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Der folgende Artikel stand gestern in der Printausgabe der tazund findet sich hier auf der taz-Webseite.

Eines der wenigen Fotos, das einem hilft, sich eine Vorstellung von dem Ort zu machen, findet sich hier (Quelle: NATO, via Blogeintrag auf fictigristle. wordpress.com vom April 2011); ein weiteres hier, als dort noch englische Soldaten patrouillierten. Auf diesem nicht mehr aktiven Blog (Helmandblog) finden sich viele Fotos, die meisten zeigen allerdings Soldaten, nicht Musa Qala – von Ausnahmen abgesehen.

 

Der zweite Verlust von Musa Qala

Afghanistan: Die Taliban verstärken ihre Offensive auch im Süden und erobern immer größere Gebiete. Gerade wird wieder um das symbolisch wichtige Opiumhandelszentrum in Helmand gekämpft. Regierungstruppen halten oft nur noch Distriktzentren.

 

Von Thomas Ruttig

Berlin taz | Nachdem bisher besonders der frühere Bundeswehrstandort Kundus im Fokus der diesjährigen Taliban-Offensive stand, wird jetzt auch in deren südafghanischen Hochburgen wieder gekämpft. Mitte der letzten Woche eroberten sie zeitweilig mit Musa Qala schon das zweite Distriktzentrum in der Provinz Helmand und brannten den Amtssitz des Distriktgouverneurs, die Polizeistation, eine Klinik und eine Schule nieder. 25 Soldaten und Polizisten seien getötet worden, viele verwundet, 50 würden vermisst. Auch drei US-Luftschläge, bei denen vor einer Woche 40 Taliban ums Leben gekommen sein sollen, konnten die Angreifer zunächst nicht aufhalten. Schon vier Wochen vorher war ihnen der Nachbardistrikt Nausad in die Hände gefallen.

Am Sonntagvormittag meldete das Verteidigungsministerium in Kabul, Regierungstruppen hätten die Kleinstadt zurückerobert und dabei 220 Taliban getötet. Aber die Kämpfe halten lokalen Journalisten zufolge an. Zudem wird auch nur der vorhergehende Zustand wieder hergestellt worden sein: Die Regierung kontrolliert das Distriktzentrum, die Aufständischen die meisten Gebiete rundherum.

Musa Qala liegt im Norden Helmands. Der gleichnamige Hauptort beherbergt einen wichtigen Drogenumschlagplatz und ist das Zentrum des afghanischen Mohnanbaus. Etwa zwei Drittel der afghanischen Jahresgesamtproduktion von 7500 Tonnen Opium kommen aus Helmand.

Für die etwa 140.000 Einwohner Musa Qalas wird sich nicht viel ändern. Sie sitzt ist es gewöhnt abzuwarten, wer für die nächste Zeit dort die Oberhand haben wird. Zu oft hat die Kleinstadt schon ihren Besitzer gewechselt. Schon im Februar 2007 war sie einmal von den Taliban gestürmt und dann im Dezember von britischen und afghanischen Truppen zurückerobert worden.

Zuvor hatten die dort von den Taliban belagerten britischen Truppen versucht, sich über ein Abkommen mit den Angreifern aus deren Umklammerung zu befreien. Dieses Vorgehen war von örtlichen Stammesältesten vorgeschlagen und vermittelt worden. In einer Art Modellversuch sollten in einer kleineren geografischen Einheit die Kämpfe beendet, der Wiederaufbau ermöglicht und dabei sogar die Taliban einbezogen werden.

Das Abkommen vom 7. September 2006 hielt 142 Tage. Es scheiterte, weil die Amerikaner damals noch jeden politischen Kontakt mit den Taliban ablehnten; diese Haltung änderte sich erst unter Präsident Barack Obama. In Musa Qala griffen US-Truppen damals eine Taliban-Gruppe an, ihrer Ansicht außerhalb des wenige Kilometer messenden Radius um das Distriktzentrum, dem Geltungsbereich des Abkommens.

Die Taliban sahen das Abkommens dadurch aber verletzt und marschierten in Musa Qala ein. Seitdem wurde die Kontrolle darüber – abgesehen vom wirtschaftlichen Wert der dortigen Drogenproduktion – zum Prestigeobjekt im andauernden Krieg. Die Briten verloren insgesamt etwa 400 Soldaten in Helmand, viele davon in Musa Qala

Neben Musa Qala und Nausad befinden sich acht der 14 Distrikte Helmands ganz oder teilweise unter Taliban-Kontrolle, darunter der Nachbardistrikt Baghran schon seit etwa zehn Jahren sowie Teile von Kadschaki mit einem wichtigen Wasserkraftwerk. Landesweit halten die Taliban zur Zeit mindestens zehn von 400 Distrikten vollständig. Das hört sich nicht viel an, aber mindestens 60 weitere sind von einer Taliban-Übernahme bedroht. Der Norden Helmands gehört zudem zu einem Band dünnbesiedelter Gebiete, das vom Iran im Osten bis Pakistan im Westen reicht, zwar von Enklaven unter Regierungskontrolle durchzogen ist, aber insgesamt schon seit Jahren eine konsolidierte Inlandbasis der Taliban darstellt.

Die afghanischen Streitkräfte halten weiter alle 34 Provinzhauptstädte, aber sie scheinen angesichts der über das Land verteilten Taliban-Minioffensiven oft nur in der Lage zu reagieren zu sein, wenn Gefahr im Verzug ist. Darauf scheint auch die Strategie der Taliban zu beruhen: Langsam und in peripheren Gebieten Boden gut machen und einen Auszehrungskrieg führen, in dem der Regierung langsam die Luft ausgeht. Bisher kann sie sich noch auf Finanzhilfe des Westens stützen. Aus den stagnierenden Eigeneinnahmen könnte sie allein nur ein Drittel des auf sechs Milliarden US-Dollar geschätzten Militäretats abdecken.

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