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Es ist gut, dass die deutschen Medien in den letzten Tagen und Wochen damit begonnen haben, Flüchtlinge nicht als „Welle“, sondern als einzelne Menschen darzustellen. Das kann sicher dazu beitragen, dass unsere Landsleute mehr Verständnis für die Entscheidungen der Flüchtlinge aufzubringen, die bei uns ankommen, und die Zahl jener, die „willkommen“ rufen und helfen, angestiegen ist. Es ist auch gut, dass offenbar beabsichtigt ist, Haushaltsüberschüsse für den Aufbau einer helfenden Infrastruktur bereitzustellen und nicht zum Bilanzausgleich im allgemeinen Etat verschwinden zu lassen.

Gleichzeitig frage ich mich, wie lange das Wohlwollen anhalten wird – vor allem da durch die Festlegung „sicherer Drittstaaten“ das Asylrecht, das ja ein individuelles ist, weiter untergraben wird und vor allem aus den Reihen der CSU die Angst vor IS-Schläfern geschürt wird, die sich angeblich unter die Flüchtlinge mischen. Hier würde ich doch für Besonnenheit plädieren – denn mit den Geldmitteln, die dem IS ganz offensichtlich zur Verfügung stehen, brauchen sich deren Leute kaum auf den riskanten Bootstrip über das Mittelmeer zu begeben. Und ganz praktisch: auch wenn wir von jedem Flüchtling die Fingerabdrücke nehmen würden, können wir die ja gar nicht abgleichen – denn eine IS-Datenbank gibt es ja wohl nicht.

 

Unser armes Ankunftsland

Berliner Zeitung, 31.7.2015

Von Jochen-Martin Gutsch

Vor ein paar Jahren schrieb ich eine Geschichte über einen afghanischen Studenten, der zum Tode verurteilt worden war. Wegen Gotteslästerung. Ich fuhr an den östlichen Stadtrand von Kabul, zum Gefängnis Pol-i-Charkhi. 20 Minuten durfte ich mit dem Gefangenen sprechen, umringt von fünf Wärtern. Sein Schädel war kahl rasiert, die Stimme leise und zittrig, die Füße steckten in farblosen Gummilatschen. Hektisch schrieb ich ein paar Zitate in meinen Notizblock. Dann schloss sich die Zellentür.

Ich habe den Studenten nie wieder gesehen. Aber er wurde irgendwann, auf politischen Druck des Westens, heimlich außer Landes geschafft und bekam Asyl in Schweden. Das hat ihm das Leben gerettet.

Später dachte ich manchmal an diese Geschichte. Und daran, wie unfassbar sicher, behütet, wohlhabend mein Leben in Deutschland ist. Ich habe dafür noch nicht einmal viel getan. Ich wurde zufällig in Berlin geboren. Als Ostler. Nicht in Kabul oder Damaskus. Später machten ein paar Leute mit Bärten Revolution. Und mein Leben wurde noch besser. Als Westler. Mir wurden ein Haufen Bürgerrechte geschenkt und die Möglichkeit, jeden Tag unter Hunderten Wurst- und Käsesorten auszuwählen. Ich denke auch heute wieder an diese Afghanistan-Geschichte, wenn in Deutschland über Flüchtlinge diskutiert wird.

Der Student in der Todeszelle war so etwas wie der erste Flüchtling, den ich traf. […]

Ich habe mir vor Kurzem eine kleine Wohnung gekauft. Manchmal schreibe ich dort. Das Land Berlin sucht gerade dringend Flüchtlingsunterkünfte, auch Privatwohnungen. Ich dachte kurz darüber nach, die Wohnung anzubieten. Ich brauche sie nicht unbedingt, und der Staat zahlt ja sogar Miete.

Dann war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich Flüchtlinge in meiner Wohnung haben will. Arme Schlucker. Und was werden die Nachbarn sagen?

So viel zu meiner eigenen Willkommenskultur.

