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Kämpfe wurden heute aus Kunduz-Stadt nicht mehr berichtet. (Ich hoffe, das liegt nicht nur daran, dass der Angriff auf das MSF-Krankenhaus alles überschattet.) Laut Tolonews kehrten „Fahrrad-, Motorradfahrer und Fußgänger“ auf die Straßen zurück, die Geschäfte öffneten „langsam“ wieder. Die Regierungstruppen führten weiter Haussuchungen nach Talebankämpfern durch.

Wieder Flaggenwechsel auf der Hauptkreuzung von Kunduz. Foto: Pajhwok.

Wieder Flaggenwechsel auf der Hauptkreuzung von Kunduz. Foto: Pajhwok.

 

Pajhwok berichtet, dass Nahrungsmittel, Wasser und sonstige grundlegenden Dienstleistungen in der Stadt immer noch „begrenzt“ seien und „eine unmittelbare Notwendigkeit bestehe, den in ihren Häusern eingeschlossenen Menschen zu helfen“. Nachts hätten Regierungstruppen das alte Fort (das vorher als Armeestützpunkt diente) sowie die NDS-Zentrale zurückerobert. Tolonews berichtet von 6000 Menschen, die aus der Stadt in Nachbarprovinzen geflohen seien.

 

 

Regierungschef Abdullah gab in einer Kabinettsitzung zu, die Regierung ihre Arbeit nicht richtig gemacht habe. Einwohner der Stadt hätten schon vor Monaten vor der Situation gewarnt. Offenbar wegen der kursierenden Anschuldigungen, Ghanis Anhänger hätten den Taleban-Vormarsch begünstigt, weil sie die nordafghanischen Mudschahedin loswerden wollten, sagte er, „wir sollten unsere Differenzen hintenan“ und gemeinsam handeln. In den Vormonaten hatten sich Abdullah und Ghani offenbar nicht über eine Neubesetzung wichtiger Posten in der Provinz einigen können.

 

Mittlerweile anderswo:

Faryab:

Am Sonntagabend gegen 20 Uhr sollen Taleban die Hauptstadt der Provinz Farjab, Maimana, angegriffen haben. Gegen 3 Uhr früh seien sie zurückgeschlagen worden, hielten sich aber noch 20 km von Maimana entfernt auf. Bei dem Angriff sollen Zivilisten und auch der Taleban-Schattengouverneur der Provinz umgekommen sein.

 

Badachschan:

„Weniger als eine Woche nachdem sie Afghanistans fünftgrößte Stadt Kunduz gestürmt haben, stehen die Taliban nun an der Schwelle zu Faizabad, Hauptstadt von Badachschan, wo in den letzten drei Tagen heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Taleban anhalten. [Okay, noch nicht wirklich „vor den Toren“.] Am Freitag wurde berichtet, dass die Taleban zwei Schlüsseldistrikte eingenommen haben, die Faizabad mit anderen Provinzen verbinden, aber die Verbindung wurde in den letzten beiden Tagen von Regierungstruppen wieder hergestellt.

 

Baghlan:

Auch in den Vororten der Provinzhauptstadt Baghlans, Pul-e Khumri, wurde gekämpft. Dort hätten die Taleban einen vor drei Wochen geschlossenen Waffenstillstand gebrochen.

 

Balkh:

Hier wurde der Distriktpolizeichef von Daulatabad, Lt. Col. Abdul Rauf Akhgar, bei einem Bombenanschlag getötet. Er hatte sein Amt erst am Donnerstag angetreten. Sein Vorgänger, Hayatullah Rogh, wurde erst am 20. September umgebracht.

 

Kabul:

Heute abend gegen 20 Uhr Ortszeit griffen Taleban-Selbstmordattentäter das Haus des ehemaligen Gouverneurs von Helmand und jetzigen Präsidentenberaters Naim Balotsch nahe der Darulaman-Straße an. Ihm scheint nicht passiert zu sein (http://www.pajhwok.com/en/2015/10/06/ex-helmand-governor-escapes-taliban-raid-kabul), obwohl die Angreifer in das Haus eindringen konnten; vier Menschen sollen verletzt worden sein.

