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Folgendes Interview erschien gestern im Schweizer Tagesanzeiger unter der Überschrift „Geht der Exodus weiter, wäre das verheerend(für Afghanistan). Es steht dort (noch?) nicht online. Zum Vergleich ein weiteres Interview mit dieser Zeitung vom 30.9. d.J., in dem auch kurz auf die Flüchtlingsfrage eingegangen wurde, zum Vergleich. (Es stand auch schon einmal auf dieser Seite.)

 

Afghanen flüchten nach Europa, seit neuem auch vermehrt in die Schweiz. [Allein in der ersten Novemberwoche sollen an der Ostschweizer Grenze 495 Afghanen aufgegriffen worden seien, und 150 anderswo in der Schweiz.] Was geht vor sich in Afghanistan?

Die afghanische Regierung mit ihren internationalen Verbündeten steht noch immer in einem harten Konflikt mit den Aufständischen, allen voran mit den Taliban. Zwar ist es den afghanischen Streitkräften gelungen, die Provinzhauptstadt Kunduz zurückzuerobern, nachdem die Taliban dieses wichtige Zentrum im September eingenommen hatten. Doch die Kämpfe haben damit kein Ende gefunden. Die Taliban besetzen immer noch einen Teil des Umlands von Kunduz. Auch in anderen Teilen des Landes wird gekämpft, nicht in allen 400 Distrikten täglich, aber Konflikte können jederzeit überall ausbrechen. Wie sich die Lage entwickeln wird, ist daher ungewiss.

 

Welche Rolle spielt der Islamische Staat?

Es gibt lokale Gruppen, die früher zu den pakistanischen oder afghanischen Taliban gehört haben, nun aber dem IS den Treueeid geschworen haben. Direkter Support vom IS scheint es nicht zu geben. Wenn überhaupt gibt es Kontakte auf der kommunikativen Ebene. Die Taliban sind daher noch immer die mit Abstand grösste bewaffnete Gruppe im Land.

 

Flüchten die Afghanen also, weil sie an Leib und Leben bedroht sind?

Dieser Aspekt spielt eine wichtige Rolle. Die Eroberung von Kunduz durch die Taliban hat eine Schockwelle verursacht. Die Menschen hier haben Angst, dass die Taliban das ganze Land erobern werden. Dies umso mehr, als auch andere Provinzhauptstädte stärker bedroht werden. Viele Familien schicken daher ihre jungen Söhne ins Ausland – um so eine Anlaufstation zu haben, falls sich die Lage weiter verschlimmern sollte.

 

Gibt es unter den Asylsuchenden auch reine Wirtschaftsmigranten?

Es ist schwierig, die Fluchtgründe sauber voneinander zu trennen. In Afghanistan herrscht seit Jahren eine schwere Wirtschaftskrise, noch verstärkt durch den Abzug der meisten ausländischen Truppen, die Zahl der Arbeitslosen ist hoch. Die meisten Afghanen machen sich auf den Weg nach Europa, weil sie keine Perspektive in ihrem Land sehen. Die Angst vor den Taliban verstärkt die Migration weiter. Auch die Schlepper haben ihren Anteil daran: Sie versichern den Menschen, dass Europa sie mit offenen Armen empfangen werde.

 

Wie soll Europa mit diesen Menschen umgehen?

Das müssen die europäischen Regierungen entscheiden. Fakt ist aber: Afghanistan ist ein Bürgerkriegsland. Flüchtlinge aus Afghanistan haben gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention daher Anrecht zumindest auf temporären Schutz.

 

Wird die Zahl der Flüchtlinge weiter steigen?

Das ist schwierig zu sagen. In Afghanistan leben 30 Millionen Menschen, mehrere Millionen Afghanen leben z.T. seit Jahrzehnten im nahen Ausland. Nun flüchten vermehrt weitere von ihnen in Richtung Europa. Die Internationale Organisation für Migration spricht von 70000 Afghanen, die das Land seit Anfang Jahr verlassen haben. Schätzungen von 100000 Monat für Monat halte ich für zu hoch.

