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In meinem ersten Beitrag zur Pariser Klimakonferenz zitierte ich aus einem Bericht des Stockholmer Umweltinstituts von 2009:

Klimamodelle deuten darauf hin, dass Afghanistan mit einer ganzen Reihe neuer und verschärfter Klimagefahren konfrontiert werden wird. Die wahrscheinlichsten negativen Folgen des Klimawandels in Afghanistan werden mit Dürren zu tun haben, einschließlich Dynamiken von Desertifikation und Landdegradation. Dürre wird um 2030 wahrscheinlich zur Norm werden, nicht mehr nur eine zeitweilige oder zyklische Erscheinung.

Für viele Tausende Afghanen ist das offenbar bereits Realität geworden, wie sich bei Recherchen zu meinem AAN-Beitrag zum selben Thema herausstellte. In einer Reportage, die ich im Dezember 2000 für die Zeitschrift Südasien schrieb (vollständiger Text unten) berichtete ich, dass viele der Flüchtlinge im Herater IDP-Camp Maslach („Schlachthaus“) – tatsächlich war das Lager im ehemaligen Schlachthaus der Stadt eingerichtet worden – nicht nur vor Kämpfen, sondern vor allem vor der Dürre in ihrer Heimatprovinz Badghis geflohen waren. Die meisten von ihnen waren Nomaden; sie hatten die Hälfte ihre Viehherden und drei Viertel ihrer Ernte verloren. Damals lebten 68000 IDPs allein in sechs Lagern bei Herat.

 
IDP-Camp Maslakh bei Herat. Foto: UN (unter Creative Commons)

Im IDP-Camp Maslakh bei Herat. Foto: UN/Flickr (unter Creative Commons)

 

Afghanistan befand sich damals im Griff einer längeren Dürreperiode, die weite Strecken des Landes – von Badghis im Nordwesten über das Hazaradschat bis nach Kandahar im Süden – hinzog. NGOs und die UNO sprachen vom „Hungergürtel“. Die afghanische Regierung nannte diese Dürreperiode von 1998 bis 2005/6 in ihrem jetzt für Paris geschriebenen Bericht „die längste und schwerste Dürre in Afghanistans bekannter Klimageschichte“.

Nun stellt sich heraus, dass das Lager Maslach immer noch existiert, wie wir vom UNHCR in Kabul erfuhren. Die aktuellsten Zahlen sprechen von 3648 Familien mit insgesamt 17933 Angehörigen (Stand 2014). Ähnlich ist die Situation im Süden in Kandahar, wo zur selben Zeit fast die gesamte Bevölkerung der Wüstendistrikte Reg und Schorabak floh und bis heute in IDP-Lagern in Zhari lebt. (Die afghanische Wüste ist ja nicht völlig unfruchtbar; nach den Frühlingsregen blüht sie und es wachsen Gras und andere Pflanzen, die in nomadischer Wirtschaft genutzt werden können. Aber selbst das scheint nun vielerorten nicht mehr möglich zu sein.)

Auch die Situation in Badghis hat sich in den letzten 15 Jahren nicht gebessert. 2014 schreib der britische Independent immer noch von einem “Hungergürtel”, zu dem die Provinz gehöre, wo “im vierten Jahr einer [neuen] Dürre, die die ländlichen Wirtschaft zerstört hat … Getreide zur einzigen Währung geworden ist, die zählt” und wo Menschen “auf einen Stand reduziert worden sind, dass sie ihrer Töchter für Getreide verkaufen.”

Die Menschen in Maslach und die aus Reg und Schorabak sind wahrscheinlich die ersten Klimaflüchtlinge Afghanistans.