 

Aus dem Sturm auf die Insel: Flüchtlinge auf Amrum

taz, 30.8.2015

Uthlande, Außenlande, heißen die Inseln, die das nordfriesische Festland säumen. Sie schützen es vor Sturm und Flut. Besonders Amrum ist den Gezeiten ausgeliefert. Am westlichen Rand der Uthlande gelegen, pusten dort die alljährlichen Herbststürme über Nacht ganze Dünen davon. Im Sommer fegt der Sand über den kilometerlangen Strand und kneift die unzähligen Touristen, die Schutz in den Kolonien von Strandkörben suchen.

90 Minuten trennen die Insel vom Festland. Sechsmal täglich fahren die Fähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei hin und her. In der Hochsaison transportieren sie 1.000 Feriengäste – pro Fahrt.

Auf Amrum selbst leben nur 2.300 Menschen. An einem kalten Tag im Februar 2015 nimmt eine der Fähren auch die Familie Ansary* mit ins Außenlande nach Amrum. Doch die vier kommen nicht als Gäste. Sie kommen, um zu bleiben.

Eine zweijährige Odyssee hat die Familie von Rashid und seiner Frau Ayla da hinter sich. Start: Kabul in Afghanistan. Ziel: Unbekannt, bis die Fähre auf Amrum anlegt – und die Familie mit selbst gebackenem Kuchen in der kleinen Flüchtlingswohnung empfangen wird.

12.000 Gästebetten bietet Amrum urlaubsreifen Fremden. Seit Februar sind zwölf weitere hinzugekommen, für Flüchtlinge und Asylbewerber.

 

Jedenfalls habe ich erstmal eine Reihe von Zeitungsberichten zusammengestellt, in denen frühere und jetzige Lebensumstände afghanische Flüchtlinge beschrieben werden. Viele davon zeigen: Integration funktioniert. Und: manche Flüchtlinge arbeiten ja schon selbst mit.

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Nun ein Bericht aus der Schweiz:

WoZ (Zürich), Nr. 35/2015 vom 27.08.2015

(…) zum Beispiel die Afghanin Somayeh Amiri*: «In der Schweiz habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Rechte», sagt die Achtzehnjährige, die inzwischen in einer Zürcher Gemeinde lebt. Sie spricht bereits praktisch fliessend Deutsch. Was ihr hingegen fehle, sei eine gewisse Bestärkung in ihren Vorhaben. Seit zweieinhalb Jahren lebt Amiri in der Schweiz. Kürzlich hat sie in einer Werbeagentur geschnuppert. Grafikerin oder Informatikerin will sie werden. Dass man ihr einen solchen Werdegang zugetraut hätte, spürte die Jugendliche in der Schweiz lange nicht. Man habe ihr oft zu verstehen gegeben, dass sie ihre Ziele nicht zu hoch stecken solle. «Ich hörte immer wieder: ‹Das ist nicht realistisch.› » Somayeh Amiri trägt ihr Haar offen und spricht mit leiser, aber fester Stimme. Ihrem Schicksal begegnet sie mit einem unerschütterlichen Optimismus: «Ich will mein altes Leben vergessen», sagt sie, «und hier komplett neu anfangen.»

Somayeh Amiri ist im Iran als Tochter einer afghanischen Flüchtlingsfamilie aufgewachsen. Im südlich von Teheran gelegenen Ghom lebte man ein prekäres Leben: Wie die grosse Mehrheit der AfghanInnen, die zu Hunderttausenden aus ihrer kriegsgebeutelten Heimat ins Nachbarland geflohen waren, war Somayehs Familie nicht anerkannt und zu einem Leben in der Illegalität gezwungen. Staatliche Schulen waren der Familie ebenso verwehrt wie ein Spitalbesuch. «Wir konnten noch nicht einmal zur Polizei.»