 

Was passiert, sollte dieser Aderlass kein Ende nehmen?

Afghanistan ist ein junges Land. Die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 18 Jahre. Diese jungen Afghanen werden benötigt, das Land aufzubauen. Doch dafür sind Sicherheit und Arbeitsplätze vonnöten, die die Regierung schaffen muss. Geht der Exodus weiter, fehlt dem Land die Basis dafür. Das wäre verheerend.

 

Und hier das Interview vom 30.9.15.

«Die Taliban können jederzeit zuschlagen»

Mit der Eroberung der Grossstadt Kunduz ist den Taliban ein Coup gelungen, sagt Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig. Schuld an der jüngsten Entwicklung sei auch das westliche Militärbündnis.

Von Luca De Carli

Erstmals seit 14 Jahren erobern die Taliban eine Grossstadt in Afghanistan. Was bedeutet das?

Für die Taliban ist das ein grosser Schritt nach vorn. Bislang haben sie nur kleinere Zentren erobert und dann oft nicht lange halten können. Wir können momentan natürlich nicht voraussagen, wie dauerhaft diese Eroberung sein wird. Aber alleine die Tatsache, dass den Taliban dieses Unterfangen gelungen ist, gegen einen zahlenmässig viel grösseren Gegner, ist eine Überraschung. Eine Überraschung, die aus zwei Gründen nicht hätte sein dürfen. Einerseits hatten die Taliban bereits im April Kunduz angegriffen, die Sicherheitskräfte hätten also gewarnt sein müssen. Andererseits ist der erneute Angriff kurz nach dem islamischen Opferfest erfolgt. Die lokalen Verantwortlichen haben schlicht geschlafen. Der Gouverneur war auf Auslandsreise, der Polizeichef war auch nicht präsent.

Weiss man etwas über die Motive der Taliban? Ist die Eroberung von Kunduz ein symbolischer Akt oder wollen sie sich dauerhaft in Kunduz festsetzen?

Es gibt keine Statements der Taliban, die eindeutige Schlüsse zulassen. Aber alleine die symbolische Wirkung der Eroberung und des Haltens der Stadt während mindestens zweier Tage ist enorm. Ob sie sich längerfristig festsetzen können, bleibt abzuwarten. Taktisch sind sie jedenfalls sehr klug vorgegangen. Mit den Taliban ist die Zivilbevölkerung in der Stadt. Gegenangriffe werden dadurch schwierig. Sie könnten grosse Zerstörung anrichten und viele zivile Opfer fordern. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung ist bereits sehr stark untergraben und könnte noch weiter abnehmen.

Die Vorgänge erinnern an den Irak. Dort haben wenige Hundert Kämpfer des Islamischen Staates einen zahlenmässig weit überlegenen Gegner aus grossen Städten vertrieben. Warum ist das auch in Afghanistan möglich?

Dahinter stecken strukturelle Probleme. Die westliche Allianz hat beim Wiederaufbau der afghanischen Streitkräfte zu stark auf Quantität statt auf Qualität gesetzt. Es gibt nur wenige kampferprobte Einheiten. Und die werden derzeit im Land von Schwerpunkt zu Schwerpunkt geschickt. Es wird ja nicht nur in Kunduz gekämpft, sondern auch in vielen anderen Provinzen. Die Eliteeinheiten gelangen dadurch schnell an ihre Grenzen, was möglicherweise auch eine Strategie der Taliban ist.

Kunduz ist also kein Einzelfall. Wie ist die Lage im Allgemeinen? 