 

Hier nun meine Reportage aus dem Lager Maslach von 2000 (die sich nicht nur um Dürre und Klimawandel dreht, sondern u.a. zeigt, dass Afghanistan damals mit multidimensionalen Fluchtursachen zu kämpfen hatte):

 

Wenn die Geber müde werden…

Afghanistan: Taleban, Sanktionen und eine drohende Flüchtlingskatastrophe

Nur ein gutes halbes Jahr ist es her, da berichtete das Magazin Time aus Herat als dem “Land, wo bei den Taleban Milch und Honig fließen”. “Das Geschäft boomt”, zitierte der Reporter einen einheimischen Geldwechsler, der auf dem Bazar der westafghanischen Stadt die Umsätze der Händler aus dem legalen und wohl noch häufiger illegalen Importgeschäft mit dem benachbarten Iran umschlägt. Der Artikel schloss mit einer für das zerstörte mittelasiatische Land so seltenen, weil positiven Feststellung: “In Herat, ungleich zu anderen afghanischen Städten, scheint extreme Armut kein Problem zu sein.”

Inzwischen hat sich Herat rapide geändert. Die alte Hauptstadt des Timuriden-Reiches, in der die gelehrten Nachkommen Dschingis Khans im 15. Jahrhundert einst für eine anhaltende kulturelle, wissenschaftliche und architektonische Blüte unter islamischen Vorzeichen sorgten, beherbergt heute 68.000 Binnenflüchtlinge (internally displaced persons – IDPs), die vor der seit drei Jahren anhaltenden Dürre und dem nun schon 22 Jahre währenden Krieg aus dem Landesinnern hierher geflohen sind. Allein zwischen dem 11. und dem 16. Dezember kamen 4.600 Menschen. Ernteverluste von durchschnittlich 75 Prozent und der Tod von durchschnittlich der Hälfte ihres Viehbestands ließen sie aus ihren angestammten Siedlungsgebieten fliehen. Bereits fünf der sechs Flüchtlingslager in Herat sind voll. Bis zu drei Familien – nach UN-Statistik 18 Personen – drängen sich dort notdürftig in ein Zelt. In dem neuesten Camp, in Maslach, müssen Flüchtlinge mangels fester Unterkünfte bereits im Freien übernachten – und das bei Minusgraden. Insgesamt fehlen “mindestens 2500 Unterkünfte”, heißt es bei den Vereinten Nationen.

Deshalb kampieren verzweifelte Flüchtlinge bereits seit Wochen vor ihren Büros und verlangen Unterstützung. Mehrmals mussten die UN-Hilfswerke bereits Verteilungsaktionen abbrechen, weil ihre Mitarbeiter dabei ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnten. Und weder die Nahrungsmittel noch die als dürftiges “Dach über dem Kopf” verteilten Plastikfolien reichen für alle.

Den meisten Einheimischen geht es nicht viel besser als den Binnenflüchtlingen. Eine Studie des UN-World Food Programme von Anfang Dezember belegt, dass sich im Ergebnis der Flüchtlingsbewegungen die Lage am städtischen Arbeitsmarkt binnen eines Jahres extrem verschlechtert hat. Mit 77 Prozent war der Zustrom an neuen Arbeitskräften der höchste landesweit, und bei dem damit verbundenen Überangebot sinkenden Preis für Arbeitskraft fiel der Realwert der Einkommen um 49 Prozent, ebenfalls ein Tiefstwert für Afghanistan. “Herat kann mit den zunehmenden Belastungen, die ihm durch eine verzweifelte Landbevölkerung auferlegt werden, nicht mehr schritt halten”, fasst das UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten in Afghanistan (UNOCHA) die Lage zusammen.

Am anderen Ende des Landes, im Nordosten an der Grenze zu Tadschikistan, spielt sich ein anderes afghanisches Binnen-Flüchtlingsdrama ab. Dort flohen im Herbst bis zu 100.000 Menschen vor einer neuen Angriffswelle der Taleban, die damals mit Taloqan die letzte größere Stadt im Besitz ihrer Gegner eroberten. Ungefähr 10.000 von ihnen landeten auf einer Reihe von kargen, sumpfigen Inseln, die vor der Kleinstadt Emam Saheb mitten im tadschikisch-afghanischen Grenzfluss Amu-Darja liegen, bedroht von Überflutung und Krankheiten wie Durchfall, Ruhr, Typhus und Malaria.