Amiris Vater hatte Frau und Kinder 1999, nach der Machtübernahme der Taliban, in den Iran geschafft. Sein Geld verdiente er als Schwarzarbeiter in Fabriken – bis für die Familie alles noch viel schlimmer kam. Der Vater sei plötzlich schwer erkrankt, erzählt Somayeh Amiri. Nachdem er schliesslich gestorben war, reiste der Onkel aus Afghanistan an. Was dann passiert sei, gab die junge Afghanin nach ihrer Einreise in die Schweiz den BeamtInnen zu Protokoll: «Er hat uns alle vergewaltigt. Meine Mutter, meine grosse Schwester und mich.» Ihr Onkel war mit einem Plan nach Ghom gereist: Nach dem Tod des jüngeren Bruders wollte der etwa siebzigjährige Mann dessen Witwe heiraten, Somayeh Amiris Mutter. Für die damals vierzehnjährige Somayeh hatte er seinen etwa vierzigjährigen Sohn vorgesehen.

Als sich die Mutter widersetzte, drohte er den Frauen mit einem Säureangriff. Somayehs Mutter entschied sich zur Flucht. Sie fand einen Schlepper, der die Familie – Mutter und Töchter sowie Somayehs kleinen Bruder – in die türkische Stadt Batman brachte. Von der Verwandtschaft angestachelt, spürte der Onkel die Familie auch hier auf, in einem Camp der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen (UNHCR). Also packte die Familie nach einigen Wochen erneut ihr Hab und Gut und floh nach Istanbul. Zwei, drei Monate schlugen sich Mutter und Kinder hier durch, bis sich ein weiterer Fluchthelfer fand, der die Weiterreise nach Griechenland organisierte.

Über das Schwarze Meer nach Europa aber sollte es nur Somayeh Amiri schaffen. Alle seien sie gleichzeitig losgerannt, erzählt sie von der verhängnisvollen Nacht, als die schaukelnden Boote auf die Flüchtlingsgruppe warteten: «Es war finster. Und es musste ganz schnell gehen. Da habe ich meine Familie aus den Augen verloren.» Amiri landete in einem anderen Boot als die Mutter und ihre beiden Geschwister. Während sie selbst es ans andere Ufer schaffte, wurde die Familie von der Grenzpolizei gestoppt.

Denkt Somayeh Amiri an Athen, hat sie vor allem einen Ort vor Augen: die berüchtigte Axarnon-Strasse. Hoch und runter sei sie diese gegangen. Zwei Wochen lang – auf der Suche nach einem jener Passdealer, die im Herzen Griechenlands Geschäfte mit den Flüchtlingen machen, die hier auf ihrem Weg in den Norden stranden. Nach der Überfahrt übers Schwarze Meer hatte sich Amiri einer afghanischen Flüchtlingsfamilie angeschlossen. Zusammen meldeten sie sich auf einem Polizeiposten, wo man den Ankömmlingen bloss einen Wisch aushändigte: Sie hätten einen Monat Zeit, einen Asylantrag zu stellen oder aber das Land zu verlassen, stand drauf. Die junge Frau und ihre neuen BegleiterInnen reisten damit nach Athen weiter.

Somayeh Amiri war damals sechzehn. «Ich hatte grosse Angst», sagt sie. «Viel lieber wäre ich zu meiner Familie zurückgekehrt.» Doch die Mutter drängte ihre Tochter am Telefon zur Weiterreise. «Sie sagte zu mir, nun müsse wenigstens ich meine Chance packen.» Einen Monat lang lebte Amiri in einer überfüllten Schlepperwohnung an der Axarnon-Strasse. Dann drückte man ihr den Pass einer Polin, ein Flugticket nach Wien und ein Zugbillett nach Zürich in die Hand. Schweissnasse Hände hatte die Jugendliche bei der Passkontrolle am Flughafen. Doch keiner fragte nach. Aufgegriffen wurde Somayeh Amiri erst von Schweizer ZöllnerInnen.