 

Zentralasien:

Leider arbeiten einige Medien weiter daran, eine bisher nicht wirklich erkennbare Bedrohung für Zentralasien herbeizureden. RFE/RL etwa titelte: „Kunduz läutet die Schaffung einer Basis der Instabilität für Zentralsien ein“. Dabei haben die Taleban erklärt, dass sich die zentralasiatischen Republiken nicht um ihren Vormarsch sorgen sollen, er richte sich nicht gegen sie – und vor allem ist auch praktisch nichts in diese Richtung zu erkennen. Natürlich muss man die zentralasiatischen Kämpfer beobachten, die z.T. mit den Taleban gemeinsame Sache machen sollen – auch wenn die größte Organisation, die Islamische Bewegung Usbekistans, sich ja von den Taleban abgewandt und dem IS angeschlossen hat. (Das dürfte nicht dabei helfen, gemeinsam mit den Taleban über den Amu-Darja zu setzen.)

Hingegen hat die Islamische Dschihad-Union, eine IBU-Spliterrgruppe behauptet, sie hätte an der Einnahme Kunduz’ mitgewirkt. Sie soll am 20. August dem neuen Taleban-Chef Mullah Mansur Gefolgschaft geschworen haben. Viele Einzelheiten gibt es nicht, und einige der veröffentlichten Fotos sind woanders schon den Taleban zugeschrieben worden.

 

Hier weitere Beiträge zu den Kämpfen in Kunduz, dem US-Luftangriff auf die Klinik der Ärzte ohne Grenzen sowie Hintergründe und Erklärungsversuche.

 

Zunächst einige Zitate von mir in der Neuen Zürcher Zeitung (2.10.):

Auch der Co-Direktor des Kabuler Think-Tanks Afghanistan Analysts Network, Thomas Ruttig, erklärt im Gespräch, dass ein militärischer Aufklärungsdienst die Vorbereitungen der Taliban für den Angriff auf Kunduz hätte erkennen müssen.

Auch Ruttig sieht Probleme in der Koordination. Die afghanischen Sicherheitskräfte setzen sich aus der Armee, der Polizei und aus regierungstreuen Milizen, den sogenannten lokalen Polizeieinheiten, zusammen. Die Zusammenarbeit funktioniert weder unter den Einheiten noch innerhalb derselben besonders gut. Besonders die Milizen verfolgen mitunter Partikularinteressen und sind nicht immer zuverlässig. Ausbildungsstand und Motivation sind laut Ruttig sehr unterschiedlich.

 

Als nächstes ein Interview mit dem MDR, das am 2.10.15 gesendet wurde – Titel: „Es ist im Grunde auch eine humanitäre Katastrophe in Kundus“. Zum Nachhören auf diesen Link gehen und dann den Titel (unter dem Datum 2.10. und 11.36 Uhr) anklicken.

 

Nun einige kürzere Zitate von mir, die in der Welt am Sonntag (4.10.15) Verwendung fanden:

„Für ihren Coup haben sie Kämpfer aus verschiedenen Provinzen zusammengezogen“, sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig, der den Thinktank Afghanistan Analysts Network in Kabul als Ko-Direktor leitet. „Dass der afghanische Geheimdienst NDS davon nichts mitbekommen hat, ist verblüffend.“

Für ihre letzten Vorbereitungen nutzten die Taliban den traditionellen Waffenstillstand anlässlich des Opferfestes Eid. „Jeder hier wusste doch, dass sie ihre Leute in die Stadt schleusen“, sagt ein anderer Bürger von Kundus, der nicht genannt werden will. „Es war klar, dass sie angreifen, sobald das Fest vorbei ist. Aber niemand hat etwas getan.“

Die einander kreuzenden Bruchlinien in der Provinzhauptstadt erleichterten den Sieg der Taliban, meint Ruttig. Da gibt es einen Gouverneur, der von seinem Stellvertreter bekämpft wird, und trotzdem leichtsinnig genug ist, in einer so heiklen Zeit ins Ausland zu reisen. [Der Gouverneur ist inzwischen abgelöst, sein Stellvertreter amtiert interimistisch.] Und es gibt einen Sicherheitsapparat aus konkurrierenden Behörden und zum Teil halbstaatlichen Truppen, die von vielen Bürgern eher gefürchtet werden.

