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Taleban, die mit der Wahl von Mullah Muhammad Achtar Mansur als Nachfolger des verstorbenen Gründers der Bewegung Mullah Muhamad Omar, unzufrieden sind, haben nun ihren eigenen Anführer gekürt: Mullah Muhammad Rassul. Das war bereits am 2. November von afghanischen Medien gemeldet worden (siehe z.B. hier).

Der Sprecher der Alternativ-Taliban, Mullah Niazi. Foto: ToloNews.

Der Sprecher der Alternativ-Taliban, Mullah Niazi. Foto: ToloNews.

 

Die britische Tageszeitung The Telegraph beschrieb die Szenerie, auf der Grundlage eines Videos, das diese Taleban-Fraktion verbreitete:

Unter einem kalten blauen Himmel in Farah, in West-Afghanistan, sprach der Taleban-Veteran Mullah Muhammad Rassul, 50, zu Dutzenden von Kämpfern.

(Fotos hier auf der BBC-Webseite.)

Viel Zulauf scheint Rassul also nicht zu haben. Die Mainstream-Taleban hingegen veröffentlichten Dutzende von Gefolgschaftserklärungen, darunter von Dschalaluddin Haqqani (vom Haqqani-Netzwerk) und von al-Qaida (al-Zawahiri) auf ihrer Webseite und veröffentlichten Video von Meetings mit tausenden Teilnehmern, offenbar in Madrassas in Pakistan aufgenommen. (Sie finden oft unter anderem Anlass statt, zum Beispiel dem Begräbnis eines hohen Geistlichen – und dann tritt, wie ich auf einem Video sah, ein hoher Taleban-Vertreter auf die Bühne, verkündet die kürzlichen Veränderungen und bitte um Zustimmung per Hand heben und Allahu-Akbar-Rufen.)

Rassul ist ein ehemaliger Taleban-Schattenprovinzgouverneur (nach 2001) für Farah und Nimruz im Südwesten des Landes, soll aber aus Kandahar stammen. Die Stärke dieser Gruppierung wird auf ein paar hundert Kämpfer geschätzt.

Die BBC berichtete, Rassul habe vier Stellvertreter benannt: Abdul Manan Niazi, den Sprecher der Gruppe und ein Verwandter Mullah Omars, Kommandeur Mansur Dadullah und Scher Muhammad Achundzada für militärische Angelegenheiten (interessant, dass er drei davon braucht) und Mullah Baz Muhammad Hares für politische Angelegenheiten.

Mansur Dadullah ist der Bruder des bei einem westlichen Luftangriff 2007 getöteten Taleban-Kommandeurs Mullah Dadullah, der im selben Jahr von Omar wegen mehrfacher Gehorsamsverweigerung aus der Taleban-Bewegung ausgeschlossen worden war. Er hatte eine eigene Splittergruppe gegründet, die als Dadullah-Front (De Dadullah Mahaz; siehe bei AAN hier) bekannt ist, die vor allem in der Südprovinz Zabul operiert und in letzter Zeit für mehrere Entführungen von Hazaras verantwortlich gewesen sein soll. Mansur Dadullah habe die anderen Anführer der Rassul-Fraktion zu Vorbereitungsgesprächen in seiner Basis in Zabul empfangen, berichtete die pakistanische Zeitung Express Tribune.

Der zweite Stellvertreter Scher Muhammad Mansur ist der Sohn des früherer Mudschahedin-Kommandeurs Maulawi Nasrullah Mansur (keine Verwandtschaftsbeziehung mit dem anderen Talebanführer), so die Express Tribune weiter. Sollte das stimmen, dann hätte die neue Gruppierung auch Unterstützer im Südosten des Landes. Nasrullah Mansur hatte während des Krieges gegen die sowjetische Besatzung eine eigene Fraktion der Harakat-e Inqilab-e Islami geführt (offiziell Harakat-e Newin-e Inqilab-e Islami, Neue Bewegung der Islamischen Revolution genannt, aber als Harakat-Mansur bekannt), die sich später großenteils den Taleban angeschlossen hatte und dort als Mansur-Netzwerk bekannt wurde. Sie agiert v.a. in der Provinz Paktia. Scher Muhammad Mansur ist jedoch bisher nicht in Erscheinung getreten; das Mansur-Netzwerk wird von einem Neffen Nasrullah Mansurs (ermordet 1993) angeführt, Abdullatif Mansur, der zur Zeit eine Art Stabschef des Taleban-Mainstream-Chefs Achtar Mansur und als Verhandlungsführer bei den gescheiterten Gesprächen Kabul-Islamabad-Taleban in Murree im Juli 2015 teilgenommen hat. (Im Taleban-Regime war er Landwirtschaftsminister.)

Die neue Taleban-Fraktion, die sich „Oberster Rat des Islamischen Emirats von Afghanistan“ nennt – die Taleban-Führung um Mansur ist der „Führungsrat“ (Rahbari Schura) – erklärte allerdings, dass sie nicht gegen die Taleban von Mullah Mansur kämpfen würden, sondern weiterhin „gegen die US-geführten ausländischen Truppen und die [Kabuler] Regierung.“

Insofern liegt mein Kabuler AAN-Kollege Borhan Osman nicht ganz richtig, wenn er dem Telegraph sagte, diese Entwicklung „die erste Spaltung in der Taleban-Bewegung“ sei und „symbolisch, politisch und historisch signifikant für die Taleban-Bewegung“ – denn es handelt sich eben (noch?) nicht um eine Absplitterung, sondern um eine rivalisierende Fraktion, die sich nicht von der Taleban-Bewegung getrennt hat, sondern beansprucht, deren legitime Führung zu sein. (es gab auch bereits früherer Abspaltungen, sie oben, die Dadullah-Front.) Insofern ist der Kampf um die Führung der noch immer formal einheitlichen Bewegung nicht abgeschlossen.

Faktisch ist der Machtkampf aber entschieden. Achtar Muhammad Mansur kontrolliert die Ressourcen und Strukturen der Bewegung (wie die zeitweilige Einnahme von Kunduz zeigte), und wichtige weitere Kritiker und Rivalen haben es vorgezogen, sich der neuen Gruppe nicht anzuschließen. Dazu gehören Mullah Abdul Qayyum Zakir, einst Chef der Taleban-Militärkommission und mit viel Einfluss in Süd-Afghanistan; Mullah Hasan Rahmani, Ex-Gouverneur von Kandahar, Mullah Abdul Dschalil, früherer Vizeaußenminister und Mullah Abdul Razaq, früherer Innenminister (alle als sehr pakistan-nahe bekannt) sowie der frühere Chefunterhändler der Taleban und Mullah-Omar-Vertraute Tayyeb Agha. Selbst Mullah Omars Sohn Mullah Yaqub und Mullah Omars Bruder Mullah Abdul Manan, die zunächst Wortführer der Anti-Achtar-Fronde waren, haben ihm im September Treue geschworen.

Es fragt sich, warum sie sich in der Zukunft noch der gegnerischen Fraktion anschließen sollten, wenn sie es jetzt nicht getan haben. Zudem hat diese Fraktion auch immer die Möglichkeit, ihren Widerstand leise aufzugeben – denn sie haben eben den finalen Schnitt ja nicht vollzogen.

 

 

 

 

 

 

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