Nach einigen Wochen im Auffanglager in Altstätten und zwei Jahren im Zürcher UMA-Zentrum Lilienberg lebt Amiri heute in einer Gemeinschaftswohnung für Frauen. Die grösste Herausforderung bestehe derzeit in der Suche nach einer eigenen Wohnung, die sie dem Sozialamt bald vorweisen muss: «Seit einem Jahr bekomme ich nur Absagen», sagt sie. «Das liegt wohl nicht nur an meinem Status, sondern auch daran, dass ich erst achtzehn bin.» Das Wichtigste jedoch hat Somayeh Amiri geschafft: Sie setzte den Nachzug ihrer Familie durch, die bis vor einem halben Jahr unter prekären Lebensbedingungen in Istanbul ausharrte. Sie alle warten derzeit auf ihren Asylentscheid und hoffen auf eine vorläufige Aufnahme, wie sie Amiri bereits bekommen hat.

Die rasche Aufnahme von Amiris Familie ist den besonderen Umständen geschuldet. Die Realität der meisten unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge widerspiegelt der Fall nicht. Ob sie die strengen Bedingungen für einen Familiennachzug, wie etwa die nötigen finanziellen Mittel, jemals werden erfüllen können, steht für die meisten UMA in den Sternen. «Für Heranwachsende, die in einer komplett fremden Welt ein neues Leben aufbauen müssen, ist dieser Umstand extrem belastend», sagt Georgiana Ursprung, Leiterin des Projekts «Speak out!».

* Name geändert.

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Durch die Hölle in die Freiheit

FAZ, 18.08.2015

Familie Niazi wollte ihr Land nicht verlassen, im Gegenteil: Sie tat viel dafür, um es aufzubauen. Doch als der Vater auf mysteriöse Weise ums Leben kam, floh die Mutter mit vier Kindern. In Hamburg verbringen sie nun die meiste Zeit mit Warten.

Zakia Niazis Fußnägel sind schwarz, seit sie zwei Monate lang auf Schleichwegen durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn gelaufen und gerobbt ist, bei Tag und Nacht, Regen und Kälte. Sie lief und lief, durch Wälder und über Gebirge, an Schienen entlang. Die Sohlen mehrerer paar Schuhe lösten sich unter ihren Füßen auf, die Nägel bluteten und wellten sich und wurden schwarz.

Seit acht Monaten ist die 47 Jahre alte afghanische Mutter von sechs Kindern jetzt in Deutschland, in Sicherheit. Doch die schlanke Frau mit den langen Haaren muss nur an sich selbst hinunter schauen, auf die Füße in den schwarzen Sandalen, und die Erinnerungen kommen hoch: wie mazedonische Polizisten sie mit gezückten Waffen zwangen, zurück über die Grenze nach Griechenland zu laufen; wie ihre zehnjährige Tochter, splitterfasernackt an eine Wand gestellt, von einer ungarischen Polizistin abgetastet wurde; wie ihr Sohn sich in ihr Camp im griechischen Wald schleppte, nachdem er beim Einkauf auf dem Markt von Polizisten mit Schlagstöcken verprügelt worden war.

Zakia Niazi hat an der amerikanischen Universität Kabul Wirtschaft studiert und an Business-Programmen für Frauen teilgenommen, von deutschen und amerikanischen Entwicklungshilfeorganisationen gefördert. Sie arbeitete als Fitnesstrainerin und Kleinunternehmerin, außerdem unterstützte sie ihren Mann Mohammad Saeed in der Menschenrechtsorganisation „Civil Society Development Center“, die er vor knapp zehn Jahren gegründet hat. Die Organisation setzt sich für Kinder- und Frauenrechte ein. Mohammad Niazi organisierte Aufklärungskampagnen und Konferenzen in Afghanistan, teils eigenständig, teils im Auftrag von Organisationen wie USAID, der amerikanischen Entwicklungshilfe-Agentur. Als Vertreter der Zivilgesellschaft nahm er an vielen Konferenzen teil, 2011 auch an der Afghanistan-Konferenz in Bonn.

