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Tausende, wenn nicht über 10000 Afghanen (Fotos hier und hier) haben heute den ganzen Tag über in Kabul gegen den Mord an sieben Hazaras ­– vier Männer, zwei Frauen und ein neunjähriges Mädchen namens Shukria (Foto mit ihrem ebenfalls ermordeten Vater hier) – demonstriert, den bewaffnete Regierungsgegner in der Südprovinz Zabul verübt hatten. Es handelte sich um die größte Demonstration seit Jahren in der afghanischen Hauptstadt. Sie war gut organisiert und verlief weitgehend diszipliniert.

Die Demonstranten auf dem Weg zum Präsidentenpalast. Foto: Pajhwok.

Die Demonstranten auf dem Weg zum Präsidentenpalast. Foto: Pajhwok.

 

Die Demonstration wurde von Hazara-Aktivisten organisiert, mobilisierte aber über die ethnischen Grenzen hinaus. Viele begleiteten die Särge der Ermordeten vom West-Kabuler Hazara-Viertel Dascht-e Bartschi in einem vierstündigen Marsch zum Paschtunistan-Platz. Wie schon nach dem Lynchmord an Farkhunda Malekzada, trugen erneut Frauen den Sarg des Mädchens (Foto hier), die auf das Gelände einer Regierungsbehörde nahe des Präsidentenpalastes gelangten. Mehrere TV-Stationen übertrugen live. Mindestens eine von ihnen soll laut Media Watch Afghanistan von Sicherheitskräften gezwungen worden sein, die Übertragung einzustellen.

Einer Organisatoren wird von der New York Times wie folgt zitiert: “Zu lange waren wir im Schweigen begraben. Der logische Weg für uns ist, die Särge der Regierung als Geschenk zu übergeben.”

Tausende harrten den ganzen Tag trotz Regens und Kälte und ohne Essen (die Polizei verhinderte das) vor einem Tor zum Präsidentenpalast aus und warteten auf eine Reaktion der Regierung. Als sie ausblieb, versuchten am Nachmittag einige Heißsporne, über Absperrmauern kletternd, in den Präsidentenpalast zu gelangen (Foto hier). Polizei feuerte Warnschüsse ab, dabei wurden sieben bis zehn Menschen verletzt, fünf davon mit Schusswunden.

Nach dem sich die Lage beruhigt hatte, wurden etwa 1000 Protestierende mit den Särgen auf das Gelände am Präsidentenpalastes gelassen. Dort gab es am Abend eine Mahnwache mit Kerzen (Foto hier).

Erste Proteste und Mahnwachen hatten schon am Dienstag stattgefunden, darunter auch in Ghazni.

 

Ghanis Reaktion

Erst am späten Nachmittag (Ortszeit) wandte sich Präsident Aschraf Ghani im Staatsfernsehen mit einer Rede an die Bevölkerung, die allerdings von den meisten Beobachtern als uninspiriert und unzureichend empfunden wurde. Unter anderen kündigte er „Revanche“ für die Morde an.

(Während ich das schreibe – um kurz vor 21 Uhr Ortszeit – empfängt Ghani auch endlich mit der großen Teilen der Staatsspitze – u.a. CEO Abdullah, Vizepräsident Danesch, Verteidigungsminister Stanakzai, Innenminister Ulumi, Vize-CEO Mohaqqeq, Menschenrechtskommissionschefin Sima Samar sowie Parlamentarier aus Ghazni – eine Abordnung der Protestierenden. Das Treffen soll angeblich von Medienvertretern vermittelt worden sein. Merkwürdige Veranstaltung: Ghani, nachdem er den Familienangehörigen kondoliert hat (Foto), sagt ihnen, dass ihre Demo ein Ziel für einen Selbstmordanschlag hätte werden können und dass der Schutz der Demo verhindert hat, dass die dafür Eingesetzten woanders im Land hätten kämpfen sollen. Mohaqqeq sagt, die Demo-Organisatoren seien Politiker, die ihre Wahlniederlage nicht verdaut hätten und die Hazaras für ihre politischen Zwecke einspannten. Alles sehr unsensibel – als ob die Familienangehörigen nicht schon lange genug vorher protestiert hätten. Niemand von den Regierung ging auf die Forderung der Protestierenden ein: [geändert 12.11.: Die Demonstranten forderten u.u. die Verbesserung der Sicherheit an den Straßen, die Stationierung von mehr Polizei und] die Schaffung eines gesonderten Armeekorps für Zentral-Afghanistan.