Für humanitäre Hilfe sind sie dort nur äußerst schwer zu erreichen, denn in dem Gebiet mangelt es weitestgehend an Infrastruktur. Einige Gegenden sind nur in tagelangen Märschen zu Fuß oder auf Eseln zu erreichen. Zudem ist es weiterhin Kampfgebiet. Auch der einsetzende Winter hat die Gefechte noch nicht völlig erliegen lassen, die Inseln werden sporadisch mit Artillerie beschossen. Zudem sammelt Anti-Taleban-Kommandant Ahmad Schah Massud Kräfte, um möglichst noch in der nächsten Zeit einen Gegenangriff zu starten.

Schließlich konnte sich auch die tadschikische Regierung, trotz wiederholter Appelle der UNO, noch nicht dazu entschließen, die Grenze für die Fliehenden zu öffnen. Die Wirtschaft des Landes hielte diese Belastung nicht aus, heißt es zur Begründung in Duschanbe. Nach Auskunft des örtlichen UN-Koordinators haben auch die tadschikischen Dorfgemeinschaften, die sich ihrerseits der schlimmsten Dürre seit 70 Jahren gegenüber sehen, keine Reserven mehr, den Flüchtlingen Hilfe zu leisten.

Ein paar hundert Kilometer weiter südlich, hat Pakistan bereits im November den Grenzübergang Torcham am legendären Chaiber-Pass geschlossen bzw. – wie es offiziell heißt – “reguliert den Flüchtlingszustrom”. In wenigen Wochen zuvor seien dort laut UNHCR 30.000 Menschen “im Zustand reiner Verzweiflung” eingetroffen. Laut pakistanischen Angaben wurde eine noch größere Anzahl erwartet. Nun versperrt ein von Soldaten bewachter Drahtzaun Neuankömmlingen die Passstrasse, auf der noch vor wenigen Wochen mehr oder minder eine ungehinderte Ein- und Ausreise aus Afghanistan möglich war. Auch hier lautet die Begründung, die insgesamt derzeit 1,6 Millionen afghanischen Flüchtlinge stellten eine “nie dagewesene Belastung für die Ressourcen des Landes generell und der NWFP im besonderen” dar.

Selbst in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist die Lage nicht besser. Dort kampieren in den zerschossenen Wohnblocks der ehemaligen sowjetischen Botschaft noch immer 3000 Flüchtlingsfamilien – etwa 18.000 Menschen -, argwöhnisch von Taleban-Kämpfern bewacht, denn sie kommen aus einem “unzuverlässigen” Gebiet, einer Hochburg des Taleban-Gegners Ahmad Schah Massud nördlich von Kabul.

Eine Entspannung zeichnet sich weder für die Flüchtlinge noch die UNO oder die anderen Hilfsorganisationen ab. Nachdem der UN-Sicherheitsrat kurz vor Weihnachten neue Sanktionen gegen die herrschenden Taleban verhängte und diese darauf mit einem Boykott der UN-Vermittlungsbemühungen in dem nun schon 22 Jahre währenden Konflikt reagierten, sind die Aussichten auf Frieden weiter gesunken. Im nächsten Frühjahr und Sommer werden neue Militäroffensiven beider Kriegsparteien – der Taleban wie ihrer Gegner von der Vereinigten Islamischen Front zur Rettung Afghanistans unter Kommandant Massud – erwartet. Dies wird naturgemäß zu weiteren Übergriffen auf die Zivilbevölkerung und Vertreibungen führen.

Dagegen kann die UNO wenig ausrichten, zudem ihre Bemühungen von ebenjenen ihrer Mitgliedsstaaten anhaltend torpediert werden, die in jedem Jahr mit schöner Regelmäßigkeit in der Generalversammlung für eine friedliche Lösung des Afghanistan-Konflikts stimmen. Nach einem im Dezember veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch versorgt nicht nur Pakistan die Taliban mit Waffen, Munition, militärischer Beratung und Planung – sowie nach Ansicht mancher Beobachter mit als Freiwilligen getarnten Militärangehoerigen –, sondern auch Massud erhält militärischen Nachschub, vor allem aus Iran und Russland, “mit sekundären Rollen” für Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und Kyrghyzstan. Die neuen Anti-Taleban-Sanktionen, die unter anderem ein einseitiges Waffenembargo gegen die ultraislamistische Bewegung so genannter Koranschüler beinhalten, geben diesen Ländern für Waffenlieferungen an Massud einen Freibrief.