Zeugnisse, Zertifikate und Urkunden, auf dem Tisch gestapelt, zeugen vom Engagement der Familie. Auch die älteren Kinder arbeiteten neben dem Studium für die Organisation, ebenso wie Hunderte Angestellte und Freiwillige im ganzen Land. Mohammad Niazi prangerte Menschenrechtsverletzungen, Korruption und die zwielichtige Rolle Pakistans im afghanischen Friedensprozess an. 2013 war er für den Friedensnobelpreis nominiert.

Im selben Jahr kam er bei einem Autounfall ums Leben, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. (…)

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Afghanischer Flüchtling in Heidenau: „Hier sind nur ein paar Menschen gegen uns“ 

Spiegel, 29.8.2015

Hassan hat binnen einer Woche zwei Seiten von Heidenau kennengelernt: Bei seiner Ankunft in der Flüchtlingsunterkunft wurde er von Rechten beschimpft. Nun feierte er mit Hunderten ein Willkommensfest: „Ein Geschenk“, wie er sagt.

Das erste, was Hassan in Heidenau gefühlt hat, war Angst. Zusammen mit mehreren Familien war er vergangenes Wochenende von einer Flüchtlingsunterkunft aus Chemnitz in die ostsächsische Kleinstadt gebracht worden. Als der Bus ankam vor der Unterkunft in dem ehemaligen Praktiker-Baumarkt, da standen die Rechten schon am Supermarkt gegenüber. „Sie waren betrunken, hielten Flaschen in den Händen und schrien uns etwas zu“, erzählt der 20-Jährige.

Aus dem Bus aussteigen wollte niemand. Vor allem für die Familien sei die Situation sehr aufwühlend gewesen, einige Frauen und Kinder hätten geweint. „Ich hatte Angst, dass jemand ins Camp eindringt und uns attackiert, vielleicht sogar tötet“, sagt Hassan. „Am Ende hatten wir aber keine andere Wahl, wir mussten in die Unterkunft ziehen.“ Zwei Nächte lang sei die Randale auf der anderen Straßenseite noch weiter gegangen. Hassan konnte vor Lärm und Angst kaum schlafen. Dann wurde es ruhiger.

[…] Für Hassan fühlt es sich in Heidenau nun trotzdem anders an. „Ich dachte, alle Menschen hier seien gegen uns. Aber es sind nur ein paar“, sagt er. Während er erzählt, schreit ein Lkw-Fahrer beim Vorbeifahren „Geht zurück nach Afghanistan!“ aus dem Fenster.

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Behinderter afghanischer Flüchtling

ARD, 17.05.2015

Ghasem Aslami ist seit seiner Kindheit teilweise gelähmt. Seit kurzem lebt der Afghane in Deutschland. Für den Weg hierher hat er über zwei Jahre benötigt. (…)

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Pfarrgemeinde schützt diese jungen Männer vor Abschiebung

Merkur, 27.3.2015

Tutzing – Zwei junge Männer aus Afghanistan leben seit Januar im Kirchenasyl in Tutzing. Ohne den Schutz der Pfarrgemeinde wären beide nach Bulgarien abgeschoben worden.

Ali hat angefangen zu träumen. Es sind kleine Träume. Von einem Job in einem Restaurant. Von langen Spaziergängen. Von einem Leben ohne unsichtbare Grenzen. Vor ein paar Monaten hatte Ali andere Träume. Sie haben nicht in der Zukunft gespielt, sondern in der Vergangenheit. Immer wieder musste er mitansehen, wie die Taliban in seiner Heimat Afghanistan seinen Vater erschossen haben. Nacht für Nacht ist er wieder nach Europa geflüchtet.

Ali sagt, er sei 16. Die Behörden glauben ihm das nicht. Sie schätzen, dass er bereits volljährig ist und wollen ihn nach Bulgarien abschieben. Bulgarien ist das EU-Land, in das er zuerst eingereist ist. Nach der Dublin III-Verordnung muss dort über seinen Asylantrag entschieden werden.

