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Dieser Tage und Monate wird in Afghanistan und Deutschland das 100. Jubiläum der deutsch-afghanischen Beziehungen begangen – vielleicht sollte man eher sagen: militärisch-diplomatischer Kontaktaufnahme. In der Nacht vom 19. zum 20. August überschritten nämlich die Mitglieder der Niedermayer-Hentig-Expedition die persisch-afghanische Grenze bei Herat (mehr hier). Sie sollten damaligen afghanischen Emir Habibullah dazu bringen, an der Seite der Mittelmächte Deutschland, Österreich-Ungern und Türkei in den Ersten Weltkrieg einzutreten.

Gruppenbild der Niedermayer-Hentig-Expedition; aus: Niedermayer, Unter der Glutsonne Irans.

Gruppenbild der Niedermayer-Hentig-Expedition; aus: Niedermayer, Unter der Glutsonne Irans.

 

Nach etwa zwei Wochen Wartens in Herat wurde ihnen vom Amir erlaubt, nach Kabul weiterzureisen. Das geschah dann am 7. September 1915. Am 25. September trafen sie vor Kabul ein – doch sie durften noch nicht in die Stadt. Das wurde ihnen erst am 2.10.1915 gestattet, und am 10.10. erhielten sie ihre erste Audienz beim Emir. Das war in Form einer Privataudienz in Paghman, denn Habibullah war den Briten gegenüber vertraglich verpflichtet, keinerlei diplomatischen Beziehungen ohne deren Zustimmung einzugehen. (Das änderte erst Amir Amanullah 1919.)

Erst am 24.1.1916 wurde dann tatsächlich ein erstes Freundschaftsabkommen paraphiert, das die Deutschen entworfen hatten – und das dann nie wirklich in Kraft trat. Die deutsche Seite betrachtete es trotzdem für gültig, aber erst 1926 wurde es von einem voll gültigen Abkommen ersetzt und der erste permanente deutsche Gesandte traf in Kabul ein.

Ghani, Abdullah und Steinmeier heute vormittag in Kabul. Foto: Tolonews.

Ghani, Abdullah und Steinmeier heute vormittag in Kabul. Foto: Tolonews.

 

Aus dem Anlass des 100. Jahrestages ist Außenminister Frank-Walter Steinmeier heute in Kabul eingetroffen und hat auf einer Veranstaltung im Kabuler Präsidentenpalast – in Anwesenheit von Präsident Aschraf Ghani, CEO Abdullah und Außenminister Salahuddin Rabbani eine Rede gehalten (ein afghanischer Medienbericht hier). Während Rabbani auf Twitter zitiert wird, es habe in diesen 100 Jahren keine Probleme zwischen beiden Ländern gegeben (was bestimmt höflich gemeint war), problematisierte der deutsche Minister durchaus den Anfang der Beziehungen im Jahre 1915, im Kontext des von Deutschland vom Zaun gebrochenen Ersten Weltkrieges:

Im August 1915 gelangte eine Expedition unter Leitung des Offiziers v. Niedermayer und des Diplomaten v. Hentig zunächst nach Herat, und dann nach Kabul an den Hof des Königs Habibullah. Sie wurden untergebracht im Babur-Garten, der vor wenigen Jahren in einem deutsch-afghanischen Kooperationsprojekt wiederhergestellt worden ist.

Am Anliegen dieser Mission mitten im Ersten Weltkrieg gibt es nichts zu beschönigen: Ihre politischen Ziele waren zweifelhaft, der Ausgang erfolglos. Dennoch legte diese Begegnung den Grundstein für eine besondere Beziehung.

(Der volle Wortlaut der Steinmeier-Rede unten und mehr auf der AA-Webseite zum Thema hier.)

Aber einige spätere Episoden fehlen dennoch auch bei Steinmeier. Das betrifft zum einen die sehr engen deutsch-afghanischen Beziehungen während der Nazi-Zeit, in denen Teile der Nazi-Führung versuchten – ähnlich wie Niedermayer und Hentig zwei Jahrzehnte eher, und wie sie erfolglos –, Afghanistan im 2. Weltkrieg auf ihre Seite zu ziehen. (Hitler war dann dagegen, denn er hatte wichtigere Ziele.) Das spricht zumindest gegen die inhaltliche Kontinuität der hundertjährigen Beziehungen. Mehr Details dazu in meinem Text hier.

