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Der Nachfolger von Mullah Muhammad Omar an der Taleban-Spitze, Mullah Achtar Muhammad Mansur, soll am Mittwoch (2.12.2015) bei einem Führungstreffen in der Nähe von Quetta (Pakistan) durch Schüsse verletzt worden und später seinen Verletzungen erlegen sein. Das behauptet jedenfalls die afghanischen Regierung. Auch eine Zeitung in Kandahar, Sarchat, die dem (mit der Kabuler Regierung überkreuz liegenden) dortigen Polizeichef und Karzai-Günstling Abdul Raseq nahesteht, hatte das kurz berichtet – sowie Vertreter der pakistanischen Taleban – bei denen allerdings fraglich ist, wie sie das wissen wollen. Es ist kaum zu erwarten, dass sie zu Treffen der afghanischen Taleban geladen sind.

Taleban-Führer (von r.o. im Uhrzeigersinn): Mullah Rasul, Mullah Achtar Mansur, Mullah Manan Niazi, Mullah Mansur Dadullah.

Taleban-Führer (von r.o. im Uhrzeigersinn): Mullah Rasul, Mullah Achtar Mansur, Mullah Manan Niazi, Mullah Mansur Dadullah.

 

Angeblich soll es bei einer Diskussion der jüngsten Ereignisse in der Provinz Zabul zu einer Schießerei gekommen sein, bei denen Anfang November Kämpfer des Taleban-Mainstreams unter Achtar Mansur gegen eine abtrünnige Fraktion unter Mullah Muhammad Rassul und dessen in Zabul ansässigen Stellvertreter Mullah Mansur Dadullah vorgingen (der letztere soll dabei getötet worden sein; siehe hier). Die Diskussion habe im Haus des Taleban-Führungsmitglieds Mullah Abdullah Sarhadi im Flüchtlingslager Kuchlak nahe Quetta stattgefunden.

Dadullahs Leute waren u.a. wegen mehrerer Entführungen von Hasara-Zivilisten berüchtigt und arbeiteten mit Kämpfer der Islamischen Bewegung Usbekistans zusammen, die in diesem Jahr einen Schwenk von den Taleban zum Islamischen Staat vollzogen hatte.

Der private afghanische Fernsehkanal 1TV berichtete inzwischen, die Dissidentenfraktion der Taleban unter Mullah Muhammad Rassul (korrigiert; in der Originalversion stand hier: Mansur) Naurusi habe die Verantwortung für den Anschlag auf Mansurübernommen. Aber auch das ist noch kein Beweis für oder gegen den Tod Achtar Mansurs.

Die Mainstream-Taleban haben den Bericht vom Tod Achtar Mansurs dementiert und behauptet, er habe sich gar nicht in der Gegend aufgehalten. Zudem weiß man, dass bei Treffen der Taleban-Führung, an denen Achtar Mansur teilnimmt, nur dessen Leibwächter Waffen tragen dürfen. Der Streit soll ja während des Treffens ausgebrochen sein, von einem Angriff von außen war nicht die Rede.

Unter diesen Umständen ist es unmöglich, mit Gewissheit zu sagen, ob und was genau passiert ist. Gegenwärtig versinkt die Nachricht – falls sie denn eine ist – in einem Nebel von Behauptungen, Gegenbehauptungen und Aussagen, die angeblich aus erster Hand seien sowie aus den berühmten „gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen“. Viele Aussagen sind auch von politischen Interessen und Wünschen geleitet. Zum Beispiel behauptet der indische Botschafter in Afghanistan, Pakistan – das die Taleban unterstützt und beeinflussen kann, aber nicht vollständig kontrolliert – versuche nun, Vertreter des Haqqani-Netzwerks an die Spitze der Taleban zu hieven.

Im übrigen steht auch der Tod Mullah Mansur Dadullahs noch nicht völlig fest. Einer der Führer der Dissidenten-Fraktion, Mullah Abdul Manan Niasi, hat das erst kürzlich wieder dementiert. Allerdings gibt es auch Berichte vom Begräbnis Mansur Dadullahs.

 

Eine Erste Einschätzung

Falls sich die Nachricht vom Tod Achtar Mansurs als richtig erweisen sollte, könnte dies die Taleban nun wirklich in eine Führungskrise stürzen. Diese war nach dem Tod Mullah Omars (bzw dessen Bekanntgabe) durch die schnelle und entschlossene Übernahme Achtar Mansurs und trotz einigen Widerstands ja vermieden worden. Allerdings stand mit ihm selbst als offiziellem Stellvertreter und in seiner Funktion als Lenker aller Operationen der Taleban ja ein offensichtlicher Nachfolger bereit.