Ali will auf keinen Fall nach Bulgarien zurück. Es ist eines der Länder, die als sicheres Drittland gelten – in denen Flüchtlinge aber oft misshandelt und eingesperrt werden. Ali spricht nicht viel über das, was er in Bulgarien erlebt hat, bevor es ihm gelang, nach Deutschland zu flüchten. Er war in ein Gefängnis gesperrt, hat manchmal tagelang nichts zu essen bekommen, durfte nicht schlafen oder die Toilette benutzen. Und er ist geschlagen worden. Als fest stand, dass er wieder nach Bulgarien abgeschoben werden soll, bekam er panische Angst.

Pfarrer Peter Brummer hat Ali damals kennengelernt. Die evangelische Himmelfahrtsgemeinde aus München, der Flüchtlingsdienst der Jesuiten und die beiden zuständigen Anwälte fragten ihn, ob die Pfarrgemeinde Ali und Abdullah, einen weiteren jungen Flüchtling aus Afghanistan, in St. Joseph in Tutzing (Kreis Starnberg) Kirchenasyl gewähren würde, bis nach sechs Monaten die Zuständigkeit für das Asylverfahren auf Deutschland übergegangen ist. „Beide waren damals schwer traumatisiert“, sagt Brummer. „Sie wären daran kaputt gegangen, wenn sie nach Bulgarien zurück gemusst hätten“, sagt Angelika Pfaffendorf, die sich im Tutzinger Helferkreis engagiert und sich um Ali und Abdullah kümmert.

Seit Anfang Januar leben beide im katholischen Pfarrzentrum. Sie haben jeder ein Bett, einen kleinen Tisch, an dem sie dreimal die Woche gemeinsam lesen, schreiben und deutsche Wörter lernen. Und sie haben ein Fitness-Gerät. Immer dann, wenn die schlimmen Erinnerungen zu mächtig werden, strampeln sie auf dem Heimtrainer dagegen an. Oder sie gehen in den Gottesdienst. Immer häufiger sieht Pfarrer Brummer Ali und Abdullah in einer der hinteren Reihen sitzen – obwohl sie Muslime sind. Sie kommen gerne in die Kirche.

Es tut ihnen gut, ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Neulich haben sie im Sonntagsgottesdienst die Fürbitten für den Frieden gesprochen.

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Afghanischer Flüchtling wird Schiedsrichter

11 Freunde, 6.8.2015

Omeed Ahmadi pfiff acht Jahre lang professionell in Afghanistan, bis er vor drei Jahren nach Deutschland fliehen musste. Nun bestand er als erster Flüchtling die Schiedsrichter-Prüfung.

Omeed Ahmadi, Sie waren in Herat, der drittgrößten Stadt Afghanistans, acht Jahre lang als als Schiedsrichter tätig. Wie professionell ist der afghanische Fußball?

Man kann ihn natürlich nicht mit Deutschland vergleichen. In Herat sind die Plätze tagsüber so verstaubt, dass wir noch nicht mal richtig den Ball sehen konnten. Das war schrecklich. Ich war oft beim Arzt, hatte Probleme mit den Augen. Manchmal wusste ich nicht, ob ein Ball aus war oder nicht. Es kam oft zu handfesten Streitigkeiten. Viele Schiedsrichter wurden nach dem Spiel verprügelt und mussten ins Krankenhaus. Ich kannte sogar zwei Schiedsrichter, die nach vermeintlichen Fehlentscheidungen umgebracht wurden. Die Angst war groß.

Wurden Sie auch angegriffen?

Zum Glück nicht. Ich habe selbst auch keine Angst, das ist mein großer Vorteil. Ich pfeife nicht so, wie andere es wollen. Vor den Spielen habe ich oft einen kleinen Zettel bekommen, wie das Spiel auszugehen hat. Den habe ich zerrissen und weggeschmissen. Irgendwann setzte der Verband mich immer öfter bei wichtigen Spielen ein, weil er sich auf mich verlassen konnte.

