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Dieser Artikel, eine Variante eines bereits im Dezember 2014 bei INAMO und – auf englisch–bei AAN erschienenen Beitrags steht in der neuen Ausgabe des Weltbühne-Nachfolgers „Das Blättchen“, das allerdings nur noch im Internet erscheint.

Lalaks Grab.

Lalaks Grab.

 

Paschtunen in des Kaisers Dschihad

von Thomas Ruttig

Vor fast genau 100 Jahren, im Juli 1915, starben die sepoys – die Bezeichnung für einfache Soldaten bei der britisch-indischen Armee – Lalak, Sohn des Baba, und Muhammad Amin, Sohn des Kalim Shah, in deutscher Kriegsgefangenschaft. Sie waren im sogenannten Halbmondlager von Wünsdorf, einer kleinen Garnisonsstadt in Brandenburg, interniert. Acht Monate später, im März 1916, folgte ihnen ihr Kamerad Yasin Dad, Sohn des Zar Dad.

Ob Lalak, Muhammad Amin und Yasin Dad freiwillig in den Krieg zogen, kann im konkreten Fall nicht beantwortet werden. Laut zeitgenössischen Quellen verdingten sich viele Bewohner des Subkontinents in den Streitkräften der Kolonialmacht. Sie suchten nach Einkommen oder Ruhm, heißt es; laut Geschichtswebseite der BBC betrug der Sold eines sepoy moderate elf Rupien im Monat. Unter den „Indern“ in der britische Armee gab es auch viele „Pathanen“ (also Paschtunen) aus den kriegerischen Stämmen an der indisch-afghanischen Grenze, die das Geld brauchten, um sich ein eigenes „modernes Gewehr“ anzuschaffen. Nicht nur dass solch ein Gewehr in diesen Gebieten als männliches Attribut galt – mehr und mehr Paschtunen hatten mit ihren Gewehren auch andere, politische Ziele: es nach der Dienstzeit mit nach Hause zu nehmen und gegen ihre Soldgeber zu kehren.

Vor allem im Exil, darunter im kaiserlichen Deutschland, hatte die Agitation für ein unabhängiges Indien begonnen, und die Idee hatte auch die unabhängigen Paschtunen ergriffen.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt die indische Unabhängigkeitsbewegung direkte Unterstützung seitens des kaiserlichen Generalstabs und des Auswärtige Amtes, die gemeinsam die „Nachrichtenstelle für den Orient“ (NfO) gegründet hatten. Unter der Führung des NfO-Chefs Baron Max von Oppenheim, einem bekannten Archäologen, Sprössling des gleichnamigen deutschen Bankhauses, wurde geplant, in Kooperation mit der verbündeten ottomanischen Türkei den muslimischen Osten zu revolutionieren. Den britischen und russischen Kriegsgegnern sollten ihre muslimischen Kolonien in Indien, Nahost und Mittelasien abspenstig gemacht werden oder, sollte das nicht gelingen, dort wenigstens mit Aufständen so viel Unruhe geschaffen werden, dass große Truppenkontingente gebunden und nicht nach Europa verlegt werden konnten.
Der ottomanische Sultan Mehmet V. Reshad, damals noch der Kalif aller Muslime (ein Titel, den er nach der Niederlage im Krieg einbüßen würde) hatte am 11. November 1915 per Fatwa den Dschihad ausgerufen. In der islamischen Welt verbreitete sich das Gerücht – oder wurde verbreitet –, dass Kaiser Wilhelm die Hadsch absolviert und damit sogar die gesamte deutsche Nation zum Islam übergetreten sei.

Wir wissen nicht, ob Lalak, Muhammad Amin und Yasin Dad Paschtunen und ebenfalls vom Gedanken der Unabhängigkeit oder des Dschihad beseelt waren. Ebenso unbekannt ist, ob die drei gefangen genommen wurden oder auf die deutsche Seite desertiert waren. Aber das Friedhofsregister in Zehrensdorf, dem Wünsdorfer Ortsteil, in dem sich das Halbmondlager befand, gibt ihre Herkunftsregion an: Was sie von den anderen 203 dort begrabenen Muslimen unterscheidet, die aus Provinzen Britisch-Indiens stammten, ist der Vermerk hinter ihren Namen: „of Trans-Frontier“.

Die Britisch-Indische Armee rekrutierte nämlich nicht nur Untertanen Seiner Majestät, sondern auch junge Männer aus den Nachbarländern Nepal und Afghanistan. Die „Trans-Frontier“-Soldaten Lalak, Muhammad Amin und Yasin Dad waren also Afghanen – oder stammten zumindest aus der afghanischen Flüchtlingspopulation im damals ebenfalls britischen Belutschistan, heute in Pakistan. Yasin Dad ist ein verbreiteter Schiiten-Name; er wird möglicherweise zur Hazara-Diaspora in Britisch-Indien gehört haben.

