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Ich hatte mich schon lange gefragt, woher diese Zahlen stammen: „Neue Flüchtlingswelle aus Afghanistan befürchtet“ hatte als erstes die Welt schon am 27.9. getitelt. Und weiter: „Bis zu 100.000 Afghanen verlassen monatlich ihr Land. Nach einer spontanen Massen-Ausreise werden in Kabul die Reisepässe knapp, und die Bundesregierung befürchtet einen gefährlichen Kontrollverlust“. Vor einigen Tagen legte dann auch Spiegel Online, gleich in zwei Varianten (hier und hier) nach und stellte den Bericht in den Kontext der inzwischen beendeten Taleban-Besetzung von Kunduz.

Beim Spiegel stand zum ersten Mal auch etwas deutlicher, was die Quelle dieser Zahlen sei: „ein vertrauliches Lagebild deutscher Sicherheitsbehörden“, der „sogenannte Gasim-Bericht“. Spiegel:

Der Bericht des Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrum Illegale Migration (Gasim) schildert regelmäßig neue Entwicklungen in der Flüchtlingskrise. An dem Zentrum sind die Bundespolizei, das Auswärtige Amt, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), der Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst beteiligt

(Die Welt hatte nur von „deutschen Sicherheitskreisen“ geschrieben und man konnte annehmen, dass es sich um Einzelstimmen gehandelt hat.) Das ist nun doch deutlich schwerwiegender.

Eine Nachfrage beim Afghanistan-Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM) – sie gehört zum UN-System – ergab, dass die Zahlen jedenfalls nicht von dort stammen. Das bestätigte dessen Leiter, Richard Danziger, jetzt auch der ARD-Tagesschau:

„Wir haben es hier mit einem Exodus zu tun, aber wir haben keine konkreten Zahlen. Wir wissen nur, wie viele Menschen in Europa ankommen. Wir wissen, dass deutlich mehr Bustickets Richtung Iran verkauft werden. Wir wissen, dass die Flüge nach Teheran voll sind mit jungen Männern, während die Rückflüge leer sind. Ja, das ist ein Exodus, aber wir kennen die Zahlen nicht.“

In den ersten neun Monaten dieses Jahres haben knapp 80.000 Afghanen in EU-Ländern Asyl beantragt, davon knapp 17.000 in Deutschland. Viele Afghanen, die jetzt in Deutschland ankommen, haben sich schon vor Wochen oder Monaten auf den Weg gemacht. Es ist eine Flucht in Etappen, auch um zwischendurch neues Geld zu verdienen. (das ist eine Tagesschau-Hinzufügung)

Wie die „deutschen Sicherheitsbehörden“ auf ihre Zahlen kommen, wäre interessant zu erfahren. Sie verfügen jedenfalls bei weitem nicht über die Infrastruktur vor Ort und Erfahrung wie IOM und das UN-System. Wahrscheinlich stützen sie sich auf afghanische Quellen. Diese sind allerding nicht für ihre Akkuratesse gekannt.

Es besteht auch der Verdacht, dass hier Politik gemacht werden soll.

Und Innenminister Thomas de Maiziére hatte ja auch bereits falsche Zahlen zu den syrischen Flüchtlingen verbreitet.

Zudem – das zeigen die Artikel beim Spiegel und in der Welt – werden hier einige Dinge vermischt. Wieder der Spiegel:

Als Beleg für die Fluchtplanungen führt das Gasim-Papier zudem an, dass derzeit rund eine Million Afghanen auf ihre bereits beantragten Pässe warten – viele von ihnen würden vermutlich anschließend den gefährlichen Weg nach Europa wagen. In Kabul bestätigte der Leiter der Passstelle SPIEGEL ONLINE diesen Trend. „Die Zahlen der Anträge auf einen Pass haben sich seit 2014 versiebenfacht“, sagt Omar Saabor. Er bestätigte, dass seine Behörde bis zu 7000 neue Pässe pro Tag ausstelle. „Die meisten der Menschen hier wollen sich mit dem Pass auf die Suche nach einem guten Leben außerhalb Afghanistans machen“, so Saabor.