Wieso mussten Sie Ihr Land verlassen?

Ich habe in Afghanistan für verschiedene amerikanische NGOs gearbeitet, zum Beispiel »Shelter vor life«. Wir haben dort über 1000 Wohnungen für Flüchtlinge gebaut, die aus ärmeren Regionen nach Herat gekommen sind – aus Hunger und Wassermangel. Die Wohnungen waren provisorisch. Aber wir haben vielen Leuten geholfen. Und ich war zufrieden. Ab 2001 wurde das Klima im Land immer ungemütlicher. Wer mit den Amerikanern kollaborierte, geriet ins Visier der Taliban. Spätestens da sagten meine Frau und meine Mutter zu mir, dass es auch für mich zu gefährlich sei. Und so flüchtete ich vor drei Jahren mit meiner Frau und den fünf Kindern nach Deutschland.

Wie sind Sie in Deutschland wieder zum Pfeifen gekommen?


rst nahm ein Freund aus dem Deutschkurs mich mit zum Fußballtraining des Projekts »Champions ohne Grenzen« bei Hansa 07 in Kreuzberg. Dort trainierte ich mit vielen anderen Flüchtlingen und irgendwann bin ich auch als Schiedsrichter eingesprungen. So zum Beispiel bei einem Spiel gegen einen örtlichen Sechstligisten. Dessen Trainer kam nach dem Spiel zu mir und sagte, ich hätte perfekt gepfiffen. Das solle ich ausbauen. Ich sagte, das sei nur mein Hobby und ich spräche kaum Deutsch. Aber er ließ nicht locker. Meiner Trainer hat mich dann dazu gebracht, die Dokumente für den Schiedsrichter-Lehrgang auszufüllen. in Afghanistan floh er als Kind mit seiner Familie in den (…)

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Wie aus Maqsoud Maxi wurde

Süddeutsche Zeitung, 14. April 2015

Afghanistan ist weit weg. Sehr weit weg. Und das nicht nur geografisch. Für die rund 6500 Kilometer lange Strecke bräuchte man mit dem Auto mehr als 70 Stunden. Aber kaum jemand kann sich vorstellen, was es heißt, das eigene Land, die vertraute Umgebung, liebe Verwandte, die gewohnte Sprache, kurz: einen guten Teil seiner Identität zurückzulassen. Kein Grund zum Grübeln für Maqsoud. Er hat sein Geburtsland lange nicht mehr gesehen. Und blickt doch optimistisch in die Zukunft. Der 21-Jährige macht in Unterhaching eine Lehre zum Hotelkaufmann und ist heuer im zweiten Lehrjahr.

Eine rasante Entwicklung: noch vor vier Jahren sprach Maqsoud kein Wort Deutsch. Ohne Eltern kam er nach Deutschland und bat um Asyl. Und hatte Glück im Unglück: Die Behörden glaubten ihm sein Alter nicht. Ein Zahnarzt taxierte sein Gebiss und schätzte ihn jünger ein. Damit war er schulpflichtig. Nach einem nur dreimonatigen Sprachkurs kam er auf die Hauptschule – und legte schon ein Jahr später seinen qualifizierenden Hauptschulabschluss ab. Damit war der Grundstein für eine Ausbildung gelegt. Zusammen mit der Betreuerin der Flexiblen Jugendhilfe München überlegte Maqsoud, welchen beruflichen Weg er einschlagen könnte. (…)

Durch Praktika fand Maqsoud schließlich die Traumstelle im Hotel Holiday Inn. Als der Betrieb zusagte, sprang er vor Freude in die Luft. (…) Viele Firmen zögern noch, Flüchtlinge anzustellen. Zu groß sind Unwissen und Unsicherheit. „Hier gilt es, in Zukunft Hemmschwellen abzubauen“, findet sie.