Zudem kommt leider auch die sehr fruchtbare Phase aus den 1960er und 1970er Jahren mit dem bundesdeutschen Provinzentwicklungsprogramm in Paktia wieder einmal nicht vor. Entweder fehlt es darüber in Berlin an Informationen, oder man möchte sich nicht der Frage aussetzen, warum man 2001/02 nicht daran angeknüpft hat.

Drittens gab es auch Beziehungen Afghanistan-DDR, die durchaus Positives brachten, etwa für die Entwicklung des Deutschunterrichts. Dazu mein Text hier.

Niedermayer und Hentig hatten es bei der Anreise damals schwerer. Foto: AA.

Niedermayer und Hentig hatten es bei der Anreise damals schwerer. Foto: AA.

 

Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum hundertsten Jubiläum der deutsch-afghanischen Freundschaft in Kabul, 30. August 2015

 

Herr Präsident,

Herr Regierungsvorsitzender, Herr Minister,

Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

 

Haben Sie vielen Dank für den herzlichen Empfang und die Gastfreundschaft in Ihrem Hause, Herr Präsident. Jedes Mal, wenn ich Afghanistan besuche, merke ich es auch ohne große Worte: Wir sind hier unter Freunden.

Im Namen der Bundesregierung darf ich Ihnen die besten Glückwünsche zum 96. Jahrestag der Unabhängigkeit überbringen, den Ihr Land vor wenigen Tagen begangen hat.

Dass die Freundschaft zwischen Afghanistan und Deutschland noch vier Jahre älter ist, hat seinen besonderen Grund. Im August 1915 gelangte eine Expedition unter Leitung des Offiziers v. Niedermayer und des Diplomaten v. Hentig zunächst nach Herat, und dann nach Kabul an den Hof des Königs Habibullah. Sie wurden untergebracht im Babur-Garten, der vor wenigen Jahren in einem deutsch-afghanischen Kooperationsprojekt wiederhergestellt worden ist.

Am Anliegen dieser Mission mitten im Ersten Weltkrieg gibt es nichts zu beschönigen: Ihre politischen Ziele waren zweifelhaft, der Ausgang erfolglos. Dennoch legte diese Begegnung den Grundstein für eine besondere Beziehung. Am 24. Januar 1916 wurde ein Freundschaftsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Afghanistan paraphiert. Darin wurde unter anderem die Unabhängigkeit Afghanistans anerkannt. Auch wenn es zehn weitere Jahre dauern sollte, bis es zur Ratifizierung eines bilateralen Vertrages kam, lässt sich doch sagen: Deutschland hat Afghanistan von Anfang an als unabhängig und gleichberechtigt angesehen.

Bald nach Kriegsende begab sich eine afghanische Gesandtschaft nach Berlin, um dem Reichspräsidenten Ebert im Namen des neuen Königs Amanullah eine Zusammenarbeit in mehreren für die Entwicklung Afghanistans entscheidenden Bereichen anzutragen.

1922 traf eine erste Gruppe von vierzig jungen Afghanen zum Studium in Deutschland ein. Deutsche Fachleute kamen nach Kabul, um hier moderne Straßen, Bewässerungsanlagen und Krankenhäuser zu errichten. Ein deutscher Architekt, Walter Harten, entwarf die neue Residenz Dar ul-Aman. 1924 wurde die deutsche Amani-Oberrealschule in Kabul gegründet. 1928 stattete König Amanullah Deutschland einen Staatsbesuch ab – von nur drei ausländischen Staatsoberhäuptern, die das nach dem Ersten Weltkrieg von vielen anderen noch gemiedene Land besuchten. Aus diesem Jahr stammt auch das Schulabkommen, dessen Faksimile ich Ihnen, Herr Präsident, heute überreichen durfte. 1937 richtete die Lufthansa eine Flugverbindung Berlin – Kabul ein, zum stolzen Preis für 190 Pfund Sterling für eine Strecke.