Mal abgesehen davon, ob der Chef der Passstelle wirklich von Fakten ausgeht oder nur einfach mal seine Meinung gesagt hat – Hintergrund für diesen Ansturm auf Pässe ist aber ein Dekret, dass Afghanen generell untersagt, mit bisher noch gültigen und weit verbreiteten handgeschriebenen Pässen das Land zu verlassen. Das könnte sogar auf Druck der westlichen Staaten zurückgehen, die diese Dokumente nicht mehr gelten lassen wollen. Nun soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass jüngste Entwicklungen zu weiteren Fluchtbewegungen geführt haben. Aber Reisegründe gibt es auch für Afghanen viele, und nicht alle enden mit einem Asylantrag in Deutschland oder Europa: Stipendiaten, Kranke und ihre Verwandten, die zur Behandlung ins Ausland reisen (meistens nach Indien) sind unter den Antragstellern und oft geraten nun lange geplante Termine in Gefahr. Auch das trägt zu dem gegenwärtigen Ansturm teil. Dazu kommt die große Zahl von Arbeitsmigranten in Iran (die es schon seit Jahrzehnten gibt), und die ebenfalls die Busse nach Iran füllen – aber nicht in jedem Falle zur Weiterreise.

Die Gleichung Passantragsteller = Flüchtling ist also inkorrekt. Das bestätigte dem Verfasser auch IOM.

Das schreibt im übrigen, leider viel weiter unten im Text, die Welt:

Zwar wollen längst nicht alle in die Bundesrepublik, viele suchen Arbeit im Iran, in Pakistan und den Arabischen Emiraten. Dennoch führen deutsche Sicherheitsbeamte die steigende Zahl afghanischer Flüchtlinge auf den Pass-Effekt zurück.

Der Tagesschau-Bericht endet mit folgendem, richtige Satz, der – wenn man bis dorthin liest (und sich die Welt- und Spiegel-Zahlen sich nicht schon in den Köpfen festgesetzt haben) – etwas Brisanz aus den alarmistischen Zahlen der „Sicherheitsbehörden“ und den alarmistischen Medienberichten nimmt:

Die große Mehrheit der afghanischen Flüchtlinge ist arm. Für sie ist Deutschland unerreichbar. Mehr als 800.000 Afghanen sind im eigenen Land auf der Flucht. [Schon mehr als 1 Million, vor Kunduz.] Rund 2,5 Millionen Afghanen schlagen sich in den Nachbarländern Pakistan und Iran durch.

Schließlich noch eine abschließende Bemerkung. Der Spiegel schreibt:

Die Sorge vor dem sogenannten Kunduz-Effekt teilt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch die Bundeswehr. Wegen der tagelangen Besetzung der Provinzmetropole durch die Taliban, warnt ein internes Papier, werde das Vertrauen der Afghanen in die eigenen Sicherheitskräfte „weiter sinken und Abwanderungsbewegungen – nicht nur aus Kunduz – nochmals zunehmen“. Von einer verheerenden Signalwirkung ist die Rede. Schon jetzt, so eine bisher nicht veröffentlichte Nato-Umfrage unter Tausenden Afghanen, fühle sich nur noch jeder Fünfte in Nordafghanistan sicher, in der Hauptstadt Kabul sei es jeder Vierte.

Vielleicht stellen sich Bundeswehr – samt Bundesverteidigungsministerium – mal die Frage, ob nicht vielleicht auch sie mit ihrem jahrelangen Schönreden der Sicherheitslage in Kundus („kein Krieg“) und daraus folgenden Unterschätzungen auch bei den von ihnen (mit)trainierten afghanischen Sicherheitskräften dazu beigetragen haben, dass die Lage dort erst so weit eskalieren konnte, wie sie sich heute darstellt. Unter anderem täte sie gut daran, den Ansatz ihres Trainingskonzepts noch einmal zu überdenken – gerade angesichts der heutigen Obama-Mitteilung, dass die USA ihre derzeit in Afghanistan stationierten 5500 Mann auch über das Ende 2016 hinaus dort belassen werden und nicht, wie bisher vorgesehen, auf 1000 reduzieren, woran sich dann ja sicherlich auch die Bundesrepublik beteiligen wird. Angesichts der Komplexität der Probleme nicht nur in Kunduz ist ein einfaches Weiter-so ganz sicher nicht angesagt.

Ganz zum Schluss noch kurz zur aktuellen Lage in Kunduz.

Die Taleban haben im am Dienstag ihren Kämpfern die Order gegeben, Kunduz wieder zu verlassen. Allerdings griffen sie gleich danach auch die Provinzhauptstädte Maimana und Ghazni an, allerdings auch nicht mit dem gleichen Erfolg. Afghanische Quellen sagen, auch Qalat (Zabul) sei bedroht, und in den Vororten von Pul-e Chumri (Baghlan) haben sich die Taleban auch festgesetzt. Dieser Aufzählung ist wahrscheinlich nicht vollständig. Die Regierungstruppen verkünden unterdessen, sie würden gerade den „Terroristenschlupfwinkel“ Tschahrdara „säubern“. Zum wievielten mal eigentlich?

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