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Ein afghanischer Flüchtling als Azubi

ZDF Morgenmagazin, 2.9.2015

Viele Flüchtlinge wollen nichts lieber als arbeiten und gerne auch dazu lernen – so wie Erfan Ahadi. Er macht in einer Skihalle in Mecklenburg-Vorpommern seine Lehre zum Restaurantfachmann.

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Leider gibt es auch soetwas:

Folterfotos per WhatsApp: Bundespolizist in Hannover soll Flüchtlinge misshandelt haben

Focus, 18.05.2015

Unglaubliche Vorwürfe gegen einen Bundespolizisten aus Hannover: Der Mann soll mindestens zwei Flüchtlinge aus Afghanistan und Marokko misshandelt haben. Dabei ging er nicht nur brutal vor – er verschickte auch WhatsApp-Nachrichten, in denen er sich über seine Taten amüsiert.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat wegen des Verdachts der Misshandlung von Flüchtlingen in einer Wache der Bundespolizei in Hannover Medienberichten zufolge Ermittlungen gegen einen Polizeibeamten aufgenommen. Nach gemeinsamen Recherchen des NDR-Fernsehmagazins „Hallo Niedersachsen“ und des Radiosenders NDR Info soll es im vergangenen Jahr mehrfach Übergriffe auf Menschen in den Gewahrsamszellen gegeben haben.

In einem Fall soll den Berichten zufolge ein Flüchtling aus Afghanistan gewürgt und mit angelegten Fußfesseln durch die Wache geschleift worden sein. In einem anderen Fall bestehe der Verdacht, dass ein Marokkaner in der Zelle gezielt erniedrigt wurde; ihm sei unter anderem verdorbenes Schweinemett verabreicht worden.

Whatsapp-Nachricht des Bundespolizisten

hab den weggeschlagen.

Nen Afghanen.

Mit Einreiseverbot.

 

 

Doch zum Schluss (für heute) doch eine positive Geschichte:

 

Afghanischer Asylbewerber unterstützt andere Flüchtlinge

Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 18.01.2015:

Dresden Gorbitz, Neubauviertel. Wir stehen im Eingangsflur eines dieser typischen DDR-Plattenbauten. Unsaniert, 208 Wohnungen in einem Block, Linoleumfußboden. (…) Wir sind zu viert. Edris, der afghanische Asylbewerber und Übersetzer, ein zweiter Asylbewerber, der erst seit einem Monat in Deutschland ist und nun eine Wohnung braucht, die Wohnungsvermittlerin des Immobilienkonzerns Gagfah und der Reporter.

„So, ich hätte jetzt für beide Wohnungen das Exposé mit, Sie müssten jetzt, wenn Sie sich für eine entscheiden, zum Jobcenter, dort die Miete beantragen, denn Sie bekommen ja das Geld von dort.“

(…) Edris ist seit zwei Jahren in Deutschland. Er ist 28, hat Betriebswirtschaft studiert und ist wegen des Terrors der Taliban nach Deutschland geflüchtet. (…) Mit Sprachen hat er’s. Er spricht Paschtu, Persisch, Deutsch, Englisch, von Hindi versteht er was. Edris übersetzt und hilft anderen Flüchtlingen durch den Behördendschungel:

„Da gibt’s ein Büro vom Flüchtlingsrat hier in Dresden. Manchmal gehe ich für die Übersetzungen zum Flüchtlingsrat, vielleicht gibt’s Papiere, die jemand nicht versteht, oder jemand hat ein Papier in unserer Sprache, und er möchte die Übersetzung ins Englische oder ins Deutsche. Ich mach das.“

(…) Edris ist ein vielbeschäftigter Mann: „Jeden Tag habe ich ein oder zwei Termine. Für die anderen Leute. Das macht mich glücklich. Heute habe ich in meinem Leben etwas getan … für mich.“

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