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Dieser Artikel erschien heute online in der taz (http://www.taz.de/Offensive-in-Afghanistan/!5236113/) und wird auch in der Druckausgabe vom 29.9. stehen; hier schon mit einigen Ergänzungen vom Nachmittag, nach Redaktionsschluss, gekennzeichnet durch [eckige Klammern]

Zentrale Kreuzung in Kunduz – hier noch ohne Taleban. Foto: Thomas Ruttig (2006)

Zentrale Kreuzung in Kunduz – hier noch ohne Taleban. Foto: Thomas Ruttig (2006)

 

Zweiter Angriff auf Kunduz-Stadt

Die neue Offensive zeigt, dass die Taliban Trotz Führungswechsels militärisch schlagkräftig bleiben – und sie machen Präsident Ghani ein „Geschenk“ zum ersten Amtsjubiläum

Zum zweiten Mal in diesem Jahr griffen die Taleban heute morgen den ehemaligen Bundeswehrstandort Kunduz an. Während sie im April, zum Auftakt ihrer jährlichen Frühjahrsoffensive, bis in die Außenbezirke der Provinzstadt vordrangen, es aber nicht klar war, ob sie es tatsächlich auf eine Eroberung angelegt hatten, ist die Situation diesmal deutlich. Die Taliban kündigten an, dass sie die Stadt einnehmen wollen und rückten sogar ins Stadtzentrum vor. Vorher hatten sie die Bevölkerung aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben und gleichzeitig versichert, ihr werde nichts geschehen.

Berichten afghanischer Nachrichtenagenturen zufolge unterbrachen die Angreifer zunächst alle Einfallsstraßen, darunter die zum außerhalb gelegenen Flughafen. Dann rückten sie zum Amtssitz des Provinzgouverneurs [und zum Polizeihauptquartier] vor, die sie [wohl beide] einnahmen. Sie sollen auch in das größte Krankenhaus der Stadt eingedrungen sein und dort nach verwundeten Angehörige der Sicherheitskräfte gesucht haben, berichteten Quellen in Kundus der taz. Taliban-Kämpfer posteten von dort Selfies [mit Ärzten und Patienten] in sozialen Medien, und ortskundige Afghanen bestätigten deren Korrektheit. [Es gab keine Berichte, dass sie die Verwundeten getötet oder entführt hätten.]

[Am Nachmittag berichtete die BBC, dass die Taleban die meisten Teile der Stadt eingenommen und auch auf der zentralen Kreuzung ihre Flagge gehisst hätten. Auch den Flughafen im Süden hätten sie eingenommen – das aber bestritt das Kabuler Verteidigungsministerium am nachmittag gegenüber AP. Noch wenige Stunden vorher hatte die BBC von der Einnahme der „halben Stadt“ gesprochen. Auch das örtliche Gefängnis sei gestürmt und 500 Gefangene befreit worden.

AP berichtete um 18.30 Uhr, der Sprecher des Kabuler Innenministeriums habe sogar den „Fall“ der Stadt bestätigt. Sollte sich das bestätigen, wären auch die Provinzen östlich von Kunduz – Badachschan und Tachar – bedroht, die anders als über Kunduz nicht zu erreichen sind. Dort hatten die Kämpfe ebenfalls in diesem Jahr zugenommen. Heute wurde auch schon Kämpfe im Distrikt Ischkamesch in Tachar gemeldet, wo die Taleban ebenfalls das Distriktzentrum angegriffen hätten. Die Taleban hätten damit Präsident Aschraf Ghani zu seinem ersten Amtsjubiläum am Dienstag ein wirkliches Danaergeschenk gemacht.]

Die Taleban bauen bei ihrem gegenwärtigen Angriff auf ihre Erfolge im Frühjahr. Damals konnten die Regierungstruppen sie zwar mühsam aus einigen stadtnahen Gebieten wieder verdrängen, aber eben nicht aus allen. [Jetzt griffen sie z.B. aus dem stadtnahen Gebiet Gortepe an, in dem sie sich damals festgesetzt hatten.] Die bis dahin dort stationierten Einheiten der milizähnlichen Afghanischen Lokalpolizei – aufgestellt, um die reguläre Nationalpolizei zu unterstützen – [erwiesen sich im April als] wenig verlässlich [und überließen den Taleban das Gebiet praktisch kampflos]. Afghanische Agenturen berichteten, die Taleban hätten gestern morgen auch aus Stellungen in der Stadt angegriffen. Das hieße, sie hätten vorher Kämpfer in die Stadt einsickern lassen können.