Kunduz ist insofern speziell, als es sich um die erste eroberte Grossstadt handelt. Aber die Taliban haben ihre militärischen Aktivitäten in den letzten Jahren laufend verstärkt. Bislang konzentrierten sie sich auf die ländlichen Gebiete. Die afghanische Regierung hat immer behauptet, die Taliban seien nicht in der Lage, urbane Zentren oder wichtige Verkehrsrouten zu übernehmen. Diese Einschätzung muss jetzt sicher überdacht werden. Auch weil die Taliban in diesem Jahr bereits die Kontrolle mehrerer Distriktzentren übernommen haben. Afghanistan hat 34 Provinzen und etwa 400 Distrikte. Die Taliban kontrollieren sieben bis zehn Distrikte. Das hört sich nach wenigen an. Aber in der Realität herrschen sie in vielen weiteren Distrikten überall ausser dem Zentrum.

Wie stark sind die Taliban heute?

Trotz Kunduz sind sie sicher noch nicht auf dem Level, wie damals als sie in Afghanistan regierten. Damals standen ihnen die Ressourcen eines ganzen Landes zur Verfügung. Das ist heute nicht der Fall. Sie sind aber eine Gefahr für die Stabilität des Landes und die afghanische Regierung. Die Taliban können in vielen Provinzen jederzeit zuschlagen. Dadurch schaffen sie einen Zustand der permanenten Unsicherheit.

Wie konnte das passieren?

Das hat nicht nur mit der Schwäche der regulären Streitkräfte zu tun. Auch die übrigen staatlichen Institutionen sind schwach. Und das ist mein Hauptkritikpunkt am westlichen Einsatz in Afghanistan. Es sind keine starken, funktionierenden, nicht korrupten Institutionen errichtet worden. Selbst die Regierung verlässt sich bis heute auf irreguläre Milizen und Warlords, gerade in Kunduz. Die Milizen verhalten sich teilweise noch schlimmer als die Taliban.

In Kunduz war die deutsche Bundeswehr ein Jahrzehnt präsent, in ganz Afghanistan lief bis Ende 2014 ein internationaler Militäreinsatz. Ist man zu früh abgezogen?

Es geht nicht um zu früh oder zu spät. Es wurden vor allem politische Fehler gemacht. Die Taliban waren 2001 militärisch geschlagen, eine politische Integration wurde ihnen aber verunmöglicht. Stattdessen traf der Krieg gegen den Terror in Afghanistan oft die Falschen, entzweite Regierung und Bevölkerung und stärkte so die Taliban.

Neue internationale Truppen würden also nicht viel bringen?

Das wird diskutiert. Zudem gibt es ja immer noch eine Nato-Mission in Afghanistan, die eigentlich 2016 beendet werden sollte. Natürlich muss man Afghanistan unterstützen, denn die Mehrheit der Bevölkerung will keine Rückkehr der Taliban. Allerdings muss sich auch endlich das Verhalten der Regierung ändern. Während vieler Jahre war von Reformen die Rede, erreicht wurde aber nicht viel. Das muss jetzt der Schwerpunkt internationaler Unterstützung sein.

Neben den Taliban scheint auch der Islamische Staat in Afghanistan aktiv zu sein…

Da wird oft völlig übertrieben. Der Islamische Staat ist zwar ein Problem in Afghanistan, aber nicht das dominierende. Das sind die Taliban.

Aber die Lage wirkt chaotisch. Wie reagiert die Bevölkerung? In Medienberichten ist von 100’000 neuen Flüchtlingen pro Monat die Rede.

Die Internationale Organisation für Migration spricht von 70’000 Afghanen, die das Land seit Anfang des Jahres verlassen haben. 100’000 pro Monat ist nicht realistisch. Schon vor Kunduz war in diesem Jahr jedoch von mehr als einer Million Flüchtlingen innerhalb des Landes die Rede, deren Versorgungslage schlecht ist. Wenn sich die Taliban tatsächlich in Kunduz festsetzen sollten, könnten die Auswirkungen dramatisch sein. Dann wären weitere Provinzen von der Hauptstadt Kabul abgeschnitten und die Kämpfe könnten sich erheblich ausweiten. Voraussagen sind allerdings momentan sehr schwierig.

(zum Original hier entlang)

 

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