukasus und islamische Gebiete Kernrusslands (wie Tatarstan), schließlich der Balkan.

Unbestritten beherbergen die Taleban Pakistani und Tschetschenen, Usbeken und Uighuren, Bangladeschi und Filipinos sowie Araber verschiedener Herkunft, die sich an den afghanischen Fronten Kampferfahrung für ihre Heimatländer holen. Unklar ist jedoch ihre wirkliche Zahl, meist wird von mehreren Tausend gesprochen. Aber die Angaben stammen von Geheimdiensten, die sie in der Regel aus “nationalem Interesse” manipulieren. Intern etwa geben russische Offizielle zu, dass höchsten zwei Dutzend Tschetschenen in Afghanistan seien, und sie eher den Taleban etwas beibringen könnten als umgekehrt. Auch der usbekische Islamistenführer Juma Boi Namangani, angeblich in Afghanistan, hält sich laut “Daily Telegraph” in Tadschikistan auf. Wie er über die durch russische Soldaten bewachte Grenze schlüpfen konnte, falls er nicht die ganze Zeit auf der anderen Seite war, wird wohl deren Geheimnis bleiben.

Unter Experten umstritten ist auch, wie weit die Taleban an einem Revolutionsexport interessiert sind oder ob ihre “Agenda” sich auf das eigene Land beschränkt.

 

Im übrigen kann dieser Artikel – und viele andere – über die Datenbank der Kooperation Dritte Welt Archive bestellt werden.

 

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