Ob das auch diesmal der Fall ist, ist nicht klar. Zwar hat Achtar Mansur zwei Stellvertreter – den einflussreichen Geistlichen Haibatullah Achundzada und Seradschuddin Haqqani vom Haqqani-Netzwerk aus dem Südosten –, aber keiner der beiden scheint ein natürlicher Nachfolger zu sein.

Am ehesten wäre das noch Achundzada, als Geistlicher, der die religiöse Selbstlegitimation der Taleban-Bewegung aufrecht erhalten könnte. Er ist zwar (im Westen) weitgehend unbekannt, aber das ist für die Taleban natürlich kein Kriterium. Auch Mullah Omar selbst war anfangs ja beinahe ein unbeschriebenes Blatt. Zudem stammt Achundzada aus Helmand, der Taleban-Hochburg im Süden. Die Frage ist allerdings, ob er die militärischen Netzwerke der Taleban zusammenhalten kann – auch was eventuelle Friedensgespräche betrifft.

Haqqani als Nicht-„Kandahari“, dürfte kaum die Zustimmung der meisten Taleban-Kommandanten finden. Es könnte sich rächen, was verschiedentlich über Mansur geschrieben wurde: dass er eine Clique vorwiegend von Männern aus seinen eigenen Stamm um sich aufgebaut hat, um seine eigene Macht zu sichern.

Das Haqqani-Netzwerk unterhält – unter Führung der früheren Mudschahedinkommandant Dschalaluddin Haqqani – enge Verbindungen zu Pakistan, seit lange bevor die Taleban als Bewegung überhaupt entstanden, wahrscheinlich seit 1975. Damals – noch unter Präsident Muhammad Daud – leitete Haqqani wahrscheinlich die erste bewaffnete Aktion einer islamistischen Gruppe, auf einen Distriktgouverneurin Paktia. Nach der Aktion sei er nach Pakistan geflohen. Den Taleban war es Mitte der 1990er Jahre gelungen, bei ihrem Vorrücken in Richtung Norden von Kandahar aus die Haqqanis an sich zu binden – die Haqqanis selbst wollten zunächst gegen die Taleban Widerstand leisten, sollten aber von örtlichen Stammesführern überzeugt worden sein, sich ihnen besser anzuschließen. Trotzdem blieb zwischen den „Kandahar“-Taleban und den Haqqanis eine gewisse Distanz; letztere waren zumindest in den Anfangs- sowie den späteren Herrschaftsjahren der Taleban nie wirklich prominent in den Taleban-Führungsstrukturen vertreten. Dass Dschalaluddins Sohn Seradschuddin (Dschalaluddin ist alt und krank und wurde auch bereits verschiedentlich als tot gemeldet) nun ein Stellvertreter Achtar Mansurs geworden ist, war wohl eher ein Zeichen, dass Mansur im Führungsstreit nach dem Tod Omars alle großen Netzwerke an sich binden wollte.

Dass Haqqani nun automatisch an die Spitze der Taleban rücken wird, ist unwahrscheinlich. Die Südler (oder Kandaharis) haben immer noch mit Abstand das größte Gewicht bei den Taleban und dürften das, wie gesagt, kaum zulassen. Aber sie müssten sich geschlossen hinter Achundzada scharen – oder sich auf einen gemeinsamen anderen Nachfolge-Kandidaten einigen. Sollte letzteres geschehen, könnte das zu weiteren inneren Turbulenzen führen.

Sollte tatsächlich Haqqani aufrücken, könnte sich wiederholen, was im Dachverband TTP der pakistanischen Taleban passiert ist: Nachdem mehrere US-Drohnenschläge die aus Waziristan stammenden Führer vom Stamm der Mehsud getötet hatten, kam mit Mulla Fazlullah (dem „Radio-Mullah“) jemand aus einer kleineren, nicht aus dem Kernland Waziristan stammenden Fraktion an die Spitze – und prompt kam es zu Spaltungen. Einige TTP-Führer schlossen sich sogar dem Islamischen Staat an. Das wäre eine Entwicklung, die bei den afghanischen Taleban sicher nicht wünschenswert wäre. Obwohl, wie man in Kabul hört, ein Teil der Kabuler Führung, v.a. der Geheimdienst (der eng mit den USA kooperiert, von diesen ausgerüstet und – zumindest die Spitzen – trainiert wurde), auf die Spaltungsstrategie setzt, um die Taleban zu schlagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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