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14 Tage, die Afghanistan erschütterten

Ein multipler Propaganda-Erfolg für die Taleban mit seismischen Auswirkungen bis nach Washington

In friedlicheren Tagen: Vogelhändler im Basar von Kunduz. Foto: Thomas Ruttig (2007).

In friedlicheren Tagen: Vogelhändler im Basar von Kunduz. Foto: Thomas Ruttig (2007).

Am 6. Oktober befahl die Talebanführung ihren Kämpfern, nach zweiwöchiger Besetzung die Stadt Kunduz wieder zu verlassen. Sie konnten dem Druck der Regierungstruppen nicht mehr standhalten und haben trotzdem den größten militärischen Erfolg errungen, seit sie 2001 von der Macht verdrängt wurden: gegen alle Voraussagen eine Provinzhauptstadt einzunehmen. Bisher konnten sie immer nur einige entlegene Distrikte für längere Zeit kontrollieren.

US-Präsident Barack Obama sah sich danach gedrängt, den Abzugstermin für die US-Truppen ein weiteres Mal zu verschieben. Damit ist sein vor der ersten Amtszeit gegebenes Wahlversprechen perdu, den – wie er es nannte – „guten Krieg“ in Afghanistan (im Gegensatz zum „schlechten“ in Irak, den G.W. Bush ja aufgrund falscher „Beweise“ über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen begann) bis Ende 2016 zu beenden. Nun werden nicht wie bisher vorgesehen nur 1000 US-Soldaten in Afghanistan bleiben, sondern 5500, und dazu solche aus anderen NATO- und verbündeten Ländern. Deutschland wird auch darunter sein.

Das ist der erste Propagandaerfolg für die Taleban, der sich aus ihrer zeitweiligen Einnahme von Kunduz ergab: Die Aufständischen haben die USA gezwungen, ihre Pläne für Afghanistan ein weiteres Mal zu ändern, und gezeigt, dass es nicht die Supermacht ist, die dort den Ablauf bestimmt.

Die Taleban nehmen sogar in Kauf, dass die Verlängerung der US-Truppenstationierung sie weiter von ihrem Ziel abbringt, alle westlichen Soldaten aus dem Land zu drängen, denn mit den US-Truppen im Land werden auch die afghanischen Truppen schlagkräftiger. Aber die Strategie der Taleban ist ohnehin nicht auf einen schnellen Sieg aus, sondern eher eine Strategie der Abnutzung.

Allerdings haben sie anschließend sofort den Druck weiter hoch gehalten. Binnen weniger Tage griffen sie drei weitere Provinzzentren an – Maimana im Nordwesten, Ghazni im Südosten und Pul-e Chumri, unmittelbar südlich von Kunduz gelegen. Zwar wurden sie in den beiden ersten Fällen jeweils zurückgeschlagen, und in Baghlan wird noch nicht mit einem größeren Angriff gerechnet (siehe hier bei AAN). Auch halten sie weiterhin große Teile der Distrikte um Kunduz-Stadt. Die Taleban konsolidieren also ihrer Positionen landesweit und haben bewiesen, dass sie fast gleichzeitig große Operationen in mehreren Landesteilen durchführen können. Das lässt für das kommende Jahr nichts Gutes ahnen.

Zum zweiten haben die Taleban in Kunduz die Schwächen der Regierungstruppen aufgedeckt. Diese wurden völlig überrumpelt, obwohl die Taleban die Stadt im April zum Auftakt ihrer jährlichen Frühjahrsoffensive schon einmal angegriffen und sich dabei in Außenbezirken der Stadt festgesetzt hatten. Auch von diesen Positionen aus wurden diesmal der Angriff vorgetragen. Der Talebanerfolg in Kundus war also auch ein Versagen des afghanischen, eng mit der CIA kooperierenden Geheimdienstes sowie der im Hintergrund weiter dort tätigen Dienste der westlichen Verbündeten. Und der Streitkräfteaufbau, im Westen bisher eher als Erfolg dargestellt, erwies sich als quantitativ zwar eindrucksvoll (mit etwa 350.000 Mann regulärer Streitkräfte und dazu 29.000 Afghan Local Police, jedenfalls auf dem Papier), aber qualitativ unzureichend.