Zu diesem Zeitpunkt warteten auch noch viele Demonstranten vor dem Palast (Foto hier).

Weinende Frauen bei den heutigen Protesten. Foto: Pajhwok.

Weinende Frauen bei den heutigen Protesten. Foto: Pajhwok.

 

Hintergründe

Bereits im Februar war im Süden der Provinz Ghazni eine Gruppe von 31 Hazaras von Bewaffneten aus einem Überlandbus entführt worden und in die Nachbarprovinz Zabul verschleppt worden waren. Einige Geiseln wurden nach Verhandlungen zwischen Stammesältesten wieder freigelassen, zuletzt vor wenigen Tagen. Einige der ursprünglichen Entführten waren im Mai von afghanischen Streitkräften befreit worden bzw freigelassen worden. Bei der letzten derartigen Operation am Dienstag im Distrikt Khak-e Afghan (Zabul) waren acht weitere Angehörige der ursprünglich Entführten befreit worden. Dabei waren wohl auch die Leichen der sieben Ermordeten gefunden worden – die „Zabul-Sieben“, wie sie in den hiesigen sozialen Medien genannt werden. Sie müssen wohl vor oder während der Befreiungsaktion umgebracht worden sein.

Zumindest einigen der Opfer von ihnen waren die Kehlen durchgeschnitten worden, mit Draht oder mit Glassplittern versetzter Drachenschnur – eine selbst für die Brutalitäten der schon Jahrzehnte währende Kriege außergewöhnliche Untat. Sie gehörten wohl aber nicht zu der ursprünglich entführten Gruppe, sondern sollen vor über einem Monat in Zabul auf ihrem Rückweg nach Jaghori entführt worden sein.

Es gab auch „Gegen-Entführungen“ durch örtliche Hazaras gegen Angehörige eines örtlichen Paschtunenstammes, zu dem ein in die Entführung verwickelter früherer Taleban-Kommandeur gehört.

Die Leichen waren den Familien übergeben worden, um sie in ihren Heimatbezirken zu bestatten. Aber die Familien, die sich von der Regierung allein gelassen fühlten (es gab wochenlange Proteste in Kabul), beschlossen, sie nach Kabul zu bringen.

Die Protestierenden in Kabul trugen Banner und riefen Slogans gegen die Taleban, Pakistan und auch die Regierung Ghanis. Einiger der Banner sagten: „Heute töten sie uns, morgen töten sie euch“, „Beendet die Politik des Schweigens gegenüber der Gewalt!“, „Wir haben unsere Stimmen vereinigt, um uns zu befreien“, „Daulat, Daulat – Amniat, Amniat“ (svw. „Regierung, (wir wollen) Sicherheit“).

Auch „Estafa, estefa!“ („Rücktritt, Rücktritt!“) wurde gerufen. Da einige politische Gruppen versuchten, die Proteste zu einer Anti-Regierungs-Veranstaltung zu machen, war es nicht klar, ob dies aus den Reihen der Angehörigen kam oder von diesen Gruppen. Unter den gegebenen Umständen ist beides möglich. Bei den bereits erwähnten Protesten in Ghazni am 10.11. mischte auch ein Provinzratsmitglied mit, das zur Hezb-e Islami gehört – er kündigte auch den Weitermarsch nach Kabul an. (Die Hezb hat verschiedene Flügel, von denen einige in Opposition zur Regierung stehen.)

Am Vormittag war einer der Regierungssprecher von seinem Amt zurückgetreten und schloss sich demonstrativ den Protesten an.

 

Wer sind die Täter?

Wer genau die sieben umgebracht hat, ist bisher unklar. Afghanische und andere Medienberichte sind widersprüchlich; zu leicht werden Anschuldigungen gegen die natürlich unbeliebten Taleban oder den Islamischen Staat (IS) aufgegriffen.