 

Schließlich ein ausführliches Interview, das in der Frankfurter Rundschau (4.10.15) (http://www.fr-online.de/politik/klinik-im-afghanischen-kundus-afghanistan-wird-uns-noch-lange-beschaeftigen,1472596,32077518.html) erschien:

Afghanistan wird uns noch lange beschäftigen

Thomas Ruttig vom unabhängigen Analyse-Netzwerk AAN spricht im Interview mit der FR über die Taliban, die schwache Armee und die Voraussetzungen für eine Konfliktlösung. Interview: Andreas Schwarzkopf

 

Die Kämpfe in Kunduz haben hierzulande eine alte Debatte neu entfacht. Was kann und soll Deutschland unternehmen, um die Lage in Afghanistan zu stabilisieren?

Wir sollten die Rolle Deutschlands nicht überschätzen. Es ist Teil der internationalen Gemeinschaft und nicht der wichtigste [und sollte in diesem Rahmen handeln].

Was halten Sie von dem Vorschlag, das Mandat für den Nato-geführten Einsatz Resolute Support Mission (RSM) zu verlängern. Bisher sollen bis 2017 bis zu 850 Berater der Bundeswehr entsandt werden? 

Verteidigungsministerin von der Leyen hat gesagt, wir sollen nicht kleinlich sein und den Einsatz der Trainer um ein paar Wochen verlängern. [Inzwischen geht es um ein Jahr – wenn alle NATO-Partner zustimmen.] Hier fängt der Mangel an Realismus wieder an. Es geht nicht um ein paar Wochen [oder um ein Jahr und ein paar Ausbilder – die Probleme sind viel zu komplex].  Afghanistan wird uns noch lange beschäftigen.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, hält einen umfassenden Militäreinsatz für notwendig.

Ich glaube nicht, dass Herr Kujat vorschlägt, Bundeswehrsoldaten gegen die Taliban an die Front zu schicken. Das ließe sich politisch nicht durchsetzen und wäre auch nicht hilfreich. Es gab  bereits einen fast 15 Jahre dauernden Kampfeinsatz mit zeitweise bis zu 140 000 Soldaten. Dieser Einsatz hat den Konflikt nicht gelöst, sondern ihn teilweise sogar verstärkt. Das bezieht sich vor allem auf die ersten Jahre nach dem Sieg über das Taliban-Regime im Jahre 2001, als die US-geführte Schutztruppe ISAF unbedingt auch noch die letzten Taliban liquidieren wollte. Das hat die Taliban erst wieder stark gemacht. [Einfach wieder Soldaten zu schicken, wäre nur ein Weiterso wie bisher. Der Afghanistan-Chef des US Institute for Peace fasste das Dilemma am 4.10. so zusammen: „Im Zeitraum von 72 Stunden haben wir sowohl die Notwendigkeit für eine robustere US-Präsenz als auch die Gefahren dabei gesehen.“]

Die massive militärische Attacke der Taliban in Kunduz hat viele erstaunt. Sie auch?

Ich finde es erstaunlich, dass so viele überrascht sind. Die Taliban haben zum Auftakt der alljährlichen Frühjahrs-Offensive bereits im April Kunduz angegriffen. Sie haben sich in den Vororten festgesetzt und sind von dort nie vollständig vertrieben worden.   Aus dieser starken Position haben sie diesmal angegriffen. Und das unter den Augen der Geheimdienste Afghanistans und des Westens und der Spezialkräfte der USA. Kunduz zeigt: Die afghanische Armee ist bei weitem nicht wo weit, wie viele sich das wünschen. Es ist aber auch nicht so, dass die Taliban jetzt das ganze Land überrennen würden.

Warum sind die afghanischen Streitkräfte noch nicht so schlagkräftig? 

Sie sind ein Konglomerat unterschiedlicher Kräfte. Dazu gehören von der Regierung angeheuerte und auch völlig irreguläre Milizionäre. Milizstrukturen gibt es auch in Armee und Polizei. Diese folgen eher den Interessen eines Warlords als den Vorgaben Kabuls. Außerdem werden sie unregelmäßig besoldet, so dass sie manchmal kämpfen und manchmal nicht.

Die Gespräche mit den Taliban sollen die Aufständischen politisch einbeziehen und den Konflikt entspannen. Warum kommen diese Verhandlungen nicht voran?