Die politische Selbstisolation der Taleban, die sich weigern, den in den USA gesuchten internationalen Islamistenchef Usama bin Laden auszuliefern – die Hauptursache für die neuen Sanktionen – führt dazu, dass bei den Geberländern für die humanitäre Hilfe die viel zitierte “donor fatigue” (Gebermüdigkeit) weiter ums ich greift. Nach dem alljährlichen UN-Appell für humanitäre Projekte im Umfang von 220,8 Millionen US-Dollar kamen im vergangenen Jahr 2000 (bis zur bisher letzten Auswertung im September) nur 98,2 Millionen Dollar – das sind 44,5% – zusammen. Dabei sorgen überdurchschnittliche Gaben an das WFP – die UN-Agentur mit dem größten Finanzvolumen in Afghanistan – für einen  guten Schnitt. Die Schattenseite: Zum Jahresende mussten die Projekte weniger begünstigter UN-Gliederungen wie des Drogenbekämpfungsprogramm UNDCP [jetzt: UNODC] eingestellt werden. Das gleiche Schicksal konnte bei der Entminung – unter anderem durch einen deutschen Zuschuss – gerade noch abgewendet werden.

Hier schlagen die Sanktionen indirekt doch durch, auch wenn das von den treibenden Kräften dahinter in Washington und Moskau stets zurück gewiesen wird. Kurz vor ihrer Verabschiedung spracht der für Südasien zuständige US-Außenstaatssekretär Karl Inderfurth noch von “smarten Sanktionen”, “maßgeschneidert, um zu verhindern, dass dem afghanischen Volk nicht geschadet wird”. Das weisen in Afghanistan tätige große NGOs wie Oxfam und Medecins sans frontières strikt zurück. Als sich die Geberländer für Afghanistan jüngst in Montreux trafen, äußerten sie in einer gemeinsamen Stellungnahme ihre “einhellige Opposition” gegen Sanktionen, weil “sie einen weiteren destabilisierenden Einfluss auf die Wirtschaft und die Lebenshaltungskosten der einfachen Afghanen” haben werden” und “zu dem profunden Gefühl in der afghanischen Öffentlichkeit beitragen, dass die internationale Gemeinschaft sich gegen sie gewendet hat und sie für die Aktionen der afghanischen Behörden (gemeint sind die Taleban – d.A.) verantwortlich hält”. Das deckt sich mit den Erkenntnissen einer UNOCHA-Studie, die prompt auf wütende Reaktionen in Washington und Moskau stieß.

Behalten die NGOs und UN-Agenturen mit ihren kritischen Bemerkungen Recht und bleibt trotz der Zusagen, dass die humanitäre Hilfe trotz der Sanktionen weiter geführt wird, das Geld doch aus, hätte das die Bevölkerung des Landes auszubaden. Schon jetzt streitet sich Afghanistan mit Liberia oder Sierra Leone um den zweifelhaften Ruhm, auf der Entwicklungsskala des UNDP den untersten Platz einzunehmen. Die Statistiken sprechen eine beredte Sprache: Laut UN sind drei Viertel der 1,78 Millionen Einwohner Kabuls von Hilfsleistungen abhängig. Die Unterernährung afghanischer Kinder ist noch um ein Drittel schlimmer als im Durchschnitt der ärmsten Laender (LDC). Die meisten dieser Kinder sind, trotz UN-Impfkampagnen, noch nicht gegen die wichtigsten Krankheiten immunisiert. Die Kindersterblichkeit ist doppelt so hoch wie im südasiatischen Durchschnitt, nicht gerade eine begünstigste Region. Ganze fünf Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Wasser – im LDC-Durchschnitt sind es 61 Prozent…

Thomas Ruttig

Der Autor arbeitet zur Zeit für die UN-Sondermission für Afghanistan in Kabul und Islamabad. Der Beitrag gibt seine persönliche Auffassung wieder.

 

Ein weiterer Beitrag zum Maslach-Camp findet sich in der Zeitschrift Forced Migration Review von Mai 2014 (Link zum PDF-file hier).

 

 

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