Bisher scheint sich herauskristallisiert zu haben, dass Ex-Taleban unter dem Zabuler Kommandanten Mansur Dadullah (eigentlich Bacht Muhammad) vom Stamm der Kakar zumindest für die ursprüngliche Entführung verantwortlich waren. Seine sogenannte Dadullah-Front war gegen Ende 2007 entstanden, nachdem sein Bruder Mullah Dadullah, der in Nachahmung des damaligen irakischen al-Qaida-Ablegers um Abu Musab Zarkawi eine Welle von Selbstmordattentaten in Afghanistan angezettelt hatte und damit eine harte Auseinandersetzung innerhalb der Taleban-Bewegung ausgelöst hatte, ob solch ein Vorgehen „islamisch“ sei oder nicht, gegründet worden, im Mai des gleichen Jahres einem westlichen Luftangriff zum Opfer gefallen war (mehr Hintergrund hier). Die meisten in der Taleban-Führung schienen solche Attentate damals abgelehnt zu haben. Es öffnete sich sogar eine Tür für Friedensgespräche. [Die Diskussion endete, als die US-Regierung 2008 ihren surge beschloss, die Truppenzahl in Afghanistan erhöhte und eine capture-or-kill-Kampagne gegen Taleban-Führer und Kommandanten begann.]

Dadullahs Bruder (der sich dann in Mansur Dadullah umbenannte) wurden von Mulla Omar aus den Taleban ausgeschlossen und agierte mehr oder weniger auf eigene Faust weiter – bis es sich Mitte dieses Jahr nach der Verkündung des Todes von Mullah Omar auf die Seite der Gegner dessen Nachfolgers Mulla Achtar Muhammad Mansur schlug und vor einigen Tagen zu einem dessen drei Stellvertretern bestellt wurde.

Die Dadullah-Brüder haben auch eine dezidierte Anti-Hazara-Geschichte. Der eigentliche Dadullah befehligte während der Taleban-Herrschaft die Taleban-Truppen in Bamian und 2001 auch die Zerstörung der Buddha-Statuen dort.

Nach AAN-Informationen (trotzdem noch mit Vorbehalt) scheinen Angehörige der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) für die Morde verantwortlich zu sein. Die IBU war seit den späten 1990ern mit den Taleban verbündet, folgte denen nach der US-geführten Intervention 2001 in Afghanistan nach Pakistan, von wo sie in diesem Jahr durch pakistanische Militäroperationen vertrieben worden war. Nach dem Tod von Mulla Omar schwor ein (der?) IBU-Führer dem IS Gefolgschaftstreue. Es ist aber ebenso unklar, ob alle IBU-Gruppen ihm gefolgt sind, denn einige IBU-Kämpfer sollen zuletzt mit Dadullah Mansur verbündet gewesen sein – der zumindest formal nicht zum IS gehört (auch wenn ihn afghanische Medien häufig in diese Kategorie einordnen).

Eine afghanische Nachrichtenagentur berichtete schon am Montag unter Berufung auf einen örtlichen Regierungsvertreter, örtliche Taleban aus dem Achtar-Mansur-Mainstream in Zabul hätten acht „IS-Militante“ aufgehängt, die den Mord an den Zabul-Sieben begangen haben sollen. Derselbe Regierungsvertreter behauptete auch, die Gruppe unter einem Kommandeur Akram habe „ursprünglich“ zum IS gehört, sei aber dann zu den Taleban übergetreten.

Das ist alles etwas verworren, könnte aber einen wahren Kern haben. Die „ursprünglichen“ Aufständischen in diesem Gebiet wie in ganz Afghanistan sind natürlich die Taleban. Insofern ist es Quatsch zu sagen, die (mutmaßlichen) Mörder seien „ursprünglich“ IS; der IS rekrutierte sich in dieser Region aus früheren pakistanischen und (weniger) afghanischen Taleban-Gruppen. Da die Taleban (des Mainstreams unter Mulla Mansur) sie sofort unter Druck setzten, flüchteten einige zurück zu den Taleban. Gleichzeitig sind in Zabul in den letzten Tagen Kämpfer zwischen Mansur- und Dadullah-Taleban im Gange gewesen, so dass es auch sein kann, dass die IS-Leute (die natürlich auch IBU-Leute gewesen können) sich den Dadullah-Taleban angeschlossen hatten. Dann würde der o.g. Bericht auch wieder etwas Sinn machen.

Inzwischen veröffentlichten die Mainstream-Taleban auch ein Statement, in dem sie Mansur Dadullah beschuldigen, zum IS zu gehören. Auch das ist wohl nicht ganz exakt und soll möglicherweise die Taleban-Dissidentenfraktion um Muhammad Rassul und Mansur Dadullah in schlechtes Licht rücken – während das Vorgehen der Mainstream-Taleban gegen die Mörder der Zabul-Sieben wohl ihr eigenes Image als Verteidiger der Bevölkerung (und auch der Hazaras!) aufpolieren soll.

 

Weitere Fotos zu den Protesten gibt es auf dem Blog Gandhara von Radio Free Europe/Radio Liberty, hier.

 

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