Zum einen haben die USA einen solchen Ansatz jahrelang blockiert. In dieser Zeit haben sich die Taliban reorganisiert und radikalisiert. Zum andern müssten diese Gespräche  erst einmal richtig  in Gang kommen. Das ursprünglich als Vorgespräch geplante Treffen im Sommer im pakistanischen Murree wollte die Führung der Taliban geheim halten, um ihre eigenen Hardliner nicht zu verärgern. Die Regierungen in Kabul und Islamabad wollten hingegen  schnell einen Erfolg verkünden. Als sie dann noch den schon zurückliegenden Tod des Taliban-Chefs Mullah Omar heraussickern ließen, ließen die Taliban die Gespräch platzen. Kommunikationsstrategie ist aber noch keine Politik. Wichtiger ist, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und systematische Gespräche zu führen.  Ich bezweifle auch, dass Pakistan in diesem Konflikt ein ehrlicher Vermittler ist. Aus Sicht Kabuls ist es zwar richtig, Pakistan in die Problemlösung einzubeziehen. Aber es ist eben nicht so, dass die Taliban nach Pakistans Pfeife tanzen.  

Welche Rolle spielt Islamabad in diesem Konflikt?

Kabul behauptet, die Taliban seien Marionetten Pakistans. Das ist falsch. Die Taliban verfolgen ihre eigenen Interessen. Sie sind aber auch von Pakistan abhängig. Dort finden sie beispielsweise sichere Rückzugsgebiete. Deshalb haben sich die Taliban zu den Gesprächen drängen lassen. Pakistan wiederum stand unter dem Druck Chinas und den USA.

In diese Phase wurde bekannt, dass das langjährige geistige Oberhaupt der Taliban, Mullah Omar, bereits vor zwei Jahren im April 2013 gestorben sei.

Mit dieser Nachricht wurde versucht, die Taliban zu schwächen. Sie standen plötzlich ohne ihren geistigen Anführer da und hatten zudem ihre Anhänger belogen. Aber die dadurch erhoffte Spaltung und Schwächung der Taliban trat nicht ein. Den Machtkampf um Omars Nachfolge entschied sein Stellvertreter Mullah Mansur für sich. Pakistan versuchte einen Angehörigen Mullah Omars an die Spitze der Taliban zu hieven. Als dies scheiterte, hat sich Islamabad sehr schnell mit Mullah Mansur arrangiert. Anschließend haben Gefechte wie jetzt in Kunduz und Anschläge in Kabul gezeigt, dass Mansur die Taliban kontrolliert und diese immer noch kampfstark sind. Der Ansatz der Murree-Gespräche, ist jedenfalls gescheitert.

Was müsste die afghanische Regierung unternehmen, um den Konflikt politisch beizulegen?

Drei Dinge sind dabei wichtig. Die unterschiedlichen sozialen und politischen Kräfte in Afghanistan müssen  für sich klären, ob sie mit den Taliban überhaupt reden wollen. Viele  wollen das nicht. Zweitens müssten dann Vertreter der afghanischen Regierung und der Taliban ausloten, welche Kompromisse möglich sind. Und drittens müssen neben den USA auch die Nachbarstaaten in diesen Prozess eingebunden werden. Das funktioniert aber nur, wenn die Nachbarn Afghanistans endlich einlösen, was sie bereits während der Petersbergergespräche im Jahr 2001 versprachen, sich also nicht mehr in innerafghanische Fragen einmischen.

Warum fällt es den Nachbarstaaten so schwer, mit Afghanistan ein regionales Sicherheitssystem zu schaffen?

Sie sind sich untereinander nicht einig. Es gibt den Konflikt zwischen Pakistan und Indien. Zudem konkurrieren Pakistan und Iran um den Einfluss in der Region. Russland wiederum fühlt sich aus Afghanistan zurück gedrängt und versucht seinen Einfluss über zentralasiatischen Staaten wieder zurück zu gewinnen. Für all diese Staaten ist Afghanistan nur ein sekundäres Problem. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die gute Idee eines regionalen Sicherheitssystems realisiert wird.

 

Siehe auch schon hier, meine Interviews im Tagesanzeiger und der slowakischen Zeitung „N“.

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