Meine Damen und Herren,

Freunde, so heißt es, erkennt man in der Not. Für kein anderes Land der Welt hat Deutschland finanziell mehr Entwicklungshilfe geleistet als für Afghanistan. Seit dem Ende des Taliban-Regimes hat sich in Afghanistan das Pro-Kopf-Einkommen mehr als verdoppelt, die durchschnittliche Lebenserwartung ist deutlich gestiegen, mehr Menschen als je zuvor haben Wasser und Strom, viele Mädchen und Jungen können zur Schule gehen, der erste friedliche Machtwechsel hat sich im vergangenen Jahr vollzogen. Das ist dem Aufbauwillen des afghanischen Volkes zu verdanken, aber auch einer beispiellosen internationalen Unterstützung. Wir sind stolz auf unsere Entwicklungshelfer und Soldaten, die hier unter schwierigen Umständen gearbeitet haben und weiter arbeiten. 55 deutsche Soldaten und drei Bundespolizisten haben hier bei der Verteidigung der Sicherheit ihrer Heimat und Afghanistans ihr Leben verloren.

Ihnen gilt auch heute unser ehrendes Gedenken.

Unsere Beziehung hat durch gute und schlechte Zeiten gehalten, weil sie tiefer geht als Interessenpolitik. Sie wird getragen von vielen persönlichen Begegnungen und Verbindungen – unter anderem den über 100.000 Menschen afghanischer Abstammung in Deutschland. Deswegen bin ich auch optimistisch für die Zukunft.

Sie können sicher sein: Deutschland bleibt Afghanistan verbunden. Unsere Freundschaft hat keinen Endtermin.

Herr Präsident, Herr Regierungsvorsitzender, meine Damen und Herren,

Afghanistan steht an einer Wegscheide. Die Übernahme der Sicherheitsverantwortung stellt die afghanischen Streitkräfte vor eine große Herausforderung, der sie sich unter hohen Opfern stellen. Sie kämpfen für die Stabilität ihres Landes und damit auch stellvertretend für uns gegen internationalen Terrorismus. Immer noch fallen fast täglich afghanische Zivilisten blinder Gewalt zum Opfer. Zu den jüngsten Anschlägen in Kabul spreche ich Ihnen und dem afghanischen Volk unser Beileid aus.

Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Zum ersten Mal haben direkte innerafghanische Friedensgespräche stattgefunden. Diese Chance darf nicht vertan werden. Die Taliban müssen nach dem Tod ihres Gründers jetzt eine neue Seite aufschlagen und ihre Interessen politisch einbringen. Der Friedensprozess ist der einzige Weg zum Ende des Konflikts. Er muss von Afghanen in eigener Verantwortung geführt werden. Dazu ist die Kooperation Pakistans nötig, um die Sie, Herr Präsident, sich mit Ihrem mutigen Kurs bemühen. Das Nuklearabkommen mit Iran zeigt, was geduldige Diplomatie vermag. Ein Iran, der seine internationale Isolation überwindet, bietet auch wirtschaftliche Chancen für Afghanistan, das wieder zum Kernstück einer integrierten Region werden soll.

Ein afghanisches Sprichwort sagt: Geduld ist bitter, aber ihre Frucht ist süß. Afghanen, die in diesem Jahr so zahlreich auch nach Deutschland fliehen, müssen ihre Zukunft wieder in Afghanistan sehen können.

Meine Damen und Herren,

Wir wollen Afghanistan weiter unterstützen – im zivilen Bereich ebenso wie bei der Ertüchtigung der afghanischen Sicherheitskräfte. Unser Ziel dabei war und bleibt: Afghanistan muss auf eigenen Füßen stehen, um für Stabilität und Entwicklung sorgen zu können. Das ist eine Abmachung auf Gegenseitigkeit: Reformen müssen dringend angegangen werden, um im Interesse der Bevölkerung wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen.

Mit Vorfreude sehen wir, Herr Präsident, Ihrem Besuch in Deutschland entgegen. Wir wollen dieses Jubiläumsjahr mit zahlreichen Kulturereignissen feiern. Ich selbst hoffe, im nächsten Jahr zur Einweihung eines Freundschaftsgartens in Chihilsitoon wieder nach Kabul kommen zu können.

 

Artikel 1 des deutsch-afghanischen Freundschaftsvertrages lautet:

„Wie bisher soll fortan zwischen Deutschland und Afghanistan unverletzlicher Friede und aufrichtige dauernde Freundschaft herrschen“. Besser kann ich es auch heute nicht sagen. Möge diese Freundschaft lange blühen und gedeihen.

 

 

 

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