Drittens stellte sich auch die afghanische Regierung selbst – auf der Provinz- und der Zentralebene – als uneinig dar und legte im Zentrum atemberaubende Kurswechsel hin. Die Provinzregierung wurde von Fraktionskämpfen geschwächt. Bis zur Machtübernahme Präsident Ghanis von Vertretern der ehemaligen Nordallianz dominiert, setzte er ihnen mit Omar Safi einen eigenen, aber in Sachen Provinzadministration unerfahrenen und – was schwerer wiegt – in der Provinz ohne wirkliche Verbündete dastehenden Mann vor die Nase. (Er war im Dezember 2014 der erste neuernannte Provinzgouverneur unter Ghani überhaupt, lange vor den meisten anderen – ein Zeichen, wie wichtig Kunduz in Kabul angesehen wurde.) Sein Stellvertreter, Hamdullah Daneschi, der seit 13 Jahren im Amt ist und mit seinem Jamiat-Hintergrund in der Provinzregierung die Kontinuität verkörpert, tat zusammen mit dem neuen Polizeichef alles, um Safi das Leben schwer zu machen (mehr dazu bei AAN, hier).

Dazu kam, dass Safi den Auftrag hatte, dem gerade in Kunduz verbreiteten Milizenunwesen das Handwerk zu legen. Das hielt bis zum Taleban-Angriff. Dann schwenkte Ghani, wohl auch unter dem Druck seines Vizes Abdullah und dessen Nordallianzler (die ihm in Kunduz Versagen vorwarfen) und gestattete die Bildung von noch mehr Milizen. (Ich fasse auch die ALP unter diesen Begriff, das sie zwar formal dem Innenministerium untersteht, aber das hat in der Praxis nicht viel Kontrolle.) Deren Zahl soll nach Berichten aus Kabul nun von 29.000 auf 45.000 erhöht werden. Und das obwohl Teile der ALP, die ja Lücken bei den regulären Streitkräften füllen soll, beim Taleban-Angriff tatenlos bleiben und nach Hilfe der regulären Truppen riefen. (Mehr zu diesem Thema bei AAN, hier.)

(Man beachte in dem verlinkten Bericht zu den ALP-Zahlen auch den Satz, in dem steht, dass die Bundeswehr mit den Amerikanern einem Milizenführer im Kunduzer Distrikt Qala-ye Zal ein Fort bauten, obwohl der damals noch nicht einmal zur ALP gehörte! Die Bundesregierung hat immer abgestritten, mit Milizen kooperiert zu haben.)

Inzwischen wurde Safi wieder abgesägt – und Daneschi zu seinem Nachfolger ernannt. Das ist ein politischer Sieg des Abdullah-Lagers über das von Ghani, obwohl ihre eigenen Kräfte in Kunduz ebenfalls versagt hatten. Das zeigt, wie viel Einfluss die ehemaligen(?) Warlords immer noch haben. Ganz abgesehen davon, dass sich auch die Milizenstrategie wieder einmal als fragwürdig herausgestellt hat – und von der Regierung und mit ausländischer Unterstützung trotzdem fortgesetzt wird.

Auch Daneschi selbst hat in zwei Fällen schon für Aufsehen gesorgt. Er war es, der als erster behauptete, dass sich in der von einem US-Jet bombardierte MSF-Klinik in Kunduz Talebankämper aufgehalten hätten. Diese Lesart übernahm später auch Kabul, von der US-Regierung ganz abgesehen. Zum zweiten zitierte ihn vor ein paar Tagen die Washington Post mit folgendem bemerkenswerten Satz, eine Antwort auf den Hinweis auf Menschenrechtsverletzungen der Milizen: Diese Menschenrechtsleute zerstören uns. Wenn ihre Kritik nicht ware, würden wir mit den Taleban Schluss machen.

Das sind unsere Verbündeten…

Der Angriff auf Kundus zeugt zudem davon, dass der zeitweise umstrittene Führungswechsel bei den Taleban von Mulla Muhammad Omar zu Achtar Muhammad Mullah Mansur diese kaum geschwächt hat. Mansur bewies mit der Kunduz-Operation, dass er die militärischen Strukturen der Taleban kontrolliert und sie erfolgreich einzusetzen weiß. Auch insofern wird sich der Erfolg in Kunduz positiv auf die Motivation der Talebankämpfer auswirken. Genauso wie sie negativ die Moral der Bevölkerung beeinflussen: tausende sind aus den bedrohten Städten in Richtung Kabul geflohen – zusätzlich zu bereits über einer Million Binnenvertriebener.