Klar ist, dass Lalak, Muhammad Amin und Yasin Dad kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit ihren Einheiten als Teil der sogenannten Indian Expeditionary Force, die zu den britischen Streitkräften gehörte, an die europäische Westfront geschickt worden waren. Dort kamen sie den Armeen Frankreichs und Belgiens zu Hilfe, nachdem Deutschland in Verletzung der erklärten Neutralität dieses Landes in Belgien einmarschiert war.

Die Einheit Lalaks, Muhammad Amins und Yasin Dads – das Regiment der 129. Duke of Connaught’s Own Baluchis, Teil der 3. („Lahore“) Division des Indischen Korps – wurde nur vier Tage nach der britischen Kriegserklärung an die Mittelmächte am 4. August 1914 mobilisiert. Aus ihrem Stationierungsort Hongkong kommend, landeten ihre ersten Brigaden am 26. September 1914 im französischen Hafen von Marseille. Nach ein paar Ruhetagen ging es weiter in eine Gegend, die später als die Killing Fields von Flandern berüchtigt werden sollten.

Die Lahore-Division trat im Oktober und November 1914 ins Kampfgeschehen ein, während der Ersten Schlacht von Ypern, einer belgischen Stadt nicht weit entfernt von der Atlantikküste. Südlich von Ypern schlugen die 129. Baluchis am 25. Oktober 1914 eine deutsche Attacke zurück, wobei sie schwere Verluste – an Toten und offenbar auch Gefangenen – erlitten. Bis zum 3. November verlor das Indische Corps fast 2.000 Mann (die Briten zusammengenommen 28.000). Bis zum Frühjahr 1915 verlor das Britisch-Indische Expeditionskorps weitere 4.200 Mann, 1.600 davon aus der Lahore-Division. Die 40 Pathanen gerieten während der berüchtigten zweiten Schlacht von Ypern am 25. April 1915 auch in den ersten Giftgaseinsatz der Deutschen und verloren dabei die Hälfte ihres Mannschaftsbestands. Nach einer dieser Schlachten endeten auch Lalak, Muhammad Amin und Yasin Dad im Halbmondlager von Wünsdorf.

Dort trafen sie auf eine Gruppe von 23 Afridi-Paschtunen, die im Mai 1915 zu den Deutschen übergelaufen waren. Einige der Deserteure ließen sich von Oppenheims NfD für den kaiserlichen Dschihad gewinnen und wurden in die verbündete Türkei geschickt. Manche wurden dort der Sultansgarde zugeordnet, andere deutschen Truppen in Persien zugeteilt, und vier von ihnen schlossen sich – wegen ihrer Persisch-Kenntnisse – der deutschen Afghanistan-Mission 1915/16 an. Geleitet von dem bayrischen Artillerieoffizier Oskar Ritter von Niedermayer und dem preußischen Diplomaten Werner Otto von Hentig sollten sie den Emir von Afghanistan bewegen, sich dem Dschihad anzuschließen und an der Seite der Mittelmächte in den Krieg einzutreten. Lalak, Muhammad Amin und Yasin Dad schienen diesem Angebot nicht erlegen zu sein, blieben in Wünsdorf und starben dort.

Eine Gruppe von Afridis hingegen kam zurück nach Afghanistan. Als Niedermayer und Hentig im Frühjahr 1916 Afghanistan wieder verließen, wurden sie aus dem Dienst entlassen und ließen sich wohl in Afghanistan nieder. Die Paschtunen der Grenzgebiete betrachteten Afghanistan ohnehin als ihre – zudem bereits unabhängige – Heimat; und zurück nach Britisch Indien konnten sie nicht. Einige ihrer Stammesgenossen, die während der Niedermayer-Hentig-Expedition in die Hände der Engländer fielen, wurden von diesen als Deserteure hingerichtet.

Aus dem gleichen Grunde blieben einige Afridi gleich in Deutschland. Zehn von ihnen wurden im Dezember 1918, nach Kriegsende und Ausbruch der November-Revolution, auf eigenen Wunsch und Beschluss des Wünsdorfer Soldatenrates auf ein landwirtschaftliches Gut in Ostpreußen gebracht, wo sie freie Kost und Logis sowie 10 Mark Monatslohn für Hilfsarbeiten erhielten.

Der verstorbene Gerhard Höpp, DDR-Orientalist der Leipziger Schule, der das Halbmondlager umfassend erforschte, erwähnt weitere „12 Afridi und vier Afghanen“, die im November 1919 eine einmalige Abfindung des Auswärtigen Amtes erhielten, um sich „einen Lebensunterhalt zu schaffen“. Ob das gelang, ist nicht bekannt. Ein letztes Lebenszeichen der Gruppe in Ostpreußen kam, als zwei von ihnen – namens Mirbaz Khan und Mirza Mir, 1920 an das British India Office schrieben, um für sich und 23 weitere Afridi Amnestie und die Möglichkeit der Heimkehr zu erbitten, aber abschlägig beschieden wurden. Dann verlieren sich ihre Spuren endgültig.

 

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