Auch in der Peripherie setzten die Taleban sich im Frühjahr fest. Zwei der insgesamt sechs ländlichen Distrikte der Provinz befanden sich seither vollständig unter ihrer Kontrolle, die übrigen weitgehend. Aus diesen Richtungen griffen sie jetzt auch an. Quellen in Kunduz sprachen von Angriffen „aus drei Richtungen“. Das scheint dazu geführt zu haben, dass die afghanischen Regierungskräfte überdehnt waren, die versuchten, wenigstens die Distriktzentren zu halten oder verloren gegangene zurück zu erobern. Deshalb seien zu wenig Truppen in der Stadt gewesen.

[Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete auch vom Kämpfen in zwei Distrikten, Tschahrdara und Dascht-e Artschi.]

Offenbar spekulieren die Taliban auch darauf, dass die afghanischen Regierungstruppen und ihre westlichen Alliierten – die USA leisten ja immer noch Luftunterstützung – davor zurückschrecken, Bomben- und Drohnenangriffe in einem urbanen Zentrum auszuführen und dabei fast zwangsläufig Unschuldige zu treffen. [Mitte Juli berichtete die New York Times, die noch in Afghanistan befindlichen US-Streitkräfte hätten im Juni die Zahl ihrer Luftschläge gegenüber allen früheren Monaten des Jahres verdoppelt; allerdings hätten sie sich meist gegen Stellungen von mit dem Islamischen Staat (IS) verbundene Gruppen gerichtet. Offenbar ist die Taleban-Gefahr aber größer.]

Sollte es doch dazu kommen, könnten die Taleban das zusätzlich propagandistisch ausschlachten. Laut afghanischen Agenturen wurden zumindest bis mittags tatsächlich keine Luftangriffe geflogen. Dann gab es erste Berichte, dass die afghanischen Luftstreitkräfte Taleban-Positionen in Randgebieten des Stadt angegriffen hätten. [Auf der BBC-Webseite ist ein Foto von fliehenden Zivilisten zu sehen. Es heißt, die Zivilbevölkerung sei aus Teilen der Stadt geflohen.]

Der erneute Angriffs auf Kunduz zeugt auch davon, dass der zeitweise intern umstrittene Führungswechsel von Mulla Muhammad Omar zu Achtar Muhammad Mullah Mansur die Taliban kaum geschwächt hat.

 

Dieser Kommentar erscheint ebenfalls in der taz vom 29.9.2015:

 

Thomas Ruttig zum neuen Taliban-Angriff auf Kundus

Lehren aus Afghanistan

Der zweite Angriff der Taleban auf den ehemaligen Bundeswehrstandort Kunduz in diesem Jahr zeigt zum einen, dass auch ihr zeitweise intern umstrittener Führungswechsel nach dem Tod von Mulla Muhammad Omar zu seinem bisherigen Stellvertreter Achtar Muhammad Mullah Mansur die Taleban kaum geschwächt hat. Ihre militärischen Strukturen sind intakt und sie nutzen taktisch clever die Schwächen der überdehnten afghanischen Regierungstruppen. Sie setzen auf tausend Nadelstiche und hoffen, dass die Regierungstruppen irgendwann auseinander fallen. Die Regierung hingegen wird also einiges daran setzen, mit Kunduz nicht das erste urbane Zentrum zu verlieren. Die Frage ist, ob das „Koste es was es wolle“ geschehen wird. Massive Luftangriffen etwa wäre fatal für die afghanische Zivilbevölkerung.

Zum anderen legt das Taleban-Vorrücken beredtes Zeugnis davon ab, wie viel der militärische Teil des deutschen Einsatzes in der Provinz Kunduz bewirkt hat – nämlich sehr wenig. Seit etwa 2006 haben die Taleban unter der Nase der deutschen Militäraufklärer und des BND schrittweise ihre Strukturen aufgebaut. Währenddessen behauptete die Bundesregierung noch, dass sie überhaupt nicht in einen Krieg involviert sei – also dass Kunduz praktisch eine Insel sei.

Daraus sollten jene Schlussfolgerungen ziehen, die gerade über die künftige deutsche Sicherheitspolitik beratschlagen – Stichwort neues Weißbuch der Bundesregierung. Der Fall Kunduz zeigt, dass es nicht um mehr Militär und „Fähigkeiten“ (sprich: Transportflugzeuge etc) geht, sondern um rechtzeitige, regierungspolitikunabhängige Bewertung von Situationen. Aber auch jene sollten noch einmal innehalten, die viele afghanische Bürgerkriegsflüchtlinge – zur Zeit die zweitgrößte in Europa eintreffende Gruppe – zu Wirtschaftsmigranten umetikettieren wollen.

 

 

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