Offenbar spekulierten die Taliban auch darauf, dass die afghanischen Regierungstruppen und ihre westlichen Alliierten davor zurückschrecken würden, Bomben- und Drohnenangriffe in einem urbanen Zentrum auszuführen. Als die Kabuler Regierung solche doch anforderte, wurde prompt das Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Kunduz getroffen, bis dahin Hauptanlaufstelle für Verwundete in der Stadt. Damit zeigte sich auch, wie zweischneidig weitere jegliche weitere militärische Unterstützung des Westens ist. Einerseits stabilisiert sie die Regierungsseite gegen die Taleban, gegen deren Rückkehr sich wohl eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung wehrt. Andererseits wurde wieder einmal bewiesen, dass er keinen „sauberen Krieg“ gibt, und fast schon gesetzmäßig Zivilisten getroffen werden. Und obwohl die Untersuchungen noch im Gange sind, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass es sich wohl nicht um einen unbeabsichtigten Zwischenfall gehandelt hat – das wäre dann ein Kriegsverbrechen. Auch dadurch kommen die Taleban moralisch weiter in die Vorhand, und ihre Unterstützer in sozialen Medien schlachten das Bombardement bereits entsprechend aus.

Die zerstörte MSF-Klinik in Kunduz. Foto: MSF.

Die zerstörte MSF-Klinik in Kunduz. Foto: MSF.

Auch die Taleban haben in Kunduz schwere Menschenrechtsverletzungen begangen: Plünderungen von Banken und der Universität, von NGO- und UN-Büros, Übergriffen gegen Angestellte und Unterstützer der Regierung (nach Namens- bzw Gehaltslisten, die ihnen im örtlichen Geheimdienstbüro sowie bei UN und NGOs in die Hände gefallen waren), darunter die grauenhafte Hinrichtung eines schwerst behinderten ehemaligen Leibwächters eines örtlichen Warlords. Aber die sonstige Zivilbevölkerung ließen die Taleban wohl weitgehend in Ruhe, und richteten sogar eine Beschwerdehotline ein! Der Kabul-Korrespondent der Washington Post, der Kunduz kürzlich besuchten und von dem die meisten der gerade genannten Einzelheiten stammen, schrieb auch:

Einige Anschuldigungen wegen Misshandlungen an die Taliban waren falsch. Im Frauenwohnheim der Kunduzer Universität, so hatten lokale afghanische TV-Netzwerke [und auch amnesty international] berichtet, hätten die Kämpfer viele Studentinnen vergewaltigt. Die Taliban bestritten diese Berichte und sagten, sie würden nun die Reporter dieser Netzwerke zum Ziel machen [auch das ein Zeichen, wie die Taleban zu Berichterstattung stehen – und vor allem davon, dass sie offenbar ‚Sippenhaft’ für legitim halten]. In Interviews sagten drei Angestellte des Wohnheims dass es über die muslimischen Feiertage des Eid al-Adha geschlossen war, als die Taleban anrückten. „Es waren keine Mädchen hier.“

An die westlichen Truppen und auch an die afghanische Regierung muss man allerdings höhere Maßstäbe anlegen, was ihre Vorgehensweise, Rechtstaatlichkeit und Beachtung der Menschenrechte auch während Kampfhandlungen angeht. Dafür gibt es ein internationales Völkerrecht, und daran sind auch die USA und Afghanistan gebunden.

Interessant in diesem Zusammenhang ein Artikel jüngst in der New York Times, über die vier US-Rechtsanwälte, die die legale Grundlage für den Angriff auf Osama bin Laden 2011 in Pakistan erarbeiten. „Während die Anwälte glaubten, dass Obama daran gebunden war, einheimisches [also US-] Recht zu beachten, glaubten sie auch, dass er entscheiden könne, internationales Recht zu verletzten, wenn es eine ‘verdeckte’ Operation anordne“. Kein Wunder, wenn man Leuten wie Daneschi nicht mit Menschenrechts- und Rechtstaatlichkeitsargumenten kommen kann, wenn unser westlicher Hauptverbündeter immer wieder deren Relativität vorführt.

Thomas Ruttig

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